morgana81 - gothic transgender

Sternzeit irgendwas, Logbucheintragung des Captains:

[01.01.70 / 00:00] Sternzeit irgendwas, Logbucheintragung des Captains:

[28.12.23 / 21:55] Auf der Suche nach Fotos – um ein mögliches „Insta-Profil“ zu füllen – bin ich auf ein ganz altes Foto von mir gestoßen, dass ich damals, 2007, nicht veröffentlicht habe. Wahrscheinlich wegen dem Grünstich – hinten als Gegenlicht die Leuchtstoffröhre (in meinem alten Zimmer im Studentenwohnheim), vorne die Stehlampe mit der 30- oder 45-Watt-Glühbirne und dazu die völlig überforderte Handy-Kamera für die Session. Mein Plan, alle meine alten Profilfotos auf Instagram zu veröffentlichen, habe ich schnell wieder aufgegeben … ich müsste über 130 oder 150 Fotos wieder neu bearbeiten (und das würde ewig dauern). Besser ich veröffentliche nur dieses eine, neue Foto hier auf meiner privaten Internetseite (die von niemanden sonst gefunden wird): Mein altes Ich, mit Gothic-Make-up, im Alter von 25 Jahren.

Notiz am Rand – es sind bestimmt sechs Schichten Make-up im Gesicht: Moisturizer, Concealer, Foundation-Rouge (um Schattierungen zu verstecken), Liquid-Make-up, Puder und Top-Level-Rouge (um Schattierungen wieder zu erzeugen), Silver-Rose-Watershine-Color-Lippenstift und viel, viel tiefschwarzer Kajal und üppig aufgetragener Mascara rund um die Augen …

[25.12.23 / 03:16] Wow … ich glaube, ich hatte gerade einen Orgasmus! Nach all den Jahren! 2018 die Operation, das vorsichtige Herantasten, die Schmerzen, die falsche Technik, das Wissen, dass die Operation nicht wirklich gelungen war. Es sah zwar alles hübsch aus, aber eine richtige Vagina war da nicht. Immer wenn ich mit den Fingern tiefer hineintauchte, schlug mein Gefühl sofort um in Verzweiflung, Enttäuschung und Sehnsucht.
Es hat Jahre gedauert, das dort unten zu akzeptieren. Die Korrrekturoperation – der Verlust einer halben Schamlippe als Spender für das Hauttransplantat. Die vielen Männer – die ganzen Nieten: „Wie, du bist da unten nicht tief?“ Meine einzige Hoffnung, wenigstens alleine für mich etwas Gefühl zu erzeugen.
Hatte ich erst die Antidepressiva im Verdacht, mir die Fähigkeit zu nehmen, einen Orgasmus zu erreichen, mich vollkommen fallen zu lassen – war ich doch enttäuscht, als es nicht gleich wieder klappte, als ich sie 2021 absetzte. Ach, das wird schon wieder, das kommt ganz sicher zurück!
Meine Exkurse in die Internet-Erotik, die Live-Sex-Chats mit meinen Liebhabern während der Pandemie … alles bei mir zu Hause, in meiner vertrauten Umgebung. Nur ich habe die volle Kontrolle, was passiert. Meine eigenen Shows – eigentlich nur die Eine und ein Video. Mich zieht es wieder in das Internet, mein Suchfilter auf der Porno-Seite hat sich nie verändert: Spanisch sprechende Schönheit, für sich alleine vor der Kamera, keine störenden Männer, kein Druck von außen, nur sie alleine in ihrer vollkommenen Freiheit. Ich fand es gut, dass sie in ihren Texten niemals auf männliche Genitalien einging, eher zum Mitmachen animierte: „Lass uns gemeinsam da unten anfassen.“
Ich war nah dran, so wie die letzten Jahre … könnte ich nur diesen einen Gipfelpunkt halten, nicht gleich wieder verlieren. Ich brauche mindestens zwanzig Minuten Vorspiel und Phantasie, um eine gewisse Feuchte zu erreichen – das Einzige, was bei mir wirklich sicher funktioniert. Ich mag es, ihr dabei zuzusehen, sie hat so ein bezauberndes Lächeln.
Ein Wochenende später, weit nach Mitternacht, dieses Mal nicht der kleine Laptop an meinem Bett, der große Fernseher mit dem Internetanschluss. Das Sofa, meine geliebte Leopardendecke, wohlig eingehüllt in einer weiteren schwarzen Decke. Sie sieht hübsch aus, ich betrachte sie … mir gefallen die weißen Stiefel.
Ich lasse meine Phantasie schweifen, male mir aus, was ich ihr erzählen könnte. Meine Erlebnisse als Webcam-Erotik-Model – das Gefühl, mit dem Zuschauer zusammen etwas zu kreieren, eine Geschichte, eine eigene Phantasie, etwas, was vorher nicht da war, eine entspannte Atmosphäre, nur in unserer Vorstellungskraft, mit knisternder Erotik!
Ich lasse meine Finger nach unten wandern, wie schon viele Male zuvor. Kein Druck, nicht ewig daran herumrubbeln, bis es schmerzt, nichts erzwingen, nichts nachjagen, nicht wieder voller Enttäuschung, dass es wieder nicht geklappt hat, davon ablassen. Dieses Mal nicht. Zwei Finger an meiner Klitoris … und ihr einfach zuzusehen – ihr winziger, weißer Slip zeigt mehr, als er verbirgt. Ihre beiden Schamlippen zeichnen sich schon wirklich deutlich ab.
Und auf einmal passiert es! Ich wusste gar nicht, dass das möglich ist – ich bin nicht nur feucht, ich bin klitschnass! Mit einmal! Geradezu explosionsartig. Gut, die schwarze Unterhose kann ich jetzt waschen, die Oberschenkel kann ich mit etwas Klopapier abtupfen. Es zieht wie immer glitzernde Fäden zwischen meinen Fingern. Ich mag den Geruch. Viel wichtiger ist der Moment, wie ich das Plateau erreiche. Bleibe ich hier oben, voller Glücksgefühle? Und wenn ja, wie lange wird es andauern? Auch wenn es nur ein kurzer Moment ist, auch wenn es nur ein Orgasmus ist, es ist wieder so, wie ich es viele Jahre vermisst habe.
Vor vielen Jahren, die Nächte in den Hotelzimmern, der Analsex bis zur Besinnungslosigkeit. Das unoperierte Genital, gebändigt voller weiblicher Hormone, noch viel empfindsamer, als jemals zuvor. Das Trauma der Operation, das Kennenlernen meines neuen Körpers, die Zurückweisungen der Männer, nicht mehr gut genug für Sex zu sein. Der Gedanke, niemals wieder etwas wie dieses Gefühl empfinden zu können. Und doch habe ich die Hoffnung nicht aufgegeben, auch wenn es Jahre dauert – irgendwann wird es ganz sicher wieder passieren! Und dann schreibe ich darüber!

Danke dir, du wunderschönes Camgirl.

[23.12.23 / 19:23] Drei Wochen Erkältung (in mehreren Runden), von meinen Kollegen auch scherzhaft als der „Kalkutta-Husten“ bezeichnet, dann noch eine Covid-Infektion (Immunsystem ist runter) … eine Woche zu Hause. Und eine weitere Woche vor Weihnachten (ohne viel zu tun) – ich habe es endlich geschafft, alle meine 590 Fotos aus der Indienreise zu sortieren und auszuwählen: auf eine Sammlung mit hundert Bilden. Die Texte aus meinem Reisetagebuch hatte ich schon vorher abgetippt und online gestellt – und jetzt ist auch endlich alles bebildert. Viel Spaß beim Ansehen in meinem Internet-Reise-Blog!

[19.11.23 / 21:30] 2:30 Uhr brutal früh aufstehen, Duschen, alles zusammenpacken, eine Stunde später Check-out im Hotel. Mit dem Touri-Bus zum Flughafen von Kolkata. Abflug bei Sonnenaufgang.
Weiter mit dem Inlandsflug nach Delhi – dort angekommen, schon wieder den Transferpfad verpasst und komplett aus dem Flughafengebäude rausgegangen … ein Wachposten versperrt uns den Weg, zurück geht es nur über die einstündige, intensive Sicherheitskontrolle. Warten auf den Flug nach Frankfurt, endlos langes Karussell durch den Duty-Free-Bereich.
Früher Nachmittag, der siebenstündige Flug zurück, die beiden Passagiere vor mir in der Reihe müssen unbedingt rummachen … Bitte, ich versuche hier gerade mir einen „John Wick“ Film anzusehen.
Ankunft in Frankfurt den Abend … Laune im Keller, Nase zu, Ohren zu, Gesicht zu – Scheiß Erkältung. (Neuste Pandemie eingeschleppt?)
– Papier alle, keine Seiten mehr im 80-Blatt-Reisetagebuch (ich kritzele die letzte Ecke voll). –

Nach einer weiteren Hotelübernachtung folgt den Morgen noch ein Reisetag, mit Zügen, die nicht fahren und Zügen mit 15 bis 30 Minuten Verspätung, bis ich mit Sonnenuntergang endlich wieder zu Hause ankomme.

[18.11.23 / 21:56] Den Morgen nach dem Frühstück (Continental French) erster Besichtigungspunkt: ein Ashram eines Erleuchteten. Der Bus braucht den ganzen Vormittag bis dahin, quer durch Kolkata über mehrere Brücken, Hochstraßen und vielleicht noch ein paar Seitenarmen des Gangesdelta.
Der Ashram liegt am Ufer des Ganges, auch hier eine Treppe mit Badenden. Die religiöse Organisation (die mit den orangefarbenen Kutten) hat mehrere Tempel und Grabmäler über die Verbrennungsstellen ihrer Ergründer gebaut. „Fotografieren verboten!“ Das Schild ist zu verlockend, ich muss es knipsen.
Auf dem Weg zum Bus zurück, kurzer Stopp im angehörigen Souvenirladen – niedliche Bücher für Kinder, ganz im Stil der Bibeltrickfilme, die ich so mag (aus anderen, nicht-religiösen Gründen) und weiter quer durch die Stadt, auf das andere Gangesufer, zum Kali-Tempel. Leider hat der Guide entschieden, dass da zu viele Menschen sind und wir gehen nur drumherum. Die Sonne brennt und er wollte uns die Warteschlange in der schwülen Mittagshitze nicht antun.
Nächster Besichtigungspunkt, im vollgepackten Programm, den frühen Nachmittag: das „Töpferviertel“, dort werden die großen Figuren für die Rituale aus Stroh, Lehm oder Ton und anschließend bunt bemalt, angefertigt … nur um sie dann später wieder im Ganges zu versenken. Auch hier, vor dem Eingang zu dem engen Gassengeflecht, ein kleiner Kali-Tempel. Ich mache nur ein Foto von dem Opferstein (viel rote Farbe, um die Göttin zu besänftigen).
Weiter den Nachmittag, um auch die Reisegruppe zu besänftigen, eine Pause in einem Café – mit Kuchen und Toilette (die sehr sauber und nahezu westlich anmutete).

Straßenbahn, Kolkata / November 2023 / Alter 41
Den späten Nachmittag, das Highlight im Programm: Wir gehen auf eine „Straßenbahn-Safari“! Irgendwo in Kolkata soll es eine Straßenbahn geben, niemand weiß, wo sie gerade fährt (und ob sie überhaupt fährt). Einen Plan gibt es nicht.
Der Bus fährt die Straßen im dichten Verkehr mit den Gleisen ab, wir haben einen örtlichen Führer / Spurenleser mit dabei. Dann taucht sie auf! Zwei rostige, alte Wagons, bestimmt schon ein Jahrhundert alt. Der Bus pirscht sich an, überholt und hält an der nächsten Haltestelle. Schnell Umsteigen und Platz nehmen. Ich wollte schon immer mal an eines dieser offenen Fenster mit den Metallstreben sitzen.
Die Fahrt führt durch den Verkehr von Kolkata. Gelbe Taxis, die so schön altmodisch aussehen, bunte Linienbusse, Tuk-Tuks und koloniale, handgezogene Rikschas. Dazwischen die alten Bauten und das Moderne. Diese Stadt gefällt mir, sie ist so schön grün und stellenweise morbide (das feuchte Klima). Vielleicht war sie mal dreckig und arm, aber das hat sich gebessert.
Zurück den späten Nachmittag, noch vor Sonnenuntergang, ins Hotel. Wieder die Koffer umpacken, auf Handgepäck und aufzugebendes Gepäck (eigentlich tausche ich nur die Waschtasche gegen den „Techi-Beutel“ mit der Elektronik und der Powerbank), um 3:30 Uhr geht der Bus zum Flughafen. Kolkata – Delhi – Frankfurt.

[17.11.23 / 21:34] Die ganze Reisegruppe schleppt schon seit Beginn einen Infekt mit sich, wahrscheinlich in der zweiten Runde schon eine Reinfektion (die Zugreise, die langen Busfahrten, der Inlandsflug und die vielen Hotel-Klimaanlagen). Ich dachte, ich sei dagegen immun – auf dem letzten Reisestopp erwischt es mich auch, hier kommt meine umfangreiche Reiseapotheke gegen allerlei Erkältungssymptome zur Geltung. Den Auftakt zur morgendlichen Stadtbesichtigung in Kolkata verspäte ich mich um ganze zwanzig Minuten (bin aber auch nicht die Einzige … siehe erste Zeile).
Erster Besichtigungspunkt für mich: der große Blumenmarkt in Kolkata. Ein Geflecht an engen Gassen, zweistöckige Stände – unten die Blumenketten binden und verkaufen, oben die Saison übernachten. Es gibt für jedes Ritual, für jeden Zweck eine besondere Blumendekoration. Nur die zu vielen und eng anstoßenden Menschen ist nichts für mich. Für Fotos habe ich gar nicht den Blick und den Gedanken … ich bin komplett ausgelastet damit, der Gruppe und dem Reiseführer zu folgen (zum Glück gibt es in unserer europäischen Gruppe viele blonde Haare).
Weiter über die große Stahlbrücke über den Ganges, sie wurde von den Engländern erbaut, ich wusste bis hierhin noch gar nichts von ihrer Existenz. Die anschließende Stadtrundfahrt führt noch an weiteren Kolonialbauten vorbei (ich trage für diese letzten beiden Tage extra mein grün-weiß kariertes „Kolonialkleid“), mit Ausstiegsmöglichkeit und Fotostopp.
Abschluss des Tages ist der Halt in einem Kaffeehaus im Universitätsviertel. Ein Studenten-, Philosophen- und Literatur-Café. Eine Institution in Kolkata mit langer Geschichte? Vielleicht aber auch eine Kette an Cafés über die ganze Stadt verteilt. Ob wir nun das eine Kaffeehaus getroffen haben, weiß ich erst hinterher. (Ja.)
Gleich daneben, der Büchermarkt. Meistenteils eingeschweißte Fachbücher mit Grundlagen der vielen Fächer für die Studenten. Nur ein Stand hat etwas speziellere Bücher für das Ingenieurwesen. Die meisten Buchtitel sagen mir etwas (es geht in die Richtung von dem, was ich studiert habe). Sehr fachspezifisch, alt und gebraucht. Ich frage nach, ob sie auch das Buch über die „Programmiersprache C“ haben (das von den beiden bärtigen Gurus die damit Mitte der 1970er UNIX entwickelt haben). Die beiden Verkäufer verneinen. Das Buch – die Referenz-Bibel aus der Computer-Urzeit – finde ich allerhöchstens noch in einem Buchantiquariat. Ein Versuch war es wert. Zurück zum Bus und zurück zum Hotel.
Die Sonne geht schnell unter, hinter den dunkel-grau-blauen Wolken. Der Regen ist ausgeblieben. Durch die langen Besichtigungstouren bleibt gar keine Zeit für ein Bad im Hotel-Pool, Der schwarze Bikini in meinem Koffer bleibt wohl die ganze Reise unbenutzt. Ich laufe nach dem Abendessen lieber an dem riesigem Koi-Karpfenteich entlang und ziehe eine lange Spur hungriger Fische hinter mir her.

[16.11.23 / 22:33] Gegen vier Uhr aufstehen, noch vor Sonnenaufgang mit dem Touri-Bus runter zum Ganges. Selbst um fünf Uhr morgens sind die Straßen zu den Ufertreppen nicht mehr frei! Viele Menschen möchten in dem heiligen Fluss ein Bad nehmen.
Umstieg auf das Aussichtsboot, mit tuckernden Motor treibt das Boot von der Treppe weg und den Ganges entlang, ich habe schnell meine Lieblingsstelle am Heck auf der oberen Plattform an der Reeling für mich entdeckt. Fotos, viele Fotos. Ich will unbedingt das Motiv treffen, das auch so aus vielen Reiseführern bekannt ist. Welches Ghat das ist, weiß ich nicht.
Den Tag vorher lag über der Stadt schon der verbrannte Geruch in der Nase. Vom Boot aus sehe ich die Feuerstellen. Einige Tote werden dort den Morgen verbrannt. Eine Feuerstelle qualmt noch vor sich hin.
Mit Einsetzen der Helligkeit und dem Vertreiben des Dunkels der Nacht, sehe ich immer mehr Menschen die Treppen zum Wasser hinuntersteigen, als wäre es … als ist es das Normalste der Welt. Weiter vorbei an den pittoresken, mehrgeschossigen Bauten. Diese Stadt gibt es schon ewig.
Landung an einer anderen Treppe, die Feuerkugel der Sonne glimmt rötlich hinter dem dichten Nebeldunst, Varanasi ist die einzige Stelle, an der der Ganges nach Norden fließt und ein Sonnenaufgang vom Ufer aus sichtbar ist. Sammeln für ein Fotomotiv an einer Feuerstelle, die Reste einer grauen Asche nur eine Fußbreit entfernt. Durch die engen Straßen zurück zum Bus.
Gegen Mittag, das Flugzeug nach Kolkata. Irgendwo hinter der dunstigen Wolkenschicht sehe ich von meinem Fensterplatz aus die majestätischen Gipfel des Himalaya aufragen. In Gedanken male ich mir aus, wie viele Kletterer da jetzt wohl in Kolonnen die Achttausender erklimmen.
Landung in Kolkata, anderes Wetter, eine dichte Wolkenschicht. Meinen Schirm habe ich für alle Fälle mit im Koffer, auf der Wetterkarte vor ein paar Wochen sah es so aus, als fegt gerade ein tropischer Zyklon den Golf von Bengalen vorbei. Der neue Touri-Bus fährt vom Flughafen direkt zum Hotel.
Dieses letzte Hotel auf der Rundreise wurde vom Veranstalter als äußerst luxuriös angepriesen – tatsächlich ist nur das benachbarte Schwesterhotel der Luxusklasse zuzuordnen. Ein vierzigstöckiger Protzbau, der mit seinen neoklassizistischen Elementen auch so in Vegas oder Moskau hätte stehen können. Mit der Schlüsselkarte erreichen wir (über einen Verbinder) auch die Lobby dieses Hotelmonstrums und können einen Blick hineinwerfen, so weit unsere unterste Sicherheitsbefugnis reicht. Alles Marmor, riesige, Ballsaalartige Treppen. Unser Hotelblock daneben ist mit seinen 7800 Rupien die Nacht nicht mehr, als ein besseres „Stundenhotel“.
Beide Hotels liegen in derselben Anlage, eingezäunt mit Mauern und Stacheldraht, um die arme Bevölkerung von draußen fernzuhalten. Wieder eine „Gated Community“ irgendwo am Stadtrand dieser ostindischen Metropole. Uns bleibt nichts anderes übrig, als hier drinnen (geschützt) auf das Abendessen zu warten. Draußen wären wir verloren? Polizeisirenen, von der angrenzenden Hochstraße, dringen ständig von außen in das geschlossene Hotelzimmerfenster durch. Schwere Gardinen schirmen alles ab.

[15.11.23 / 22:05] Der Aufenthalt in dieser Stadt ist zu kurz, um ihr noch eine zweite Chance zu geben. Auch wenn es den Morgen etwas besser aussieht – Allahabad (jetzt in Prayagraj umbenannt) kann komplett aus dem Programm gestrichen werden, lohnt sich nicht. Die Stelle mit den zwei Flüssen ist am besten von der Autobrücke aus zu sehen.
Den Vormittag weiter Richtung Varanasi – mit Zwischenstopp in Sarnath – der Stelle, an der Buddha (der Erwachte) seine erste Rede gehalten hat. Jetzt eine Ruinenanlage alter, geschliffener Kloster, eine (zum Teil rekonstruierte) Stupa, eine Pilgerstätte daneben. Etwas in der Mittagssonne herumlaufen, viele Besucher.
Weiter hinein nach Varanasi. Für eine halbe Million ausgelegt, eine Stadt mit drei Millionen Einwohnern. Von der Regierung aufgehübscht, für Touristen vorzeigbar, im Verkehr das totale Chaos / ein Kollaps. Zu viele Menschen.

Aarti-Zeremonie, Varanasi
Stunden später, bereitmachen für die Lichterzeremonie am Ganges. Ich habe mir im Hotelshop gleich zwei billige Fußkettchen gekauft, eines davon trage ich, zusammen mit meiner indisch inspirierten Tunika und einer simplen, schwarzen Leggings. Die Fahrradrikschas führen die Touristengruppe bei Anbruch der Dunkelheit runter zum Ufer des Ganges. Im dichtgedrängten Verkehr.
Der Guide hat ein paar Sitzplätze organisiert, weit oben – die hintersten Plätze – eine Reihe Monobloc-Stühle. Sehr viele Menschen … die dicht gedrängten Boote haben vielleicht die bessere Aussicht auf die Aarti-Zeremonie. Egal, beeindruckend ist es trotzdem. Ob sie diesen Aufwand mit der Live-Musik und den rituellen Handlungen mit dem Weihrauch und den Feuerlichtern wirklich jeden Abend machen? Bei so einer großen Bevölkerung kommen immer genug Reisende, Pilger und spirituell angehauchte Teilnehmer.

[14.11.23 / 22:10] Prayagraj (ehemals bekannt unter den Namen „Allahabad“). Nach sieben Stunden im Bus, quer durch Uthar Pradesh, Ankunft gegen Sonnenuntergang. Besichtigung der Stelle, an der der Ganges und der Yamuna zusammenfließen … Wo bin ich hier? Eine platt getrampelte Ödlandschaft, aggressive Bettler und ein Haufen Obdachlose in ihren orange-roten Kutten, die nervös bis gereizt wirken, wenn man ihren eingezäunten Sandburgen zu nahe kommt.
Von der heiligen Stelle mit den beiden Flüssen ist nichts zu sehen, nur Nebeldunst oder Staub aus weiter Ferne. „Sieht aus, wie in Kasachstan.“ (Nur hier eben als übergroße Müllkippe.)
Die Stadt wirkt arm, ärmer, als alles andere, was ich sonst in Indien gesehen habe. Das Hotel – als „Gated Community“ – erreichen wir mit Rikschas oder Tuk-Tuks – der Bus hat sich verfahren und kann unter einer Brücke nicht mehr vorbei – kein Vorwärts und Rückwärts, kein Wenden mehr möglich, im dichten, indischen Straßenverkehr den Abend. Ankunft im Hotel, für eine Nacht, mit im Bus zurückgelassenen Koffern (die werden später den Abend noch nachgeliefert). Dafür ist das Essen dieses Mal indisch-authentisch scharf … viele westliche Touristen gibt es hier nicht, die überfliegen diesen Moloch für gewöhnlich, auf dem Weg nach Varanasi.

[13.11.23 / 21:37] Den Vormittag, nach dem Frühstück, zur westlichen Tempelanlage in Khajuraho. Eine weitläufige Anlage mit verschiedenen Tempeln. Einer davon ist sogar noch in Benutzung und wird von verschiedenen Besuchern zum Ausklingen des Diwali-Festes verwendet.

Ich die Tempelanlage fotografierend, Khajuraho
Nach der Tour mit dem Guide, alleine durch das Feld, diese Bauten sind berüchtigt für ihre erotischen Reliefdarstellungen, quer durch das Kamasutra (für westliche Europäer nur schwer zu verstehen). Fotos machen. „Schätze der Welt, Erbe der Menschheit – Khajuraho“ – langsame Kameraschwenks, Standbilder, in denen sich, bis auf ein paar Blätter im Wind, nichts bewegt – und eine ruhige Erzählstimme (hätte ich eine Videokamera dabei).
Ein Tempel – er ist dem Gott Shiva gewidmet – ein Bildnis zeigt die Figur mit Parvati zusammen, halb Mann, halb Frau. Meine Fotokamera für ein Detailbild darauf gerichtet: „Ich darf das!“ (Der Tempel ist auch nicht mehr in Benutzung und auch nicht mehr so heilig).
Mit dem Bus weiter zu dem östlichen Anlagenfeld. Auch von diesen Tempeln mache ich ein paar Bilder. Die Reliefs wiederholen sich fast immer wieder. Die Mittagssonne drückt. Ein langer, grüner Rock, zwei Tops mit Spitze und Häkelornamenten schwarz-weiß übereinander. Mein Strohhut schützt mein Gesicht … doch ein beginnenden Sonnenbrand kann ich bereits fühlen.
Den Nachmittag steht eine Safari auf dem Touristenprogramm. Den Rock habe ich im Hotel gegen die „Jeggings“ vom Vortag getauscht. Im Nationalpark angekommen, sehe ich, dass die Jeeps oben offen sind – drei Stunden Fahrt ohne Verdeck? Panisch ziehe ich die Sonnencreme aus meiner Umhängetasche und schmiere mein ganzes Gesicht und meinen Oberkörper damit ein. Das ich mich dabei fast ausziehe … aus Furcht vor einem fiesen Sonnenbrand kenne ich keine Scham mehr. Pünktlich zum Start der Tour ziehen Schleierwolken auf und die Sonne verschwindet dahinter.
Welche Tiere gibt es hier zu sehen? Angeblich Tiger. Ich mache nur Fotos von Hirschen, verwackelte Aufnahmen aus der Fahrt heraus (wenn der Jeep den Motor wieder angelassen hat). Große Spinnennetze, eine tote Schlange – „Äußerst giftig!“ Geier und schöne Landschaften – aber Gefallen finde ich erst bei der Jeep-Tour selbst. Steiniges Gelände, auf und ab, quer durch. „Nochmal!“ Wäre nach dem Sonnenuntergang die Temperatur nicht so rapide abgefallen, mit der richtigen Ausrüstung und Bekleidung könnte ich hier noch länger bleiben. Safari Lodge?
Den Abend zurück zum Hotel, den ganzen Staub wegduschen, den ganzen roten Staub aus meinen Sachen klopfen – Das muss für den nächsten Tag noch gehen! Mein begrenztes Bekleidungssortiment im kleinen Handgepäckkoffer ist für je zwei Tage ausgerichtet.

[12.11.23 / 22:50] Die dritte Zugfahrt, den Morgen von Agra aus irgendwo in die Mitte von Nordindien. Wieder ein Expresszug der klassischen Art. Die Kofferträger tragen alles vom Busausstieg bis in das klimatisierte Zugabteil. Die Zeit bevor der Zug einfährt, noch genug Momente die Bahnhofsatmosphäre auf Bildern einzufangen … Ratten (niedliche Tiere).
Weiterfahrt und Ankunft gegen Mittag, die Türen des Wagons wurden schon einen Kilometer vorher geöffnet. Neuer Bus, nach drei Stunden im Zug, noch einmal drei oder vier Stunden im 60-km/h-Tempo auf der Autobahn. Hauptsächlich im Slalom, um den vielen Kühen auszuweichen. Am Nachmittag dann ein Stopp in Orchha … noch mehr Kühe, einige recht fotogen, die Tempelanlagen und historischen Bauten (mit engen Treppenaufstiegen im tiefsten Dunkeln) werden fast zur Nebensache.
Weiter bis in den frühen Abend nach Khajuraho. Kurzer Stopp in einem Motel mit Imbiss, einen Chai trinken, den Verkaufsladen für Souvenirs nach einem Fußkettchen durchstöbern.
Das Hotel erreichen wir am Abend. „Happy Diwali!“ Ich bin mir noch nicht so sicher, ob ich mir das angekündigte Feuerwerk im Garten des Hotels ansehe, so fertig bin ich von der Fahrt, tue es dann aber doch. Ungewöhnlich, ein Feuerwerk, bei dem die Menschen einfach nur glücklich sind – kein „Krieg“, keine Polizeisirenen, keine Kapuzenpullover, keine Vermummung. Es gibt sogar diese aufsteigenden Lampions mit Kerzen (oder Esbit), bei uns verboten, hier steigen sie einfach in die Luft, fallen verglühend wieder runter, in einen Baum, auf einen Balkon – und es passiert nichts. Wieder Abendessen im Hotel. Vielleicht bin ich so gelassen, weil ich mir den Nachmittag zurück in Orchha bei einem Priester mein Tempelbändchen am Handgelenk geholt habe.

[11.11.23 / 22:02] Besichtigungsmoment des Tages: das Taj Mahal. Schon wieder … Letztes Mal ist meine weiße Tunika ein Tag vorher kaputt gegangen – jetzt hat sie ihre zweite Chance! Vom Hotel aus den Morgen im Nebeldunst mit dem Reisebus zum Umstiegspunkt auf das Elektromobil für die vielen Besucher, die zum Eingang des prächtigen Grabmals wollen.
So viel weißer Marmor – auch in dem trüben Morgendunst wirkt dieses Bauwerk beeindruckend – auch beim zweiten Mal. Mitgenommen habe ich nur meine Kamera, ich will nur die nötigsten Fotos machen, keine Selfies, die Stelle mit der Spiegelung im Wasser fehlt mir noch [Anm. der Verfasserin: eine Variante ohne Touristen davor]. Für Potraitaufnahmen werde ich von einem der vielen Fotografen angesprochen, nur hundert Rupien pro Motiv in cineastischer Bollywood-Pose … ich stimme zu und nehme mir die Zeit (die Bilder bekomme ich später).

Taj Mahal, Agra / November 2023 / Alter 41
Weiter die weitläufige Anlage, näher an das Grabmal heran. Die Becken sind ohne Wasser, ein paar Fotos aus der Froschperspektive. Am Eingang an der Fundament-Plattform angekommen, Wechsel auf die Schuhüberzieher und mit den weiteren Touristen hinein in das Innere. Anders als 2018, werde ich dieses Mal nicht mit hindurchgedrückt, ich kann mir genug Zeit lassen, die zwei Grabstellen, des Mogulkaisers und seiner Frau, zu umrunden. So viele filigrane Details zu bewundern …
Den Nachmittag, der Touri-Bus hält an ein paar obligatorischen Einkaufsgelegenheiten, die Juwelen- und Garnstickerei, Hoflieferant vergangener Herrscher, übersteigt mein Budget. Von sündhaft teuren Spontankäufen, die ich danach sicher bereue, halte ich mich tapfer fern. Auch wenn dieses gestickte Kunstwerk sehr hübsch aussieht – was soll ich dann später damit? Es dient nur dekorativen Zwecken.
Weiter zu einem Laden, oben Tee und Gewürze, unten Tücher, Schals und Textilwaren. Die Reisegruppe plündert alles, hinterlässt ein Schlachtfeld. Gewürzmischungen und Tees kaufe ich woanders, Schals habe ich genug. Dieser Stopp ist für mich nur eine Toilettenpause (viel sauberer und privater als die beim Taj Mahal für Abertausende).
Zurück zum Hotel, bevor es den späten Nachmittag weiter zum Roten Fort geht, ein Stück „Black Forest Cake“ unten am Café in der Nähe der Lobby. Für das Bezahlen bleibt mir kaum ein Moment, mein Darm schlägt durch (kommt immer auf einer Reise nach Indien).
Später den Nachmittag, die Festung und der Palast wurden uns bei der letzten Reise vorenthalten. Ich bin auf der Suche nach dem berühmten Fotomotiv mit dem kleinen Türmchen auf der Festungsmauer und dem schneeweißen Taj Mahal im Hintergrund, fern am Horizont, hinter dem Yamuna Fluss. Die Besichtigungstour dauert bis zum Sonnenuntergang, bis wir auch diesen letzten Winkel erreichen. Bis dahin habe ich unzählige Fotos gemacht, die Batterie gibt ihr letztes Bild und das verschleierte Sonnenlicht hinter all dem Dunst ist sowieso weg. Ein ausgiebiger Tag – nur eingekauft habe ich nichts.
Das ändert sich zurück im Hotel. Den Tag vorher in dem Laden für Kaschmir und Pashmina einen leichten Schal anprobiert und wieder beiseite gelegt – jetzt den Abend, auf dem Weg zum Dinner, kaufe ich ihn doch. Es ist immerhin Diwali.
Ein Laden daneben, eine Außenstelle des Juweliers vom Nachmittag? Mit hineingezogen, betrachte ich die Silberringe mit den Peridots, die mir vom Verkäufer präsentiert werden – natürlich passt dieser eine Ring mit dem grünen Stein und den funkelnden Zirkonen wunderbar zu dem Schmuck, den ich bereits trage: mein anderer Silberring mit Peridot und der Armreif mit den Glitzersteinen … Als wäre ich schon immer auf der Suche nach diesem einen Ring gewesen. Ich muss ihn kaufen. So einen habe ich schon immer gesucht. Der Verkäufer steckt ihn mir an, ich könnte später nach dem Essen bezahlen. „You should not trust me!“ Ich vergewissere mich noch einmal und verlasse mit dem Ring an meinem Finger den Laden. Nicht um Abendessen zu gehen, hoch auf das Zimmer, Geld holen. Dieser Ring ist zu meiner natürlichen Hülle geworden und geht mit dem anderen Schmuck auf. Diwali, Vorabend zum Hauptfeiertag – wo ist das Feuerwerk?

[10.11.23 / 22:25] Den Tag unterwegs nach Agra, Rischikesch verlassen wir noch vor dem Sonnenaufgang am frühen Morgen, mit dem Bus zurück nach Haridwar. Auf der Hinfahrt war der Schnellzug noch sehr traditionell gehalten, die offenen Fenster mit den Stäben davor (nicht die Erste Klasse), das rudimentäre Steh- oder Hock-Klo (mein erstes Mal) und die nicht so kalte Klimaanlage … angenehmer hatte es nur der mutige Mann, der bei über hundert Kilometer die Stunde die Tür öffnet und sich an den Rand nach draußen stellt (ich sitze derweil daneben auf dem Notsitz und warte auf die freie Toilette).
Der Zug für die Rückfahrt Richtung Delhi dagegen, ist ein moderner Schnellzug, entworfen und hergestellt in Indien (ICE-Klasse). Eiskalt temperiert und mit bequemen Sitzen. Auch die Fenster sind noch nicht so sehr „verschleiert“. Ich schlafe fast die ganze Fahrt.
Vier Stunden später, eine Haltestelle vor Delhi, Ausstieg und Umstieg in den Bus. Vor uns liegt noch eine mehrstündige Fahrt auf der Autobahn – im besten 60-km/h-Moped-Tempo. Kurze Kaffeepause an der Raststätte, ich bin so übermüdet (brutal um fünf Uhr aufgestanden), ich trage noch meine übergroße Sonnenbrille. Für die Toilette auf der Raststätte möchte ich sie lieber nicht abnehmen.
Wie die Reise 2018, hat auch diese Raststätte einen kleinen Verkaufsraum mit Souvenirs. Auf dem Wunschzettel für die Reise nach Indien 2023 steht ein kleines Fußkettchen, passend zu meinem Münzgürtel, nichts Kostspieliges, nur einfaches, glänzendes Metall – „Ramsch“ aus Souvenirläden (der Verkäufer hatte etwas, aber ich musste zu schnell wieder weg und mit meiner Sonnenbrille konnte ich sowieso nichts genau erkennen).
Ankunft in Agra am späten Nachmittag. Ein Fünf-Sterne-Hotelkomplex. Gated Community? Die besseren Zimmer gibt es auf den anderen Etagen, für Touristen reicht das Budget-Zimmer. Das Hotel ist voller westlicher Reisegruppen (und es gibt natürlich auch Verkaufsläden).
Diesen Tag keine Fotos, die vielversprechende Dachterrasse mit Blick auf das Taj Mahal lohnt sich nicht – es ist bereits dunkel um 19 Uhr und das entfernte Grabmal ist nicht beleuchtet.
Nach dem Abendessen (Buffet – scharf für Europäer) zurück auf das Zimmer, draußen auf den Straßen knallt es überall – indische „Sprengkörper“ – eigentlich ist das Diwali-Fest erst in zwei oder drei Tagen, aber „geböllert“ wird hier auch schon vorher. Ich hänge die Sachen für den nächsten Tag über Nacht raus aus dem Koffer … wie die darin für eine zweiwöchige Rundreise „frisch“ bleiben könnten, habe ich in all den Jahren noch nicht herausfinden können.

[09.11.23 / 21:52] Den Morgen raus zu der Straße den Ganges entlang, der Bus schlängelt sich im raschen Tempo an den steilen Abhängen vorbei. Unterwegs zu dem kleinen Ashram mit den Höhlentempeln – archäologisch nachgewiesen, schon seit Jahrtausenden von Asketen bewohnt. Vashishta Gufa.
Das Ufer des Ganges in dieser scheinbaren Wildnis, der feine Quarzsand in dem trockenen Flussbett – meine Schnürschuhe und alles andere glänzt und flimmert. Der Fluss selbst mäandert an den blank geschliffenen Steinen entlang. Die zwei Höhlen daneben – die kleinere hat einen viel schöneren Ausblick und lädt zum Meditieren ein (auch die großen Steine am Ufer – wenn nicht gerade eine Touristengruppe vorbeikommt).
Zurück zum Hotel, den frühen Nachmittag nichts, erst den späten Nachmittag geht es mit der Gruppe wieder zurück zur Hängebrücke, rüber auf die andere Seite für die nächste Abendzeremonie in Rischikesch. Vorher Besichtigung eines weiteren Ashrams oder Hindu-Tempels. Die beiden jungen Mädchen in Schuluniform, die mir entgegenkommen … habe ich das richtig übersetzt? „Guck mal, eine Hijara!“ Ich fühle mich geehrt …
Es wird dunkel, die Sonne geht unter, die Gruppe nimmt an der Ufertreppe Platz. Dieser Ashram hat Geld: eine große Betoninsel, eine große Shiva-Statue, ein imposanter Pagodenbau, eine Live-Band – die Reden des Gurus werden live auf zwei große LCD-Wände übertragen. Internationale Gäste, die Touri-Gruppe fällt nicht wirklich auf.
Dachte ich erst, es gibt dezente Touri-Gruppen und weniger dezente Touri-Gruppen – stehe ich gegen Ende auch auf der Betonbrücke und mache ein oder zwei Fotos von der ganzen Szenerie. „Verbreitet die Botschaft in der ganzen Welt!“ Diese Prozession hat sich bestimmt schon seit den Sechzigern – seit der Hippie-Zeit nicht mehr verändert (zurück werde ich an einem Beatles-Memorial vorbeigehen). Etwas vom Swami bleibt hängen: „If you are in peace, you will bring peace. If you are in pieces, you will only bring pieces.“
In Gedanken zurück über die andere Brücke, zurück auf das andere Ufer, die Tuk-Tuks zum Hotel. Interessant zu sehen – das, was ich für eine Autobrücke hielt, ist nur eine dreispurige Brücke für Fußgänger (manchmal auch Kühe, jedenfalls die andere Hängebrücke) und zwei Fahrtrichtungen für Motorräder und Roller. Einmal mit der schweren Reiseenduro nach Rischikesch …

[08.11.23 / 22:25] „Ich geh' in 'nen Ashram nach Rishikesh!“ Nach dem letzten Morgen in Delhi im Smog, jetzt ein glasklares Foto vom Sonnenaufgang hinter der Bergkette in Rischikesch.
Frühstück entspannt um neun Uhr, dann mit der Reisegruppe zu Fuß runter zum Ganges, zu dem Ashram gegenüber der markanten Hängebrücke – eine Gesprächsrunde mit dem Vize des Klosters (ich hätte auch eine Frage gehabt, aber die verkneife ich mir: „Können Touristen hier auch mal einchecken, für ein paar Wochen?“, auch mit meiner Stimme möchte ich mich nicht verraten …).

Im Ashram meditierend, Rischikesch / November 2023 / Alter 41
Nach einer kurzen, für mich abgebrochenen Meditation, rüber über die große Hängebrücke zum anderen Ufer des Ganges. Ich kann kaum mit der Gruppe mithalten – zu viele Fotos!
Die andere Seite – der mächtige Ganges fließt nur so dahin, die Treppenstufen sind zu verlockend, um darin, im Wasser, nicht wenigstens den großen Zeh hineinzutauchen … ich tue es.
Weiter den Mittag, oder den frühen Nachmittag (ich habe kein Zeitgefühl mehr) in einen weiteren Hindu-Tempel am Ufer. Die vielen, fast schon kitschigen Portraits der Hauptgottheiten (von Westlern nicht ohne Bewunderung auch einfach nur „Papa Schlumpf“ genannt). Wo ist meine Figur? Bei mir zu Hause im Schrein (als Postkarte): Lord Shiva und Parvati in Eins vereint.
Wieder zurück über die Hängebrücke. Für einen kurzen Moment sehe ich niemanden von der Gruppe (ich habe mich zu weit zurückfallen lassen) und gehe auf einmal auf, unter den ganzen Einheimischen. Das größere Tuk-Tuk bringt die Gruppe den frühen Nachmittag zurück zum Hotel.
Etwas entspannen, dem Sonnenlicht entfliehen, ein Stück Karottenkuchen und eine Tasse Masala Chai im Pool-Café. Gegen 17 Uhr denselben Weg noch einmal zurück, zum Ufer des Ganges, zur Aarti-Lichterzeremonie (ich nenne sie so, wegen dem Feuer).
Es wird dunkel auf den Stufen des Ganges, Vorbereitungen, die Prozession, das Feuer und der Weihrauchnebel. Es wird kühl, ich habe meine Strickjacke mit dabei. Die kleine Gruppe Touristen am Rand stört nicht. Auch wenn meine Gedanken andere sind: „Welcher dieser über die Anlage laut gespielten Verehrungssongs hat die Beatles damals so sehr beeinflusst, dass sie ein ganzes Album danach komponiert haben?“ Zurück den Abend, weit nach Sonnenuntergang, mit den Tuk-Tuks zum Hotel.

[08.11.23 / 00:41] Den Vormittag in Richtung Altstadt von Delhi (auch „Old Delhi“ genannt), erst eine kleine Fußtour (bloß nicht den Anschluss zu der Gruppe verpassen) und dann wieder eine Rikschafahrt. Die Rikschas waren ausgebucht – es wird eine Fahrt mit den Elektro-Tuk-Tuks. Ich war hier schon einmal, die Rückseite der Freitagsmoschee. 2018 noch von oben runter die Straße fotografiert, 2023 vom offenen Elektromobil den Blick nach oben.
Gegen Mittag Besuch der Verbrennungsstätte von Mahatma Gandhi, sehr emotional (der Film mit Ben Kingsley?). Für mich mal eine Gelegenheit, einer dieser grünen (Seiten-)Alleen zu Fuß zu überqueren. Danach noch eine Besichtigung eines „Wassertreppenbrunnens“.
Weiter den Nachmittag zum Bahnhof von Delhi, vor uns liegt eine fünfstündige Zugfahrt mit dem Express zur Haltestelle von Haridwar – von der Stadt sehe ich gegen 20 Uhr im Dunkeln nur noch den Bahnhofsvorplatz. Nur ein Umstiegsstopp in den Touri-Bus nach Rischikesch. Endlich (nach über einstündiger Fahrt und einem abenteuerlichen Parkmanöver in engsten Gassen) in dem kleinen Hotel angekommen. Essen gibt es noch vom Buffet nach 22 Uhr.

[06.11.23 / 20:43] Air India – der ganze Kindergeburtstag fliegt mit. Ich kann kaum schlafen, die neuen Noise Canceling Ear Buds sind ganz nett und wirklich gedämpft angenehm, doch gegen herumspringende Kinder auf den Nachbarsitzen wirken die auch nicht. Acht Uhr nochwas in Delhi angekommen, noch auf weitere Teilnehmer der Reisegruppe warten, einen doppelten Espresso trinken – die Besichtigungstour durch die indische Hauptstadt geht im Anschluss sofort los.
Durch den Smog im trüben Dunst in Richtung historischen Stadtkern aus der Jahrhundertwende. Im dichten Stop-and-go-Verkehr fällt mir vom Touri-Busfenster eine junge Hijara auf, sie läuft zwischen den Autos und klopft an die Fensterscheiben, auf der Suche nach etwas Geld. Ich dagegen, komme aus einer ganz anderen Welt. Sie sieht wirklich sehr hübsch aus.
Erster Besichtigungspunkt – das India Gate. Bei der letzten Reise nur drumherum gefahren, jetzt mit Aussteigen. Nur wenige Minuten später werden wir von vielen einheimischen Besuchern umlagert, die einfach nur ein Foto mit uns machen wollen. Ich trage weiterhin nur den Dress aus der Flugzeugkabine: Jeans und olivgrünes T-Shirt, meinen schwarzen Kaschmirschal, meinen Strohhut und meine übergroße, schwarze Sonnenbrille.
Weiter zum nächsten Stopp, den Gurudwara-Sikh-Tempel (es lag näher dran, als noch ewig weit zum Hotel zu fahren). Leider ist bei diesem Tempel – so eine Art Amritsar im Kleinformat – das Fotografieren verboten, was nicht wenige daran abhält, es nicht doch zu tun. Ein pittoreskes Wasserbassin, ein hübsches Gebäude, eine beeindruckende Armenküche – und eine Wahnsinnsatmosphäre beim Hindurchlaufen durch das Allerheiligste – wie sehr hat mir so ein spiritueller Moment gefehlt bei der letzten Reise!
Weiter den späten Nachmittag zum Hotel für die nächste Nacht (endlich eine Dusche). Ich bin hier schon einmal langgefahren, ich erkenne die Straßenzüge wieder. Und wieder nur die hübsche Gartenstadt (das Diplomatenviertel?) nur im Vorbeifahren.

[03.11.23 / 00:42] Eigentlich wollte ich meinen neuen Beetlejuice-Blazer auf der Halloween-Party anziehen, schwarz-weiß gemustert in Kombination mit dem schwarzen Spitzenkleid, doch dann habe ich beim Einkaufen mit den zwei Kolleginnen von der Arbeit dieses Glitzerkleid auf der Stange im Kaufhaus entdeckt … über und über bedeckt mit unzähligen, silbrigfarbenen Pailletten! Ich muss es kaufen! Anprobiert und es passt. Von meiner Lieblingsmarke mit den zeitlosen Hippie-Kleidern. Die beiden Kolleginnen fanden auch, ich sehe darin umwerfend schön aus. „Kauf es.“
Montag der 30. Oktober, die Nacht vor Halloween, den späten Nachmittag auf der Autobahn Richtung Leipzig. Ich habe ihm wieder eine Nachricht geschrieben, das vertraute Hotel am nördlichen Stadtrand – miese Bewertungen, aber ich reserviere da schon seit vielen Jahren Zimmer für mich – und uns. Es ist günstig und sauber. Das das Mobiliar schon einmal besser ausgesehen hat, egal. Meine Zeit nach dem Check-in reicht nicht mehr, um ihn noch einzuladen – ich brauche die Stunde, um mich ausgehbereit zu machen. Die Dusche mit dem zum Parfüm passenden, schweren, orientalischen Duschbad, das Parfüm selber und einen filigran gezeichneten Kajalstrich am Augenlid. Mascara. Nur Schwarzes, kein Lippenstift. Aus dem Bad kommend, ich ziehe vorsichtig mein neues Paillettenkleid über. Untenherum reicht die bequeme, schwarze Yoga-Stoffhose, in Kombination mit den halbhohen, schwarzen Stiefeletten mit den laut krachenden Absätzen. Vorsichtig meine schwarze Lederjacke überstreifen – beim Anprobieren in dem Kaufhaus bin ich mit meinen langen, blonden Haaren schon an all den Pailletten hängengeblieben, beim Aus- und Anziehen (und alles in die Tragetasche rollen) fallen immer wieder ein paar Pailletten ab. Ich sammele sie ein, vielleicht kann ich sie irgendwann wieder annähen. Kurz nach 19 Uhr, ich bin raus und nehme das Auto zu der Party nach Connewitz (so überall blinkend, traue ich mich nicht in die Straßenbahn).
Es regnet, nieselt, ich bin schon länger nicht mehr hier gefahren, die Straßenmarkierungen verschwinden in der nassen Dunkelheit, welche neu aufgemalt sind … keine Ahnung. Am Kreuz angekommen, einen Parkplatz suchen, scheiß Wetter, ich zwänge mich in die engste Lücke, es muss nur so viel Platz sein, dass ich mit dem aufgespannten Regenschirm aussteigen kann. Mein schwarzer Kaschmir-Schal wickelt sich mehrfach um meinen Hals. 19 Uhr ist Einlass, 20 Uhr geht die Party los. Zwei Bands werden vorher noch spielen, das Ticket gab es im Vorverkauf.
Ich bin da und laufe auf dem nassen Kopfsteinpflaster zum Eingang auf dem Innenhof – genau wie Pfingsten. Alles ist vertraut, meine Gothic-Szene. Werde ich akzeptiert in meinem Glitzerkleid? Für alle Fälle trage ich meine schwarze Punker-Kutte mit den Buttons und dem Aufnäher. Es sind schon einige Leute da. Mein Weg nach drinnen führt mich schon gleich an der Bar vorbei, eine Flasche Koffein-Brause. Die Handtasche gebe ich an der Garderobe ab, Bargeld für Getränke und etwas Make-up-Utensilien verbleiben in meiner schwarzen Leder-Clutch, die ich extra dafür – also vor der Bühne herumstehen – mit in meine große Handtasche gesteckt habe. Die Lage beobachten, die nach und nach kommenden Gäste in ihren Gothic-Szene-Outfits. Der Reißverschluss meiner Lederjacke wandert ein Stück nach unten, neben dem Glitzerkleid leuchten Buttons und die silbernen Nieten auf dem Revers.
Die erste Band … aus Berlin, mit eigenen Fans ganz vorne? Ich stehe weit hinten. Nur wenn der Synth-Kram punklastig wird, kann ich mich daran erfreuen. Die zweite Band: ja, sie kommen aus Leipzig. Jeder hier kennt sie, ich habe auch eine Platte von denen. Sie präsentieren ihr neues Album, ich war schon am Merchandise-Stand in der Plattenkiste stöbern – war auch was Interessantes dabei (1979s Cali-Punk), wenn das die Nacht noch weiter verkauft wird, nehme ich später zwei Platten mit (die Band, die gerade auftritt und die Scheibe, die ich gerade herausgezogen habe), dann kann ich die nach dem Verlassen des Clubs mit zu meinem Auto tragen. Leider wird der Verkaufsstand nach den Auftritten der Bands schnell wieder aufgelöst und mir bleibt nur der übliche Internetversand.
Draußen zwischen und nach den Konzerten, nass-kaltes Wetter. Ich bin hungrig, habe seit dem Mittag nichts mehr gegessen. In dem kleinen Restaurant auf dem Innenhof ist bestimmt schon wieder die Küche zu. Meine Mate-Brause auf einen der Stehtische draußen abstellen, mein Telefon ansehen. Nichts. Er meldet sich nie, er wird nie hierherkommen. Einzig seine Nachricht, ich soll ihm schreiben, wenn ich dann nachher den Club verlasse und zurück zum Hotel fahre. Immerhin … ich könnte die Nacht noch Sex haben.
Im Club auf der Tanzfläche, die erste Stunde gehen die Songs in die Punkrichtung. Meine Lederjacke ist mit einer zweiten Papiernummer auch schon in der Garderobe gelandet. Das Pailletten-Glitzerkleid und mein extra darunter noch angezogenes, schwarzes Baumwoll-Stretch-Unterkleid sind warm genug. Jeder Schritt auf dem Boden, jede Bewegung zum Takt der Musik – ich könnte bestimmt eine Spur an verlorenen Pailletten hinter mir herziehen (aber es ist nur eine Befürchtung, so viele sind es doch nicht).
Weit nach Mitternacht, eine zweite Flasche Brause, die DJs wechseln sich ab und jetzt kommt das, worauf ich gewartet habe: das Italo-Disco-Set! Genau dafür ist mein Kleid da, genau dafür bin ich hier, genau dafür bewege ich mich auf die Mitte der Tanzfläche hinzu und suche die flackernden Lichter auf dem Boden. Ich will in dem Schein mit tausenden Glitzer-Scheibchen untergehen. Die mir vertrauten Songs, meine Bewegungen, ich halte durch, ich komme hier erst wieder runter von der Tanzfläche, wenn das DJ-Set beendet ist. Ich werde sogar angesprochen, auf mein hübsches Kleid.
2 Uhr nochwas die Nacht, eine Flasche stilles Wasser von der Bar. Noch eine Runde durch den Club, den Barhockern an der einen Ecke, dem verwaisten Verkaufsstand, die leeren Tische, die Bar hinten und die Bühne vorne. Zeit zu gehen, so viele Gäste sind hier nun auch nicht mehr (es gibt mehrere Halloween-Partys in der Nähe, einige auch mit Kostüm). Ich will zurück ins Hotel. Ich weiß, ich kann ihn nicht so lange warten lassen, irgendwann verliert er bestimmt die Geduld, oder schläft ein, oder ist – im schlimmsten Fall – schon wieder sturzbetrunken, und dann läuft gar nichts mehr und ich bin die Nacht wieder allein. Meine Jacke und meine Handtasche von der Garderobe holen. Den Wollschal herauskramen, den Regenschirm aufspannen und den Club über den überdachten Innenhof verlassen. Zurück zu meinem geparkten Auto. Alles spiegelt sich auf dem nassen Asphalt, die Spuren kann ich nur erahnen, mein Gefühl lenkt mich durch die Nacht.
Am Hotel in meinem gebuchten Zimmer angekommen, ganz oben, die letzte Etage – nicht die „Pent-House-Suite“ vom anderen Ende des Flurs. Im Badezimmer das ganze Mascara wegwischen, mit überaus höchster Vorsichtigkeit mein schweres Paillettenkleid über den Kopf ziehen … ich kann es nicht verhindern, ich bleibe immer mit meinen langen, blonden Haaren daran hängen. Erst jetzt schreibe ich ihm eine Nachricht, ich bin wieder zurück im Hotel. Seine Antwort: er kommt. Es bleibt noch Zeit für eine Dusche.
3:30 Uhr und es klopft an der Zimmertür, ich habe gerade das nasse Duschhandtuch weggelegt und öffne ihm nur noch mit meinem schwarzen Slip bekleidet, die Tür. Er wirkt gar nicht betrunken. Er sagt kaum was. Er umarmt mich, ich versuche wieder mit meiner Nase an seinen Hals zu gehen und seinen Geruch aufzunehmen. Mein Bein umschlingt sein Bein, ich drücke mich an ihn. Ein Kuss, er zieht sich aus, wirft seine Winterjacke über den Stuhl, zieht sich den Gürtel aus. Ich ertaste hinter mir das große Bett und lasse mich fallen. Mein Blick weicht nicht von ihm. Es ist alles sehr still.
Er führt mich, mein Mund, meine Lippen, meine Zunge an seinem Glied und dem Hodensack. Ich nehme seine Eier. Ungewohnt? Es scheint ihm zu gefallen. Er legt sich auf das Bett, ich weiß, wohin das führt, ich nehme sein Stück wieder in meinen Mund und gehe schrittweise tief. Tief, tiefer. Ich halte … der Würgereflex setzt erst ein, wenn ich wieder nach oben gehe. Wir wechseln die Position, er legt mich auf meinen Rücken, spreizt meine Beine und dringt in mich ein. Was machst du da? Mein fragender Blick … wir beide wissen, dass das da nicht sehr tief bei mir ist. In diesen Moment wünsche ich mir nichts mehr, als endlich eine dritte Operation, um ihn voll und ganz vaginal in mich aufzunehmen. Verdammt … Es ist die richtige Position, bei der ich mich ihm vollkommen hingeben könnte.
Wir kehren zurück zu dem, was ich am besten kann: oral und tief, so oft, wie er will, so oft, wie er es von mir fordert. Mein Speichel, das Sekret, es läuft alles in meine Nasengänge. Er kommt in mir, ich kann ihn schmecken … der meiste Teil ist schon so tief, der andere Teil – ich schlucke. „Du musst dich da unten nicht sauber machen, da ist nichts. Das ist jetzt alles in mir drin.“ Ich fahre mit meinem Finger meinen Hals abwärts runter zu meiner Brust. Kommt jetzt noch etwas? Ich weiß, um mich komplett aufzulösen, muss er mich anal von hinten nehmen … oder von vorne. Genau so, wie du es schon vor vielen Jahren mit mir gemacht hast, als ich dich über alles geliebt habe!
Er fragt nach der Uhrzeit. 4:30 Uhr. „Shit.“ Er muss gehen, er hat den Morgen noch einen „Job“ in Berlin zu erledigen. Er ist jetzt der Fahrer, der, der die schwarzen Audi-Limousinen fährt. In meiner Phantasie – beeinflusst von den Serien mit den arabischen Clans im Unterwelt-Milieu – wirkt er jetzt noch viel anziehender. Seine Schwäche ist nur der Alkohol und seine Liebe zu gefallenen Engeln … solche, wie ich. In der Realität ist er der Mann mit dem Namensschild am Flughafen, ich hoffe, ich habe ihn nicht schon wieder den Job gekostet, wenn er jetzt innerhalb von einer Stunde die Autobahn dahin brettern muss, um pünktlich um 6 Uhr am Flughafen zu sein. Ich sehe ihn wieder sich anziehen. Eine Umarmung und er schließt die Tür hinter sich. Ich bleibe wieder allein nackt auf dem Hotelbett sitzend zurück.

[23.10.23 / 01:09] Alte Fotos, neu bearbeitet. Die letzten Wochen, das Motorrad steht seit der Harztour Anfang September in der Garage, meine „zwischenmenschlichen“ Kontakte beschränken sich auf vielleicht mal ein eineinhalbstündiges Videotelefonat, die Sommermonate zuvor habe ich viel zu viel Geld ausgegeben – ich muss dringend ein oder zwei „Sparmonate“ einlegen, bevor ich mit der nächsten Reise mein Konto wieder weit ins rote Minus stürze. Zeit genug, ein paar nächtliche und einsame Computer-Wochenenden einzulegen.

Ein lange gehegter Wunsch, meine alten Digitalfotos von vor fünfzehn oder zwanzig Jahren etwas aufzuwerten, mit höherer Auflösung und mehr Details, meinen aktuellen Fotos in der Web-Galerie angepasst. Die Fotos liegen digital auf der Festplatte – nur die Schritte, wie ich sie damals mit Photoshop bearbeitet hatte, kann ich nicht mehr nachvollziehen … Retuschepinsel, Nachbelichtung, Hochpassfilter und Scharfzeichner. Ich werde sie nie zu hundert Prozent originalgetreu rekonstruieren können, es gibt keine Aufzeichnungen oder Notizen.
Reverse Engineering. Ich habe ein Skript geschrieben, welches mir innerhalb ein, zwei Stunden über vierzigtausend unterschiedliche Bilder-Variationen an Helligkeit und Kontrast in einen Ordner schaufelt und mir hinterher eine Liste präsentiert, aus der ich das am nächsten am Original dran liegende Ergebnis ablesen kann. Auf das alte Foto im Rohformat angewendet und mit der ursprünglich vorgesehenen Auflösung neu gespeichert. Warum habe ich sie damals verkleinert? Vielleicht weil die schweren Röhrenmonitore auf meinem wackeligen Computertisch in meinem alten Dachbodenzimmer (das ich jetzt nicht mehr bewohne) dafür nicht ausgelegt waren. Und jetzt sind sie hier in meinem Blog: neu „remastered“:

08/2003 – Das „suicide tgirl“ betritt die Bühne.
06/2004 – Die Comtesse verliert ihre zweite Unschuld.
11/2004 – Ihr Herz zersprang bald in tausend Eiskristalle.
11/2005 – Tiefste Finsternis umgab sie. (3x)
01/2006 – Rückkehr in ein verborgenes Leben. (2x)
01/2007 - Die vielen Nächte unterwegs nach Leipzig.
06/2007 – Unsere Langzeitstudentin an ihrem Fluchtpunkt.

Weitere Bilder folgen die nächsten Tage … (10/10)

[02.09.23 / 23:27] Das vergangene Wochenende in Kassel – ein kleines Gothic-Festival. An zwei Abende je drei Bands aus Italien, eine davon wollte ich schon immer mal live sehen, an meiner alten Lederjacke hing viele Jahre lang ein selbstgemalter Patch von denen … sie waren damals Mitte der Neunziger legendär (und es gab bestimmt nur drei italienische Gothic-Bands, wenn überhaupt). Alles, was ich die zwei Nächte trage und brauche, habe ich an. In meiner Tragetasche über der Schulter findet sich nur noch mein Waschzeug für das Hotel – und meine schwarze Tunika, die mit den langen und weiten Ärmeln.
Der Regionalzug nach Kassel ist übervoll, mein Plan, schon in Halle einzusteigen, ging leider nicht auf. Der Zug aus Magdeburg hatte Verspätung und die wenigen allerletzten Minuten zum Umsteigen reichen nur für einen Stehplatz im beengten Fahrradabteil. Ganze orientalische Großfamilien fahren damit quer durch Deutschland (die Frauen mit den bunten Kopftüchern haben immer die hübschesten Schuhe an). Die nächsten zwei oder drei Stunden, niemand steigt aus, niemand steigt ein – und wenn doch, rutschen alle noch etwas enger zusammen. Ich wechsele meinen Arm ab, mit dem ich mich an einer Stange festhalte. Draußen vor dem Fenster rauscht das Kyffhäusergebirge an mir vorbei. Nächstes Mal nehme ich das Motorrad, ganz sicher.
Kassel, Freitag Nachmittag, über dem Bahnhof hängt ein Gewitter. „Tee-Wetter“, die paar Meter zum Hotel laufe ich nicht im Regen, ich esse erst ein Stück Kuchen und bestelle eine Tasse Tee bei einem Bäcker in der Passage daneben.
Im Hotel, keine Zeit zum Entspannen, eine Dusche, mein Parfüm, die Tunika übergezogen – schwarze Jeans und Pikes trage ich bereits – Kajal, Mascara, meine Lederjacke und raus in die Innenstadt, etwas essen und weiter zu dem „anderen“ Bahnhof. Die italienische Pasta war aber auch lecker – speziell die Gorgonzola-Sauce – als ich das kleine Festivalgelände erreiche, spielt auf der Bühne in der kleinen Halle die erste Band gerade ihre letzten Titel. Trotzdem gesehen. Gleich klatschen. Es ist noch heiß von den letzten Sommertagen in dem Gebäude … genauso, wie das Hotelzimmer.
Die erste Band – Gothic. Die zweite Band – auch Gothic, vielleicht weniger „sperrig“ als die erste Band (aber 'ne hübsche Sängerin – ich darf das denken). Zwischendurch raus vor das Gebäude neben den Abstellgleisen, am Stand etwas trinken – nur Wasser für mich. Ich bin hier nur, wegen der dritten Band.
Als sie auftreten, die mystische Aura, der Gitarrist aus der Ursprungsformation ist alt geworden … die Band hat irgendwann, vor über zwanzig Jahren, ihre Bandmitglieder und den letzten Buchstaben ihres Bandnamens verloren. Die zweite Inkarnation dieser Band mit der Sängerin, hat mich nie so richtig angesprochen. Zurück in der Zeit, Anfang der Zweitausender, ich grase die ganzen Sharehoster im Internet nach obskuren Platten- und Kassettenaufnahmen von noch obskureren Bands ab, um sie in meine Playlist für mein Internetradio einzubauen – und da bin ich dieser Band begegnet. Jetzt auf diesem Konzert, laufen über der großen Leinwand hinter der Bühne die alten VHS-Aufnahmen von den Kunstperformances damals. Ich bin ergriffen.
Nach dem Konzert stehe ich draußen vor dem Merchandise-Stand und überlege, ob ich mir die neu aufgelegte Schallplatte mit den alten Aufnahmen kaufe … hier hat die Band auch wieder ihr altes Logo mit dem letzten Buchstaben. Aber die Enge in dem Zugabteil und meine nur leichte Tasche (im Hotel) lassen meine Entscheidung negativ ausfallen. Den schwarzen Stoffbeutel für quadratische Vinyl-Cover habe ich auch nicht dabei. Gedanken … wenn er, der Gitarrist schon so alt geworden ist und ich die Band seit achtzehn oder neunzehn Jahren bewundere … bin ich dann auch so alt? Glücklicherweise begegnen mir im Publikum noch ein paar „Ur-Grufts“ der zweiten Generation (die Ende der Achtziger) und lassen mich schnell wieder jung erscheinen. Trotzdem … ich nehme den Nachtbus um zwei Uhr zurück ins Hotel, ich will nicht bis morgens durchmachen.
Ein vernünftiger Ansatz, aber … das heiße Zimmer, zurück im Hotel, das überaus sperrige Kopfkissen, das weit geöffnete Fenster – mache ich es zu, wenn es jederzeit wieder regnen und gewittern könnte? Ich habe auch noch Ohrstöpsel drin. Um sechs Uhr den Sonnabend Morgen stehe ich indes unten an der Rezeption und warte auf das Frühstück. Wenn ich schon nicht schlafen kann, dann ziehe ich es vor – anders als der Plan, den Wecker auf kurz vor zehn Uhr zu stellen, um ja nicht das üppige und bezahlte Frühstücksbuffet zu verpassen. Präzise 6:27 Uhr – noch drei Minuten bis zur Eröffnung – und zwei andere Gäste schieben sich aus dem Nichts davor und ruinieren meinen Moment, ein unberührtes Buffet vorzufinden. Ich schlage zu, ich esse alles. Mini-Croissant, Mini-Brötchen, Obst, Margarine, Marmelade, Nuss-Nougat-Creme, Danish Rolls und Vanille-Pudding-Teig-Plunder – und zwei Gläser Saft, aber keinen Kaffee. Den hebe ich mir für nach zwölf Uhr mittags auf, wenn ich nach ein paar wenigen Stunden Schlaf doch wieder aus dem runtergekühlten Hotelzimmer falle.
Der Sonnabend. Vorbei an den vielen Schaufensterscheiben mit dem großen „Sale“ Angeboten. Hier „50%“ da „70%“. Eigentlich ist mein schmales Budget sehr begrenzt (es hat nur für den Regionalzug gereicht), aber ich kann nicht widerstehen … der Schuhladen in der Kasseler Innenstadt veranstaltet einen Räumungsverkauf. Das runtergesetzte Paar Pantoletten mit Flip-Flop-Akzentuierung landet in einer großen Einkaufstüte. Auch wenn der Sommer fast vorbei ist – diese Schuhe werden meine „Frühstücksschuhe“, wenn ich in ein paar Monaten damit runter in die Hotel-Lobby gehe. Auch das Hotel, in dem ich aktuell nächtige, werde ich gleich meine neuen Schuhe ausprobieren, später dann, den nächsten Morgen zum Sonntagsfrühstück.
Weiter durch die Innenstadt, ein Café, ein Italiener. Eine überaus ölige und original schwere Pizza in einem italienischen Ristorante – ich sitze draußen in Schwarz, meine große Sonnenbrille sagt alles. Weiter das Kaffee suchen, ich habe die Empfehlung falsch verstanden, ich wollte ein Café mit gutem Kuchen. Gefunden habe ich ein Kaffee mit Schwerpunkt auf … Kaffee. Ein großer Cappuccino an einem Tisch draußen. Die Gegend und die Leute beobachten. Kassel ist anders, ich bin das aus der tiefsten Ostprovinz nicht so gewohnt … die vielen „Südländer“.
Zurück den Nachmittag mit der Straßenbahn zum Hotel, derselbe Ablauf wie den Tag zuvor, mein Gothic-Outfit wechseln. Patchouli und Silberschmuck. Kette, Ring, Armreif und Armband – die beiden aus Tunesien und Marrakesch. Meine seit sechs Wochen schwarz lackierten Fingernägel (mit Glitzer) sind schon dreimal nachlackiert. Zurück zu genau dem Platz mit dem Kaffee – jetzt aber schräg gegenüber die Imbissbude mit einer großen Portion „Fritten“ – auch wieder eine Restaurantempfehlung aus meinem familiären Umkreis (ich bin das Wochenende nicht alleine unterwegs).
Zu Fuß die Straßen durch die Innenstadt zu dem Bahnhofsgelände, der zweite Festivalabend hinten an dem Abstellgleis. Wieder drei Bands, von der ich nur den Headliner kenne. Die erste Band – Italiener, wie alle Bands dieses Wochenendes – ältere Herren mit Reminiszenzen an so Bands wie „Bauhaus“, „Sisters“ und die „Fields“. Kompromissloser Gothic-Rock. Es sind wesentlich mehr Festivalgäste gekommen, als den Abend zuvor. Die zweite Band – eigentlich ist es nur ein älterer Mann, kaum zu glauben, dass er schon seit 1978 dabei sein soll und die Ursprünge des Punk noch kennengelernt hat. Seine unschuldige und jugendliche Art, das Publikum anzusprechen, machen ihn viel mehr jünger. Er performt an seinen Synthesizern und Drumcomputern und singt – erzählt seine italienischen Texte. Ich versuche mit meinem begrenzten Sprachwortschatz, etwas zu verstehen. Es reicht, um nicht die ganze Zeit im Publikum zu tanzen und um darüber nachzudenken: Moment, habe ich das da gerade richtig verstanden? Düsteres Zeug.
Und es wird noch viel mehr finster. Die dritte Band – ich muss sie schon vor zig Jahren mal Pfingsten in Leipzig gesehen haben. Der Sänger, der auch nicht jünger geworden ist, spricht seine Texte sehr deutlich ins Mikrofon. Dinge, die nur Italiener verstehen können, ein erzkonservatives und katholisches Land. Es musste solche Gothic-Bands hervorbringen, um das alles zu verarbeiten. Das Thema zieht sich durch den ganzen Auftritt, die Zugabe – mit ihm alleine – artet in eine sperrige Performance aus. Nur mir fällt auf, dass das das erste Factory-Preset auf dem Korg-Synthesizer ist – genau dieses Modell habe ich auch.
Danach die Disko, die DJs der letzten Nacht waren wirklich gut, interessantes Zeug, das ich gar nicht kannte, oder erfrischende Cover-Versionen oder Remixe alter Goth-Klassiker. Die DJs den zweiten Abend … nett, aber wenn ich die Playlist in Gedanken mitschreiben kann – es sind auch meine Lieblingssongs (mit einstudierter Tanzperformance). Dennoch, ich bleibe auch die zweite Nacht nicht lange und will wieder den Zwei-Uhr-Nachtbus von dem einen Bahnhof zurück zu dem anderen Bahnhof nehmen, um spätestens drei Uhr nach Mitternacht ins Bett zu fallen. Der Bus an der Bushaltestelle fährt an mir vorbei … ich bin zu schwarz und dunkel angezogen? Ein Taxi am Taxistand daneben: „Folgen Sie dem Bus!“ Ich wollte schon immer mal so etwas Aufregendes sagen. Der Taxifahrer hängt sich dahinter und nimmt irgendwann eine Abkürzung und ich komme noch vor dem Bus an meinem Ausstiegsort an. Trinkgeld und mein Restbudget für dieses Wochenende ist aufgebraucht.
Zurück im Hotelzimmer, für das Mascara habe ich mir wieder neue Abschminktücher aus der Bahnhofsdrogerie geholt. „Entfernt zu 99% wasserfestes Augen-Make-up“, ohne Alkohol. Der Room-Service hat mir netterweise ein weicheres Kopfkissen zurecht gelegt, dafür habe ich unten an der Lobby auch alle anderen Mängel aufgezählt (verdammte Arbeit als Tester). Ein wenig schlafen, ein paar Stunden. Später dann den Sonntag Vormittag, viel Zeit zum frühstücken (meine neuen Schuhe), alles zusammenpacken (ich habe ja nicht viel dabei), auschecken und die paar Schritte zurück zum Bahnhof.
Und auch der Zug am Sonntag ist voll … mehr als voll. So viele Menschen, so viele unterschiedliche Festivals, so viel Interessantes unterwegs. Hier eine Anime-Manga-Con, da ein Indie-Festival, dort ein paar Metaler. Ich ergattere mir schnell einen Sitzplatz und werfe aus einem Meter Entfernung meine Jacke und meine Tasche darauf, es war wahrscheinlich der letzte noch freie Sitzplatz in dem gesamten Zug. „Ich stehe nicht schon wieder die gesamte Fahrt!“ Die Menschen, die ich wieder mit Blick ins Fahrradabteil sehe, tun mir leid … diese quälend langen Stunden. In den Zwischenhalten, zwischen Kassel und Halle, steigen noch mehr ein, ein Festival an einem Stausee, mit Schlafsack und Isomatte. Es wird bizarr, sie „campen“ auf den Gängen zwischen den Sitzen, wer zur Toilette hin und zurück will, muss einen Weg „darüber“ finden. Ich starre die Decke an. Zurück in mein Heimatkaff.

[21.08.23 / 00:52] Mein Plan: Ich mache das so, wie in Leipzig vor ein paar Wochen, dieselbe Temperatur, derselbe Ablauf. Das Fest mit der Bühne und den Ständen lasse ich sein, nach der Demoroute zurück ins Hotel, eine Dusche nehmen und wieder ausgehfertig für die Nacht zur großen Abschlussparty machen. Nur dass ich hier kein Hotel brauche, ich nehme einfach den nächsten Regionalzug den Nachmittag zurück in meine Provinz-Kleinstadt und Wohnung. Mehrere Runden noch in der Hitze durch die aufgebauten Stände … der Stand mit den Flaggen hat leider keine Progress-Regenbogenflagge mehr, ich will auch so eine an meinem Fenster draußen zur Straßenseite aufhängen (gesehen das letzte Wochenende in Leipzig, im Wind wackelnd von dem Tisch von der Bar aus, mit meinem „Date“). Es ist noch Zeit am Hauptbahnhof, für ein Stück Kuchen und eine weitere Flasche Wasser (ganz wichtig). Essen war ich schon vorher, Falafel Döner.
Mein Badezimmer oben auf dem Dachboden, die Ventilatoren so aufgedreht, dass die Hitze etwas erträglicher wird. Ich bin das gewohnt, ich lebe schon Jahrzehnte auf Dachböden. 21 Uhr nochwas den Sonnabend Abend, Beine rasieren – diese tatsächlich eine (kühlere) Etage tiefer, in das, was einmal mein neues Badezimmer werden soll – eine Dusche nehmen, vor meinem großen Spiegel das Make-up auftragen. Ein feiner Kajalstrich, dezentes, schwarzes Mascara und dann die Kajal-Lidschatten-Melange in der äußeren Hälfte des Augenlids noch oben hin weg verblenden. Lippenstift brauche ich nicht, weiteres Make-up würde ohnehin sofort zerfließen, ein Sprühstoß des zum Duschbad passenden Parfüms auf meinen Nacken und ich kann mich meiner Kleiderwahl für die Nacht widmen: der schwarz-weiße Rock und das kurze, schwarze Top mit den etwas längeren Ärmeln, zusammen mit dem Silberschmuck (Armreif, Armband, Ring und Kette mit indischen Anhänger) und die schwarzen Plateaupumps aus Wildleder. Für die Fahrt zur Disko wechsele ich auf auf ein Paar Ballerinas – ich nehme das Auto. 22 Uhr nochwas und ich bin raus und bereit für die Nacht.
Mit meinem Roadster im Dunkeln durch die ländlichen Straßen, unzählige Male bin ich diese Strecke schon gefahren, als ich noch frisch den Führerschein hatte und ich dieses Kaff endlich verlassen konnte, zur Disko nach Magdeburg … damals vor fünfzehn oder zwanzig Jahren gab es da noch was mit Gothic. Jetzt bin ich auf dem Weg zur CSD-Abschlussparty in einer vielversprechenden Venue im alten, freigelegten Festungsring rund um den (plattgebombten) Innenstadtkern von Magdeburg … da wollte ich schon immer mal hin. Drei bis vier Tanzflächen, von Techno, Rave, bis Achtziger/Neunziger. In meinem Autoradio läuft ein tanzbares Album eines Retro-Minimal-Wave Künstlers. Viele Autos fahren die nächtliche Straße entlang … sie wollen alle von hier nach dort zur nächsten Disko.
Als ich den Veranstaltungsort erreiche, bin ich viel zu früh da, der Club macht erst in einer halben Stunde auf – und das ist mit 23 Uhr schon ziemlich früh, wenn es woanders erst um „23:59“ losgeht. Vielleicht haben sie an die älteren CSD-Gäste gedacht, die das nicht mehr so können. Mein (weiterer) Plan: Früh kommen, früh gehen, früh – also noch vor Sonnenaufgang – wieder ins Bett fallen. Ich biege auf den kleinen Parkplatz mit der Bretterbude für den Eingang und der noch verschlossenen Tür ein. „Boing!“ Mein tiefergelegter Sportflitzer kratzt über so eine, wirklich ungünstig gelegene Bordsteinkante. Die wenigen Besucher, die da schon am Eingang stehen, werden nach und nach mehr und es entwickelt sich zu einer kleinen Attraktion, die einfahrenden Autos und die fiese Bordsteinkante zu beobachten (es werden vielleicht schon Wetten abgeschlossen). Bis sich jemand erbarmt und eine Tonne als Markierung auf diese ungünstigen Stelle zieht. Zu spät für mich, ich kontrolliere nach dem Aussteigen und dem Wechseln meiner Schuhe, mit meinem Kameralicht den Seitenschweller, genau diesen habe ich schon einmal in einem Parkhaus verloren.
Draußen am Eingang, warten, in der Hitze des Abends. Grillen zirpen. Ich werde von zwei jungen NBs angesprochen – sie benutzen das Wort „Sie“ – ob ich einen „Muttizettel“ unterschreiben könnte, sie bräuchten noch eine Aufsichtsperson, um in die Disko reinzukommen. „Ja, OK.“ Ich habe eigentlich gar nicht so richtig die Ahnung, was das für mich bedeutet und was das für Konsequenzen für mich hätte, wenn da irgend etwas hinterher schief läuft, aber ich lasse mich überreden. Warum nicht, ich habe mich auch mit fünfzehn in die Disko geschmuggelt und da ist nichts passiert. Die beiden haben schon einen Ausweis, sind nur noch nicht volljährig. „Ich nehme meinen alten, männlichen Namen. Da kommen die nie drauf!“, ich bin wahrscheinlich die schlimmste Wahl, um verantwortungsbewusste, erziehungsberechtigte Person zu werden. „Ich bin jetzt er-zieh-ungs-be-rech-tigt.“ Die Kasse öffnet sich, ich zeige mein Ticket aus dem Vorverkauf auf meinem Telefon, die beiden da gehören zu mir. Gleich hinter dem Eingang sind sie frei und können machen, was auch immer sie machen wollen. Der Club ist ein Safe Space. Immer, wenn ich die Nacht die Tanzflächen wechsele, werde ich mal nach den beiden Ausschau halten, ob ich sie irgendwo noch sehe, oder ob sie Probleme haben (vielleicht zu viel getrunken). Aber ich werde hier nicht die „Anstandsdame“ (und tatsächlich sehe ich sie danach auch nicht mehr).
Ich erforsche diesen Club, diese alte Festungsanlage mit den Gewölben. Langgezogen, mit vielen kleinen Ecken und Nischen. Dunkel, spärlich beleuchtet, drei kleine Tanzflächen und Bars drinnen, eine große Tanzfläche draußen auf einem Holzparkett und einer stark frequentierten Bar daneben. Der Club füllt sich schnell. Diese wunderbar laue Sommernacht ist einfach zu verlockend, draußen zu feiern. Ich bestelle mein erstes, alkoholfreies Mate-Getränk.
Die Tanzfläche unter dem wolkenverhangenen Sternenhimmel, jedes Mal, wenn etwas Bekanntes aus den Achtzigern oder Neunziger-Eurodance gespielt wird, bin ich oben auf dem Parkett und schlurfe in meinen Plateaus. Eurodance … da hätte ich als Goth nie zu getanzt. Drinnen in den Gewölben, die eine Tanzfläche mit den wechselnden DJs und DJanes, mal Afro-Beat, mal Acid-Rave. Unter dem Stroboskop-Gewitter lasse ich mich rhythmisch fallen. Hämmer mir diese Scheiße aus dem Kopf! Ich habe ständig noch diese Bilder von der Reichsbürger-Veranstaltung den Nachmittag zuvor in mir. Wie die da mit ihren Flaggen und Trommeln marschiert sind, wie bedrohlich das Ganze wirkt – und was das für eine Gefahr für die ganze queere Community und das freie Leben werden wird … werden könnte. Bin ich zu dystopisch? Auf jeden Fall wirkt der Rave in den kühlen Gewölbegängen: ich schließe beim Tanzen meine Augen und es erscheinen die inneren Bilder von den unzähligen Partys auf denen ich war, mit den vielen interessanten, queeren, alternativen und schönen Menschen.
Nach und nach, ein zweites Mate-Getränk, ein Glas Wasser, eine experimentierfreudige Matcha-Brause. Die schmutzigsten und überlaufendsten Damenklos, in der der Boden immer nass ist und permanent das Klopapier fehlt und dafür die Mülleimer überquellen. Draußen alles beobachten, an einem Tisch stehen, drinnen durch die Gänge laufen, den Bauch einziehen, mich durchschieben. Schade, dass ich nicht wirklich angesprochen werde. Eine etwas ältere Frau hat mal auf dem Tresen ein paar Münzen für mein Mate-Getränk liegen gelassen – ich habe das nicht verstanden und mein Getränk selbst bezahlt. Einmal wurde ich gefragt, ob der Platz auf der Bank neben mir noch frei ist – aber ich erwarte auf schwulen Partys nicht, angesprochen zu werden. Ich bin als trans Frau uninteressant. Trans Frauen haben keine Freunde. Wenn ich eine trans Frau in der Menge erkenne, stöckelt sie immer alleine irgendwo herum. Stunden zuvor auf dem CSD habe ich wieder die Eine gesehen – sie ist mit ihren ein Meter neunzig aber auch ziemlich auffällig – nur sie anzusprechen, das habe ich mich nicht getraut, bin nur an ihr vorbeigetanzt. Vielleicht kommt sie die Nacht hier auch vorbei, in diesen Club? Dann könnte ich vielleicht den Mut aufbringen … sie wird nicht kommen, sie wäre mir ganz sicher wieder aufgefallen.
3:30 Uhr, mein Wollponcho, den ich noch im Auto, für alle Fälle, auf dem Beifahrersitz liegend, mitgenommen habe, habe ich doch nicht gebraucht. Mein schwarzes Top ohne Unterhemd reicht auch jetzt noch aus. Meine Füße, meine Zehen schmerzen – wie Profi-Ballerinas habe ich die Schuhspitzen meiner Plateaus mit Taschentüchern ausgestopft, um einen besseren Halt darin beim Tanzen zu haben. Draußen auf dem Parkplatz, als ich den Club dann doch für den Heimweg verlassen habe, ziehe ich sie mir vorsichtig vor meinem Kofferraum wieder aus, lege sie einen nach dem anderen hinein und wechsele einbeinig hüpfend in meine flachen Ballerinas zum Auto fahren. Klappe zu, noch einmal den Seitenschweller auf der Beifahrerseite abklopfen – alles hält – und ich steige ein. So viele Menschen stehen noch auf dem kleinen Parkplatz herum, ein Kommen und Gehen – ich bin mir sicher, die Party geht noch bis Sonnenaufgang.
Die Straße durch die Nacht und den tiefdunklen Morgen wieder zurück, der vorausgesagte, morgendliche Nebeldunst ist noch nicht eingetroffen. Ich fahre allein, niemand ist sonst unterwegs. Zu Hause biege ich mit meiner lauten Musik im Autoradio auf die kleine Stellfläche mit der Garage ein. Die Funkfernbedienung für das Rolltor. Ein Fade-out am Drehknopf für die Lautstärke. Das Album werde ich die nächsten Tage, wenn ich wieder morgens zur Arbeit fahre, weiterhören. Oben im Badezimmer im Dachgeschoss, das mit dem großen Spiegel … die Packung mit den feuchten Tüchern zum Entfernen des Augen-Make-up ist jetzt leer, es war das letzte Tuch. Fünf Uhr nochwas, eine Etage tiefer, ich kann mich endlich ins Bett fallen lassen. Den heißen Sonntag in ein paar Stunden mache ich einfach gar nichts mehr, ich bin zu erschöpft. (Ende Teil 2/2)

[21.08.23 / 00:51] Ich habe Dinge gesehen … (2) – Der CSD in Magdeburg 2023. Die Kleiderfrage: Wenn es kühl wird, komplett in Leder, alles, was ich habe, Jacke, Stiefel, Minirock und leichte Handschuhe. Wenn die Rechten dort aufmarschieren, dann komplett in Schwarz, Kampfstiefel, Kapuzenpullover, Sonnenbrille, vielleicht eine Bauchtasche für die nötigsten Utensilien und die Motorradhandschuhe mit dem Knöchelschutz. Es wird laut Wetterbericht, jenseits von dreißig Grad werden, mit schönstem und heißesten Sonnenschein und meinen ganzen Plan wieder umhauen.
Die Nächte davor waren schon ziemlich heiß (und schlaflos), ich habe mir auf den Kleiderbügeln mein finales Outfit zusammengestellt, mein schwarz-weißer Blümchenrock, das kurze, schwarze Mini-Top und das weite, schwarze Tank-Top mit der markanten Aufschrift: Not Afraid of Love – das habe ich schon länger nicht mehr angezogen, alles zusammen mit meinen robusten Keilsandaletten und meiner obligatorischen, dicken, schwarzen Sonnenbrille. Ich habe aus dem letzten CSD in Leipzig gelernt, ich nehme die absatzlosen, leichten Schnürschuhe für die Demo und die Plateaupumps mit Absatz für die Party danach – und zwei Tops – damit ich das durchgeschwitzte dann wechseln kann. Es wird alles spontan werden (welches Top ich zuerst anziehe), wenn ich dann nach der nächsten heißen Nacht den Sonnabend im August aufwache.
Sieben Uhr nochwas … Zeit genug, noch einmal die Beine nachzurasieren, ein legeres Frühstück draußen im Garten auf der überdachten Holzterrasse einzunehmen, alles in meine Stoffhandtasche zusammenzupacken – das weite, schwarze Top mit der Aufschrift anzuziehen – pinkfarbene Schnürsenkel zusammenzubinden und mich die fünf Gehminuten zum Bahnhof fahren zu lassen. Gegen zehn Uhr auf nach Magdeburg.
Es ist wie immer, voller Menschen, die ganz jungen in ihren buntesten Fahnen. Ich gehöre nicht zu dieser Regenbogen-Gruppe, mein Weg trennt sich – ich laufe zielgerichtet zum Domplatz mit der dort angekündigten Gegenveranstaltung der Reichsbürger. Warum? Was will ich da? Ich will sie sehen, ich will wissen, was das für Menschen sind. Geschichtsrevisionisten, Esoteriker oder einfach auch nur Anarchos, wie ich? Im schlimmsten Fall sind es brutale Skinheads mit Nazi-T-Shirts und ich könnte dort umgehend abgestochen werden. Ich will auch wissen, wie die Polizei das dort ordnet, wenn wenige Stunden später den frühen Nachmittag beide Demos, also die rechte Kundgebung und der dort vorbeiziehende und eine Pause einlegende CSD auf dem großen Platz aufeinandertreffen – und ich will bis dahin mich in ein Café setzen und im Schatten, geschützt vor der Sonne, darauf warten – und irgendwo soll noch eine „Gegen-Gegenkundgebung“ der Linken sein.
Ich schaffe es problemlos bis zum Platz, eine Waffel spätes Frühstückseis in der Hand, ich sehe ganz touristisch harmlos aus und sondiere schon einmal die Lage. Lage, Auftrag, Nachbarn, Grenzen … Ich bin der militärische Arm der Trans-Antifa. Der Platz ist groß, die rechten Veranstalter haben eine kleine Fläche für ihre Kundgebung auf der Seite, die vom Dom abgegrenzt wird. Es gibt mehrere Zugänge auf diesen Platz, rundherum sind Gebäude, unter anderem der Landtag von Sachsen-Anhalt (und mir ist aufgefallen, dass die Regenbogenflagge dort abgehängt wurde, wenn sie überhaupt hing). Fluchtwege, bereitstehende Polizeifahrzeuge, nicht ganz so viel Bereitschaftspolizei. Es wirkt friedlich, die Absperrgitter für später sind noch gar nicht aufgebaut. Ich wähle das abgelegenere Café am anderen Ende des Platzes für meinen Spähposten und eine große Tasse italienischen Cappuccino. Das zweite Café dort hinten neben der Kundgebung wird bestimmt mehr von „denen“ besucht. So weit die Theorie.
Die Leute am Nachbartisch fallen mir gleich auf, ältere Männer, adrett gekleidet, die eingerollte schwarz-weiß-rote Reichsflagge neben sich. Die ältere Frau, die sich wenig später zu mir an meinen Tisch setzt, wirkt eigentlich ganz nett … bis ich sie ein oder zwei Stunden später glaube wiederzuerkennen, in der ersten Reihe der Trommler auf ihrem Marsch rund um den Domplatz. Jetzt an diesem Tisch in dem überdachten Außenbereich des Cafés unterhalten sie sich nur ganz locker, über Reichsbürger-Themen, was Reichsbürger so interessiert, so die Zeit mit dem „Norddeutschen Bund“ (1867 – ich habe es im Wiki nachgelesen), ihr Credo: „Da müssen wir wieder hin!“ und natürlich kennen sie auch alle historischen Flaggen der Bundesstaaten auswendig, von Preußen bis Sachsen, die wenig später auf dem großen Platz zur Flaggenparade aufgereiht werden! Ich beobachte währenddessen das Treiben dort hinten am Dom und lausche, mehr oder weniger unfreiwillig, den Gesprächen der Gruppe an meinem und dem Nachbartisch … Großer Gott, ich werde hier noch umgedreht!
Mit Beginn der Aufreihung für die Flaggenparade leert sich das Café schlagartig. Die martialische Trommelgruppe zieht an mir vorbei, sie dürfen den Platz zweimal umrunden, angeführt von einer Polizeiwanne als Eskorte. Die Fahnenträger verschwinden alle nacheinander aus meinem Sichtfeld, hinter das Landtagsgebäude zur Elbe hin … hätten nur noch Fackeln gefehlt, aber dafür ist es die Mittagszeit leider viel zu hell. Erst war ich noch in dem Gedanken, dass das gemäßigte Reichsbürger sein könnten, so mit der Einstellung: Ob du schwul oder trans bist, interessiert mich nicht. Das ist deine Privatsache, was du mit deinesgleichen in deinem Haus oder in deiner Freizeit machst, ob du da ein Röckchen trägst, mit anderen Männern „Liebe machst“, oder was auch immer. Täusch dich nicht, der Hass ist grenzenlos. Die Situation mit dem Aufmarsch wirkt auf mich bedrohlich und weckt innerste Fluchtreflexe … ziehe ich mich auf die Toilette des Cafés zurück? Selbstverständlich die Damentoilette – das ist mein Schutzraum! Haue ich einfach ab? Ich muss meinen Kaffee noch bezahlen. Ich tue mir die ganze Scheiße an und blicke von meinen Sitzplatz aus weiter auf die Szenerie. Zurück aus der Damentoilette, mit ganz viel Sonnencreme auf der Haut, den Kaffee (und den Orangensaft) bezahlt, verlasse ich das Café an dem einen Ende des Domplatzes und laufe rüber zum Dom auf die andere Seite, von irgendwo habe ich die „Alerta Antifascista“ Rufe gehört.
Sie sind da! „Freunde!“ Mein Lächeln in meinem Gesicht, als ich auf die kleine Gegen-Gegenkundgebung der Linken treffe. Eine ganz kleine Gruppe an der Ecke des Doms, aber in unmittelbarer Nähe der rechten Kundgebung, nur getrennt durch eine Straße, ein paar Absperrgitter und ein paar Bereitschaftspolizisten in blau-schwarzer Montur. Die Lautsprecherboxen werden aufgedreht und die Faschos / Nazis / RBs dort drüben beschallt. Ich bin weiterhin in meiner angespannten, emotionalen Lage und beobachte die Flanken, rechts, links, hinter mir. Lage, Auftrag, Nachbarn, Grenzen: Gegenkundgebung und Gegen-Gegenkundgebung, auf die Ankunft des CSD warten, die Stellung halten, Flagge zeigen (Regenbogen und die Rote), Nazis beschallen. Sind Reichsbürger auch Nazis? Ich hätte nicht so lange in dem Café mit der Gehirnwäsche ausharren sollen …
Die Sonne dreht sich, der Schatten wandert, die kleine Gruppe wandert mit. Die große Kundgebung dort drüben auf dem Domplatz muss in der Sonne schwitzen, wir haben es hier an der Ecke des Doms eigentlich ganz angenehm und kühl. Jemand aus der Orga hat Wasser und Eis bereitgestellt. Es gibt nur ein oder zwei Pöbeleien von ein paar angetrunkenen Rechten, so wie ich mir Skinheads aus den Neunzigern vorstelle – jetzt eben mit Ü50, grauhaarig und Bart, aber immer noch irgendwie asi und braune Scheiße im versoffenen Kopf. Die neue Rechte mit akademischen Bildungsgrad ist weitaus gefährlicher und ich bin mir nicht so hundert Prozent sicher, ob ich nicht auch ihren Gedanken erliegen könnte. Sie haben schon eine von uns umgedreht – und das war die hübscheste trans Frau auf ganz YouTube! Ich bin hier unter Freunden. Kommunistische Kampflieder und Anarcho-Punk-Songs werden angespielt.
13 Uhr geht der CSD auf dem alten Markt los, 14 Uhr wird er hier vorbeiziehen. Bässe sind zu hören, Sprechdurchsagen, laute Musik und die Demotrucks des großen CSD beginnen langsam auf den Domplatz einzubiegen. Endlich! Wir haben auf euch gewartet. Die linke Gegen-Gegenkundgebung wird von Polizisten abgeschirmt. Wir winken den lauten Demotrucks mit den bunten Regenbogenfahnen entgegen. Ich hoffe, sie wissen es zu würdigen, dass wir hier die Stellung gehalten haben, als letzte Bastion gegen den ganzen rechts-konservativem Gedankenkram, der eigentlich nichts anderes will, als unsere vollständige Vernichtung und Auslöschung. Keine bunten Fahnen mehr, nur noch grauer Matsch und Düsternis.
Der CSD zieht weiter, auf die andere Seite des Platzes zum Landtag hin. Die Rechten wenden uns den Rücken zu – sie sind mehr fixiert auf den CSD und sehen in den – ja, es sind Kinder, mit bunten Regenbogenfahnen und Glitzer im Gesicht – ihr Feindbild. Jetzt mal ehrlich: Wie krank seit ihr im Kopf? Unsere linke und antifaschistische Demo löst sich langsam auf. Einige schließen sich gleich dem CSD an, andere später. Ich wollte eigentlich auch nur bis hierhin warten und dann mit dem CSD weiterziehen. Ich nutze das Angebot, in einer Gruppe zu laufen – Seitenstraßen mit alkoholisierten Fascho-Gesocks sind unberechenbar. Der Stand wird abgebaut, die letzten Flaschen Wasser und Eis am Stiel werden verteilt (nett, für das Angebot).
Spätestens auf dem großen Hasselbachplatz (so ein Magdeburg-Ding), gehe auch ich mit unter in die große Gemeinschaft des CSD. Hier sind es wieder mehrere tausend Menschen und mehrere Demotrucks. Vielleicht hat sich vorhin der Zug geteilt? Nicht jeder CSD-Teilnehmer und Teilnehmerin sucht die Konfrontation mit den Rechten. Hier auf dem zentralen Straßenplatz mit der letzten, bunten Kundgebung ist wieder alles normal. Der Zug zieht weiter mit lautester Musik in der sengenden Sommerhitze dieses Wochenendes im August. Die absatzlosen Schuhe und der schöne Rock und das bequem sitzende, breit geschnittene Tank-Top waren gut gewählt von mir. Die Trucks vorne und hinten, die unterschiedlichste Musik, die vielen interessanten Menschen, schwul, trans, lesbisch, was auch immer, hier und da 'ne Drag Queen. Ich bin zu Hause und tanze mich zu der Rave-Musik durch die Menge und den breiten Innenstadtstraßen. Wenig später: der Tross des CSD erreicht seinen Anfangs- und Endpunkt, wie jedes Jahr, der alte Markt von Magdeburg mit dem Rathaus (und hier hängen auch wieder die Regenbogenflaggen). (Ende Teil 1/2)

[13.08.23 / 19:58] Die perfekte Shopping-Tour durch die Innenstadt von Leipzig: vom Hauptbahnhof kommend, die Fußgängerzone durch die Seitengasse in Richtung Marktplatz einbiegen, zielgerichtet den Laden mit den französischen Cremes und Duschen anvisieren, mein Haarshampoo – das ich schon immer benutze – landet in meinem schwarzen Umhängebeutel … meine Lederjacke ist da eingerollt auch schon drinnen. Gratis Handcremes einstecken, weiter zum teuren Kaufhaus am Marktplatz.
Die Runde unten, die Runde oben … alle Kleiderstangen mit dem gelben „Sale“ Symbol absuchen. Wo finde ich einen schicken Blazer für die Arbeit? Die zwei Kolleginnen haben auch einen, ich muss da mithalten. Schwarz, grau, langweilig, weniger langweilig mit Strickmuster und elegant chic – leider nicht mehr in meiner Größe. Der Preis auf dem Etikett hätte am Ende nicht mehr gezählt. Ich bewundere das schöne, silbern glitzernde Abendkleid mit den Pailletten einer Nobel-Marke … ein Frustkauf? Ich reiße mich zusammen. Die Sonnenbrille auf, das Kaufhaus verlassend, rüber zum nächsten Kaufhaus im höheren Preissegment. Aber vorher noch um die Ecke, auf den Weg dorthin, eine Kugel italienisches Eis essen. Stracciatella.
Das zweite Kaufhaus, Rolltreppe nach oben, nach unten … oben gibt es wenigstens die britische Marke mit den hübschen Hippie-Kleidern – eines davon trage ich genau in diesem Moment für den Tag. Einen passenden Blazer finde ich auch hier nicht. Ich brauche etwas, um seriös auf der Arbeitsstelle, im Büro zu wirken. Meine Punker-Lederkutte mit den Buttons ist vielleicht etwas zu viel und nicht so angemessen. Eine Chance habe ich noch: das andere Kaufhaus in dem Dreieck rund um den Marktplatz. Wenigstens habe ich zurück in dem ersten Kaufhaus schon etwas bequeme Unterwäsche für mich eingekauft, ein bügelloses und ultrabequemes, schwarzes BH-Top. Zumindest dieser Punkt auf meiner To-do-Liste ist abgehakt.
Das dritte Kaufhaus habe ich schnell erledigt, nichts für mich. Wenige Meter weiter biege ich den frühen Sonnabend Nachmittag in die Seitengasse mit den zwei Cafés ein. Ein Stück Zupfkuchen und eine große Tasse Cappuccino. Die Leggings unter meinem Kleid ziehe ich gleich an meinem Sitzplatz unter dem Tisch im Außenbereich aus, schattig beschützt unter der großen Sonnenmarkise. Das kleine Stoffteil verschwindet schnell auch eingerollt in meiner Handtasche, das schwarze Unterhemd folgt wenig später unten in der Damentoilette des Cafés. Etwas frisch machen vor dem Waschzimmerspiegel … und weiter zu der großen Shopping-Mall, die ich draußen am Tisch vor mir am hinteren Ende der Seitengasse schon gesehen habe.
Später Nachmittag in der Stadt, schwül heiß, wird es regnen? Auch die klimatisierte Shopping-Mall laufe ich kreuz und quer ab, meine Keilsandaletten mit dem Klettverschluss sind gut eingelaufen. Ein größeres Bekleidungsgeschäft hier kenne ich noch gar nicht, ein Leipziger Traditionsbetrieb mit mal nicht immer wieder dieselben Marken. Hier und da etwas Hübsches, aber leider keinen Blazer für mich. Das Budget ist für diesen Tag fest eingeplant.
Zurück zum Hauptbahnhof, 17 Uhr nochwas. Pünktlich auf die Minute, mein Date abholen. Er kommt aus einer anderen Stadt … hier irgendwo in Ostdeutschland. Wir wollen etwas Essen gehen und vielleicht einen Kaffee trinken …
Der Abend hat begonnen, alle meine Pläne, welches Restaurant, sind nicht mehr so wichtig. Der Regen hat eingesetzt – ein kurzer Gewitterschauer – kein Problem, ich habe einen Schirm mit in meiner Handtasche. Ein indischer Schnellimbiss draußen unter der Plane als spontane Lösung und wir lassen uns danach weiter treiben, rüber auf dem Marktplatz. Eine Bühne ist dort aufgebaut, viele Menschen, viel Musik. Dahinten ist die enge Gasse mit den Bars, ich will unbedingt mit ihm dorthin, wir finden auch einen Platz für Zwei, geschützt vor dem Lärm, geschützt vor dem Wetter.
Gespräche … er ist nett, aber fünfzehn Jahre jünger als ich und nicht unbedingt an mir interessiert – in sexueller Hinsicht. Aber das war vorher schon klar. Geschichten über Marrakesch, die Mopeds, die sehr engen Straßen, die vielen Menschen, nicht anders, als in der engen Gasse mit den Bars und dem Marktplatz hinter uns, in der wir gerade an einem kleinen Tisch sitzen. Ich bestelle einen Pfefferminztee und mache die Geste, wie die marokkanischen Tee-Sommeliers ihren Tee hoch erhoben mit dem Kännchen in die kleinen Gläser füllten. Den ersten Regionalzug zurück lasse ich gehen, ich nehme später vom Hauptbahnhof aus den zweiten und allerletzten Zug zurück in mein drei Bahn-Stunden entferntes Heimatkaff. Ich möchte mehr Zeit mit ihm verbringen und seine Geschichten hören.
Den späten Abend zurück zum Hauptbahnhof, immer noch viele Menschen. Vielleicht liegt meine Wahrnehmung nur daran, dass unten in der Einkaufspassage um diese Zeit, kurz vor 22 Uhr, nur noch diese eine Kaufhalle offen hat und alle Jugendlichen und Party-Volk sich dort mit Alkoholika eindecken. Er hat Stil, mein Fingerdeut auf das Dosenbier lehnt er ab, wirklich alle hier kaufen Flaschen … irgendwie gibt es immer einen Weg, diese kleinen Flaschen auch ohne Öffner aufzumachen. So viel Bier, so viele Sorten in den Regalen, ich habe schon Jahrzehnte keines mehr getrunken. Das Thüringische, das Holsteinische, weit weg die Zeit im hohen Norden.
Meine S-Bahn fährt kurz nach 22 Uhr, wir müssen uns wieder verabschieden. Vielleicht sehen wir uns wieder? Warum nicht. Auch diese S-Bahn ist um diese späte Zeit voll, es ist schwer, noch einen Sitzplatz zu ergattern, ich habe Glück. Der Zug fährt durch die Nacht, ich sehe nichts von draußen. Es ist kalt, aber ich habe noch meine Leggings in meiner Handtasche. Das Unterhemd habe ich mir, zurück in der Bar vor einigen Stunden, auch schon unten in der Damentoilette wieder angezogen. Die Zeit auf der großen Digitalanzeige vor mir an der Decke des Zugabteils, vergeht. Gedanken.
Noch ein Halt in Magdeburg, draußen auf dem großen Vorplatz vom Bahnhof zirpen die Grillen unter den durch die Straßenlaternen beleuchteten Bäumen. Auch hier bin ich nicht allein, es sind immer junge Leute mit Bierflaschen anwesend. Wer fährt denn um halb zwei Uhr nachts mit einem Schnellzug quer durch Deutschland? Menschen warten auf Bahngleisen. Mein Regionalzug fährt kurz vor Eins … der allerletzte.
Zwei Uhr, drei Uhr … kurz vor vier Uhr den frühen Sonntag Morgen, ich kann mich nicht losreißen und grase, wieder zu Hause angekommen, vor dem blau leuchtendem Computermonitor das Internet und die großen Marktplattformen nach einem Blazer in meiner Größe „38“ ab. Es gibt ihn von der Marke, von der ich auch schon andere Sachen habe, spezialisiert auf Business Casual. Schwarz-Weiß, ein Palmenmuster … vielleicht wäre mein zuerst favorisiertes Zebramuster doch etwas zu overdressed gewesen. Aber es muss etwas „Mutiges“ sein … bloß nicht langweilig. „Wenn ich darin nicht aussehe, wie ein japanischer Yakuza-Killer, dann ist es nicht richtig!“ Als letzte Aktion dieses langen Tages, des schönen Abends und dieser langen Nacht, ein Klick auf den Button zum Kaufen und ich gehe endlich ins Bett.

So wie mich meine Gedanken umhertreiben, so treibe ich auch durch mein Leben. Ziellos, rastlos, fragend.

[30.07.23 / 22:51] Dicht an dicht, vor mir die anderen Menschen, neben mir, hinter mir. Der schwarze Block schiebt sich vorwärts, durch die Straßen von Magdeburg. Nur ein kurzes Stück in Richtung der Messehallen rüber auf die andere Seite der Elbe … dort der Bundesparteitag einer nicht näher erwähnten, neofaschistischen Partei. „Alerta, alerta, antifascista!“ Laute Sprechchöre, ununterbrochen. Pyrotechnik wird gezündet, ein Böller, mehrere Rauchbomben. Ich steige mit meinen Füßen darüber, durch den roten Qualm. Vermummung wird vereinzelt angelegt, ich setze meine tiefschwarze Sonnenbrille auf, meine grüne Regenjacke ist schon beim Start am Hauptbahnhof eingerollt in meiner schwarzen Handtasche verschwunden. Jetzt nur noch meine schwarze Lederjacke, meine schwarz-graue Jeans und meine Schnürstiefel. Den schwarzen Kapuzenpullover habe ich zu Hause gelassen, auch wenn es nieselt, die Temperaturen sind an diesem Sonnabend zu heiß.
Der Demozug bleibt auf der langen Elbbrücke stehen, die seitlichen Transparente werden als Sichtschutz hoch gehalten, die begleitenden Polizeieskorten filmen alles. Innerhalb des schwarzen Blocks der Antifa kann jetzt etwas entspannt werden, etwas Raum in diesem sicheren Platz schaffen, bevor es dann nach ein paar Minuten wieder vorwärts geht: „Nach vorne aufrücken!“ Keine Möglichkeit schaffen, den Bullen vereinzelt Personen herauszugreifen. „Siamo tutti antifascisti!“
Stunden später, ich sitze gelangweilt unter einem aufgebauten Zeltdach einer Gewerkschaft im Schatten vor der schwitzenden Sonne, die Lederjacke habe ich schon lange ausgezogen, darunter trage ich nur mein Trans-Lives-Matter T-Shirt. Die Demo hatte beim Start noch ein- oder zweitausend Menschen, jetzt den Nachmittag auf dem Platz mit der Protestkundgebung hat sich alles zerstreut. So viele sind hier nicht mehr. Ein schwarzer Block ist gar nicht mehr so richtig zu erkennen und der Parteitag mit den Nazis ist noch mehrere hundert Meter entfernt. Nett gemeint von den linken Organisatoren, hier eine Gegenveranstaltung abzuhalten, aber das werden die Rechten dahinten nie hören oder mitbekommen. Ich warte auf die andere Zubringerdemo, die hier noch ankommen soll. Ein Rave, zwei Trucks, viel Techno, die ich schon mittags zu Beginn am Bahnhof gesehen habe.
Laute Bässe, es passiert endlich was! Interessiert beobachte ich das Spiel vor mir, wie die Polizei mit mehreren Fahrzeugen die Kreuzung absperrt, bevor die zwei Trucks auftauchen und in Richtung des Versammlungsplatzes einbiegen … mit vielleicht fünfzig, oder hundert, oder zweihundert Leuten dahinter. Es werden auf jeden Fall mehr, als auch ich erkenne, dass die Demotrucks nicht hier anhalten und die Straße weiterziehen, in Richtung der Messehallen! Ich laufe schnell dazu und reihe mich ein.
Der Demozug verlässt die Hauptstraße, biegt ab in Richtung der Messeparkplätze, eine Gasse in Richtung der ersten Messehalle und bleibt stehen. Die Anlage wird aufgedreht, laute Musik. Vor uns, der tanzenden Crowd, das abgesperrte Gelände, hohe Zäune mit Sichtschutz. Davor haufenweise Bereitschaftspolizei in dicker Montur, dahinter die Messehalle und die ganzen blau-weiß-roten Fahnen dieser Partei im Wind. Eine bizarre Atmosphäre. Diese Fahnen erinnern nicht ganz zufällig an die Beflaggung in ganz Deutschland vor achtzig oder neunzig Jahren. Sie versuchen es nicht einmal mehr, es zu leugnen, dass sie Nazis sind!
Die Lage ist ernst, so entspannt und frei kann ich an diesem späten Nachmittag und an diesem Ort nicht mehr tanzen. Immer wieder ist da diese Vorahnung, wenn die wirklich mal an die Macht kommen – und das wird, ich hoffe, niemals passieren – dann haben wir hier auch Zustände wie jetzt in Russland und jetzt in einigen Bundesstaaten in den USA. Alles, was trans ist, wird systematisch ausradiert und kriminalisiert. Namens- und Personenstandänderungen werden rückgängig gemacht (das passiert in Russland!) und nicht mehr anerkannt, jede Möglichkeit, auf eine geschlechtsangleichende Operation oder eine Hormontherapie wird unterbunden oder sogar verboten. Gesellschaftlich wirst du als trans Frau wieder auf einen Mann zurückgestuft, egal, wie weit du schon transitioniert bist – und hast im besten Fall noch Glück, wenn du von einem wütenden, parteifreundlichen Mob nicht gleich auf offener Straße totgeprügelt wirst. Auch das hatten wir hier in Deutschland schon, 1933 – die Erstürmung des Instituts von Magnus Hirschfeld in Berlin und die erschreckende Erkenntnis, dass seine trans Mitarbeiterinnen nach diesem dunklen Tag nie wieder gesehen wurden. Und die da hinten, in der zweiten Messehalle direkt hinter der ersten vor uns, sind mit ihrem Hass nicht weiter weg. In der Geschichte der Menschheit ist das in etwa so nah, wie gestern.
Ich hoffe, sie hören uns, der dumpfe Krach von irgendwo weiter weg, als belustigende Randnotiz dieser alten Herren, voller rassistischer und alles-möglicher-phoben Scheiße in ihren Köpfen. Gewählt werden sie trotzdem. Mir bleibt nichts anderes übrig, als für den Tag, wenn das Undenkbare passiert, einen Plan zur Flucht ins Exil umzusetzen. Es wird immer schwerer, noch ein europäisches Land zu finden, das nicht komplett einer faschistischen Ideologie erliegt.
Die kleine Demo zieht ab, die beiden Trucks setzen zurück. Die bis jetzt noch friedlichen Teilnehmer drehen sich auch um in Richtung der Musik. Ein Tumult entsteht, die Situation scheint zu kippen. Was ist passiert? Ich sehe es nicht genau, ein Demoteilnehmer wurde von der blau-schwarz uniformierten Schutzstaffel festgesetzt und mitgenommen? Eine aufgebrachte Menschentraube bildet sich. Der Veranstalter der Demo versucht über das Megaphone zu eskalieren. Ich drehe mich mehrmals hin und her, ich weiß nicht, was ich machen soll. Setze ich mich jetzt hier einfach hin? Auf das Kopfsteinpflaster? So als gewaltloser Protest? Ich sehe die Menschen vor mir – es hat keinen Sinn, mit den Polizisten zu diskutieren, die sind psychologisch geschult, alles zu blocken! Ich erinnere mich an den Moment, als ich auch mal von denen mitgenommen wurde. „Ach, Scheiße!“ Ich drehe mich beschämt mit gesenkten Kopf um und ziehe auch ab. „No one left behind.“ Ein Versprechen, das ich nicht halten konnte … dafür das Versprechen meiner Eltern den Morgen gegenüber, dass ich mich nicht verhaften lasse.
Die Demo kehrt zurück auf den Kundgebungsplatz mit der kleinen, aufgebauten Bühne und der Tankstelle und den Discounter als einzige Futterquelle gegenüber. Es sind den Abend noch weniger Menschen da, als noch zu dem Höchstpunkt am frühen Nachmittag. „Abmarsch“, ich bleibe auch nicht mehr länger. Zurück über die zwei Elbbrücken in Richtung Innenstadt und den Bahnhof. Den Weg zurück, den ich vor vielen Stunden noch entgegengesetzt gelaufen bin, inmitten der von überall angereisten, antifaschistischen Demoteilnehmer, seitlich flankiert von unzähligen Hundertschaften der Bereitschaftspolizei. Jetzt den Abend ziehen nur noch vereinzelt ein paar Einsatzfahrzeuge an mir vorbei. Eine ziemlich düstere Stimmung, dass die Sonne jetzt scheint, nach diesem sehr wechselhaften Tag, ändert daran nichts. Auch nicht die Pasta bei meinem Italiener den späten Abend im Außentisch vor der Shopping-Mall mit den vielen jungen Leuten, denen dieses (eigentlich ernste) Thema wahrscheinlich am Arsch vorbei geht. Manchmal werde ich noch wegen meines auffälligen T-Shirts mit der hellblau-weiß-rosaroten Flagge angestarrt. „Trans Lives Matter.“

[17.07.23 / 00:53] Draußen der Regen, der Regenschirm, meine Lederjacke, meine Nachrichten auf seinem Telefon: „Go now, hotel.“ Mein Weg führt mich durch die dunklen Straßen der Fußgängerzone, vorbei an der Gay Bar neben dem Hotel. Könnte er dort sitzen und auf mich warten? Nur ich habe die Schlüsselkarte. In der Lobby im Hotel vor dem Fahrstuhl krame ich mein Telefon aus der Handtasche … eine Nachricht von ihm, nur der Name der Bar. Die paar Meter draußen wieder zurück. Dort angekommen, frage ich die, geschützt vor der Nässe unter der Markise sitzenden Gäste, ob hier schon zu ist und ob sie meinen Freund gesehen haben. Bin ich zuerst da und er kommt noch? Nein, er sitzt drinnen. Er erkennt mich, kommt kurz raus und winkt mich hinein. Mist. Er ist bereits betrunken.
Alle meine Pläne, meine Erwartungen, meine Wünsche, meine Geilheit sind dahin. Das Kondom, welches ich vorhin in dem Club an der Garderobe, als Geschenk für die Gäste, noch schnell mit eingesteckt habe, es war vollkommen für umsonst? Ich setze mich neben ihm auf einen Barhocker und zähle die aufgereihten Bierflaschen auf dem Tresen vor mir. Die zwei leeren Likörgläser sind mir auch nicht entgangen.
Er erzählt von seiner Idee, ein Franchise-Unternehmen, eine eigene Bar irgendwo in Leipzig, wie viel er noch braucht, um da einsteigen zu können. Ich erfahre, dass er nicht mehr direkt in Leipzig wohnt und hauptsächlich vom „Bürgergeld“ lebt (also das umbenannte „Hartz-IV“). Scheiß Jobcenter. Gespräche in der Kneipe, denen ich nur zustimmen kann. Er bescheißt die, ich bescheiß die – wer nicht? Nur die Leute von der Arbeitsagentur (das Büro für die Akademiker) haben mir wirklich geholfen und mich indirekt, mit einer sinnvollen, technischen Schulung, in mein neues Arbeitsverhältnis gebracht. Noch sechs Monate Gehalt und ich könnte in sein Business einsteigen und das mitfinanzieren – geht das überhaupt? Als stille Teilhaberin / Barbesitzerin? Es ist ein Franchise, und das sind eigentlich auch nur Sklaven.
Irgendwie ist die Bar, in der wir sitzen, schon die ganze Zeit am Schließen. Wir verlassen sie auch. Der Regen draußen hat nachgelassen, er kennt angeblich noch eine andere Bar, die offen hat. So lange ist meine Zeit in Leipzig noch nicht zurück, um diese Zeit – gegen drei Uhr nachts – hat fast nichts mehr offen. Quer über den Marktplatz, meine Stammbar von früher, oben ist schon alles zu, aber unten in der Seitengasse gibt es noch den Keller. Zwei Afrikaner versuchen erzürnt an der Security hineinzukommen, werden aber abgewiesen … ihre Hautfarbe? Unten wird auch schon alles zugemacht. Mein Freund stellt sich daneben, er hält schon die ganze Zeit meine Hand. Die Erscheinung, dass wir ein Paar sind, wirkt vielleicht deeskalierend. Ich versuche ihn immer etwas wegzuziehen, lass uns etwas Abstand zu den Security-Leuten nehmen, wir gehen woanders hin. Betrunken sind für ihn alle Menschen seine Freunde und er wird in Gespräche verwickelt. Meine Buttons an meiner Lederjacke werden von einem Gast gemustert: „Irgend so eine Pride-Scheiße, nichts Vernünftiges an Punk.“
Wir irren weiter, vorbei an den Gästen, freundlich. Er kennt da noch ein Restaurant, er hat Hunger. „Du, um diese Uhrzeit hat wirklich nichts mehr offen!“ Allerhöchstens noch der Schnellimbiss im Hauptbahnhof. 24/7. Gut, lass uns zum Bahnhof gehen.
Ich habe die Hoffnung, dass er mit jeden Meter an der frischen Luft etwas weniger betrunken wird, Hand in Hand laufen wir die Straßen entlang. Der hell beleuchtete Hauptbahnhof vor uns, die Straße, die Verkehrsampeln spiegelnd in den Pfützen. Im Gebäude des Hauptbahnhofs selbst, warten unzählige junge Menschen auf die ersten Züge wieder zurück. Alles Besucher des CSD vor vielen Stunden? Die bunten Fahnen hier und da verraten es. Der Schnellimbiss hat immer offen, wir gehen hinein. Er lässt seine Finger über den Bestellbildschirm gleiten, stellt sich ein Menü zusammen und ich bewundere seine Fertigkeit, wie er das fehlerfrei in seinem betrunkenen Zustand schafft. Nur der Bezahlvorgang und das Bereitstellen des Menüs dauert eine Ewigkeit.
Was passiert hier? Wo bin ich hier? In welchem Kreis der Hölle? Nummern tauchen an den Monitoren auf, aber viele Gäste warten einfach nur noch. Mein Freund entdeckt, dass er nicht der einzige mit seiner arabischen Sprache ist … regt ihn etwas auf? Ist er angepisst oder scherzt er einfach nur. Meine Arabischkenntnisse beschränken sich auf eine Fernsehserie, die in Berlin spielt: „Wallah, ich schwör', das sind alles Arschlöcher hier!“
Irgendwann kommen wir doch noch mit einer Papiertüte, aufgedruckt mit einem großen „M“, wieder hinaus. Ein Burger, Fritten, eine Schachtel stark gewürztes Hühnchenfleisch. Er bietet es mir an, aber ich wollte für mich nur meine Flasche Wasser (ich esse nichts mehr nach Mitternacht). Zurück zum Hotel. Es wird schon leicht bläulich dunkelhell am Himmel.
Im Hotelzimmer, ich schminke mich vor dem Spiegel am Waschbecken ab, wische mir den Kajal und das Mascara aus den Augen. Zähneputzen, er fängt derweil schon an, an mir herumzumachen und ich spüre seine Hände hinter mir. Ein Augenaufschlag, ein Blick in den Spiegel. Bitte …
Ich drehe mich um, gehe mit ihm ins Bett. Er schubst mich, dreht mich, wirft mich, drückt mich in Position, ich bin bereits nackt, er zieht sich ein Kondom über und nimmt mich von hinten. Er stößt tief zu. Wie sehr habe ich das vermisst. Ich liege auf meinem Bauch, er über mir. Er drückt mich immer weiter nach vorne, ich kann nicht anders, als laut aufzustöhnen und mich in das Bett zu krallen. Der Lärm der krachenden Möbel muss bis in die nächsten Zimmer zu hören sein.
Wenn er rausrutscht, wenn er seine Erregung verliert, ich drehe mich sofort um. Das Kondom wird weggeworfen, ich nehme sein Teil in den Mund, gehe schnell und rabiat tief. Nur keine Zeit verlieren! Ich will, dass er schnell wieder steif wird und wir das nächste Kondom verwenden können. Er nimmt mich wieder von hinten …
In den Pausen bin ich über ihm. Meine Hand gleitet in meine Schamlippen … ich bin so unfassbar feucht! Verdammt! Ein ganzes Jahr ohne Sex! Ich bin eine Raubkatze. Ich tue mein Bestes, ich gebe ihm diesen Deepthroat Blowjob, bleibe tief. Er kommt. Ausgerechnet jetzt … wo ich kurz nach oben, Luft holen wollte. Explosionsartig ergießt sich alles auf seinem Bauch, das ganze Sperma. Sorry. I'm so sorry! Ich wollte alles aufnehmen, in meiner Phantasie wollte ich in den Moment über ihn rutschen und alles in meine Vagina laufen lassen. Ich will ein Kind von dir. Ich gebe ihm ein Handtuch, er kann damit alles aufwischen.
Wenig später, ich nehme eine Dusche, wasche alle meine Körperöffnungen sauber. Er zieht sich an. Ich bin zurück auf meinem Bett: „Du willst schon wieder gehen?“ Ich bemerke genau, dass er gerade nichts von sich zurücklässt. Seine Antwort, dass er nur mal schnell eine Flasche Bier holen will, lässt mich mehr als misstrauisch erscheinen. Das hat vielleicht einmal funktioniert (letztes Jahr), aber kein zweites Mal. Ein Abschiedskuss, ich sehe ihn wieder die Tür schließen. Die Schlüsselkarte verbleibt im Zimmer. Sofort nach seinem Verlassen beginne ich das Zimmer aufzuräumen, die benutzten Kondome einzusammeln, die leeren Flaschen beiseite zu räumen, ein Handtuch zusammenzufalten … hoffentlich habe ich das richtige der beiden Handtücher zum Duschen für danach verwendet. Ich rücke die Betten zusammen, ordne die Bettdecke, lösche alle Lichter, öffne das Fenster mit dem Morgenlicht für einen Spalt und lege mich ins Bett. Er kommt nicht mehr zurück, du kannst jetzt ganz sicher einschlafen.
Neun Uhr morgens den Sonntag, spätester Check-out ist erst gegen zwölf Uhr, ich hätte noch zwei Stunden weiter schlafen können. So sind es vielleicht nur drei geworden. Egal, reicht auch aus, mehr Zeit für mich für eine weitere Dusche und endlich die Haare waschen (wie viel Sperma da wohl drin klebt). Ich räume danach alle meine Sachen zusammen und mache das Hotelzimmer noch viel mehr hübscher. Alles an Müll aufsammeln und in den Eimer geben. Die benutzten Handtücher auf einen Haufen werfen. Den Klodeckel zumachen, noch einmal die Spülung betätigen. Eine Frau hat hier gewohnt. Nur, dass der Mülleimer ohne Beutel war, ist vielleicht etwas eklig … bei den benutzten Kondomen im Bodensatz. Dafür lasse ich alle Pfandflaschen zurück.
Zurück nach dem Check-out zu dem Bäcker um die Ecke gegenüber, dieser ist mir bei meinem letzten Besuch Pfingsten vor ein paar Wochen zuvor, entgangen. Ein komplettes Frühstücksmenü mit Croissant, Brötchen, Nuss-Nougat-Creme, Honig und einem mittelgroßen Pott Kaffee. Zurück zu meinem Auto, das immer noch in dem Parkhaus am Hauptbahnhof steht … wenn ich schon nicht das Hotelzimmer bezahlt habe, dann eben den luxuriösen Stellplatz für meinen roten Roadster (es sind nur 23 Euro Parkgebühr). Zurück im schönsten Sonnenschein die Autobahn in mein anderes Leben.

Was ist eigentlich aus meiner neuen Disco-Bekanntschaft geworden? Ich bin mir noch nicht so sicher was „seine“ Textnachrichten bedeuten … ich glaube, er hält mich für eine Prostituierte?

(Ende Teil 3/3)

[17.07.23 / 00:52] Check-in im Hotel, der Mann an der Rezeption bestätigt tatsächlich, dass ein Zimmer auf meinen Namen gebucht wurde. Ich hatte mir schon Umschreibungen ausgedacht: Mein Agent / Manager / Sekretär hat das für mich getan. Das Zimmer mit dem Fahrstuhl in die dritte Etage ist spartanisch eingerichtet, ein Bett, ein Waschbecken, eine Duschkabine, eine separate Toilette. Mehr brauche ich nicht. Ich verteile meinen mitgebrachten Kram, ziehe mich aus und wende mich dieser Dusche zu … warmes, klares Wasser! Kurz vor 17 Uhr, ich verfolge seine Nachrichten auf dem Telefon. 17 Uhr, meine Haare sind noch nass, nicht mehr als ein weißes Handtuch bekleidet meinen Körper. Es klopft an der Zimmertür, ich öffne mit etwas Verzögerung und er ist es! Keine Worte, nur mein und sein Lächeln. Er schließt die Tür und fängt sofort an, mich zu küssen. Ich kann meine Erregung unten herum spüren. Mein Handtuch fällt und er schubst mich rücklings auf das Bett mit den zwei Matratzen.
Wollen wir reden? Nein. Später. Er zieht sich aus, ich sitze neben ihm, betrachte seinen Körper auf dem weißen Bett, er legt sich hin, sein nackter Oberkörper gelehnt an das winzige Kopfkissen. Wie wunderbar er aussieht, sein schwarzer Vollbart, seine hier und da leicht grau anfangenden Härchen, seine massive Statur, sein immer mehr runder werdender Bauch … ich hatte erwähnt, ich habe eine Schwäche für diese „Bärentypen“ in der (schwulen) Szene. Augenkontakt, ein Lächeln meinerseits, mein zur Seite geneigter, neckischer Kopf. Ich weiß, was er will, er muss es mir nicht sagen. Ich fange an, sein Stück zu massieren und gehe mit meinen Lippen darüber. Er kneift in meine Brustwarzen, ich beiße ihn.
Tiefer, tiefer. Ich will, dass er sich wohlfühlt, ich will ihm dienen, ich will die Beste sein, die er jemals in ein Bett bekommen hat. Woher er gekommen ist, ob es da noch andere Frauen gibt? Ich stelle keine Fragen. Für einen kurzen Moment verspüre ich an ihm den markanten Geruch eines Kondoms.
Ich setze immer wieder an – etwas blockiert, ich komme mit meinem Mund und meiner Kehle nicht tief genug? Ich versuche andere Winkel, möchte wieder so tief gehen, wie die Jahre früher, als „meine Nase noch seinen Bauch anstupste“. Es ist sein Bauch! Und meine Stirn, sie kollidieren. Es ist ihm nicht entgangen, dass ich früher, als er mich das erste Mal trainierte (und er noch etwas schlanker war), nicht solche Probleme hatte. Irgendwie geht es doch (er drückt ihn mit der Hand flach).
Nach einiger Zeit zieht er sich wieder an, er möchte kurz runter in die Lobby, ein paar Flaschen Bier und Wasser holen. „Aber du kommst doch wieder?“ Mein geschockter und fragender Blick. Ganz bestimmt, er nimmt die Schlüsselkarte mit, damit er nicht anklopfen muss. Es ist noch Tageslicht, ich nehme währenddessen eine weitere Dusche. Wieder oben, zieht er sich wieder aus, stellt die mitgebrachten Flaschen ab und legt sich zu mir auf das Bett. Er legt seine Hand um mich und schläft schnell ein. Ich spüre seinen Körper, seinen Atem. Meine Nase an seiner Wange, mein Blick zu ihm herauf.
Nach einiger Zeit und einem kurzen Erwachen seinerseits, drehe ich mich. Er umschlingt mich jetzt von hinten. Eine Bettdecke brauchen wir in diesem warmen Hotelzimmer nicht. Er schläft wieder ein, meine Gedanken kreisen. Von einem „Ich“, zu einem „Du“, zu einem „Wir“ und letztendlich ein „Er“. Was mag er alles erlebt haben, was habe ich ihm alles angetan? Was haben wir alles verpasst, was hätte aus uns werden können? Ein paar leise Tränen rollen auf meinem Gesicht die Wange und die Nase herunter. Vielleicht tropfen sie auf seinen Arm, vielleicht auch einfach nur auf das weiße Kopfkissen. Es wird beginnend dunkel draußen vor der heruntergelassenen Jalousie vor dem Fenster. Vielleicht schlafe ich auch für ein paar kurze Momente ein.
21 Uhr, sein Telefon klingelte schon ein paar Mal im Vibrationsmodus. Er steht auf, zieht sich an. Er will noch ein paar Bekannte treffen. „Aber wolltest du mit mir nicht vielleicht noch ausgehen? Etwas essen, etwas trinken?“ Später vielleicht. Ich sehe ihn wieder die Zimmertür schließen. Allein zurückgelassen in dem Hotelzimmer, mache ich mich auch ausgehbereit für die Nacht. Eine weitere Dusche … der Geruch an seiner Haut, dieses Orientalische, benutzen wir ein ganz ähnliches Duschgel? Es entspricht meiner Natur. Wieder aus der Dusche kommend, sprühe ich das dazu passende Parfüm über meinen Nacken und meine Haare. Kajal, tiefschwarz, Mascara, tiefschwarz. Das kurze Leoardenkleid auf dem Kleiderbügel ist wieder trocken, ich hätte etwas anderes zum Wechseln für die Nacht mitnehmen müssen? Ich wollte dieses Kleid, ich bin dieses Kleid. Für die Nacht in der Disco trage ich doch die absatzlosen Barfußschuhe mit den pinken Schnürsenkeln, das war so nicht geplant, aber ich bin in Grenzen flexibel (meine geschundenen Füße). Die Lederjacke, ein Regenschirm, 22 Uhr nochwas, das heiße, tropische Wetter draußen vor dem Fenster hat sich in ein Gewitter verwandelt.
Die paar Meter durch die Innenstadt von Leipzig zur Moritzbastei. Es gibt noch eine andere Abschlussparty für den CSD, aber die ist weit draußen in Plagwitz, kostet mehr Eintritt und ist bestimmt nur mit Vorkasse. Auf dem Weg zu den Kellern der Moritzbastei mit der Disco für diese Nacht möchte ich noch eine Pizza essen, in dieser Schnellimbisskette mit italienisch angehauchter Menükarte. Die Vegetarische, wie immer. Die Bestellung in dem Restaurant, der Sitzplatz, alles wie sonst … nur bekomme ich nur die dreiviertel Pizza runter, mittendrin drängt es mich auf die Toilette. Zurück am Platz am Bartisch ist die Pizza schon längst wieder abgeräumt. Egal, ich habe keinen Hunger mehr und das stumpfe Messer war sowieso furchtbar. Den Preis bezahlen. Weiter durch den Regen zur Disco.
Wo ist der Eingang? Dieser Studentenkeller überrascht mich auch jedes Mal wieder. Tief unten in den Gewölben finde ich mich nie zurecht. Wo war jetzt die eine Tanzfläche, wo die andere? Gab es hier nicht noch irgendwo eine Cafeteria? Für diese Nacht ist nur eine einzige Tanzfläche offen, ich gebe nach dem Eintritt und der obligatorischen Kontrolle meines Geburtsdatums, meine Lederjacke und meinen Regenschirm an der Garderobe ab. Die Treppen runter erst mal eine Flasche Club Mate an der Bar holen.
Wummernde Bässe, Techno, Rave, nicht ungewohnt für mich. Trotzdem sitze ich gefühlt die nächste Stunde an einem Tisch im Separee und betrachte im schummrigen Licht mein Telefon. Wird er mir eine Nachricht schreiben? Er hat angekündigt, dass wir zusammen ausgehen. Ich lese zum Zeitvertreib Internetnachrichten. Leningrad kann ich jetzt vergessen, ich werde wohl nie die Eremitage besuchen können – in diesem Land bin ich jetzt als trans Person unerwünscht, wenn nicht sogar illegal und gegen alle Gesetze verstoßend.
Kurz nach 23 Uhr, eine weitere Nachricht von ihm, er kommt vorbei? Nur noch wenige Minuten, dann ist er da. Aufgescheucht laufe ich in den Kellergewölben des Clubs umher. Die Treppen hoch zum Eingang, vor dem großen Spiegel dort mein Äußeres und meine Haare richten. „Honey, die kannst du sowieso nicht mehr retten.“ Kurz nach draußen, schauen ob er schon da ist. Wieder zurück nach drinnen, Stempel auf meinem Handgelenk an der Kasse zeigen. Wieder nach unten, warten, in einer Ecke neben der Tanzfläche auf das Smartphone starren. Wieder die Treppe hoch nach oben, vorbei an dem Spiegel: „Honey …“ Nach draußen vor die Tür. Wieder zurück … nach unten. Und so wiederholt sich das Ganze. Es bleibt nicht unbeobachtet, einem anderen Gast fällt mein Treiben auf. „Wollen wir etwas tanzen?“ – „Ähh … nein. Ich warte auf Jemanden.“ (So viele verpasste Chancen.)
Irgendwann verliere ich die Hoffnung, es ist mehr, als nur eine „arabische Stunde“, er wird nicht kommen. Ich wende mich dem anderen Gast zu … wir wechseln ein paar Wörter, stellen uns vor – er kommt aus Marokko. Hey, da war ich Anfang des Jahres! Ich zeige ihm voller Stolz meinen schweren, silbernen Armreif, den ich extra für dieses Wochenende trage, der ist aus Marrakesch. Er ist interessiert, aber viel zu jung für mich. Er bewundert meine Ehrlichkeit und dass ich immer vorher sage, dass ich trans bin … obwohl mir die Wortwahl nicht gefällt, früher einmal „ein Mann“ gewesen zu sein. Trans Frauen waren schon immer Frauen. Wir tauschen unsere Nummern aus. Währenddessen erscheinen neue Nachrichten meines Liebhabers.
Ich gehe tanzen, wir gehen tanzen, ich tanze alleine, oder auch nicht. Eine Drag Show um Mitternacht (oder später, oder vorher) erregt meine Aufmerksamkeit. Ein Zeitgefühl habe ich nicht. Die Tanzfläche wird nach Mitternacht immer leerer und kurz vor zwei Uhr sind nur noch eine handvoll Gäste unter der Glitzerkugel versammelt und den Beats der aufgelegten Rave-Musik folgend. Mit der Realisierung, dass ich jetzt wirklich viel Platz zum Tanzen habe, beginnt sich mein Tanzstil zu verändern und gleicht immer mehr einer auf und ab wandernden, gefährlichen Raubkatze. Zwei Uhr, ich verlasse den Club. (Ende Teil 2/3)

[17.07.23 / 00:51] Der CSD 2023 in Leipzig – Jedes Jahr stelle ich mir wieder die gleiche Frage: Was ziehe ich an? Die schwarze Tunika mit den weiten Ärmeln? Am liebsten, ja – aber mir fehlt ein passender, schwarzer Rock, an den Hüften eng und nach unten hin auslaufend (der Morticia-Addams-Style). Meine Wahl fällt angesichts der heißen Temperaturen auf das schwarz-grüne Leopard-Kleid, dasselbe, das ich schon den Tag zuvor im Kino anhatte, dasselbe, das ich auch danach den Abend in der Strandbar an der Elbe anhatte, zusammen mit meinen italienischen Stiefeletten … Szene fehlt. Das kürzeste Kleid und die höchsten Stilettos in meinem Bestand, genau richtig für den CSD an diesem heißen Wochenende Mitte Juli in Leipzig.
Seit Tagen bereite ich mich darauf vor, seit Wochen sogar mit meinen Barfußschuhen – ich will meine Waden trainieren, damit ich wieder einen ganzen CSD auf ultrahohen Absätzen laufen kann! Im Bedarfsfall habe ich meine absatzlosen Schnürschuhe auch noch im Kofferraum … zusammen mit der Waschtasche und den ganzen anderen Übernachtungskram. Ich nehme das Auto, ich kann fahren, wann ich will, alles mitnehmen, was ich will – und – ich habe eine Klimaanlage. Soweit der Plan: nach dem Frühstück den Sonnabend losfahren, am Parkhaus am Hauptbahnhof parken, rübergehen zur Kundgebung auf dem Augustusplatz und dann die Demo mitmachen.
Was ich nicht bedacht habe, ist der Anfang der Sommerferien und die vielen Baustellen auf der Autobahn, streckenweise zieht sich alles im besten 60-km/h-Mopedtempo. Ist mir egal, ich komme an, wann ich ankomme, von der Kundgebung muss ich nichts mitbekommen. Irgendwann zur Mittagszeit in Leipzig angekommen, schlüpfe ich mit meinem Roadster in meine angestammte Parknische in dem Bahnhofsparkhaus im ersten Oberdeck. Sachen sortieren, Schuhe wechseln, Dinge im Kofferraum lassen (Jacke, Waschtasche), Dinge mitnehmen (eine Flasche Wasser in meinem Gothic-Pogo-Umhängebeutel und meine schwarze Handtasche). Mutig stolziere ich mit meinen Stilettos und meinem Leopard-Dress raus auf die Straße und hinein in das gleißende Sonnenlicht. Sonnenbrille, mein Hut und eine tiefschwarze Leggings verhindern Schlimmeres.
Die Straße entlang zum Platz an der Oper, die vielen Trucks werden beladen und vorbereitet. Interessiert notiere ich mir in meinem Gedächtnis, wer dieses Jahr alles mitfährt: die üblichen, ortsansässigen Firmen, die üblichen Parteien, die Uni und die Wagen der befreundeten CSDs und der von Leipzig selbst. Hier und da noch ein paar andere Fahrzeuge … vielleicht auch etwas für mich? Die Runde durch die aufgebauten Stände am großen Platz spare ich mir, es ist einfach zu heiß und mich zieht es in den nächsten Schatten.
Die Bäckerfiliale um die Ecke zur Fußgängerzone, eine Tasse Kaffee an einem Tisch und der Ledercouch daneben in dem überdachten Innenhof. Die Textnachrichten auf meinem Smartphone lesen … ich habe ihm wieder geschrieben, meinem Freund, Ex-Freund, Liebhaber, was auch immer. Seit Tagen stehe ich wieder in Kontakt mit ihm … er hat bereits ein Hotelzimmer in der naheliegenden Innenstadt auf meinen Namen gebucht? Ich müsste dort nur nach der Demo einchecken. Er hat meinen Wunsch beachtet, dass ich sehr wahrscheinlich eine Dusche benötigen werde, später …
Ich tauche meinen Körper in Sonnencreme, lasse keine Stelle aus, die Schultern, das Gesicht, die Arme. Das mein Silberschmuck damit Kontakt aufnimmt, ich werde sie die nächsten Tage wieder abspülen müssen. Bereit für die Demo, erhebe ich mich von der Couch und stelle mich wenig später draußen, nachdem ich meine leere Kaffeetasse in der Geschirrrückgabe gelassen habe, vor dem Eingang des Bäckers unter den schattenspendenden Arkaden mit Blickrichtung auf die Straße, in der in jedem Moment die startenden Trucks losfahren könnten. Mein Blick schweift auf den angrenzenden Augustusplatz … so viele Menschen! Es müssen mehr als zehntausend sein! Sie sind jung, sie sind bunt, sie sind friedlich und diszipliniert kämpferisch zugleich. Es könnte eine richtig gute Demo werden – trotz der ultraheißen Temperaturen (wie ich später erfahren werde, wurde die Demoroute deswegen sogar verkürzt und hätte eigentlich viel länger ausfallen sollen). Laut wummernde Bässe dröhnen um die Ecke, es geht los!
Ein Fahrzeug nach dem anderen fährt an mir vorbei … schön, dass ihr dort oben mit Wasserpistolen für eine frische Abkühlung sorgt, aber muss das sein? Auf meine frisch mit Sonnenschutz eingecremte Haut? Kontraproduktiv. Es dauert eine ganze Weile, es geht nur sehr langsam vorwärts, die große Menschenmenge, versammelt auf dem Opernplatz, bewegt sich kaum. Nach und nach, ich stehe an der Straßenecke und warte … und dann tauchen sie auf! Kommunisten mit ihren Bannern? Antifa? Der bunt-schwarze Block? Ja! Endlich wieder ein antifaschistischer Block ganz hinten! Die schönen Menschen. Für mich. Das Warten hat sich gelohnt, ich bin da und reihe mich mit meiner kleinen Trans-Pride-Flagge mit ein.
Vorbei durch den Innenstadtring, in kleinen Trippelschritten … ein mehr oder weniger angenehmes Tempo auf meinen hohen Absätzen, die Wasserflasche in meinem Umhängebeutel mit den szenefreundlichen Slogans (Scheiß Faschos) immer griffbereit. Die Sonne drückt unbarmherzig, Kampfrufe erschallen … dieser hintere Teil des Zuges fällt unter der etwas strengeren Obhut der begleitenden Polizeieskorte. Sie ist dezent, es gab in den alten Jahren mit dem queerfemministischen Block schon ganz andere Zwischenfälle. Wird dieser hintere Teil absichtlich während der Pausen in der Sonne gehalten? Verschwörungstheorie. Jeder achtet auf sich und die anderen. Vernunft lässt ausreichend Wasser mitnehmen. Wenn ich anfange, blind zu werden und Doppelbilder zu sehen, sollte ich jeden kleinsten, schattenspendenden Baum oder Laternenmast am Straßenrand mitnehmen. Habe ich mir zu viel vorgenommen? Gestern war da noch der Gedanke, die Stilettos in dem Umhängebeutel zu lassen und für die Route auf dem Asphalt die absatzlosen Schuhe zu tragen … diese liegen jetzt in diesem Moment im Kofferraum meines Autos ganz weit entfernt in einem Parkhaus, im Schatten. Kämpferisch ertrage ich diese Strapazen, in Gedanken an all die gequälten Seelen und Körper der trans Frauen auf der ganzen Welt! Ich mache das für euch, für mich, für alle! So weit dazu.
Die Demo mit der verkürzten Route biegt wieder in das enger bebaute Gebiet der Leipziger Innenstadt ein, mein Fähnchen weit erhoben im Wind, zu der Techno-Musik vom Truck am hintersten Ende der Demo. Ich schaffe auf meinen Absätzen auch das letzte Stück, die letzte Kurve, vorbei an der Straßenbahnhaltestelle am Hauptbahnhof, inmitten dieser wunderbaren Menschen um mich herum. Wieder zurück zum Startpunkt der Demo. Wie lange hat das jetzt gedauert? Ich weiß es nicht. Mein Kleid ist klitschnass, es ist voller Schweiß. Die Wasserflasche ist auf die letzten Meter leer. Die Demo ist zu Ende, die Musik klingt aus, die Menschenmenge zerstreut sich, nicht ohne den Organisatoren des letzten Demotrucks ausgiebig zu danken.
Ein kleiner Park ist neben mir. Ich schaue mich um. Der Park mit dem See hinter dem Operngebäude … Schatten vielleicht? Eine Bank? Meine Schritte werden kürzer, ich bin erschöpft. Einen Sitzplatz finde ich nicht. Ich schleppe mich weiter zu dem großen Platz mit der Bühne, den Ständen und dem Fest nach der Demo. Mit jedem Meter sitzen immer mehr junge Menschen überall herum, auf Wiesen, auf Steinen, Treppen, Geländern, Bänke gibt es hier nicht.
Der Platz mit den Ständen der Vereine und Organisationen, nichts, was ich nicht schon die letzten Jahre gesehen habe und mein weiteres Interesse erwecken könnte. Das Bühnenprogramm, was hier noch kommen könnte? Bin ich schon zu alt dafür? Ich brauche dringend eine erholende Dusche, meine zweite Wasserflasche aus dem Auto, ein schattenspendendes Zimmer, ein Bett zum Daraufliegen und Entspannen! Ich danke dir so sehr, dass du dieses Zimmer für mich organisiert hast. In schmerzhaften, winzigen Schritten schleppe ich mich in der Hitze zu dem Parkhaus am Hauptbahnhof zu meinem geparkten Auto, um meinen ganzen anderen Kram aus dem Kofferraum zu holen und weiter in die Innenstadt zu dem Hotel … nicht unweit, nur eine Seitengasse weiter, von dem Hostel das vergangene Pfingstwochenende. Für diese paar hundert Meter hin und zurück brauche ich gefühlt noch ein bis zwei Stunden. (Ende Teil 1/3)

[26.06.23 / 00:23] Freitag Mitternacht, ich bin gerade von einem Abendessen mit den Kollegen zurück, ein kurzer Blick auf mein Smartphone, nur mal schnell die Nachrichten checken. Ein Kontakt von Tinder hat mir geschrieben … habe ich seine Nummer nicht schon letztes Jahr gelöscht? Auf diesem Dating-Portal bin ich auch schon seit letztem Sommer nicht mehr online. Ich antworte ihm mit ein paar kurzen Zeilen.
Es braucht nur zwei oder drei weitere Nachrichten und es stellt sich schnell heraus, was seine Absichten sind: er will ein Sextreffen mit mir, Fotos, Bilder, vielleicht noch ein Video? Sorry Honey. Aber die, die du suchst, bin ich schon lange nicht mehr. Ich gebe ihm einen Link zu meinem Profil auf dem Webcam-Erotik-Portal – dort kann er sich gerne „verlustieren“. Genau dafür ist es da, um solche Kontakte abzuwimmeln … und für mich springt vielleicht auch noch etwas heraus (aber eigentlich habe ich in der ganzen Zeit, die ich da war, noch nie die Auszahlgrenze des Erotik-Portals erreicht).

So viele Dinge passieren mir in der letzten Zeit als Andrea, über die ich nicht so öffentlich schreiben kann. Mein anderes Leben, weit abseits von dem als Morgana – meine Kunstfigur, das ehemalige Escort-Girl, ungehemmt und sexuell freizügig, verrucht und von der Rotlichtszene magisch angezogen. Sie ist nicht echt, sie ist nur ein Teil von mir.
Ich als Andrea – die IT-Ingenieurin mit der in den vielen psychologischen und psychiatrischen Gutachten nachgewiesenen „autistischen Wesensart“, die, deren „soziosexuellen Kontakte“ nur auf flüchtigen Begegnungen basieren. Mein Leben: ich gehe zur Arbeit, ich komme von der Arbeit, ich sitze zu Hause, manchmal gehe ich auch das Wochenende weg, ein Festival, ein Konzert, eine Bar. Mit der Grenze jenseits der Vierzig habe ich (als Frau) die Schwelle zur Unsichtbarkeit überschritten. Es gibt einen Arbeitskollegen, der mich immer zu einem Essen einlädt … macht er mir Avancen? Ich bin in solchen Dingen blind und auf einem guten Rat hin, lasse ich mich während der Probezeit auf nichts ein. Ich verbringe wirklich viel Zeit auf der Arbeit, sie ist fast schon wie eine Sekte. Zwei Monatsgehälter und ich bin bereits raus aus dem Dispokredit.

Die Trans-Selbsthilfegruppe trifft sich zweimal im Monat in einem hübschen Park irgendwo in Magdeburg. Ich würde so gerne darüber schreiben – aber das kann ich nicht. Es ist ein sehr geschützter Kreis, den ich seit zwei oder drei Jahren sporadisch besuche. Ich bin nicht allein, ich habe meine Freunde mit denen ich so intime Fragen teilen kann: Was antworte ich, wenn mich eine Kollegin nach meiner „Periode“ fragt? Nett … ich nehme die Pille? Ich bin auf Hormone? Ich habe deswegen keine Monatsblutung? Auf jeden Fall den Schein bewahren, dass ich eine echte Frau bin (sie hat vielleicht schon mitbekommen, dass ich einiges zu verbergen habe). Der kleine Hexenzirkel der trans Frauen unter dem Baum auf der Wiese in dem Park ist in solchen Fragen auch nicht so wirklich sicher.

Zurück den Sonntagabend bei dreißig Grad in meinem Roadster mit offenen Verdeck die Straße entlang herumräubern, im Autoradio läuft ein zwei Jahrzehnte alter Goa-Trance-DJ-Mix mit laut wummernden Bässen. Vorher noch am Ufer der Elbe in einem Café ein Eis essen. Interessant zu wissen, dass ich mich in jede engste Parklücke zwängen kann, ohne hinterher die Türen öffnen zu müssen – ich klettere einfach oben heraus oder schwinge mich abgestützt wieder hinein, und lasse mich einen halben Meter in meinen Sitz vor dem Lenkrad fallen. Weiter auf dem heißen Asphalt zu der Techno-Musik der Sonne entgegen.

[18.06.23 / 20:15] Ein kleines Musikfestival mit drei Bands irgendwo in Magdeburg, in einem soziokulturellen Zentrum für Frauen. Ich war da noch nie, wollte es mal ausprobieren. Danach auf einen Absacker in die Bar beim Hauptbahnhof, inmitten der Latino-Musik und der tanzenden Menge eine Stunde lang mit dem Strohhalm in meinem Ipanema und den Eiswürfeln herumstochern. Mein Sitzplatz auf der Außenterrasse, die Spanisch sprechenden Exil-Gäste um mich herum geben dem Ganzen ein internationales Flair, weit nach Mitternacht. Mehr passiert nicht.
Fast hätte ich im Dunkeln einen Radfahrer überfahren, ich habe ihn im Scheinwerferlicht wenige Zentimeter vor meiner Motorhaube schon schreien gehört. Er hatte verdammtes Glück, ich konnte noch bremsen. Weg war er.

[04.06.23 / 19:44] Vor mir bis zum Horizont hunderte Motorräder, die Ausfahrt ist der Wahnsinn (jemand hat mitgezählt, ich bin Nummer 440). Eigentlich war es nur ein Gedanke, ganz hinten mitzufahren, aber das hat sich dann doch so ergeben … mit Warten und erst mal Zuschauen. Hinten Fahren macht auch viel mehr Spaß – und trotzdem mit Disziplin: zwei Reihen, versetzt, und ich immer ganz rechts für die langsamen Maschinen (die, die ihre Bikes „um die Kurve tragen“, auch wenn bei dem Winkel nur verdammt wenig Platz ist).
Der Parkplatz für die Pause, die Tankstelle in der Nähe des Truppenübungsplatzes in der Mitte von Sachsen-Anhalt, wird langsam zu klein für die Menge an Motorrädern, bis alle erst mal losgefahren sind, kann ich mich noch gemütlich mit einer Zuschauerin unterhalten. Jetzt muss ich aber mal so langsam wieder los. Die letzten Kilometer verpasse ich den Anschluss an die Meute und muss schon die zwei, drei Autos und den LKW vor mir „aufrauchen“ (habe ich so gelesen, dass das das Wort dafür ist). Gashahn aufdrehen, wieder Anschluss an die Gruppe suchen.
Nur für die Bikerparty danach bin ich nicht mehr da, zu kalt die letzten Nächte und vor allem das letzte Wochenende. Hier nur zwei Stück Kuchen (für den es sich überhaupt lohnt, dahin zu fahren!) und ein Kaffee und ich sattele wieder auf. Bis nächstes Jahr.

https://youtu.be/ipqczuVClc4

[03.06.23 / 09:43] Freitag … wollte ich nicht „vorschlafen“? Ich bin so aufgeregt, ich falle erst weit nach ein oder zwei Uhr in den Schlaf, wache um fünf Uhr nochwas auf. Der Koffer ist gepackt, alle Sachen schon akribisch vorher aufgelistet und herausgesucht: viel Platz ist da nicht in dem kleinen Rollkoffer (ich will mit der Bahn fahren). Drei schwarze Tops für das „Trad-Goth-Outfit“, die schwarze Yoga-Hose (ultrabequem und ich werde das Wochenende noch so Einige sehen, die die auch anhaben), meine Plateau-Pumps – die gerade noch so in das Gepäckstück mit hinein passen – und mein neues Kleid. Ich bin mutig und will dieses Jahr von der allseits schwarzen Farbe abweichen … es ist grün und weiß. Tatsächlich orientiere ich mich hier an dem „Gothic-Lolita-Look“, mit dem schweren Parfüm (ein Geschenk), dem Patchouli und all meinen Silberschmuck mit in der Waschtasche bin ich wieder „gothic“ … vor allem mit dem silbernen Armreif von der letzten Urlaubsreise, der muss mit!
Zeitig auf Arbeit erscheinen, noch einen kompletten Arbeitsfreitag mit endlos langen Meetings füllen, bzw. „absitzen“, bevor ich den Nachmittag eine halbe Stunde früher gehen kann, ich brauche diese Zeit, um meinen Zug zu erwischen. Dieses Jahr nur die schmale Festivalvariante, von Freitag auf Montag, drei Nächte – kein viktorianisches Picknick für mich, keine große Kiste mit all meinen Schuhen – nur die Pikes ziehe ich während der Zugfahrt an. Für mein um ein Tag verschobenes Picknick im Park in Leipzig habe ich mir extra den Tag zuvor noch einen Flechtkorb aus dem Baumarkt geholt … das Osterkörbchen zu Hause in der Abstellkammer wäre auch nicht angemessen gewesen. Auto in der Garage parken, Koffer greifen, weiter zum Provinzbahnhof.
Wie immer, die Züge sind voll, verspätet über alles, niemand würde auch annähernd auf die Idee kommen, dass die an jedem haltenden Nest durch die Landschaft schaukelnden Regionalzüge von mehr als drei Dorfjacken benutzt werden … schon gar nicht zu Pfingsten. (Idee: ICE und RE müsste dieselbe Preisklasse sein, gestaffelt nach Kilometern und nicht nach nicht vorhandenen Luxus.)
Endlich in Leipzig den frühen Abend angekommen, noch Geld am Automaten holen, weiter mit meinem Rollkoffer hinter mir zu dem gebuchten Hostel – ein Acht-Personen-Zimmer – werde ich es überstehen? Alle Kommentare von Verwandten und Kollegen: Bist du verrückt?, weise ich von mir. Ach! … Ich war beim Bund! O-Ro-Pax! Ich habe den Platz ganz oben auf dem Doppelstockbett zwischen Eingangstür und der Toilette. Hauptsache billig und es ist keiner da. Sind bestimmt alle beim Festival und ich habe den Freitagabend für mich allein. Fühl dich wie zu Hause und lauf nackt hin und her während der Vorbereitung für die Nacht. Eine Dusche, Parfüm, Dessous, ein schwarzer BH, ein Spaghettiträgertop, die Yoga-Hose, das schwarze Top mit den Ärmeln in Spitze, der schwarze Ledermini, die schwarzen Pikes-Stiefeletten, meine schwarze Lederjacke. Den schwarzen Kapuzenpullover gebe ich eingerollt mit in die Handtasche – die Nächte, und vor allem der Morgen, werden kühl. Kajal, Mascara, Silberschmuck und Patchouli – bereit für die Nacht.
Der erste Abend auf dem kleinen „Gothic-Pogo-Festival“ – es könnte mein zwanzigstes sein? Den Vorgänger in der Tangofabrik und die Online-Ausgaben während der Pandemie mitgezählt. In der Straßenbahn begegnen mir noch viele andere Gäste des anderen „Gotik-Festivals“ – hätte ich etwas mehr Geld über (wäre ich nicht den zweiten Monat im Dispo), ich würde mal wieder ein Ticket kaufen (nach zehn Jahren Abstinenz). Eine Besucherin in der Straßenbahn wirkt aber auch bezaubernd hübsch, ich kann meine Augen gar nicht so sehr von ihr lassen.
Das Werk 2 am Connewitzer Kreuz im Süden von Leipzig, die Heimat des kleinen Festivals. Die eine Band die Nacht zuvor habe ich schon nicht sehen können, dafür sind diese Nacht ein paar interessante „Gitarren-Bands“ angekündigt! Eine davon habe ich zuletzt 2006 gesehen (wahrscheinlich auch genau hier). Ich laufe durch die zwei Hallen, ich hole mein Bändchen (ohne das ich mir nackt vorkomme), versuche Gesichter wiederzuerkennen, Besucher nicht, aber die Veranstalter (sie müssten mich auch schon erkennen). Ich brauche das Fünf-Tage-Bändchen noch für das „Club-Hopping“ und den freien Eintritt später. Ein obligatorischer, erster „Club Mate“ an der Bar.
Die erste Band … Punk? Die zweite Band … auch so Punk? Aus Finnland? Ich bin hier nur wegen der dritten Band: Boah, sind die alt geworden … Hey, so alt bin ich doch auch nicht? Siebzehn Jahre liegen zwischen hier und damals. Und ich kann immer noch bei zwei, drei Titel die Refrains mitsingen. Weiter zu den beiden Discos die Nacht.
Die eine Tanzfläche … Gitarrenlastiges? Die andere Tanzfläche … queeres Zeug? Eher so „Gestampfe“ – zurück zur ersteren. Die Nacht oder den Morgen gehe ich erst sehr spät ins Bett – nicht vor dem Sonnenaufgang! Nicht vor dem ersten Frühstück! Ich will mal wieder so richtig ein Festival durchmachen, es so angehen lassen, wie auf einem Rave. Scheißegal um meinen Körper und wie viel ich die Nacht doch nicht geschlafen habe. Gegen drei Uhr wechsele ich den Veranstaltungsort.
Rüber in den anderen Club mit der Italo-Disco-Tanzveranstaltung und den freien Eintritt für mich mit kooperierenden Festivalbändchen. Meine Tasche lasse ich an der Garderobe, meine Lederjacke – mit den verschließbaren Seitentaschen für etwas Kleingeld – behalte ich für das Erste an. Hinunter in den Keller zu Italo-Disco tanzen … endlich!
An der Bar ein Glas Wasser holen, werde ich angequatscht, er mit seinem EBM-T-Shirt ist schon etwas angetrunken. Kurz zusammen tanzen, wieder an die Bar, Smalltalk (bist du öfters hier – nein, nur dieses Wochenende) und er küsst mich auf meine Lippen.
Ich bin verstört. Er lässt sofort mit einer Entschuldigung ab. Das habe ich nicht kommen sehen. Ich gehe erst mal wieder tanzen, alleine. Ein Blick nach draußen, die Treppe zum Ein- und Ausgang hoch, die Dämmerung setzt ein, Zeit zu gehen? Vögel zwitschern schon. Ich sehe ihn nicht mehr und er sieht mich nicht mehr, fluchtartig (nachdem ich noch ein paar Titel getanzt habe) verlasse ich den Club.
Wieder zurück zu dem anderen Festival, oder doch schon zur Straßenbahn, ich muss noch etwas Zeit rumkriegen bis sechs Uhr, bis die Bäcker für das Frühstücksbrötchen am Bahnhof aufmachen. Nicht allzu viel später zur Straßenbahnhaltestelle und wieder zurück zum Hauptbahnhof in die Mitte von Leipzig.
Es ist noch keine sechs Uhr, aber der Bäcker unten in der Passage hat schon offen, ich nehme mir ein Croissant, ein Schokobrötchen und ein Rosinenbrötchen rüber mit ins Hostel, auf einen Kaffee verzichte ich noch.
Mein Frühstück drücke ich mir wenige Minuten später, gegen sechs Uhr, am Stehtisch vor der Eingangstür zum Hostel rein. Es ist kühl, den schwarzen Kapuzenpullover habe ich schon länger unter die Lederjacke gezogen. Zurück ins Zimmer, die Betten sind belegt und die Leute schlafen schon. Leise versuche ich auch, mich meiner Klamotten zu entledigen, im Bad das ganze, schwarze Augen-Make-up zu entfernen, zurück die Sprossen die Leiter hoch zu meiner Liege zu steigen. Schranktüren öffnen, schließen, Schlösser klicken – ich bin die Einzige, die etwas mehr Platz hat und ihren ganzen Kram direkt oben auf dem Schrank neben dem Etagenbett deponiert. Das Wachs in den Ohren, das Halstuch vor den Augen und die Augen schließen.
Husten, Schnarchen, Leute stehen auf, gehen wieder ins Bett … spätestens um acht Uhr ist „morgens“ und „Aufstehzeit“. Alle Tricks zum Einschlafen funktionieren nicht … ich ahne Schlimmes. Ach, hätte ich ihm doch eine Nachricht geschrieben … nur du kannst mich hier herausholen! „Hilf mir!“ (Ende Teil 3/3)

[03.06.23 / 09:42] 24 Stunden zurück, der Sonntag, ich habe es geschafft, fünf Stunden zu schlafen, immerhin. Die lauten Gäste in dem Zimmer im Hostel in der Innenstadt von Leipzig sind weg, jetzt sind da nur noch ein paar „Elder Goth“ (wie ich), die Rücksicht aufeinander nehmen – und doch fällt mir auch immer alles herunter vor dem kleinen Schrankfach. „Sorry.“ Mein weiß-grün kariertes Kleid – so eine schöne Wahl für die Tage. Die schwarzen Pumps, die schwarze Sonnenbrille und ich bin zum Frühstück gegen Mittag wieder draußen in der Innenstadt … da war irgendwo noch dieser Waffelladen.
Es tut mir leid um meinen Ex-Freund, ich habe ihn so verarscht und sitzen gelassen. Mein schlechtes Gefühl führt mich den frühen Sonntagnachmittag zu der Adresse, die er mir geschrieben hat. Wird er unzählige Stunden später noch hier sein? Nein, ich warte vergebens vor dem Hochhaus in der Nähe des Landeplatzes für die laut knatternden Rettungshubschrauber an der Uniklinik. Zurück in die Innenstadt, bzw. die Südvorstadt von Leipzig. Ich tingele den Nachmittag noch durch ein syrisches Restaurant, ein Kaffee mit Kuchen und Tee (das sehr beliebt ist bei den sehr alten „Gotiks“) – und zurück am Marktplatz die alte Stammbar für ein Glas Orangensaft und ein Wasser, bevor es weitergeht zum Festival. Was ziehe ich an? Mein Trad-Goth-Outfit. Die Nacht davor, das ärmellose Top mit dem Netzausschnitt.
Sonnabendabend, eine Dusche wieder zurück, das spezielle Duschbad mit dem speziellen Parfüm – so schwer orientalisch, wie auch mein Silberschmuck. Der Peridot-Anhänger an der Silberkette, das Peridot-Armband mit Silber – und mein silberner Armreif aus Marrakesch, diesen trage ich hier aber auch jeden Tag und Nacht. Das weiß-grün karierte Kleid hänge ich wieder an den Bügel an dem Griff des Koffers, der oben auf dem Schrank neben dem Doppelstockbett in dem Zimmer im Hostel liegt. Ich bin die Abende nicht immer allein, ab und zu kommt auch noch jemand von den anderen Gästen, Klamotten wechseln. Weiter für die Nacht auf den Sonntag zu dem Veranstaltungsort von dem kleinen Gothic-Festival. Nach der wirklich schlaflosen Nacht nach meiner Anreise möchte ich diese Nacht nicht so lange machen. Keine Ahnung, wie viele Bands diesen Abend spielen, meine aktuelle Lieblingsband aus Frankreich ist jedenfalls mit dabei. Ich stiefele mit Sonnenuntergang an der Gay-Bar in der Innenstadt vorbei zu meiner Straßenbahnhaltestelle an der Oper.
Ausstieg Connewitzer Kreuz – jetzt muss ich aber auch mal bei dem äthiopischen Streetfood-Stand essen. Fingerfood ist hier wirklich Fingerfood, ich schaufele das leckere Essen mit meinen Fingern in mich hinein, schlecke diese ab, bevor ich mich zu dem Waschbecken in der Damentoilette in der Veranstaltungshalle gegenüber nach dem Eintritt begebe. Ich laufe hier immer durch, Bändchen zeigen, Taschenkontrolle (sie sind hier sehr nervös, nach dem Vorfall mit den K.o.-Tropfen letztes Jahr).
Die erste Band des Abends, ich bin sowas von beeindruckt – diese selbstgebauten Elektronik-Kisten! Dieser brutale Klang! „Wow!“ Meine Begeisterung inmitten des Publikums. Zwischen den Bands wieder raus in die andere Halle mit der zweiten Tanzfläche und den Marktständen (bis auf eine weitere CD und einem Deathrock-Patch für meine Lederjacke / Punkerkutte werde ich dieses Jahr nichts kaufen). Eben mal auf die Toilette hier und dort, an der Bar ein Club Mate – und schon wieder den Anfang der nächsten Band verpasst. Ich bin allein unterwegs, mal in meiner autistischen Blase, mal Rocker-mäßig herumschlendernd, den Vorfall mit dem Typen an der Bar von dem Club die letzte Nacht nicht so richtig verarbeitend, auf mein Telefon schauend. Diesen Abend gibt es hier in dem Innenhof einen Grillstand, aber ich habe draußen vor dem Eingang schon gegessen. Mein Ex-Freund hat mir geschrieben …
Scheiße! Meine Mine verfinstert sich, was habe ich getan? Er hat meine höchst dramatischen Nachrichten den Morgen zuvor wirklich für echt gehalten. Mir geht es doch mittlerweile wieder besser, ich konnte etwas schlafen. Er hat einen Bekannten angerufen, ich könnte dort übernachten, er wartet bis zwei Uhr dort, ich soll ihm schreiben, wenn ich mich auf den Weg mache.
Meine Hand an die Stirn … ich könnte diese Nacht noch Sex mit ihm haben? Vielleicht ist das der Punkt? (Wird das nicht ebenso schlaflos?) Ich bin irritiert, weiß nicht, was ich machen soll … ich will weiter tanzen und die nächsten Bands sehen. Der Nachrichtenaustausch draußen vor dem Eingang am alten Grillstand geht so lange, die eine Band dazwischen habe ich schon komplett verpasst. Noch eine weiter, jetzt kommt meine Lieblingsband aus Frankreich, die, die ich schon den letzten Tag im letzten Jahr gesehen habe (und auch dort ließ ich ihn sitzen nach mehreren Nachrichten, ich bin so eine Bitch).
Die Handtasche mit dem Telefon lasse ich an der Garderobe, endlich frei. Auf der anderen Tanzfläche wird nach den Auftritten Oldschool-Deathrock gespielt. Der Lautsprecher vor mir kann gar nicht laut genug sein, um meine Gedanken und Schuldgefühle hinwegzufegen. Niemand spricht mich hier an. Zurück auf die erste Tanzfläche (die mit der Bühne), ein Barhocker oder ein anderer Sitzplatz. „Was würde Mary tun?“ Immer, wenn ich nicht weiter weiß, wende ich mich an mein großes (imaginäres) Vorbild. „Sei kein Arschloch.“ Ich möchte doch noch zu dieser Adresse fahren. Die weitere Stunde auf der Toilette (schon wieder Blut) und die Kenntnis, dass außer der Linie 11 hier dieses Wochenende nichts nachts fährt und ich keine Ahnung habe, wie ich da hin komme, lässt meine Entscheidung kurz nach drei Uhr klarer werden: Zurück ins Hostel, eine Nacht gebe ich dem Zimmer noch. (’Tschuldigung, dass mir die Tür so laut ins Schloss gefallen ist, war keine Absicht.)
Der Sonnabend … brutal gar nicht geschlafen. Ich sitze gegen zehn Uhr in dem Doppelstockbett auf meiner Liege ganz oben, diese vielen Menschen, jeder steht irgendwann irgendwie auf, geht an seinen Schrank, geht auf die Toilette, geht raus aus dem Zimmer, knallt die Tür. Die Festivalbesucher, die den Morgen zurückkommen (ich), die Nicht-Festivalbesucher, die schon früh aufstehen, die dann doch wieder älteren (und netten) Festivalbesucher, die auf das Frühstück nicht verzichten können. Alles, was ich mir vorgenommen habe: Wird schon werden, nimm Oropax mit! – Keine Chance. Bin ich mal kurz eingenickt? Ich glaube nicht. Ich bin verzweifelt und schreibe ihm ein paar Nachrichten. Eine Antwort erwarte ich nicht. Die Jahre sind vorbei, als ich noch bei ihm übernachten konnte, bevor ich meine Wohnung hatte.
Aufstehen, Frühstück hatte ich ja schon. Diesen Tag ziehe ich mein schönes, neues Kleid an: das weiß-grün Karierte! Dark Cottagecore. Draußen die in der Innenstadt flanierenden Festivalbesucher in ihren historisch anmutenden Roben sind nicht allzu weit entfernt von meinem Stil … ich könnte aber auch den 1940er Jahren entsprungen sein, zusammen mit der schwarzen Nylon-Strumpfhose und den Plateau-Pumps – die ich extra für dieses Wochenende und dieses Outfit mitgenommen habe! Der Silberschmuck die letzte Nacht, mein marokkanischer Armreif. Ich ziehe meinen Flechtkorb von dem Schrank herunter, packe meine Kaffeetasse mit ein, mein ebenso kariertes „Picknick-Tuch“ und gehe raus, eine Pizza zum Mittagessen und gleich direkt daneben bei dem Bäcker in der Innenhofgasse zwei Stück Kuchen für den Nachmittag kaufen. Weiter zum Clara-Zetkin-Park.
Die Haltestelle kenne ich noch, den Weg zurück merke ich mir, um genau diese Haltestelle wiederzufinden (nicht, wie das Jahr zuvor). Mein Weg durch die grüne Parkanlage führt mich vorbei an den Stellen, an denen ich letztes Jahr schon war. Das Wetter ist identisch: sonnig, trocken und nicht so warm – ideal für das „Viktorianische Picknick“ – welches ich dieses Jahr um einen Tag verpasst habe. Den Sonnabendnachmittag sind kaum noch „Gotiks“ unterwegs … eigentlich fast gar keine. Nur Normalos in dem Park.
Ich wähle die gegenüberliegende Uferseite an dem See und betrachte meinen Sitzplatz vom letzten Jahr: Genau dort hinten auf der Mauer habe ich gesessen. Enten quaken, der Kaffee, den ich mir vor dem Einstieg in die Straßenbahn noch bei einer größeren Kaffeehauskette in meinem Becher habe gießen lassen, ist immer noch genauso kühl – mit den Eiswürfeln (dabei wollte ich doch gar keinen Eiskaffee). Schön zu erkennen, dass der Thermobecher auch so herum funktioniert. Meine ein Stück Zupfkuchen mit Kakao und ein Stück Eierschecke esse ich von dem Papptableau mit der Hand, die Kuchengabel habe ich im Koffer vergessen. Bis hierhin um 16 Uhr hat sich der Kuchen und die Tasse Kaffee mit dem Deckel sehr gut gehalten in dem großen Flechtkorb. Nach einer Weile entspannen – und mich von der schlaflosen Nacht erholen – trage ich meinen geflochtenen Picknickkorb in der Armbeuge kurz vor 17 Uhr wieder zurück zur Straßenbahn. Vielleicht kann ich in dem Hostel noch etwas schlafen oder zumindest entspannen (die Augen zu machen), bevor ich mich wieder ausgehfertig mache … die letzte Nacht in dem Club hatte ich das Top mit den langen Ärmeln in Spitze an. (Ende Teil 2/3)

[03.06.23 / 09:41] Ich muss furchtbar aussehen, ich ziehe meinen Rollkoffer das kurze Stück zum Bahnhof in Leipzig, um diesen in eines nach Urin stinkenden Schließfächern für ein oder zwei Stunden zwischenzulagern. Noch ein zweites Frühstück gegen zehn Uhr? Die anderen schwarzgekleideten Leute bei dem Bäcker schauen mich schon so schockiert an, wahrscheinlich sehen selbst die Real-Life-Darsteller von dieser Fernsehserie, die Drogenjunkies vom Leipziger Hauptbahnhof, noch besser aus, als ich. Tiefe, schwarze Augenringe, ein blasses Gesicht, in meinen Pikes dahinschleichend. Egal … vor der Abfahrt nach Hause noch ein drittes, indisches Frühstück in der Fußgängerzone.
Stunden zuvor, der Sonntagabend – für mich die letzte Nacht bei diesem Gothic-Festival, bei dem ich immer zu Pfingsten bin. Diese Nacht ist der lange Marathon geplant. Werde ich durchtanzen? Ich wechsele in dem Hostel mein weißes Kleid in das tagesaktuelle Schwarz: die wirklich ultrabequeme, schwarze Yoga-Hose, das neu gekaufte Fischnetz-Top und das ärmellose Top. Zusammen mit den Stiefeletten, der Lederjacke und dem schwarzen Ledermini, ein so „80er-Jahre-Outfit“. Schwarzer Kajal … Patchouli. Mein orientalischer Silberschmuck. Mit der Straßenbahn nach Connewitz zum Werk 2.
Drei Bands, eine Französische, die es wirklich draufhaben, den kitschigen Synthie-Pop zu … persiflieren? (Nein, die machen das wirklich so.) Eine ultrakühle Wave-Band aus Polen (mit Sonnenbrille). Und ein deutscher Künstler an seinem Sythesizertisch, der die Massen so sehr anzieht (zurecht), dass ich auf den Weg in die andere Halle und zurück irgendwann nach Mitternacht vor der langen Menschenschlange stehe und auf das Aufheben des Einlassstopps warte. Ich komme doch wieder rein.
Nach den Bands, tanzen. In mir reift der Gedanke, gegen zwei oder drei Uhr zurück ins Hostel? Check-out ist erst um elf Uhr – und schlafen kannst du ja sowieso nicht! Ich mache durch! Ich will endlich auch den Sonnenaufgang in dem Innenhof dieser Festivallocation sehen. Wie die Nächte zuvor, meine schwergepackte Handtasche mit dem Kapuzenpullover gebe ich an der Garderobe ab. Weiter an die Bar, ab einem bestimmten Zeitpunkt nur noch Wasser. Auf dem Weg von der vollen Tanzfläche zu den Toiletten schaue ich immer wieder nach draußen.
Es wird leicht heller … mit Beginn der Morgendämmerung positioniere ich mich draußen auf dem Pflaster. Zu kalt? Mein Pullover ist noch in der Tasche drinnen. Ich falle einem anderen Festivalgast auf: „Glaub mir, das dauert mindestens noch eine Stunde.“ Ich bewege mich nicht weg, ich will diesen Moment nicht verpassen. Die Jahre zuvor war ich entweder drinnen auf der Tanzfläche, draußen um die Ecke, oder es war trübes, regnerisches Wetter unter dem Vordach, oder ich war schlicht und einfach schon längst wieder in meiner alten Wohnung in Leipzig. Ich starre gebannt auf den leicht hellen Schein am durch einen Baum und einem Hausdach verdeckten Horizont. Mein neuer Verehrer amüsiert sich. „Lass uns uns umarmen.“ – „Klar … eine Umarmung geht immer.“ Die Sonne kommt heraus und ich bin für einen Moment fasziniert. Der Dampf, der Nebel, im hellen Lichtschein draußen auf dem Hof, qualmend vor der offenen Tür zur Disco.
„Hier gibt es einen ‚Dark Room‘?“ hier gibt es keine Dark Rooms, er führt mich zum weiteren Rummachen in eine nicht wirklich dunkle Ecke vor dem Toiletteneingang der schon längst wieder geschlossenen, zweiten Veranstaltungshalle und lehnt sich mit mir gegen die weiße Wand. Mein Lederrock aus einem Sexshop auf der Reeperbahn in Hamburg ist aber wirklich bezaubernd mit dem rückseitigen Reißverschluss … auf, zu, auf und zu. Seine Hand landet in meiner teuren Unterwäsche, seine Finger … wo ist der Eingang? Ja … du, ich bin da unten etwas anders, als andere Frauen. „Du bist operiert?“
Und hier endet seine Exkursion, er kann es nicht verarbeiten. Ich sehe aus, wie eine Frau, ich bin eine Frau – und dann wieder doch nicht? Er ist froh, dass wir uns nicht geküsst haben, ich ließ ihn auch nicht an meine Lippen heran, die sind tabu.
„Willst du mit mir frühstücken gehen?“, mein Blick. Der Bäcker an der Kreuzung gegenüber, ich könnte ihm noch ein paar Dinge mehr erklären. „Deine Kumpels werden dich morgen fragen, ob dir das mit der Transe nicht aufgefallen ist.“ Er lehnt ab, er muss das noch weiter verarbeiten, das ist neu für ihn. Irgendwann gegen halb acht, ich gehe alleine rüber zum Frühstück, im hellsten Sonnenschein. „Ein Croissant, ein Mohnbrötchen mit Erdbeermarmelade und einen großen Café Crema.“ Zurück auf die Tanzfläche bis neun Uhr und dann mache ich mich mit der Straßenbahn auf zum Hostel-Check-out und noch eine Dusche nehmen. Schon wieder eine schlaflose Nacht. (Ende Teil 1/3)

[14.05.23 / 01:25] „Vermassel mir das nicht!“, mein Spruch zu meinem Spiegelbild die ersten Tage auf der Damentoilette in der neuen Firma, als ich für einen kurzen Moment meinen Zopf öffne und meine Haare neu richte. Anders wie zuvor, verhalte ich mich nun professionell, optisch zurückhaltend, eher meinem alten Ich gleich – dafür so kommunikativ, wie ich es noch nie zuvor war. Immer Fragen stellen, mit in die Kantine gehen, mit in die Cafeteria gehen, zusammen einen Kaffee trinken – der hier gratis ist, soviel du willst.
Bis jetzt läuft es gut, fange ich erst mal auch an, zu programmieren, lande ich auch im „Tunnel“ und bin nicht mehr ansprechbar – aber das ist hier normal. Ich muss mich nur zusammenreißen – wenn ich irgendwo nicht weiterkomme, ewiges „Reverse-Engineering“ betreibe, endlos lange im Intranet nach nicht existenten Dokumentationen suche, irgendwann frustriert im Leerlauf rotiere … dann bin ich raus. Gefeuert. Genau das ist mir bei der letzten Stelle passiert. Auf die Kollegen zugehen! Reiß dich zusammen! Mach hier nicht wieder so eine Szene! Immer sympathisch bleiben. Manchmal habe ich keine Ahnung von den elementarsten, technischen Dingen und Begriffe, aber das fällt noch nicht auf? Dranbleiben, Einlesen … auch zu Hause später die Nacht. Wie in Japan, es gibt für mich nur die Arbeit.
Dass ich mich dieses Mal mehr mit den anderen Mitarbeitern unterhalte, ist neu. Ein Lerneffekt? Ich will die Stelle noch nicht riskieren, ich brauche das Geld, noch zwei Monatsgehälter bis zur Rückzahlung aller meiner Schulden. In meiner Phantasie entnehme ich meinen neuen Soft Skill der kurzen Phase als Web-Darstellerin, die vor der Kamera, und in den Chats mit den Männern, die ich alle nicht kenne, aber irgendwie einen Smalltalk betreiben muss, als Kunden-Akquise (vielleicht gehe ich tatsächlich irgendwann wieder online und mache das nebenbei weiter). Auf Arbeit weiß davon niemand.
Jetzt steigen die Temperaturen an, mein androgynes Erscheinungsbild mit dem weiten, schwarzen Pullover durch die Großraumbüros schreitend könnte jetzt einen mehr offensichtlicheren, weiblichen Charakter annehmen, wenn ich meine engen, schwarzen Tops trage. Der Exzentriker-Bonus durch meinen schwarz-grauen französischer-Chic-Mantel ist dann dahin. Noch ist mir keine andere Kollegin auf der Damentoilette begegnet. Vielleicht mache ich mir auch nur viel zu viel Gedanken und bemerke gar nicht, dass ich schon ein gewisses Passing erreicht habe.

Die Nächte zwischen den Arbeitstagen auf YouTube – das neue Selbstbestimmungsgesetz macht mir Sorgen. Im Kern ein guter Ansatz, aber durch die unzählig vielen Ausnahmeregelungen im aktuellen Entwurf für die Abstimmung, ein totales Desaster. Klar kannst du dann (und sollst du auch) dein Geschlecht und deinen Vornamen einfach ändern – aber was ist mit denen, die das alles schon durch das alte Transsexuellengesetz hinter sich haben? Die neue Variante mit der dringend benötigten Freiheit für die Betroffenen löst im Internet eine Hetz- und Hasskampagne aus, deren Ausmaß ich mir noch gar nicht vorstellen kann.
Ich habe Angst. Vor fast zwanzig Jahren war ich die Einzige, konnte nachts durch Leipzig laufen, war vollkommen frei und fühlte mich sicher. War froh, diesen Weg gegangen zu sein, konnte mich endlich als Frau fühlen … die, die ich schon immer war! Hassverbrechen? Transphobie? Alles Fremdwörter, kam in mein Vokabular nicht vor. Ich war einfach ich und konnte sogar mit Männern ungezwungen flirten (und so ist mein echter Name „Andrea“ entstanden). Und heute, Jahrzehnte später: „Transfrauen sind Männer.“

Werde ich jetzt wieder angegriffen? Die Damentoilette, die ich nur noch ausschließlich nach meiner Transition, viele Jahre zurück, benutze, ist als fremder „Schutzraum“ für mich ab sofort tabu? Nur weil ich anders geboren war? Nach den Hass-Videos auf „YouTube“, die ich mir masochistisch veranlagt immer wieder antue und den aggressiven Hetzern und den sogenannten Influencern darin, schon.
Wie der neue Gesetzesentwurf interpretiert wird, es zählt nicht mehr, ob du schon jahrelang den Namen und diesen dämlichen Geschlechtseintrag im Reisepass geändert hast, ob du untenherum operiert bist, oder nicht, ob du wahnsinnig weiblich aussiehst, schon ewig als Frau lebst und eine bist … nur vergessen hast, das einzutragen (oder andere Gründe) und jetzt droht ein Krieg? Pech für dich. Im neusten Entwurf dieser Vernichtungsschrift wurde der Passus mit der unbilligen Härte wieder gestrichen und du kannst dich in der nächsten Kaserne melden.
Es widert mich an, wie diese ultrarechten Video-Kommentatoren darüber entweder jubeln, oder sowieso alles vom Staat und das ganze mit dem LGBTQ+ verhöhnen, ablehnen, als nicht lebenswert betrachten. Es tut mir um die trans Frauen leid, die weit entfernt vom jeden Passing in einem Interview vor die Kamera gezerrt werden, noch einmal betonen, wie wichtig dieses neue Gesetzt ist und ihre ganzen negativen Erfahrung mit Hass und Gewalt gegen sie in der Öffentlichkeit aufzählen. Es ruft kein Mitleid bei den Zuschauern hervor. „Ihr habt es ja selbst so gewählt.“

Ich schweife ab … wie viele Prozent der Bevölkerung denken so? Den Bogen zum Anfang wieder zurückfinden … wie viele dieser nicht so netten Kollegen bin ich noch nicht begegnet? Wenn mir der erste dieser Art über den Weg läuft, wenn ich das erste Mal einen Spruch mitbekomme … es besteht die Gefahr, dass ich mich wieder komplett zurückziehe. Mein Geister-Ich steht noch als Schatten hinter mir.

[21.04.23 / 20:04] Und wieder einen Arbeitsvertrag unterschrieben … den kommenden Monat Mai muss ich schon komplett aus dem Dispokredit bestreiten (die fette Aktiendividende war schnell wieder weg). Ein aufstrebendes Tech-Unternehmen in der Mitte der Provinz von Sachsen-Anhalt, unter fernöstlicher Leitung. Dafür fahre ich von meinem nur noch einzigen Wohnsitz aus nur ein paar Minuten.
Ich habe Angst – die Nächte schlafe ich weiterhin vor drei Uhr nicht ein. Aufstehen ist erst den Mittag danach, nachdem ich seit Sonnenaufgang mehrere Stunden scheinbar wach die Schlafzimmerdecke angeschaut habe und in Gedanken mein zweites Phantasieleben in Episoden weitergeführt habe, das mit den Freunden und sozialen Kontakten … in meinem realen Leben bin ich nach wie vor nur ein Geist, ein Schatten.
Für die Arbeit in dem Werk und den Entwicklungsbüros muss ich mir Regeln aufsetzen: Keine Kleider, keine Röcke, keine Schuhe mit Absätzen! Alles, was nur entfernt weiblich erscheint, bis zur Unkenntlichkeit verdecken! Weite, schwarze Pullover – was ich den Sommer mache, weiß ich noch nicht. Die beiden Dinger kann ich auch nur schwer wieder verbergen, sie sind einfach da. Haare immer streng zu einem Zopf zusammengebunden … in dieser Firma arbeiten nur Männer? Sehr konservativ eingestellte Männer.
Die letzten Firmen habe ich zu viele schlechte Erfahrungen gemacht, bin negativ aufgefallen durch meine Sommerkleidchen, die Haare offen und die Keilsandaletten an den Füßen, manchmal auch die Stoffschuhe mit den rosa Schleifchen. Ich habe bei der Mittagspause in der Kantine und in den Büros stark geschminkte Frauen gesehen, in ultrahohen Absätzen – aber ich darf das nicht. Ich könnte sonst tuntig oder trans wirken, mit abwertenden Blicken und im Tonfall klar erkennbare, abneigende Bemerkungen: „Es haben sich Mitarbeiter beschwert, dass du die Damentoilette benutzt“, „Wenn er nicht operiert ist, darf er da auch nicht hin“, „Juchhu, Schätzchen!“, die Stimme sehr weit nach oben gezogen.
Wurde ich gemobbt? Habe ich bewusst das gar nicht wahrgenommen? Alles lief hinter meinem Rücken, unbewusst ist es doch zu mir durchgedrungen. Flashbacks: Die Baumallee auf der Fahrt zur Arbeit jeden Morgen, die Augen für Momente geschlossen, die Tachonadel auf hundertzwanzig … die Straße geht nur geradeaus. Wenn die nächste, jetzt kommende Arbeitsstelle nur ganz leicht etwas besser ist – ich muss die Probezeit nur zehn Wochen durchhalten (oder die mit mir), dann gibt es wieder Geld vom Arbeitsamt! Die Zeiten für den Anspruch sind dann endlich erfüllt? In meiner Traumwelt, mein zweites Phantasieleben, könnte ich einfach so arbeiten, mich mit den netten Kollegen und Kolleginnen unterhalten – eine soziale Interaktion führen. Einen Ausbruch aus meiner dunklen Einsamkeit wagen.

Was passiert denn jetzt mit meiner anderen Karriere als „Erotik-Modell“? In dem Arbeitsvertrag sind nebenberufliche Tätigkeiten ausgeschlossen, die brutale 40-Stunden-Woche würde dafür auch keinen Raum bieten. Bis jetzt hatte ich da noch keine Geldeinkünfte, die paar Videos und Fotos von mir auf dem Portal bringen kaum etwas ein. Ich war auch schon seit zwei Monaten dort nicht mehr eingeloggt, eine Live-Video-Show hat nur ein einziges Mal stattgefunden, irgendwo, irgendwann im Februar:

… Ich brauche ein, zwei Stunden für die Vorbereitung, das Anbringen der Kamera vor dem Bett, meine Leopardendecke darauf weit ausgebreitet, die eine Stunde vor dem Spiegel im Badezimmer, das tiefschwarze Augen-Make-up, die rasierten Beine – nicht die Schamhaare. Die Stunde für die ausgeklügelte Beleuchtung, ein Strahler seitlich von 45 Grad und von oben herab, mit einer Folie abgedeckt für ein weiches, milchiges Licht. Die anderen LED-Lichter gespiegelt von der anderen Seite neben der Kamera von unten herauf zu mir, für die nahezu perfekte Ausleuchtung meiner Intimzone (sollte ich die Beine weit spreizen). Die dritte und rote LED-Leiste hinter dem Bett für das Atmosphärenlicht die weiße Wand im Hintergrund des ansonsten dunklen Zimmers hochstrahlend (bei Bedarf könnte ich es auch auf „Violett“ schalten, Amsterdam-Style).
Kontrolle der Technik, das Videobild ist da – der Ton? Ich hoffe, auch. Den sehr späten Abend, mitten in der Woche, einloggen in dem Erotik-Portal, einen Video-Chatraum öffnen … auf Kundschaft warten.
Die ersten Männer sind nur für ein paar Sekunden da, ich bin noch komplett bekleidet, mein schwarzes Spitzenunterhöschen, ein schicker BH, mein Leder-Mini und meine schwarze Strickjacke (es ist Winter). „Sag mir einfach, was du sehen willst“, mein Begrüßungsspruch. Ich weiß noch gar nicht, dass mein Mikrofon nicht funktioniert, mein Gesicht ist nicht zu sehen.
Eine Stunde vergeht, eine zweite Stunde vergeht, ich ziehe erst meinen Leder-Mini aus, dann meine Strickjacke. Ich weiß, um die Männer in meinem Chat zu halten, müsste ich spätestens ab Mitternacht komplett nackt zu sehen sein. Mehr als die schwarze Unterwäsche habe ich dann auch nicht mehr an.
Ein Uhr nachts, jetzt kommt Bewegung hinein. Ein Chatpartner bleibt für eine längere Zeit, der BH verschwindet gleich. Er scheint Gefallen an mir zu finden, wie auch andere Chatpartner zuvor, blendet er ein Live-Video-Bild von seinem besten Stück ein. Ich mache meine Bewegungen auf meiner Decke, strippe das Unterhöschen weg, massiere meine Brüste – er bleibt länger in dem Raum! Endlich ein Klient. Ich lese seine kurzen Textnachrichten:
„Zeig mir deinen Arsch.“
Ich gebe alles. Drehe mein Hinterteil zur Kamera, auf allen vieren, die Hand gleitend durch die Schamlippen, dann weiter von unten durch die gespreizten Beine nach hinten. Den Blick immer auf die Textnachrichten haltend.
„Du Sau! Du steckst ja gleich mehrere Finger hinein!“
Ich nehme erst einen, dann zwei, probiere noch mehr Finger meiner Hand in mein Anal-Loch zu schieben … der „Fotzensaft“ hängt in langen, glitzernden Fäden von meiner Möse herab und tropft in dem schummrigen Lichtschein vor der Kamera auf meine Leopardendecke. Er ist fasziniert.
„Wenn du jetzt noch Ton hättest …“
Mist, alles nochmal, der Ton war gar nicht eingeschaltet. Nicht so dramatisch, er bleibt auch weiterhin. Die nächsten Minuten der Stunde laufen jetzt mit Audio. Meine Finger gleiten weiter durch meine Ritze, ab und zu ein lauter Klaps auf meinen Po.
„Bist du gekommen? Ich habe jetzt auf deine kleinen Brüste gespritzt.“
Ich versuche einen Abschiedskuss zu improvisieren. Ich war auf jeden Fall sehr erregt und es hat mir mit ihm gefallen, aber am Ende lässt meine Kraft doch etwas nach und ich brauche eine Pause. Er verabschiedet sich. Es ist zwei oder drei Uhr nachts, wie lange ging das jetzt mit ihm? Gefühlt dreißig, vierzig, fünfzig Minuten? Diese Erfahrung der Interaktion, vor der Kamera, für ein Publikum, mit dem Zuschauer zusammen etwas erschaffen … begehrt zu werden, intimste Einblicke von mir zu teilen! Das ist neu für mich. Ob sich so alle Bühnendarstellerinnen fühlen?
Noch eine Stunde Nachbereitung, das Set wieder abbauen, die auf „eine-Handbreit-über-Bauchnabelhöhe“ aufgehängte Kamera, die Lichter und die Technik, der Laptop auf meinem Bett. Zurück im Badezimmer vor dem großen Spiegel alles Make-up wieder entfernen, die wuscheligen, langen, blonden Haare durchkämmen … auch die (leicht verklebten?) blonden Schamhaare. Werde ich es wieder tun? Gehe ich diese Woche noch weiter online? Baue ich mir eine Kundschaft von Liebhabern auf? Kann ich so wirklich eine Menge Geld verdienen? Fünf Uhr nochwas den Morgen, den nächsten Werktag in der Woche, ich gehe geschafft ins Bett, das habe ich mir verdient.

Solltest du dich in dem Text wiedererkennen – ich habe deine Wörter zitiert – du kannst dich glücklich schätzen, dass du etwas Einmaliges erlebt hast! Ich bin seitdem nie wieder online gegangen.

[11.04.23 / 03:36] Meine Zwillingsschwester und ich, wir sind nur sehr selten gemeinsam auf Fotos zu sehen … für diese Fotomontage habe ich mehrere Nächte gebraucht. Morgana und Andrea – so genau kann ich das jetzt auch nicht auseinanderhalten, wer wer ist … ist sie die Stärkere? Sie, die die ganze Scheiße von mir fernhält? Und alles für mich filtert? Meine „Helikopter-Zwillingsschwester“, was würde ich nur ohne dich tun (danke, meine Liebe).

Fotomontage im Stil eines 1930er Tonfilms: Schwarz-Weiß, mit leuchtendem Weichzeichner für die Kanten, leichte Filmkörnung und ein fast quadratisches 6:5 Seitenverhältnis (hier der Link zu dem ganz großen Bild).

[01.04.23 / 18:24] „The war on my TV“ – Bilder und Frontberichte, kämpfende Soldat:innen und vollkommen zerstörte, menschenleer scheinende Städte. Meine Einstellung, als zuschauender Beobachter, über den Krieg in der Ukraine hat sich über das Jahr verändert. Viele Jahre zuvor: Ukr:aine? Ist das nicht so ein zweigeteiltes Land, der Westen europäisch und der Osten irgendwie schon Russland? Komplett verschieden? Jahre später, 2014, ich kann nicht genau verstehen, was ich da im Fernsehen sehe und im Internet lese: Es gibt Faschisten in der Ukr:aine? Ich als Antifaschistin bin erst mal „leicht alarmiert“, verliere aber schnell die Aufmerksamkeit darauf. Die Krim wird eingenommen, merkwürdige Sache … lief anscheinend unblutig, wird schon irgendwie passen, ist nicht mein Problem. Februar 2022: Der wird niemals da einmarschieren! Und er tut es doch, schön für mich, den Kurssturz nutzen und Aktien nachkaufen, mich skrupellos daran bereichern … überzeugt, in wenigen Tagen ist die Sache vorbei. Und jetzt schaukelt sich das alles auf:
Was passiert da? Was ist das für ein Krieg in Europa? Könnte das rüberkommen? Steht der Russe bald vor der Tür? Mein Blick in mein Kleiderschrank, meine Bundeswehruniform liegt da hinten noch, der letzte Stapel, die Feldjacke und -hose in Flecktarn, zusammengefaltet ganz unten. Mir wird bewusst, wozu mein Wehrdienst vor über zwanzig Jahren eigentlich mal gedacht war – zur Landesverteidigung im Falle eines Kriegseintritts Deutschlands. Der kommt niemals bis hierher.
Ich schaue mir weiter jeden Tag die Bilder im Fernsehen und im Internet an, Kriegsreportagen und Interviews über sich aufopfernde Menschen in der Ukra:ine – die niemals auf den Gedanken kommen würden, kampflos aufzugeben und ihr mehr den je vereintes Land dem brutal und übermächtig erscheinenden Nachbarn zu überlassen. Instrumentierte Propaganda? Vielleicht … aber die menschlichen Schicksale, die ich da in den Bildern und Reportagen sehe, berühren mich. Andererseits erkenne ich auch den Wahnsinn, wie auf der gegnerischen Seite zuhauf junge, alte, schlecht ausgebildete und ausgerüstete Soldaten verheizt werden. Niemand will diesen Krieg. Doch für mich als ehemalige Soldatin, die auf dem Leopard eingesetzt war, unterstütze ich mittlerweile die Bewegung, alles Mögliche an schwerem Kriegsgerät dorthin zu liefern, um den Kampf beschleunigt zu Ende zu führen (bevor der Westen die Ukra:ine wieder fallen lässt). Es werden mehr sterben, ich bin nicht davon betroffen, ich sitze nur vor meinem Fernseher.

Manchmal zucke ich zusammen, wenn über unserem Haus wieder ein Tiefflieger vorbeidonnert. Die Alarmrotte? Die Russen sind da? Hat er uns jetzt doch den Krieg erklärt? Und schon „die Bombe“ geworfen? Jeden Tag …

[01.04.23 / 18:23] Die Aktivistengruppe fährt zum Transgender Day of Visibility nach Halle. Warum sind wir hier? Ein Typ radelt vorbei, pöbelt die Leute auf dem Platz an, lässt ein paar nicht nette Bemerkungen ab. Die Polizei rät den Teilnehmenden nach Abschluss der Veranstaltung, nicht über den Marktplatz zurückzugehen, dort befinden sich auch wieder aggressiv gegen uns eingestellte Personen. Darum sind wir hier. Dafür ist unsere (irgendwie schon verzweifelt aussehende) kleine Protestkundgebung auf einem Platz in der Innenstadt von Halle.
Redebeiträge werden gehalten (oder abgespielt), mutige Menschen, es geht um die bedrohliche Situation fernab in Übersee, in den USA, wo erkämpfte trans Rechte wieder beschnitten werden, bis hin zur reaktionären Kriminalisierung der Betroffenen. Eine Welle des Hasses rollt global auf uns zu, wir wurden als vermeintlich wehrlose Minderheit für eine neue Opferrolle auserkoren und instrumentalisiert.
Wer sind wir eigentlich? Weiße trans Frauen, männlich sozialisiert, einige mit militärischer Erfahrung oder in der staatlichen Exekutive tätig, an Waffen ausgebildet. Oder trans Männer aller Art, über die ich nicht sprechen und mich nicht in ihre Rolle hinein versetzen kann, bis oben dicht mit Testosteron (ein Steroid) aufgepumpt, an Nahkampftechniken interessiert – ich würde denen nicht im Dunkeln begegnen wollen (hätte ich ein Problem mit ihnen).
Wir können uns alle wehren … ist ja nicht so, dass wir uns gleich auf einen Krieg vorbereiten (dazu mein anderer Artikel), so einfach lassen wir uns nicht „verschwinden“. Eine Gedenkminute für all die getöteten trans Menschen. Meine Gedanken gehen an die eine trans Frau, die ich nie kennenlernen durfte, die ihren politischen und gesellschaftlichen Kampf nur mit ihrem eigenen Tod zu Ende bringen konnte. Zeit für Rambo-Sprüche: „Fangt keinen Krieg mit uns an, den ihr nicht gewinnen könnt!“

[25.03.23 / 22:18] Ich Dinge fotografierend, die restlichen Fotos aus Marrakesch, die nicht von meiner Kamera aus gemacht sind (keine Selfies mehr).

[23.03.23 / 23:07] Mein neues Vichy-Karokleid, für meinen neuen Stil: Dark Cottagecore. Einmal vor dem Spiegel anprobiert und – großer Gott – ich sehe aus wie „Dorothy“ … aus „Der Zauberer von Oz“! „There's no place like home.“ Jetzt brauche ich nur noch ein geflochtenes Picknickkörbchen.

Ich kann das breite Honigkuchenpferd-Grinsen vor dem Spiegel nicht unterdrücken und sehe mich schon Pfingsten zum Gotik-Treffen voller Fröhlichkeit durch den Park hüpfen … jetzt mal im Ernst, ich habe da einen Online-Test gemacht (link) und musste feststellen, dass ich auf der Gauß-Kurve weit abseits am äußersten Rand stehe. 90% der Menschheit (oder zumindest der Testteilnehmer) sind böser als ich! Was habt ihr für ein Problem! Als ich das gesehen habe, musste ich erst mal weinen … dachte ich doch, ich wäre normal und irgendwo in der Mitte.

Flüchte ich mich in mein Märchen- und Fantasy-Outfit und in meine kleine, glückliche Elfenwelt … ich wollte immer die böse Hexe sein, aber dafür bin ich viel zu nett.

[20.03.23 / 12:48] 510 Lymphozyten pro µl Blut … so niedrig war der Wert noch nie (war aber zu erwarten, nach der Corona-Infektion).

[13.03.23 / 20:04] Drei Uhr nachts, mit dem Rollkoffer durch die engen und leeren Gassen der Altstadt von Marrakesch (ich trage meinen kleinen Koffer), zum Stellplatz für das Taxi. Zurück zum Flughafen, für den kurzen Inlandsflug warten so früh nur eine handvoll Passagiere vor dem ansonsten verlassenen Gate. Boarding kurz nach sechs Uhr, und es ist draußen immer noch finsterste Nacht.
Zurück in Casablanca, so kalt ist es doch nicht den Morgen, es reicht eine Jeans, ein T-Shirt und meine Lederjacke. Für den Weiterflug bleibe ich im Transit, nur die obligatorischen Pass- und Handgepäckkontrollen. Eine Etage tiefer unterhalb der Gates für den Abflug, befindet sich eine Lounge von Royal Air Maroc für Fluggäste mit mehreren Stunden Aufenthalt und gebuchten Anschlussflügen, bequeme Ledersessel und -liegen, kein westlicher Tourist weiß davon … nur halb Afrika. Alle Plätze sind besetzt mit „den Schwarzen“ – der leicht latente Rassismus meiner Mitreisenden. Irgendwo zwischen den ganzen Afrikanern liegen jetzt zwei Blondinen – eine in ihrer schwarzen Punker-Lederkutte und Nietengürtel in der Jeans und warten (bzw. ruhen) auf die nächsten Stunden. Für wenige Augenblicke muss ich auch mal kurz eingeschlafen sein.

Frühstück in Casablanca (habe ich mir anders vorgestellt)
Frühstück in Casablanca. Die Sonne ist aufgegangen, lass uns was frühstücken gehen. Jeder größere, internationale Flughafen sieht gleich aus, Cafés, Bistros, ein Food-Court. Nur der Fensterplatz mit Blick auf eine spröde Baustelle nach hinten und der Pappbecher mit dem kleinen, sauteuren Espresso in der Hand ist irgendwie nicht das, was ich für mich erwartet habe. Meine Traumvorstellung von diesem mehrstündigen Aufenthalt in dieser mondänen Stadt am Atlantik mit dem klangvollen und schicken Namen Casablanca ist doch stark abweichend von der Realität.
„Can you change hundred dollar?“ Ich schaue die Frau, die irgendwo hier am Flughafen arbeiten muss, an, als kommt sie vom Mond. So viel Geld habe ich nicht (mehr) bei mir, die letzten marokkanischen Dirham gehen für ein zweites Frühstück, ein Muffin und ein Kaffee, in einer Filiale einer nicht näher genannten, internationalen Kaffeehauskette drauf. Weiter warten und umherstreunen im Transitbereich bis irgendwann nach 13 Uhr. Der Flug zurück nach Frankfurt (eine größere Maschine, amerikanisches Fabrikat, nicht so schön, wie die kleine, brasilianische Maschine den frühen Morgen).
Es wird immer mehr düster und grau, das Flugzeug durchsticht am späten Nachmittag die dunkle Wolkendecke nach unten in Richtung Landebahn. Der Flughafen in Frankfurt, eilende und gestresste Menschen, mies gelaunt oder „voller aufgesetzter Heiterkeit“ am Rande des Wahnsinns. Das musst du hier in Deutschland so machen, anders geht das nicht. Die Zugverbindungen zurück sind ein Glücksspiel, ich bin seit über achtzehn Stunden wach, als gegen 21 Uhr die Lautsprecherdurchsage im Zug kommt, dass es „hier nicht mehr weitergeht“ – wegen einer „Signalstörung“ – und unklar ist, ob ich die Nacht überhaupt noch jemals mein Zuhause und mein Bett erreiche, dann … ich habe keine Wörter mehr dafür, ich bin zu müde und zu fertig und versinke immer tiefer in den Sitz. Fahrt doch einfach auf Sicht, wird schon kein Zug entgegenkommen. Gedanken einer überaus motivierten Testingenieurin aus der Eisenbahnbranche.
Um Mitternacht bin ich wieder zurück bei mir und kann vor dem ersehnten Zubettgehen noch meinen Koffer auspacken, bzw. umdrehen und den Inhalt auf das Sofa werfen. Morgen oder übermorgen kümmere ich mich weiter darum. Wohin geht die nächste Reise? Im ICE schon ein paar Zeilen im Internet auf dem Smartphone gelesen. Afrika? Senegal?

Ich möchte tiefer in diesen Kontinent vordringen. Die eine Italienerin, die ich vor vielen, vielen Jahren kennengelernt hatte – sie muss einmal nach Marrakesch und Marokko gereist sein … der eine Senegalese auf dem Markt vor zwei Abenden, er ist mir beim Essen an einer der Stände gegenüber aufgefallen, in seiner Tracht, die bunten Rechtecke auf seiner Jacke und Hose hübsch zusammengenäht. Sie hat hier irgendwo ihren Mann kennengelernt und in diese faszinierende Kultur eingeheiratet … irgendwann vor ein paar Jahren verliert sich ihre Spur. „Twin Sister of Soul“ – Ich will ihren Pfad gehen, um sie zu finden.

[11.03.23 / 23:15] Erst jetzt entwickelt sich eine Urlaubsstimmung. Frühstück am (sehr) späten Vormittag, heute nur mal kurz raus, eine Einkaufsstraße, bis zum großen Markt, ein Kaffee, ein zweites, sehr, sehr spätes Frühstück. Und wieder zurück in den Riad. Andere Sehenswürdigkeiten? Da wären noch welche … nicht auf dieser Reise. Vielleicht später mal. Am Nachmittag noch einmal kurz raus, Kuchen kaufen (mein obligatorisches Reisefoto mit dem orientalischen Kuchen, den es überall von der Türkei bis nach Marokko gibt).
Auf der Dachterrasse des Riad entspannt auf der Liege ein Buch lesen (dasselbe, das ich schon seit fast einem Jahr lese). Der Ruf der Muezzins rundherum um 17 Uhr. Den Koffer packen, warten auf das Abendessen nach Einbruch der Dämmerung oben auf der Dachterrasse, unter dem sternenklaren Himmel irgendwo über Nordafrika. Bis weit nach 22 oder 23 Uhr. Irgendwann die Nacht wird ein Taxi kommen. Mit dem nächsten Flug zurück nach Casablanca.

[10.03.23 / 23:04] Die südliche Medina, wieder ein spätes Frühstück. Mein grünes Tunika-Kleid tragen – das mit dem weißen Flechtgürtel. Mein langer, schwarzer Schal kombiniert mein orientalisches Outfit und verdeckt meine Haare, meine Schultern, meinen Nacken und mein Dekolleté erfolgreich vor der Sonne. Unterwegs zu dem Palais Bahia aus der Jahrhundertwende.
Eher enttäuschend – sieht aus, wie der ebenso alte Riad, in dem wir übernachten (und das war auch mal ein Harem). Unmengen an Touristen, ganze Busladungen quetschen sich da durch (und das Gebäudeensemble ist gar nicht so groß). Ich gebe es auf, schöne Fotos zu machen – es ist einfach unmöglich. Die Batterie der Kamera ist eh leer (das Aufladen vergessen). Weiter geht es mit der Kamera des Smartphones. Doch vorher noch ein Mittagessen in einem zum Restaurant umgebauten Riad direkt daneben … stolpern einmal Touristen hinein (wir), kommen ganz sicher dahinter die nächsten. Weiter den frühen Nachmittag zu den Ruinen und Mauern des alten Palais Badii aus dem späten Mittelalter.
Diese Anlage ist nicht so überlaufen. Umherklettern zwischen Steinen, Fotos von Storchennestern machen. Etwas Hintergrundwissen über die maurische Zeit, Andalusien und Grenada (eine Fernsehdoku über die Alhambra in Spanien, die ich mal gesehen habe) ist ganz nützlich. Die Erklärtafeln hier und da sind in Arabisch (marokkanischer Dialekt?) und Französisch (ein paar Wörter erahne ich noch). Die Hitze drückt – aber viele einheimische Frauen tragen auch so einen schwarzen Schal. Weiter danach in ein Kaffee … oder waren wir doch noch vorher die alten Saadiergräber ansehen? Hier ist für mich nur das Holzdekor wichtig und sehenswert.
Die Gräber selber sind unspektakulär. Den ganzen Nachmittag mache ich mehr und mehr immer wieder Fotos von den Fliesen und Mosaiken auf den Böden und Wegen, immer wieder dieselben Muster, manchmal auch etwas besonderer … so etwas will ich auch für mein Badezimmer. Weiter nach einem Minztee und ausgewählter Patisserie, zu dem großen, südlichen Stadttor Bab Agnaou – welches die Altstadt von der Außenwelt trennt. Vier Sightseeing-Hotspots und unzählige Läden dazwischen (Patchouli-Öl kaufen), zu viel für einen Tag?
Es ist später Nachmittag / früher Abend zurück im Riad. Eine Dusche, den vielen Staub abspülen. Die Muezzins von allen Seiten oben auf der Dachterrasse künden den Sonnenuntergang an. Freitag Abend ist Party-Abend! Ich habe extra noch meine andere, teure Handtasche dabei. Heute wird nicht im Salon gegessen, heute geht es zum Abendessen raus auf den großen Platz.

Grillstand abends am Djemaa el-Fna
Mit anbrechender Dunkelheit ändert sich das Bild, viele hell erleuchtete Garküchen und Barbecue-Stände. Gegrilltes wird angeboten. Was ist das für ein Tier, das ich da gerade vom Spieß esse? Esel? Pferd? Kamel? Vielleicht doch Hammel. (Wollte ich erst einen veganen, dann vegetarischen Tag einlegen …) Ein paar Dinge sollte ich hier doch nicht essen – keinen Salat, nichts Rohes, nichts Ungegartes. Nach dem (aufregenden) Essen weiter durch die dichten Menschenmengen. Eine andere Mixtur – sehr viele Einheimische. Es ist Wochenende. Quirlig und laut … lebendig. Erst den späten Abend wieder zurück im Riad. (Nur noch eine Nacht?)

Beim Auftragen der Aloe-Vera-Creme vergessen, dass ich ja noch Kajal trage …

[09.03.23 / 17:40] Die Tickets gibt es nur vorab online, dafür brauche ich Internet / WiFi. Der Kauf funktioniert nur mit Kreditkarte, dafür brauche ich ein Online-Banking-Zugang – und eine Secure-PIN. Diese ist in meiner Passwort-Datenbank hinterlegt und verlässt normalerweise nicht meinen heimischen Rechner, dafür … müsste ich jetzt wieder zurückfliegen? Hätte ich diese nicht vorab noch extern in einer Cloud hinterlegt … mit einem Masterschlüssel gesichert, paranoid wie ich bin (der Schlüssel nur separat verfügbar auf meinem Smartphone). Die Online-Reservierung und der Kauf der Eintrittskarten für den Jardin Majorelle gestaltet sich den Abend vorher sehr kompliziert. Den (späten) Vormittag darauf, nach dem Frühstück auf der Dachterrasse des Riad, zum nächsten Sightseeing-Hotspot: „Dem Garten von dem Nachbarn von dem Yves Saint Laurent.“ (Der mit der blauen Farbe.)

Wegweiser, Jardin Majorelle
Vom großen Platz ein Taxi in die Richtung, einreihen in die Warteschlange für den „12:30 Slot“. Unmengen an Touristen. Die Mittagssonne knallt von oben (hätte ich mich nicht eingecremt, hätte ich nicht meinen Hut auf, hätte ich nicht meinen Schal um meinen Hals, um meine Schultern, um mein Dekolleté). Der Garten selbst … angeblich nicht mehr so schön, seitdem da nur noch Kakteen stehen (ich kenne ihn aber nicht anders). Palmen und Bambus, russische Insta-Girls posieren in ihren modischen Kleidern vor den leuchtend blau gemalten Wänden eines Gebäudes irgendwo in der Mitte. Zu viele Menschen, ich halte mit meiner Kamera beim Vorbeihaschen auf alles drauf, was mir fotogen erscheint. Ob die Detailfotos mit den spärlichen Blüten etwas geworden sind, werde ich erst später sehen. Das knallharte Licht, ein menschenleeres Foto zaubern, die Kamera nach oben in die Blätter und Wedel der exotisch anmutenden Palmen und Gewächse. Ein Kaffee in dem dazu gehörenden Café erspare ich mir … immer noch zu viele Menschen. Mit dem Taxi nach einer Stunde wieder zurück, zum großen Platz in der Medina, den mit den ganz vielen Menschen.
Weiter auf der Suche nach dem einen sagenumwobenen Laden, in dem ein alter Mann in einem Berg an altem Silberschmuck sitzt. Aber vorher noch einen „Halb-Halb-Kaffee“ auf der Terrasse eines Cafés rund um diesen zentralen Platz. „Beste Adresse!“ Tatsächlich wähne ich mich wie in dem einen Restaurant, in dem ich vor vielen Jahren in L.A. hineingestolpert bin (das mit dem „Efeu“ und den vielen Hollywood-Stars).
Eingang zu einem versteckten Innenhof, Souk in Marrakesch
Der Laden des alten Mannes ist nicht weit davon entfernt, ein Weg um die Ecke, ein unscheinbarer Torbogen hinein in einen Innenhof voller Antiquitätengeschäfte. Hätte meine Begleitung sich nicht ständig herumgefragt, wo dieser Laden ist – kein Tourist findet diesen! Der Laden ist oben im Obergeschoss des Atrium – und wirklich winzig! Der Mann schüttet seinen Silberschmuck aus all seinen Kisten auf die Waage. Hätte ich nicht einen Tag vorher schon sündhaft teuer eingekauft! Dieses Mal ist meine Begleitung dran.
Zurück durch die Souks, den engen Gassen, schattig überdeckt. Ein Stau zur „Rush Hour“ am Nachmittag, der Qualm der Mopeds lässt kaum Luft zum Atmen. Es ist trocken und heiß, staubig (würden die engen Gassen nicht jeden Tag mit Wasser geschrubbt). Zum Abend im Riad ziehen etwas Wolken auf und lassen dieses nordafrikanische Halb-Wüstenklima etwas erträglicher erscheinen. Die schneebedeckten Berge des südlichen Atlas sind nicht immer klar am Horizont von der Dachterrasse aus zu erkennen. So viele Blumentöpfe hinter diesen Mauern und diesen terrakottafarbenen Zinnen.

[08.03.23 / 19:44] Nach dem (späten) Frühstück, mitten hinein in die Souks. „Wir kommen hier nie wieder raus!“ Überdachte, enge Gassen, ein Gewimmel an Fußgängern, Touristen, Einheimischen und Mopeds. Viele Mopeds. Alles schlängelt sich durch, vorbei an den Auslagen der Händler, hier und da lässt sich ein System erkennen, Schmuck, Textilien, Lampen, Lederwaren.
Ich bin weiterhin auf der Suche nach einem Laden für antiken Berberschmuck. Ein silberner Armreif, mit filigraner Verzierung, eingelöteten Silberfäden, metallisch dunkler Patina, das Spiralmuster in der Gravur und diese Schließe mit dem dünnen Metallstift an einer kleinen Kette soll es sein. Die Berberfrau auf dem alten Schwarz-Weiß-Foto in dem Zimmer im Riad hat genau auch so einen.

Armreif aus Silber, echter Berberschmuck im (Fake-)Teleshop!
In einem Laden irgendwo werde ich fündig. Zahle ich einen viel zu hohen Preis? Dieser Armreif ist wirklich antik und uralt – der ältere Verkäufer ist da sehr überzeugend (und vertrauenerweckend), leider lässt er kaum mit sich handeln. Ein minimaler Preisnachlass und meine Karte versinkt in dem Bezahlterminal. Ich muss diesen Armreif unbedingt haben, mein Spiegelbild an der Kasse, meine orientalisch-indische Tunika und meine langen, blonden Haare harmonieren mit meinem Schal so wunderbar mit diesem besonderen Schmuckstück … und ich wusste bis eben gerade noch gar nichts von seiner Existenz. Für das nächste Gotik-Treffen!
Weiter den Nachmittag in den gar nicht so geheimen Jardin Secret. (Viele Touristen, die genauso ständig amüsiert darüber lästern, wie andere Touristen in ihr Bildmotiv stolpern.) Die starke Sonne ist eh nicht gut genug für perfekte Fotos im ersten Stopp für die „Garten-Tour“ auf dieser Reise. Ein Minztee und ein Stück Kuchen danach auf einem kleinen Platz mit hier und da einem Gewürzhändler mitten in den Souks. „Wir finden schon irgendwie wieder hinaus!“

[07.03.23 / 17:40] Der Zug nach Braunschweig hat Verspätung? Egal, der Anschlusszug zum Flughafen nach Frankfurt muss auf demselben Gleis einfahren, Verbindung funktioniert. Der Flug nach Casablanca verspätet sich auch um gefühlt eine Dreiviertelstunde? (Ich durchlebe schon mein ewiges „Düsseldorf-Trauma“.) Egal, gegen späten Abend (und etwa 2000 Kilometer weiter) in Casablanca durch den Flughafen direkt hinein in das nächste Boarding für den Inlandsflug nach Marrakesch. Auch das funktioniert ohne Stress … reibungslos (und der kleine Koffer kommt auch mit).
Nach Mitternacht in dem Riad in Marrakesch angekommen, ein angenehmes, kühles Klima, der wunderschön begrünte Innenhof lässt sich schon erahnen. Ein kleiner, geführter Rundgang, noch eine Suppe zum Abendbrot. Gegen zwei Uhr nachts ins Bett in dem alten Zimmer unten im Innenhof.

Glas Kaffee am Djemaa el-Fna
Frühstück um elf Uhr oben auf der Terrasse mit Blick über die Dächer der Altstadt von Marrakesch, unten im Hof schon das Vogelgezwitscher, eine leichte, angenehme Brise von den Bergen am Horizont. Diesen ersten Tag nur ein Rundgang durch die Medina und den Souks zum großen Marktplatz Djemaa el-Fna. Von den berüchtigten Gauklern, Schlangenbeschwörern und Henna-Mädchen bekomme ich nicht viel mit, ein großer Abstand zwischen mir und denen. Ein Glas Kaffee auf der Dachterrasse eines Cafés rund um diesen Platz. Ein Sightseeing-Hotspot, die große Koutoubiamoschee mit ihrem uralten Minarett irgendwo dort hinten.
Den Nachmittag durch die Souks zurück, ich bin auf der Suche nach einem Armreif aus Silber, etwas Traditionelles. Vielleicht auch ein Stück Seife aus den vielen Läden mit Gewürzen und ätherischen Ölen. Aus einer Patisserie ein Stück dieses Orangenkuchens probieren, der mir schon in Ibiza begegnet ist, bekannt für dieses westliche (und nordafrikanische) Mittelmeergebiet. Ein Nachmittags-Minztee zurück im Riad. Einfach entspannen und ankommen. Anregungen (und Tipps) für die nächsten Tage sammeln. Später Abendessen (eine Tajine) unten im Salon.

[05.03.23 / 21:43] Sonntag, der viertzehnte Tag ab Infektion, der zehnte Tag mit einem positiven Testergebnis … ein ganz zarter Strich, kaum noch zu erkennen, nur ich weiß, dass er da ist. Und jetzt? Symptomfrei? Nicht wirklich, ein leichter Schnupfen. Aber bin ich noch infektiös? Kann ich mich nach draußen trauen? Allein mein kurzer Weg in die Apotheke am vergangenen Freitag hat mir gezeigt, dass das in der Masse der Menschen vollkommen irrelevant ist. Niemand trägt noch eine Maske. Risikogruppen gibt es nicht mehr (entweder alle „weggestorben“ oder zurück zu normal bzw. „unsichtbar“). Mal sehen, wie es mit dem Virus in mir weitergeht …

Koffer packen. Flug geht in wenigen Stunden. Extra-Packung Masken mit dabei.

[03.03.23 / 17:38] Mittwoch, der Schnelltest ist weiterhin positiv (wenn auch nur schwach). Die ätzende Nasennebenhöhlenentzündung, wie nach jeder Erkältung. Gegen Abend „bröckelnder Raucherhusten“. Donnerstag, weiter Raucherhusten. Freitag, der dritte positive Test in der Reihe, wieder stärker ausgeprägt, interessante Information: nicht nur ich habe alle meine Termine abgesagt, es werden mir auch alle Termine abgesagt bzw. verschoben, wegen einem „erhöhten Krankenstand“. Die Seuche geht unkontrolliert um (unverantwortlich). Mit der Immuntherapie wieder angefangen.

[27.02.23 / 18:52] Der Sonnabend: Gelenk- und Gliederschmerzen gehen zurück, Halsschmerzen konstant mittelschwer, über den Tag verteilt Schüttelfrost in Wellen und die schon von Anfang an latent auftretenden Brustschmerzen, die ich nicht einordnen kann. Erneut Nachtschweiß, Medikation wird erweitert um ein paar Ibus. Sonntag im Tagesverlauf abklingende Symptomatik, den verbleibenden, festsitzenden Schleim abhusten. Montag, der zweite Morgen im Spiegel ein ziemlich abgekämpftes Gesicht, keine Halsschmerzen mehr, Atmung durch die Nase noch nicht frei – ähnlicher Zustand, wie nach jeder Erkältung. War's das jetzt? Nebeneffekt: vielleicht ein oder zwei Kilogramm weniger auf der Waage (wieder runter von der Sechzig). Die nächsten Tage einen weiteren Test eingeplant … Alle auswärtigen Termine für diese Woche telefonisch absagen.

[25.02.23 / 08:04] Die ersten drei Nächte die Woche, starker Nachtschweiß – das ist die Inkubationszeit und für mich das Zeichen, ich habe einen Infekt. Donnerstag, der erste Test negativ. Freitag, Gelenk- und Gliederschmerzen, am Abend der zweite Test fällt positiv aus. In der Nacht stärker werdende Halsschmerzen, leichter Schnupfen, Medikation: Halstabletten zum Lutschen und Eukalyptuskapseln. Nach vier Stunden Schlaf wache ich den Sonnabend Morgen wieder auf – eine Panikattacke: Werde ich sterben? Jedes Einatmen bringt mir den Virus in die Lunge, ich habe im Internet etwas über die schweren Verläufe gelesen, die Lungenentzündung dann die zweite Woche, eigenmächtig die Immunsuppressiva abgesetzt, die mein Immunsystem gerade noch so am Laufen halten … könnte auch kontraproduktiv gewesen sein.

[24.02.23 / 19:13] „Es ist nach wie vor da und mir geht es beschissen.“ Nach den letzten drei Jahren Pandemie endlich mal ein positiver Covid-19-Test, ab jetzt kann ich alles auf „Long-Covid“ schieben und mich vor jeder Arbeit drücken (nicht, dass ich das schon wegen der MS-Fatigue die letzten zwanzig Jahre getan habe). Die Immunantwort, die mich momentan plagt (Gelenk- und Gliederschmerzen), ist in etwa vergleichbar mit der jahrelangen Interferon-Beta-Therapie – dort ging es mir jeden zweiten Tag in der Woche exakt genau so – über viele Jahre. Mal sehen, wie lange das anhält, der letzte Booster war auch schon vor vierzehn Monaten … ich gelte als ungeimpft?

[15.02.23 / 19:59] Ich tue es! Ich habe mich auf einer dieser Bezahlplattformen für „Erotische Videos“ angemeldet! Nach einer mehr oder weniger umständlichen Authentifizierung und Altersnachweis, mein neues Benutzerkonto und mein Profil. Ich bin jetzt eine Amateur-Darstellerin! Für die Live-Video-Chats fehlt mir noch eine bessere Kamera, aber dafür findet sich in dem Upload-Bereich des Profils seit letzter Nacht (4:30 Uhr) ein zwanzigminütiges, aufgenommenes Video von mir … wegen der Größe geteilt in vier Akte (sollte es akzeptiert werden). Interessant zu sehen, was nach den Regeln der Plattform als Softcore und was als Hardcore gilt, und ich dachte, mein Video – in dem wirklich nicht viel passiert – sei harmlos. Allein die tiefen Einblicke in meine Intimzone und der gewählte Kamerawinkel machen es schon schwierig, nicht allzu freizügige Vorschaubildchen für den Videostream auszuwählen.

„Vierzigjährige Post-OP Transfrau erkundet vorsichtig ihren Körper“

Modell: Morgana LaGoth
Kamera & Beleuchtung: Morgana LaGoth
Schnitt & Postproduktion: Morgana LaGoth

(c) Morgana LaGoth MMXXIII

Wird es angenommen werden? Habe ich überhaupt eine Chance? In meinem Alter? Bei all den anderen höchst attraktiven Darstellerinnen? Das Video entstand einer der letzten Nächte improvisiert auf meiner Leopardendecke, die Lichtführung orientiert sich am expressionistischen Film (Haarlicht von schräg oben, seitlich einfallender Lichtkegel für Zeichnungen – und diffuses Raumlicht, um nicht alles im dunklen Schatten untergehen zu lassen). Die Begleitmusik ist ein Stück von J. S. Bach – es hat ewig gedauert, etwas Lizenzfreies zu finden, und könnte doch der Punkt sein, an dem eine Veröffentlichung scheitert (wenn dann, schiebe ich dieses Video auf meinen Server ins Darknet). Inspiriert ist es durch meine vorangegangenen Videochats mit meinen Liebhabern und was sie sehen wollten, so ganz ohne Erfahrung bin ich also nicht daran gegangen …

Vorbei die idealistischen Zeiten, in denen ich noch alles kostenlos ins Internet gestellt habe: „Alles, was ich brauche, nehme ich kostenlos, alles was ich produziere, gebe ich kostenlos.“ Hier nicht. Ich brauche Geld. Die nächste Urlaubsreise wird immer teurer. „Also, besucht meine Seite und kauft meine Videos!“

Und noch mehr Fragen: Muss ich dafür eigentlich ein Gewerbe anmelden? Was trage ich dann in das Formular als Tätigkeit ein? „Erotik-Modell“? Und wird überhaupt irgend jemand dann meine zum Verkauf stehenden Videos anklicken? (Und mir einen Gewinn einbringen?) Einerseits bin ich als Darstellerin nicht so potthässlich – aber andererseits auch nicht so besonders hübsch … dafür alt … und faltig … und behaart (könnte ein Fetisch werden, weil ich mich aus Überzeugung unten herum schon nicht mehr rasiere). Und gilt das Ganze per Definition nicht schon als Sexarbeit?

Na, ob das was wird … ich werde es sehen.

Nachtrag 1: Die Videos wurden in der ersten Prüfung abgelehnt, wegen der eingeblendeten Internetadresse (woher ich die schöne Begleitmusik habe und um zu bestätigen, dass diese wirklich lizenzfrei ist). Noch einmal eine weitere Nacht das mehrere Gigabyte große Video neu rechnen lassen, mit den geänderten Titeln und Vor- und Abspann, und für eine zweite Prüfung vorlegen. Wenigstens läuft die Nacht auf arte ein interessanter Eastern aus den Siebzigern und vertreibt mir nebenbei die stundenlange Wartezeit vor dem Computer.

Nachtrag 2: Und sie sind online. Die Vorschaubildchen sind schon erschreckend explizit – aber das ist knallhartes Porno-Business! Immer wieder tapse ich als unschuldiges Mädchen in diesen Rotlichtbezirk, zu gut für diese Welt, aber fasziniert davon und angezogen von der verborgenen Schönheit, ohne lange daran hängen zu bleiben.

[04.02.23 / 22:33] Wer hätte gedacht, dass ich die alte Kiste jemals wiedersehe? Der museumsreife Leopard-1-Panzer taucht auf einmal wieder in den Nachrichten auf, um der Ukraine vermacht zu werden. Soweit ich das nachvollziehen konnte (schon länger her), wurden die Exemplare, auf denen ich vielleicht noch vor über zwanzig Jahren eingesetzt wurde, zuerst nach Brasilien und Chile und von dort aus weiter nach Ecuador verscherbelt. [Anm. der Verfasserin: Stimmt nicht, das waren die aus Belgien und den Niederlanden.] Und hier in Deutschland tauchen auf einmal wieder ein paar vergessene Exemplare auf, die schon längst hätten verschrottet werden sollen? (Die, die nicht mehr für einen Export vorgesehen waren?) Ich habe mindestens einen davon in meiner Dienstzeit erfolgreich „kaputt repariert“ … für den Frieden!

Um ins Detail zu gehen: Beim Tausch des Versorgungskabels für die Wannenkreisel rund um den Turm, hat ein Kabel hinten an der Monoblock-Elektronik, das Gerät für die Waffenstabilisierung des 1A5, nicht mehr richtig reingepasst und irgendwie „geklemmt“ … bis ich ein Gummihammer genommen habe und mit etwas beherzter Gewalt draufschlug, ohne Beachtung der Pins und Kontakte am Stecker, die damit vielleicht verbogen wurden. Ergebnis: Der Panzer hatte einen Tremor, musste in eine andere Werkstatt und niemand hat irgendwie etwas mitbekommen, dass vielleicht ich dahinter stecken könnte … oder auch nicht?

(Nachtrag drei Monate später … und es ist doch die „Export-Version“, die mit dem moderneren Turm, geschweißt und aus dem fünften Baulos, die dänische Variante, aufgemöbelt auf A5! Nicht mal wir hatten damals so etwas.)

[01.02.23 / 21:48] Weg ist sie, die Wohnung in Salzgitter – ich hatte da eh nur „ein Bett, ein Fernseher und eine Kaffeemaschine“ drin. Was nun? Sollte ich irgendwann wieder Arbeit finden, würde ich mir wieder irgendwo eine Zweitwohnung nehmen … oder für die Probezeit, ein möbliertes Zimmer (nicht, dass ich nach einer „spontanen“ Kündigung wieder drei Monate an so etwas gebunden bin).
Die Arbeit, besser die Arbeitssuche … bin ich mit Ü40 schon zu alt, um jemals wieder in der IT eine Stelle zu finden? Auch registriere ich wieder eine hundertste Absage in meiner neuen tabellarischen Liste aller gesendeten Bewerbungen – die seit 2019. In meiner alten geführten Liste, die aus meiner Langzeitarbeitslosigkeit elf Jahre zurück, war die unheilvolle Hundert ein Nervenzusammenbruch. Jetzt stört sie mich nicht mehr. Im Laufe des Tages kommt auch schon die nächste … nur wenige Stunden später: Nummer 101. Sollte ich sie wirklich alle zählen?
Die letzten vier Wochen – eine vierwöchige Online-Schulung zur Softwaretesterin. In einer straff organisierten Siebentagewoche und einem Zwölfstundentag (sieben Stunden Unterricht und anschließend fünf Stunden lernen – außer am Wochenende, da „nur“ mehrere Stunden lernen) habe ich mir ein Abschlusszertifikat erkämpft, welches jetzt, mit zwei neu eingefügten Zeilen, meinen Lebenslauf schmückt. Aber ich glaube nicht, dass das noch etwas bringen wird …
Finanziell ist momentan der Druck etwas raus, die Steuerrückzahlung für die letzten vier Jahre sichert meinen minimalen Lebensstandard mit all den notwendigen Fixkosten bis in den April. Mit der Kaution der aufgelösten Wohnung (sofern ich sie erhalte – und wenn ja, dann ohne große Abschläge) könnte ich ein kleines Budget einplanen, das sogar eine weitere meiner geliebten Städtereisen ermöglichen würde. Zeit genug, hätte ich ja …

Doch all das ändert nicht viel an meiner langsam und unterschwellig pessimistischer werdenden Stimmungslage. Ich könnte auch das Wort „depressiver“ verwenden – auch weil es näher dazu passt: Die vielen Stunden, die ich jeden (weit späten) Vormittag von meinem Bett aus nach dem Aufwachen in dem abgedunkelten Schlafzimmer die Zimmerdecke anstarre, ohne das verhängnisvolle Grübeln zu unterbrechen – der Schmerz des Liegens treibt mich raus – oder die viel zu kurzen Nächte, die wachen Zeiten auf dem Sofa liegend, eingehüllt in meiner Leopardendecke, ziellos die YouTube-Videos am Fernseher durchschaltend bis drei Uhr nachts … Soldaten, Panzer, Kriegsverläufe, Politikerinterviews – ich schalte um – belanglose, erheiternde Clips meiner favorisierten Influencerinnen, die auf meiner Abo-Liste. Nur diese eine YouTuberin mit ihrer einfangenden Düsternis spricht mir aus meiner Seele … sie hat schon seit Monaten nichts mehr veröffentlicht, ob es ihr gut geht?

Auch wenn bei mir nicht mehr viel passiert, verliere ich die Kraft und den Anstoß, etwas zu schreiben. Wochen könnten zwischen meinen Tagebucheinträgen liegen …

[02.01.23 / 22:56] Die Autobahnfahrt hört der Regen nicht auf, die Scheibenwischer laufen ohne Unterbrechung in den verschiedensten Intervallstufen. Die Klimaanlage kämpft um der kondensierenden Feuchtigkeit an der Windschutzscheibe Herr zu werden. Es ist unter den dichten Wolken finsterste Nacht. Im Autoradio läuft noch ein Album von „Dead Can Dance“, danach eins von „Faith And The Muse“, ich wollte unbedingt wieder die Musik hören, die ich schon vor vielen Jahren in meinem alten Fiat gehört habe, als ich noch von Wernigerode aus, vom Studentenwohnheim, die Nächte die Wochenenden immer wieder einsam nach Leipzig gefahren bin … als blutjunge Transfrau, mit noch viel mehr Schminke als jetzt im Gesicht und dickstem Kajal rund um die Augen. Nur hat es da nicht so geregnet. Und ich hatte kein Navi, nur eine Straßenkarte.
Ich weiß, wo der Club ist, ich habe die Adresse, ich parke da schon immer mein Auto – außer vielleicht einmal im Jahr 2004, da war ich mit dem Zug angereist. Dieses Mal nicht, wenn ich niemanden kennenlerne, oder mich mit ihm nicht treffe, kann ich immer noch die Nacht mit meinem Auto abhauen und bin im Idealfall wieder zu Hause im Bett, noch bevor der erste Zug um fünf Uhr morgens hier am Hauptbahnhof überhaupt losfährt. Ich habe kein Geld mehr, mir ein Hotelzimmer zu leisten, ich gehe einfach davon aus, dass ich mich irgendwo schon einquartieren kann, wenn ich will – bei irgendeinem Kerl, der mir sein Bett anbietet, doch der mich zuerst an der Bar anquatschen muss. Soweit meine Wunschvorstellung. Bin ich ein Flittchen? Den kleinen Fußweg vom Parkplatz durch die dunkelste Gasse in ganz Leipzig-Plagwitz bis zum Eingang des Clubs für diese Nacht, bezahle ich meinen Eintritt mit all den Kleingeldmünzen, die ich die Tage zuvor schon aus meiner Spardose herausgeschüttelt habe.
Ich mag diesen Club, er ist so schön links, so unkonventionell, die interessanten Plakate, Poster und Sticker überall an den Wänden und der Einrichtung – radikal und anarchisch. Die veganen Kekse am Eingang nehme ich gleich mit, ein paar Papier-Flyer für die nächsten Termine auch. Ich bin fernab im Internet von all dem abgeschieden und bekomme sonst von der hiesigen Szene nichts mehr mit. Ich gehe an die Bar, bestelle meine Flasche Mate – wiederum mit zusammengekratzten Klimpergeld finanziert – und schaue mich durch die Runde. Es ist tatsächlich voll, so viele interessante Menschen, Goths, Grufties, anderes … nicht nur. Mein Mantel, den ich immer noch umhabe, passt hier super rein – ich sehe aus wie eine russische Ballerina-Prinzessin in einem übergroßen Mantel aus Chinchillafell, nur dass mein Mantel aus Wolle ist … und ich keine hochhackigen Stilettos trage (in allen erdenklichen Situationen). Meine blonden Haare streng nach hinten gebunden. Ich hänge wenig später meinen Mantel auch an einen der unzähligen Kleiderhaken an den Wänden in dem ganzen Club verteilt. Die sind neu, die kenne ich noch nicht.
Die erste Band, Punk und Düsterkram, ich will gar nicht erst irgendeine Schublade öffnen, irgendwo neben meinem Plattenspieler zu Hause steht auch eine EP oder Split-Single von denen. Sie sind der Opener für diesen Abend. Dichter Nebel überzieht den Bereich vor der Bühne und lässt das vereinzelt frenetische Publikum darin versinken. Sie haben ihre Fans, bin ich das nicht auch? Die Klangkulisse des Clubs lässt den ganzen Bass aufrollen. Mir egal. Ein sehr enthusiastischer Fan zündet zur Zugabe vor der Bühne ein bengalisches Feuer, ist das überhaupt legal? Der Qualm lässt das Publikum noch mehr in Rauch und Nebel untergehen. Es tränt in den Augen. Verdammt, das ist kein wasserfestes Mascara! Ich sehe bestimmt schon ganz dramatisch aus, mit der zerlaufenden Wimperntusche in meinen Augen.
Nach der Zugabe muss ich raus vor die Tür, wenigstens mal kurz durchatmen, mein Make-up im kleinen Kosmetikspiegel aus meiner Handtasche überprüfen (es ist doch nicht so verwischt) und mein Telefon zücken, ihm eine Nachricht schreiben, sehen, ob er noch etwas geschrieben hat. Bis jetzt hätte ich ihn schon gerne hier, ihm würde das bestimmt gefallen, die ungezwungene Atmosphäre, die (links-)alternative Szene. (Ich vermisse seine Gesellschaft.)

„It's indeed crowded, first band already finished.“ [22:41]

„Do you want to come to the hotel?“ [22:42]

„Will stay here the next hours. Which hotel? Couldn't get a room (for me).“ [22:46]

[Link zur Internetseite eines Hotels in Leipzig in Bahnhofsnähe, Anm. der Verfasserin] [22:49]

Er wird hier nicht herkommen. In meiner Vorstellung sind wir nur noch Freunde, kein Paar. Ich muss nicht zwingend mit ihm Sex haben, auch wenn ich es mir ja doch ab und zu wünsche. Ich bin in letzter Zeit wieder mehr alleine mit meinem Körper beschäftigt, öffne mich neuen Möglichkeiten, lasse meine Phantasien sich entwickeln. Vielleicht mal eine Frau kennenlernen? Oder eine trans Frau? Ich bewundere seit kurzem eine überaus bezaubernd aussehende YouTuberin aus Übersee, ohne jemals mit ihr in Kontakt treten zu hoffen. Zurück in den Club, ich gebe es noch nicht auf, mich vielleicht während meinen Rundgängen von jemandem anquatschen zu lassen, so potthässlich sehe ich ja nun bestimmt nicht aus … oder doch?
Ich bin merkwürdig. Die nächste Gruppe, ich mag, wie der „Vorhang“ jedes Mal von neuem aufgezogen wird und die Bands dahinter anfangen, zu spielen. Diese zwei jungen Musiker lassen ein Inferno aus ihren Synthesizern erklingen. Katastrophal abgemischt? Ich habe vorher schon (aus purer Langeweile) ein paar Stellen vor der Bühne herausgesucht, wo der Klang(-Matsch) meinen Ansprüchen genügen könnte. Ach, dazu sind die Gummidinger da, die links neben der Publikum- und Tanzfläche von oben herab hängen? Die eine Box hat ständig Aussetzer. Ich bin beeindruckt von der visuellen Performance der beiden und klau mir schon die nächsten kreativen Einfälle für mein neustes, obskures Musikvideo für einen meiner eigenen Titel: Ein paar wilde Kameraschwenks aus dem Kiefernwald habe ich schon – und jetzt will ich auch für die nächste Einstellung meine Synthesizer mit rotem Licht imposant von unten aus und von hinten anstrahlen! So wie ich es da gerade sehe. Nur das mit dem Nebel kriege ich nicht hin. Ich glaube, der eine Sänger ist runter in das Publikum, weil er von oben aus nichts mehr sehen konnte.

„Second band of three played. Will be late tonight.“ [23:51]

„Ok understand“ [23:53]

Die dritte Band … ich finde die so gut! Was ich in den Online-Videos nicht erkenne – ist die Bassistin kaum größer als ihr Bass? Ihre erfrischende Art, das Publikum zu unterhalten. Ich habe erst jetzt ein Bild im Kopf, wie es von da oben aus aussehen muss – von uns hier unten ist nichts zu sehen, wir liegen unter der Nebeldecke! Es sind auch wieder, wie die Band davor, ein Mann und eine Frau (sofern ich mir das überhaupt anmaßen kann, so etwas willkürlich einzuordnen). Fragen … wie lange wird das Glitzer-Make-up bei ihm halten? Er spielt die Gitarre und bedient die Synths (oder Drums, oder Sequencer, oder das Ding, das die Begleitmusik macht). Sie singen beide die Texte, schade, dass ich nie so richtig hinhören kann, ich bin zu sehr von dem basslastigen Groove abgelenkt. Klar, dass ich nach der Zugabe unbedingt drüben am Merchandise-Stand ihr neues Album kaufen muss. Und sie spielen eine ultralange Zugabe! Mein aufgehäuftes Kleingeld lehnt sie kurz darauf aber dann doch winkend ab und mein letzter „20-Euro-Schein für außergewöhnliche Notfälle“ wechselt die Besitzerin und die CD landet in meiner Handtasche. CDs … ich bin so alt.
Wohin jetzt? Noch etwas tanzen? Mein Getränk austrinken, mal auf die Toilette nach oben verschwinden? Kurz vor die Tür rausgehen, meinen Mantel an den vielen Kleiderhaken kann ich schon lange nicht mehr wiederfinden. „Ach, der taucht schon wieder auf.“ In meiner autistischen Blase spreche ich schon laut zu mir selbst. Niemand sonst spricht mit mir. Ich schreibe draußen, nur mit einem Schal aus meiner Handtasche um den Hals gewickelt bei dem kühlen Wind, eine Nachricht auf meinem Telefon:

31.12.2023

„Third band played. The kind of hotel you had looking for is called ‚Stundenhotel‘, but I've never seen something like this in Leipzig. Just wanted to go out tonight and have some fun.“ [01:34]

Seit Mitternacht ist der Kontakt zu ihm schon wieder abgerissen. Ich werde ihn nicht sehen. Die nächste Stunde gehe ich noch einmal kurz auf die Tanzfläche, zu ein paar mutigen „Italo-Wave-Mash-ups“ tanzen, bevor ich mich wieder der mysteriösen Kleiderhakenleiste in der Nähe des Ausgangs widme, um dort unter den vielen Schichten an Jacken meinen Mantel zu finden. Ich muss dazu die fremden Kleidungsstücke anfassen, sie gehören mir nicht, das tue ich nur ungern – doch ich muss irgendwie an meinen Mantel kommen! Halb drei Uhr nachts den angefangenen Silvestertag, den letztem im Jahr, ich verlasse den Club im Westen von Leipzig und gehe zurück, wieder dicht eingepackt, zu meinem Auto. Auch hier dauert es ewig, bevor ich meinen ganzen Kram vom Beifahrersitz zum Kofferraum und wieder zurück umherpacken kann. Die schwarzen Sneakerstiefeletten sind aber auch bequemer zum Fahren als die klobigen 11-Loch-und-3-Ösen-Lederstiefel. Drei Uhr nochwas, ich verlasse Leipzig zurück auf der Autobahn, kein Regen mehr, dafür ungewöhnlich viel Verkehr um diese Uhrzeit.
Punkt vier Uhr morgens bellt der Hund meiner Eltern, als ich mich an der Wohnungstür die Treppe hoch zu meinen Etagen (es sind mittlerweile zwei) schleiche. „Weiterschlafen … geh zurück ins Körbchen.“ Guter Wachhund. Zurück vor meinem übergroßen Badezimmerspiegel wische ich mir das ganze Make-up aus dem Gesicht – das Tuch besteht geradezu nur aus schwarzem Kajal und schwarzer Wimperntusche – bevor ich dann meine Sachen großflächig auf der Couch ausbreite, die Handtasche ausschütteln, die mit eingesteckten Kosmetik-, Dusch- und Haarshampoofläschchen packe ich erst morgen weiter aus, das ist jetzt nicht wichtig. Meine Anziehsachen wieder zurück auf die verstreuten Kleiderbügel – der markante Nikotingeruch, ich werde sie morgen auslüften. Ich schaffe es ins Bett (die andere Etage) noch vor um fünf Uhr! Ja, noch bevor dieser besagte Zug in Leipzig erstmal losfährt! Es dauert, bis ich endlich einschlafe (aber wenigstens nicht auf der Autobahn am Steuer). Soweit der Plan, schon monatelang verschiebt sich mein Lebensrhythmus wieder in die Nacht. „So weit der Plan …“ Bis so ein Scheiß Verrückter um acht Uhr morgens den verdammten Silvestertag den ersten Böller aus dem Fenster auf die Straße werfen muss!

Es hätte so gut funktionieren können: „Party hard on Friday, be comatose on Saturday, relax Sunday, go to work on Monday!“ (Oder in meinem Fall etwas anderes, aber das ist ein anderes Thema.)

(Ende Teil 2/2)

[02.01.23 / 22:55] Die Idee an sich ist brillant, einfach die Feier für Silvester auf einen Tag auf den Dreißigsten vorverlegen und dafür nicht den ganzen Stress mit den Alkies und dem betrunkenen Pöbel vom Einunddreißigsten abbekommen. Ich bin schon seit einigen Wochen interessiert. Die drei Bands, die da den Abend spielen: die eine aus Frankreich, die mir bei den Online-Festivals schon so sehr gefallen hat und die gerade ihr neues Album herausgebracht haben, eine weitere Punk-Band aus Leipzig mit kräftiger „Fan-Base“ und eine dritte noch mir unbekannte Band aus dem nahen Ausland mit sehr vielversprechenden Rezensionen, noch jung und experimentierfreudig an ihren Synthesizern! Könnte ein interessanter Abend werden!
Ich muss da hin, seit Tagen das Wetter beobachten. Wird es kalt, ziehe ich mich warm an. Wird es schneien, nehme ich den Zug – bei Eis und Glätte auch. Ist es warm, ziehe ich mich auch warm an, aber dann kann ich das Auto nehmen. Außer es versinkt alles im grauen Winternebel. Die Temperaturen steigen den Tag erfreulicherweise ins Frühlingshafte.
Mein Entschluss ist gefasst, ich nehme das Auto und packe alles zusammen: Schuhe zum Wechseln – für am Steuer und nicht – mehrere Sachen zum Überziehen – falls es doch kalt wird und ich weiß, der Club, zu dem ich hin will, hat keine Garderobe – und noch Unmengen an „Übernachtungszeugs“ – Duschbad, Haarwäsche, kleines Handtuch, Zahnbürste, Zahnpasta, Make-up, Make-up-Entferner, Rasierapparat, Hormongel und Ohropax – für den Fall, ich könnte irgendwo „spontan“ übernachten. Ich habe dann alles bereits im Auto, im Kofferraum.

Wer könnte es sein? Ich schreibe ihm doch wieder eine Nachricht. Und er antwortet:

30.12.2022

„Restored this old number. Looks like I'll be in Leipzig tonight.“ [17:50]

„Where in Leipzig?“ [17:59]

Den frühen Nachmittag rotiere ich schon in meinem Badezimmer, Beine rasieren, die Schamhaare trimmen, die Bikinizone rasieren … so viele blutende Wunden. Ich will perfekt aussehen. Für meine Augenbrauen probiere ich die neue, extra dafür geformte Schere aus der Drogerie aus und eine kleine Brauenbürste. Sie endlich mal in Form schneiden.
Runter in die Garage, den roten Roadster vorbereiten, er bewegt sich keinen Stück für die Fahrt zur Tankstelle zum Luft in die Reifen aufpumpen, die Bremsscheiben sind total festgerostet (er stand schon ewig). Mit einem Ruck geht es doch die paar Meter aus dem Garagentor. Nebenbei die neusten Alben auf den USB-Stick für die Fahrt nachher auf der Autobahn überspielen.
Wieder zurück oben im Badezimmer, die Frage, die ich mir immer stelle – schon Tage oder Wochen vorher! Was ziehe ich an? Ich will meinen neuen Mantel tragen, den schwarz-grauen aus Paris, kombiniert mit dem schwarz-grau-karierten Wollröckchen aus dem Schrank, einer blickdichten, schwarzen Leggings und endlich meine neuen Stiefel, die ohne Absatz und mit der hohen Schnürung. Alles zusammen geht mit meiner neuen, schwarzen, gerippten Strickjacke mit metallisch-glänzendem Reißverschluss – sie war mein Geburtstagsgeschenk vor ein paar Wochen – ich wollte unbedingt wieder genauso eine, wie ich sie schon mindestens die letzten fünfzehn Jahre trug. Die alte hat mich viele Jahre zu allen meinen Punk- und Gothic-Konzerten begleitet.
Mein Zeitplan für diesen Nachmittag und den Abend zur Vorbereitung zum Ausgehen ist straff organisiert! Sachen zum Mitnehmen bereitlegen, das ganze eben aufgezählte Sammelsurium, alle Kleider zum Anziehen auf Bügeln in Griffweite. Make-up auftragen … ein definierter und intensiv schwarzer Lidstrich aus meinem frisch angespitzten Kajal. Und ganz viel Mascara. Ich bewege mich von meinem beleuchteten Badezimmerspiegel gar nicht mehr weg. Und jetzt verliere ich mich final … Welchen Schmuck trage ich heute?
Es ist schon lange dunkel draußen geworden, es fängt leicht an zu regnen. Alle illusorischen Eingebungen, schon etwas früher den Abend zu fahren, sind dahin. Ich öffne meine Schmuckschatullen und probiere die verschiedensten silbrig glänzenden und mit Steinen und Glas bunt funkelnden Armbänder, Armreifen, Anhänger und Silberringe aus. Doch den teuren Kram? Ach nein, lieber doch nicht … Ich entscheide mich letztendlich für den Armreif, den mit Kristallen den ich immer trage, für das eine Handgelenk – und auf der anderen Seite die neue Armkette aus Tunesien (die mit den bunten Steinen, die ich dann doch günstiger im Souvenierladen am Flughafen entdeckt habe, als ich mein teures Exemplar schon längst im Koffer hatte). An beiden Händen Silberringe, mit Peridot und ohne. Eine silberne Ohrklemme für meine rechte Ohrmuschel, die, die kein gestochenes Loch mehr hat.
Die Zeit verrinnt mir, Patchouli angehauchtes Chanel-Parfüm auf mein mit marokkanischem Duschbad aromatisierten Körper. Noch schnell unten in der Küche etwas essen, meinen Mantel anziehen (ein „Wasserfall-Cardigan“ mit Schalkragen) und all meinen Kram in den Kofferraum ins Auto werfen. Meine hohen Stiefel für später neben dem Beifahrersitz. Es regnet. Und erst jetzt schreibe ich ihm, wohin es diese Nacht geht:

„Plagwitz, ####### ##, in few hours.“ [19:12]

„Is it a party there?“ [19:14]

„Yes, and concert.“ [19:14]

„Till what time?“ [19:15]

„The night, don't know, won't start before 9 or 10 pm.“ [19:16]

„Ok“ [19:16]

(Ende Teil 1/2)

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Kommentar:

[05.12.22 / 17:34] Daniele1992: Hallo Morgana

Mail ist heute rausgegangen

LG Daniele

[13.11.22 / 09:33] Daniele1992: Hallo Morgana

aktuell keine schöne Situation. Ich schreibe Dir noch eine Mail dazu.

LG Daniele

Morgana LaGoth: Einige Kommentare müssen auch nicht allzu öffentlich sein …

[13.05.22 / 09:15] Daniele1992: Hallo Morgana,

Tolle Reisebericht von Deiner neusten Reise nach Paris. Macht grosse Lust auch wieder dort hinzufahren um sich von der Stadt inspirieren zu lassen.

Tolle Neuigkeiten.NeuerJob. Klasse! Freue mich für Dich.

Liebe Grüße
Daniele

Morgana LaGoth: Danke. Endlich wieder verreisen … lange darauf gewartet. Lebendig bleiben, solange es noch geht.

[24.12.21 / 20:55] Daniele1992: Hallo Morgana,

Ich denke an Dich und wünsche Dir frohe Weihnachten und ein schönes neues Jahr 2022.

Liebe Grüße
Daniele

Morgana LaGoth: Vielen Dank, ich wünsche dir ebenfalls ein schönes, neues Jahr.

[25.09.21 / 14:59] Daniele1992: Hallo,

eine Chance etwas Neues zu machen. Neue Perspektiven. Urlaubsträume, die bald real werden können. Nicht so schlecht. Freue mich für Dich. LG Daniele.

Morgana LaGoth: Danke dir.

[11.11.20 / 09:12] Daniele1992: Hallo Morgana

Ich habe Dir eine Mail geschickt.

Lg
Daniele

Morgana LaGoth: Hey ... vom Lenkrad aus mit der Hand winken, von einem MX-5 zum anderen. *freu*

[30.07.20 / 22:03] Daniele1992: Guten Abend

das habe ich sehr gerne gemacht. Zum Einen interessiert mich das Thema und zum Anderen hast Du wirklich sehr lebendig und spannend geschrieben. Da wollte ich Alles lesen und wollte Dir schreiben, das mir Dein Blog besonders gut gefallen hat (Die eigentliche Arbeit hattest Du ja mit dem Verfassen des Blogs). Wenn Du magst können wir den Kontakt gerne per Mail halten. Viele Grüße Daniele

Morgana LaGoth: Mail-Adresse steht oben bei "kontakt" - bei weiteren Fragen, gerne.

[30.07.20 / 12:44] Daniele1992: Guten Morgen,
vielen Dank für Deinen tollen Blog. Ich habe ihn in den letzten Wochen komplett gelesen. Meistens konnte ich gar nicht aufhören zu lesen. Fast wie bei einem sehr spannenden Roman. Ich habe dabei Deine genauen Beobachtungen und Beschreibungen sehr genossen. Deine vielen Ausflüge in die Clubs und zu den Festivals oder Deine Streifzüge d durch die Geschäfte beschreibst Du immer aus Deiner Sicht sehr anschaulich und spannend. Ich kann das sehr gut nachvollziehen, das alleine zu erleben, häufig auch mit einer gewissen Distanz. Ich kenne ich von mir sehr gut. Highlights sind Deine Reiseberichte. Deine Erlebnisse an den unterschiedlichsten Orten auf der Welt. Vielen Dank dafür. Vielen Dank auch das Du Deinen Weg zu Deinem waren Geschlecht mit uns Lesern teilst. Deinen Weg Deine Gefühle Deine zeitweisen Zweifel. Das ist sehr wertvoll auch für uns Andere, denn es ist authentisch und sehr selten. Du bist einem dadurch sehr vertraut geworden. Für mich ist eine gefühlte grosse Nähe dadurch entstanden. Umso mehr schmerzt es mich von Deinen Rückschlägen zu lesen. Von Deinem Kampf zu Deinem wahren Ich. Von Deinem Kampf umd Liebe, Zährlichkeit und Akzepzanz und Anerkenung. Von Deiem mitunter verzweifeltem Kampf nach Liebe und Anerkennung durch Deinen Exfreund. Leider vergeblich. Dein Kampf um wirtschaftliche Unabhängigkeit und Deine aktuell missliche Lage. Ich glaube dass Du nicht gescheitert bist. Du hast viel Mumm und Hardnäckigkeit bewiesen Deinen Gang zu Dir selbst zu gehen. Du hast auch einen guten Beruf der immer noch sehr gefragt ist. Vielleicht kann ja nach dieser Auszeit und etwas Abstand ein Neuanfang in einer anderen Firma, wo Du keine Vergangenheit als Mann hattest gelingen. Ich wünsche das Dir ein Neuanfang gelingt und drücke Dir ganz fest die Daumen. Daniele

Morgana LaGoth: Da liest sich tatsächlich jemand alles durch? Das ist mittlerweile schon ein kompletter Roman mit mehreren hundert Seiten! Danke dir, für deinen Kommentar (und die aufgebrachte Zeit).

[05.10.19 / 17:11] Drea Doria: Meine liebe Morgana,
bin 5 T post all-in-one-FzF-OP. Deine guten Wünsche haben geholfen. Der Koch ist immernoch noch super. Alle hier sind herzlich und nehmen sich Zeit.
Herzlich
Drea

Morgana LaGoth: Dann wünsch ich dir jetzt noch viel mehr Glück bei deiner Genesung!

[14.06.19 / 12:57] Drea Doria: Meine liebe Morgana,

vielen Dank für Deine offenen und kritischen Erlebnisberichte. Ich bin in 3 Monaten in Sanssouci zur FzF-OP. Ich denke auch, was kann schon schief gehen, status quo geht nicht und irgendwas besseres wird wohl resultieren. Wenn es Dich interessiert, halte ich Dich informiert. Drücke mir die Daumen.
Herzlich
Drea

Morgana LaGoth: Ich wünsche dir für deine Operation viel Glück. (Sollte der Koch nicht gewechselt haben, das Essen da in der Klinik ist richtig gut!)

[14.11.17 / 20:13] Morgana LaGoth: Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion: Die Seitenbetreiberin behält sich das Recht vor, jeden Kommentar, dessen Inhalt rassistisch, sexistisch, homophob, transphob, ausländerfeindlich oder sonstwie gegen eine Minderheit beleidigend und diskriminierend ist, zu zensieren, zu kürzen, zu löschen oder gar nicht erst freizuschalten. Werbung und Spam (sofern die Seitenbetreiberin dafür nicht empfänglich ist) wird nicht toleriert. Personenbezogene Daten (Anschrift, Telefonnummer) werden vor der Veröffentlichung unkenntlich gemacht.

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