Laserbehandlung #7 (Haarentfernung #39) – Die Termine wechseln sich in schneller Folge ab.
[03.06.26 / 21:42]✎ Laserbehandlung #7 (Haarentfernung #39) – Die Termine wechseln sich in schneller Folge ab. Jetzt wieder das Gerät mit dem Laser. Ich komme rasiert, die Behandlerin zeigt mir den gewohnten Raum. Ich setze mich auf die Liege, sie fährt die Fußstützen hoch und wirft mit der Lampe einen Blick in mein Gesicht … die Knubbel am Kinn sind Haare unter der Haut.
Mit dem Laser fährt sie ein paar der dunkel schimmernden Haare an, ich spüre fast nichts. Eine Stelle am Mundwinkel vielleicht. Der nächste Termin ist wieder ein Kontrolltermin, da kann ich wieder ein paar Haare wachsen lassen und mal sehen, ob noch weiße Haare nachgewachsen sind. Bis jetzt habe ich keine weiteren weißen Haare mehr am Kinn entdeckt … das Wochenende für den nächsten Termin bietet sich aber auch zum Haare wachsen an, das ist ein Camping-Wochenende – da fahre ich zelten (sofern das Wetter passt).
Zu etwas anderem, etwas unerfreulich anderem: Ich habe keine Hormone mehr. Es ist einiges schiefgelaufen, dass meine Versichertenkarte schon seit April abgelaufen ist, habe ich erst im Mai bei einem Zahnarztbesuch gemerkt. All die Briefe, die mir von der Krankenversicherung Anfang des Jahres geschickt wurden, habe ich ignoriert, unter einem Stapel Briefumschläge vergessen. Die wollten ein Foto von mir für eine neue Karte – ich habe kein Foto. Ich will das alte Foto auf meiner Karte behalten, da war ich noch jung und hübsch! Das von … 2011? Neuere Fotos habe ich nicht und mache ich auch nicht, ich spekuliere darauf, dass sie mir irgendwann, ich muss nur lange genug darauf warten, eine Karte ohne Foto schicken, die können ja nicht mich so ohne Karte lassen.
Können sie doch. Die Zahnarztpraxis befürchtet schon, ich habe gar keine Krankenversicherung mehr. Noch vor meinem Trip nach Pfingsten – dann schicke ich denen eben ein acht Jahre altes Foto von mir, da sehe ich zwar aus, wie eine Verbrecherin, aber dann ist das eben so. Meine letzte Dose Hormone läuft aus und mit der abgelaufenen Karte kann ich mich nicht mehr bei der neuen Praxis für meine Hormonsubstitution melden. Nach Pfingsten hoffe ich, dass ich eine neue Karte bekomme (ein weiterer Arztbesuch, erwähnt in einem Blogartikel von mir ein paar Tage zuvor, bekommt wenigstens ein Papierausdruck als Versicherungsbestätigung und ich ein rosa Papierrezept, aber das ist eine andere Geschichte).
Das lange Pfingstwochenende in dem Hotel, ich nehme mein Hormongel noch regulär, drei Hub den Vormittag. Wieder zurück zu Hause, die Dose fühlt sich schon bedenklich leicht an – ich reduziere auf ein Hub und strecke die Hormone. Es ist Juni und es ist noch das Quartal, meine neue Karte ist in der Post – aber ich muss trotzdem in die Praxis, denn die ist ja noch nicht aktiviert.
Den Mittwochvormittag, warten im Stau, warten in der Praxis … „Rezept ist auf der Karte!“ – Warten in der Apotheke … „Wir haben da gerade so Probleme“, ich schreibe meiner Firma schon, ich komme heute später, „Da ist kein Rezept auf der Karte.“
Verdammt. Das hat doch sonst immer funktioniert.
Den Mittwochabend noch einmal in einer anderen Apotheke versucht, selbe Antwort, kein Rezept.
Ich schreibe der Ärztin, sie kann sich das nicht erklären. Ich probiere es den nächsten Tag wieder in der zweiten Apotheke, immer noch kein Rezept … ist da etwas in der ersten Apotheke schiefgelaufen? Haben die das Rezept gelöscht? Das kam mir sowieso irgendwie merkwürdig vor, wie die mit meiner Karte verschwunden sind. Ich schreibe der Ärztin eine weitere Mail und hoffe auf ein zweites Rezept … ich glaube zwischen den Zeilen zu lesen, sie denkt schon, das ist so eine Masche von mir und ich vertick das Zeug im Darknet! Ich sah ja beim ersten Treffen auch schon so verdächtig aus, niemand nimmt mir ab, dass ich seit mehr als zehn Jahren weibliche Hormone nehme.
Und nun? Den Morgen, ein Hub, ein spärlicher Klecks Gel auf meinem Oberarm, ein zweites Mal drücken bringt nur den allerletzten Rest. Die letzte Dose Gel ist alle.
Los, Team Nebenniere, du übernimmt das schon! Die beiden Nebennieren produzieren fleißig Testosteron. So ein Mangel an Hormonen wird mich nicht treffen? Ich wollte schon immer mal „detransitionieren“. Es ist positiv, dass ich mein Testosteron und meine männlichen Aspekte nicht ablehne. Rückerinnert: September 2014, meine Reise nach Tokio, März 2015, mein Einkaufstrip nach Rom – das ist ein halbes Jahr, in dem durch die Blocker mein Testosteronspiegel chemisch auf Null gedrückt wurde und ich noch keine weiblichen Hormone hatte … das hat doch auch funktioniert, oder?
Es musste ja irgendwann so weit kommen, ich habe es verdrängt, aber irgendwann kommt der Punkt, an dem meine Versorgung mit weiblichen Hormonen zusammenbricht. Vielleicht wegen einer Dystopie, vielleicht wegen einem faschistischem Regime, vielleicht wegen Krieg, es war von Anfang nicht bis zum Lebensende sicher. Dann probiere ich das jetzt mal aus, wie ich damit zurecht komme …
Als hätten andere Menschen nicht dieselben Probleme: Frauen in den Wechseljahren, Männer in den Wechseljahren, unsere Hündin unten, die schon ganz jung „entkernt“ wurde und so schon zwölf Jahre lang lebt! Da schaffe ich das auch.
[31.05.26 / 02:16]✎ Der Dienstag nach dem Pfingstwochenende und dem Festival, ich bleibe noch bis in den Nachmittag in Leipzig. Ein Frühstück in der Innenstadt in der Bäckerkette, eine Pizza essen in dem versteckten Innenhof, der so vollkommen anders ist, als die Außengastronomie draußen auf der Fußgängerzone. Und noch einmal einkaufen, mir fehlt noch eine Packung Haarwäsche – nicht die aus der Drogerie – die aus dem französischen Naturkosmetikladen, seit Paris 2011 kaufe ich nur dort ein, die Flasche Haarwäsche kostet schon mal dreißig Euro.
Mein Auto steht in dem Parkhaus am Bahnhof, die Tragekiste mit den Schuhen wieder auf dem Beifahrersitz, die Sporttasche mit den getragenen Kleidern, so wie sie sind, im Kofferraum, gleich neben dem Picknickkorb. Über die Rushhour über die B2 und die A14 wieder den Nachmittag zurück. Einiges habe ich dieses Wochenende nicht geschafft: Ich war nicht Kaffee trinken und Kuchen essen, ich war nicht auf dem Südfriedhof, nicht auf dem Mittelaltermarkt, nicht mit irgendjemanden zusammen. Vielleicht habe ich nächstes Jahr mehr Zeit.
Mit den gesammelten Flyern zu Hause auf der Couch ausgebreitet … da sind einige schöne Konzerte und Ein-Tages-Festivals den Sommer in Leipzig. Im Kalender vermerkt, spätestens Mitte/Ende Juli bin ich wieder in Leipzig! Ende Teil 6 von 6.
[31.05.26 / 02:15]✎ Der Montag und der letzte Tag des Pfingstfestivals. Outfit für heute: „Tiki Goth“, mein grün-schwarz-buntes Tiki-Kleid, die Fischnetzstrumpfhose und die Hi-Top-Plateau-Sneakers mit schwarzen Schnürsenkeln. Den letzten Tag des Festivals tragen so gut wie alle nur noch flache Sneakers, die Dichte an Highheels nimmt stark ab. Über das Kleid trage ich meine Punker-Lederjacke, aber erst den Abend. Unter dem Kleid trage ich meinen neuen Balcony-Push-up, den mit dem Träger zum Neckholder umfunktioniert. Das Kleid selbst ist auch ein Neckholder – wie hoch ziehe ich es? Mit dem BH weiß ich es, sie bilden eine Linie.
Draußen in der Innenstadt von Leipzig, Frühstück den frühen Nachmittag gibt es bei der Bäckerkette, ein Roboter bringt mir meine zwei Brötchen mit Marmelade und Kaffee. Weiter draußen um die Ecke, auf dem Weg wieder zurück zum Hauptbahnhof, Mittagessen gibt es bei dem indischen Bistro, Dal und Reis.
Mit der Straßenbahn wieder zum Täubchenthal nach Plagwitz. Ich bin pünktlich zur ersten Band um 16:30 Uhr da: „Fliehende Stürme“, textsicher singe ich ihre ersten Songs mit. Diesen Abend bleibe ich unten, ich will die Bands erleben.
Die zweite Band sind „The Crimson Ghosts“, ich war kurz draußen, oder oben auf der Terrasse, oder ein Becher Wasser holen, ich eile zur Bühne, diese Band will ich nicht verpassen.
Die nächste Band: „Batmobile“, die gefallen mir, hier passe ich rein mit meinem Rockabilly-Kleid.
Aber eigentlich bin ich nur hier für die vierte Band des Abends: „Demented Are Go“, lange überlege ich schon, auf ein Konzert von denen zu gehen, jetzt habe ich die Chance. Ich habe meinen Platz gefunden, ich stehe hinten an der Wand, der große Heizkörper ist meine Bar, alles liegt darauf, die Handtasche, die Jacke, der griffbereite Becher Wasser – und ich habe viel Platz zum Tanzen! „Be-bop-a-lula“, das ist das Kleid für den Moment.
Die Headliner-Band, sie sind irgendwie jedes Jahr da? „The Other“, ganz OK, aber ich tanze eigentlich nur zu ihren ganz alten Titeln.
Mitternacht, wieder draußen. Die Straßenbahn finden, den Weg zurück zum Connewitzer Kreuz. Auf verbilligten Eintritt brauche ich den letzten Abend nicht zu warten, es ist nur die eine Halle offen. Ich betrete sie und die DJs spielen ein Punk-Song nach dem anderen. Ich habe viel Spaß zwischen dem Nebel und der Tanzfläche … auch wenn ich die meiste Zeit mit dem Rücken zur Wand stehe, hier war es das letzte Jahr, als er mich von hinten überraschte und mich begrüßt hatte. Was haben die Leute gesehen, wieso haben sie das Awareness-Team alarmiert und diese die Security, die ihn gleich von mir getrennt hat? Haben sie mehr gesehen, was ich nicht mehr sehen kann? Vielleicht möchte ich ihn deshalb dieses Wochenende nicht mehr sehen. Ich will eigentlich überhaupt keine Männer mehr sehen. Die Emanzipation von Andrea. Ich bin wieder in meiner asexuellen Phase.
Den einen Abend zuvor, Mann Nummer vier, mit ihm hatte ich hier mal was, er kam auf mich zu und hat sich entschuldigt, ihm tut es leid. Mir ist das fremd, es ist doch gar nichts passiert? Dinge gehen weiter durch meinen Kopf, die ich mir nicht erklären kann.
„Shit, shit, shit!“, auf der Damentoilette, mein marokkanischer Armreif verhakt sich in meiner Fischnetzstrumpfhose. Draußen bei den Waschbecken und den Spiegeln, ich setze mich mit einem Schwung auf den kleinen, weißen Tisch, der sonst für Papierflyer, Tampons und Kramen in der Handtasche genutzt wird. Ich brauche meine Lesebrille, sonst bekomme ich die Kette mit dem Stift nicht von den Netzfäden der Strumpfhose gelöst.
Ich schaffe es nach ein paar Minuten.
„Geht es dir gut? Brauchst du Hilfe?“
„Hab es schon alleine geschafft. Der Armreif hat sich verhakt“, ich mag die Empathie der anderen Frauen auf der Damentoilette. Draußen ist auch ein Schild: „TIQ“, Trans-Inter-Queer Willkommen.
Auch diese letzte Nacht ladet mich das Taxi um kurz vor vier Uhr vor meinem Hotel ab. Wenn ich es jetzt ins Bett schaffe, kann ich noch ein paar Stunden schlafen, bis der Wecker um zehn Uhr klingelt. Um elf Uhr ist Check-out und ich muss noch alles zusammenkramen. Ende Teil 5 von 6.
[31.05.26 / 02:14]✎ Der Sonntag das Pfingstwochenende, ich wache auf und mache die Balkontür auf, ich liebe die vierte Etage ganz oben und die Penthouse-Atmosphäre. Ein oder zwei Zimmer weiter steht auch immer eine Schwarzgekleidete so früh auf, kurz vor Mittag, oder wie jetzt, kurz nach elf Uhr und raucht eine Zigarette oder wundert sich über die Menschen, die mitten in der Nacht aufstehen.
Als ich endlich das Hotel verlasse und zum Frühstück in der Leipziger Innenstadt sein will, ist es schon kurz vor vierzehn Uhr den frühen Nachmittag. Dabei wäre mein Outfit gar nicht so anspruchsvoll gewesen, Outfit des Tages: „Gucci Goth“, ich trage mein schwarzes One-Shoulder-Kleid und nur das, keine Strumpfhose, kein BH – mein Ich-trag-heut-keinen-BH-Tag – keine Jacke, kein Unterhemd, keine Stiefel, ich wähle die Plateau-Sandaletten. Meine schwarzen Klamotten kaufe ich nicht in Szene-Läden, meine schwarzen Sachen kaufe ich in Edel-Boutiquen. Ziel ist heute wieder die agra mit den paar Headliner-Bands des Festivals, vielleicht schaffe ich zwei oder drei davon.
Frühstück gibt es in der Innenstadt, die bei den Goths beliebte Brasserie mit dem üppigen Frühstück rund um die Uhr, ich bleibe dort auf der schattigen Außenterrasse vielleicht eine Dreiviertelstunde, bevor ich weiter zum Mittagessen ziehe.
Ramen-Bar, Leipzig
Zwischen Frühstück und Mittagessen liegen vielleicht nur zehn bis fünfzehn Minuten. Meinen Plan, mich nur von Falafel und Salat zu ernähren, habe ich schon nach dem zweiten Tag verworfen, ich will zu der Ramen-Bar, die ich hier, versteckt in einer Seitengasse, mal entdeckt habe. Diese beiden japanisch angehauchten Bars gibt es, soweit ich weiß, nur in Dresden und Leipzig. Ich stelle wieder ein Bilderrätsel im Stil der Arte-Sendung „Karambolage“ auf mein Messenger-Profil, ohne nicht wirklich eine Lösung für das Rätsel zu geben. Der Kellner kommt. Ich bestelle die Schüssel Reis mit Tofu und Gemüse … und ich hatte gerade erst gefrühstückt.
Neue Sonnenbrille / WGT 2026 / Alter 44
An meinem Tisch im Außenbereich, ich lese meine Messenger-Nachrichten, ob ich meinen Freund dieses Wochenende noch treffen werde? Ich ziehe mich zurück von ihm. Eine andere Bekanntschaft schreibt mir, der von dem Biker-Treffen, er würde sogar bis nach Leipzig fahren, um mich diese Nacht zu treffen … bloß nicht. Ich will niemanden treffen. Der eine, den ich letztes Jahr hier kennengelernt habe und mit dem ich die Nummern ausgetauscht habe, er wird auf mein online gestelltes Bilderrätsel aufmerksam – ich bin auch gerade in Leipzig. Ich habe mich nicht angekündigt, ich habe ihm nicht geschrieben, er wäre sowieso gerade nicht in der Lage … so viele Männer und da kommt noch einer.
Wieder zurück im Hotel, sonntags haben keine Geschäfte offen, ich kaufe mir alle Wasserflaschen gegenüber an der Tanke. Zurück im Bad, mich ausgehfertig machen, noch einmal duschen, Make-up, Kajal, Parfüm. Das Kleid behalte ich an, ich ziehe die neue, schwarze Leopard-Strumpfhose über meine rasierten Beine, zusammen mit den Schnürstiefeln mit den hohen Absätzen und den lila Schnürsenkeln, geben sie einen hübschen Kontrast. Meine Lederjacke nehme ich für den Abend und die Nacht mit, nachts wird es doch noch spürbar kälter.
Ich fahre wieder zur agra, die große Messehalle mit der Konzertbühne, „Clan Of Xymox“ spielen gerade ihr letztes Stück, die hätte ich eigentlich sehen wollen.
Für die nächste Band, „She Past Away“, wird die Halle voller. Ich traue mich, ich muss nicht am hintersten Eingang, nach Luft schnappend, das Konzert verfolgen, ich will zu meinem Stammplatz an der Säule vorne links von der Bühne und die Band live erleben. Und sie spielen. So weit ich das richtig verstanden habe, haben sie zwar ein neues Album, aber das ist schon seit zwei Konzerten auf ihrer Tour ausverkauft, schade.
Nach dem Auftritt bin ich wieder draußen in dem abgesperrten Chill-out-Bereich. Es ist dunkel geworden, ich suche einen Sitzplatz zwischen den paar Bierbänken.
„Ist hier noch etwas frei?“, ich werde ignoriert, ich kenne die Situation und das Gefühl seit meiner Jugend und wende mich ab.
„Baum ist mein Freund“, ich mag Bäume mehr als Menschen, lehne ich mich lieber an den Baum neben den Bänken, der gibt mir Kraft und Halt.
Ich spreche mit ihm, soll ich einen von meinen Männern daten? Nein, natürlich nicht. Keiner von denen ist ein Baum, sie geben dir keinen Halt.
„Danke, Baum“, ich verabschiede mich mit Handauflegen.
Die nächste Band, bleibe ich, gehe ich? Ich wollte sie schon mal live sehen: „London After Midnight“. Die ersten Stücke stehe ich noch an der Getränkebar oder draußen, nach ein paar Stücken zieht es mich rein und die Erinnerung kommt zurück, Musiktitel, die mir vertraut sind, bei denen ich noch die Ahnung habe, dass das diese Band gewesen sein könnte – sie waren Teil meines Einstieges in die Gothic-Szene. Gothic-Radio-Dot-Com – der Ethereal- und Gothic-Channel, damals 2001/2002, als moonlayhidden alias morgana81 entstand.
Die nächste Band, alle verlassen fluchtartig die Konzerthalle, es kommt zu einem Stau an der großen Ausgangstür zu dem Verbinder der beiden Messehallen. Die Band will keiner sehen und die, die es doch tun, verheimlichen es.
Ich fahre mit der Straßenbahn zurück zum Werk 2, dort ist diese Nacht der Marathon, aber ich merke es schon an meinem Körper, ich bin so übermüdet, ich zucke ständig zusammen und schlafe auf der Sitzbank draußen fast ein. Dabei läuft richtig gute Musik auf den beiden Tanzflächen und in der großen Halle zwischen den Verkaufsständen hat wieder das kleine Plattenlabel seinen Stand aufgebaut, natürlich kaufe ich auch hier zwei CDs ein, unter anderem die eine Band, die ich letztes Jahr in Berlin gesehen habe, die mit “der Seefrau und dem Steward“.
Noch eine Flasche Wasser, noch einmal auf das Damenklo.
„Brauchst du ein Pflaster?“
„Nein, nein, es geht schon“, ich habe mir ein Stück Haut am Nagelbett eingerissen. Draußen auf den Bänken habe ich das Blut trocknen lassen.
Lange bleibe ich nicht mehr.
Kurz vor vier Uhr, Straßenbahn und Taxi zurück ins Hotel, mir fehlt der Schlaf. Ende Teil 4 von 6.
[31.05.26 / 02:13]✎ Ich habe nicht so lange geschlafen, wie ich eigentlich wollte, was ist aus mir geworden? Früher die Festivals, nicht vor um sieben Uhr ins Bett, schlafen bis Mittag. Es ist bereits kurz nach zwölf Uhr den Sonnabendmittag und ich stehe wieder an der Straßenbahnhaltestelle an dem Baumarkt, ein paar Fußminuten entfernt von meinem Hotel. Entweder es passiert hier oder es ist schon den letzten Tag passiert: Ich krame meine Sonnenbrille aus meiner Handtasche, setze sie auf – und das rechte Glas fällt raus. Wie konnte denn das passieren! Ich hebe das Glas auf, versuche es noch einmal in den Rahmen einzusetzen und es fällt wieder runter. Spätestens beim zweiten Versuch zerspringt es auf dem Steinboden dieser gepflasterten Straßenbahnhaltestelle. Eine Ecke ist sichtbar abgeplatzt. Ob es auf diese Brille noch Garantie gibt? Die ist doch noch gar nicht so alt, höchstens achtzehn Monate. Ich brauche für dieses Wochenende eine neue Sonnenbrille. Outfit des Tages: „Trad Goth“, der schwarze Lederminirock, die Netztunika vom letzten Halloween, nichts darunter, meine blanke Haut und nur das schwarze BH-Top, die schwarze Baumwoll-Yogahose und wieder die Doc Martens. Konzerte den späten Nachmittag: Deathrock, Post-Punk und Punk.
Ein paar Haltestellen weiter, die Linie, die ich genommen habe, knickt hier ab und fährt nicht direkt zum Hauptbahnhof, sie kommt da zwar an, aber etwas später, ich steige hier aus. Kurze Orientierungsphase … du kennst die Gegend, du hast hier gewohnt, dort ist der Eingang zu der Kaufhalle und weiter hinten der Getränkemarkt. Zwei Flaschen Wasser zum Mitnehmen kaufen. Meine Punker-Lederkutte habe ich über den Arm, anders als den Tag zuvor, werde ich diesen Tag wieder gleich zu den Konzerten fahren.
Zuerst weiter in die Innenstadt von Leipzig und dort bei der heimischen Bäckerkette ein Frühstück bestellen. In dem Flagship-Store haben sie keine Croissants mehr, ich muss mich mit Weißbrot behelfen, vielleicht war es auch Brioche.
Weiter in die gut besuchte Fußgängerzone, die erstbeste Filiale einer Optikerkette anvisieren und dort nach einer neuen Sonnenbrille suchen. Meine alte Sonnenbrille, die von „Polo Ralph Lauren“, habe ich hier auch irgendwo gekauft, einen Hunderter will ich für meine neue Sonnenbrille auch wieder ausgeben. Ich wollte schon immer einmal eine „Ray Ban“.
Der erste Laden, den ich finden kann, natürlich haben sie hier eine große Auswahl an „Ray Ban“ Sonnenbrillen. Ich probiere eine nach der anderen an. Die mit den Kunststoffgestellen sortiere ich nacheinander aus, sie würden sonst mit meiner anderen Markenbrille konkurrieren. Mir gefallen die in dem Metallgestell. Auf den Fotos aus den Achtzigern sieht man sie zusammen mit den Künstlern aus der EBM-Szene, die Goth-Rocker tragen ja lieber die mit dem Kunststoff. Das Metallgestell mit den runden Gläsern? Oktagonal? Mir stehen die mit den ovalen Gläsern, nicht zu eng, nicht zu breit, die ist perfekt, die nehme ich.
„Ich behalte sie gleich auf“, die nette Verkäuferin biegt sie für mich noch zurecht, bevor ich wieder meine Plastekarte über das Terminal schiebe. Das wird ein sehr teures Wochenende, Shopping, Taxis, Essen, Trinken, allein das Hotel und das Ticket haben schon so um die 1100 Euro gekostet, jetzt nach den drei Einkäufen kommen noch einmal 250 Euro oben drauf.
Kurz nach vierzehn Uhr den Nachmittag, noch ein Eis, noch ein Rundgang durch das noch teurere Kaufhaus und wieder weiter mit der Straßenbahn Richtung agra und den Messehallen, ich muss noch in die erste Halle mit dem Verkaufsmarkt. Die Stände mit den schwarzen Klamotten lasse ich links liegen, ich suche nur die Stände mit den alten CDs und Vinylschallplatten. Einen Stand finde ich, ich setze meine Lesebrille auf und filtere mich durch die Reihen mit den Tonträgern und Bandnamen auf Karteikarten. Vier CDs von vier Bands finde ich: „Ataraxia“, die wollte ich diesen Tag eigentlich live sehen, mein Einstieg in die Goth-Szene 2001/2002, „Deep Eynde“, die eine Compilation mit den frühen Aufnahmen, damit ist die Diskografie komplett, „Skeletal Family“, das eine Doppelalbum, ich habe das komplette Batcave-Revival ab 2002 mitgemacht und „XMal Deutschland“, die Band vom letzten Abend, eines ihrer frühen Alben. Und wieder geht ein Fuffi über den Ladentisch, Budget gesprengt, 1400 Euro (und da kommen noch ein paar Taxifahrten).
Wieder zurück mit der Straßenbahn Richtung Südplatz, um dort in einem Bistro etwas zu essen. Am Hauptbahnhof den Mittag habe ich es schon mitbekommen, jemand hat mich im Vorbeigehen als „Drag Queen“ bezeichnet, ich falle auf, halbnackt in meiner Netztunika? Als ich aus dem Bistro kommend, wieder zurück an der Straßenbahnhaltestelle auf die nächste Bahn Richtung Innenstadt warte, zerscheppert plötzlich eine Bierflasche hinter mir, jemand hat sie gezielt aus dem fahrenden Auto geworfen, um die wartenden Menschen an der Straßenbahnhaltestelle zu treffen, hier stehen nur ein paar schwarzgekleidete Goths und ich. Eine der grünen Glasscherben streift einen meiner Doc Martens Stiefel – das nehme ich persönlich. Ich dachte erst, irgendjemandem ist eine Flasche runtergefallen, das hat ein paar Momente gedauert, bis ich realisiert habe, dass das eigentlich ein Angriff war. Mit viel Glück hat es die Scheibe des Straßenbahnwartehäuschens nicht zerstört, an die ich mich mit den Rücken gelehnt habe. Trotzdem, es geht mir noch Tage durch den Kopf, was, wenn sie gezielt auf mich geworfen haben? Es ist nicht unwahrscheinlich, das wäre nicht mein erster Angriff auf mich, das war damals auch eine Straßenbahn. Weiter Richtung Hauptbahnhof und Plagwitz.
Den späten Nachmittag angekommen am Täubchenthal, die erste Band habe ich schon verpasst, für die zweite Band des Abends bin ich aber rechtzeitig da: „Nox Novacula“, US-Deathrock, ich mag die facettenreiche Stimme der Sängerin, die ich zuerst gar nicht als „Sängerin“ eingeordnet habe, so eine Stimme würde ich mir auch gerne trainieren.
Das Täubchenthal, ich mag die Terrasse oben mit Blick auf die Umgebung, die Dächer von Plagwitz. Es sind einige Clubs hier, einige, die es auch schon nicht mehr gibt. Diesen Abend bleibe ich weiter hier oben und schaue mir alle Bands, wieder zurück im Inneren der kleinen Halle, von der Empore von oben aus an, auch wenn ich meistens nichts sehe, weil alle vor mir am Geländer stehen. Die nächste Band: „Altar De Fey“, die kenne ich gar nicht, die sind ja auch nicht aus Los Angeles, die sind aus San Francisco.
Die nächste Band, der Stil wechselt von Cali-Deathrock auf French Post-Punk: „Frustration“, ich habe alle ihre Alben, bin dabei, seitdem sie ihre ersten Konzerte in Deutschland spielen, ich habe sogar ein T-Shirt, nur leider liegt das weit hinten begraben im Schrank mit den anderen, alten Band-T-Shirts aus einer Zeit, als ich noch sehr weite und viel zu große T-Shirts getragen habe. Die Bandmitglieder entwickeln auch so langsam ihre grauen Haare, aber verglichen mit der nächsten Band, sind sie die jungen Fans.
Der Headliner des Abends: „UK Decay“, die muss ich schon ein oder zweimal live gesehen haben, vielleicht in Berlin, vielleicht hier in Leipzig. Der eine Bassist, vor über zehn oder fünfzehn Jahren sah er noch nicht so grau aus und er hatte eine schwarz-weiße Lederjacke an, sofern sich meine Erinnerung nicht wieder täuscht. Jetzt der Auftritt, sie haben ihre Fans. Mein Blick von oben auf die tanzende Publikumsmenge. Der eine Punk ist weg, der die Bands zuvor, noch wie eine Dampfwalze den Pogo angeführt hat, den hätte ich jetzt hier erwartet.
Mitternacht, so ungefähr, wieder draußen vor dem Täubchenthal, fährt hier um diese Uhrzeit noch eine Straßenbahn? Die Haltestelle ist voller schwarzer Menschen, die Anzeigetafel zeigt eine einstellige Minutenzahl, hinter mir höre ich es schon über die Gleise scheppern. Jetzt renn! Das schaffe ich noch! Wer weiß, wann die nächste hier fährt und den Bus, der hier angeblich direkt zum Connewitzer Kreuz fahren soll, finde ich hier auch nicht.
Als ich das Connewitzer Kreuz erreiche, ist es noch keine ein Uhr, ich muss noch etwas warten und wieder draußen eine Limo trinken, die mit Banane, Mango, Maracuja? Irgendetwas Fruchtiges, was sonst keiner trinkt, was er billig eingekauft hat.
Wieder drinnen im Werk 2, ich sehe tatsächlich auch mal ein paar Bands hier. In der kleinen Halle spielt eine ihre letzten Stücke, bevor hier die Party anfängt. Ich wechsele in die große Halle, tanze dort kurz, bis ich merke, auch hier fängt jetzt eine Band an, zu spielen und die sind ziemlich gut, lokale Band? Aus Leipzig?
Mehr Menschen, mehr Besucher, habe ich mich damals über die Leute geärgert, die ab um ein Uhr nachts die Partys fluten, gehöre ich jetzt selbst dazu. Wieder tanzen, an der Bar ein Wasser bestellen, meine Lederhandtasche mitsamt den am Nachmittag gekauften CDs an der Garderobe lassen, Flyer sammeln, zwischen den Hallen wechseln, manchmal einen Sitzplatz finden.
Zwischen drei und vier Uhr nachts, erst die Straßenbahn, es fährt doch eine, Richtung Hauptbahnhof und von dort aus mit dem Taxi zurück zum Hotel. Der Himmel wird von Morgen zu Morgen immer bläulicher und die Vögel fangen schon früh an, zu piepen. Ende Teil 3 von 6.
[31.05.26 / 02:12]✎ Der Freitag, das Viktorianische Picknick im Clara-Zetkin-Park, ich bin schon den Vormittag wach – was ich jetzt noch nicht wissen kann – ich werde so ziemlich jede Nacht, beziehungsweise frühen Morgen, dieses Festival-Wochenendes nicht mehr als fünf Stunden schlafen. Ich mache mich ausgehbereit: „Victorian Goth“, das schwarze, viktorianische Kleid, langärmlig und mit Spitze, die schwarze Dirndl-Schürze, das It-Piece, meine Stiefeletten im viktorianischen Stil und der Tragekorb, mit Karo-Handtuch, Kuchengabel und mein Thermo-Kaffeebecher, den zum Zudrehen.
Gegen Mittag mit der Straßenbahn vom Hotel aus, Richtung Hauptbahnhof – doch zuerst, ein Frühstück in dem Bäcker / Café an der Ecke in Eutritzsch, wo ich früher mal gewohnt habe, das waren noch Zeiten, mit meiner schönen Dachbodenwohnung. Kuchen kaufen, es ist Rhabarbersaison und ein Stück Eierschecke, Leipziger Art, muss auch jedes Jahr sein. Draußen beim Frühstück gibt es leider keine Croissants mehr, dafür bin ich zu spät, um zwölf Uhr Mittag.
Weiter mit meinem bepackten Picknickkörbchen in die Leipziger Innenstadt.
„Keinen Dekoschirm, ein echter Schattenschirm“, ich will den da.
Ich bin wieder in dem Laden von gestern, dieses Mal ist es mir egal, dass der Schirm nicht einklappbar ist, den brauche ich auch nur für das Viktorianische Picknick in dem Park. Mit jedem Tag wird es jetzt sonniger und wärmer. Den schwarzen Schirm, den ich jetzt kaufe, bringe ich nachher sowieso wieder zurück ins Hotel, spätestens wenn ich die Stiefeletten gegen ein Paar Absatzlose tausche.
Weiter mit der Straßenbahn vom Hauptbahnhof aus in Richtung des Parks und dem kleinen Flüsschen und dem vielen Grün. Wenn ich früh genug da bin, sind da auch noch nicht so viele.
Ich fahre ewig mit der Straßenbahn. Haltestellen, Baustellen. Irgendwann bin ich die Einzige in so einem markanten, historischen Outfit in der Straßenbahn. Irgendwann merke ich, ich bin viel zu weit, meine Haltestelle hätte schon längst gewesen sein müssen … sitze ich in der falschen Linie? So viel dunkle Ortskenntnis habe ich noch, das ist hier schon fast Plagwitz, ich muss aussteigen und noch ein paar Haltestellen zurückfahren und noch mindestens zweimal umsteigen, bis ich wieder auf der richtigen Spur bin. Angekommen an der vertrauten Haltestelle am Park – so viele Menschen. Es ist schönstes Wetter und alleine bin ich schon lange nicht mehr.
Ich schiebe mich mit den Parkbesuchern mit, viele in historischen Outfits, nicht wenige Damen mit Sonnenschirm. Ich falte meinen auch auf.
Ich nähere mich dieses Jahr von der See-abgewandten Seite, ein obligatorisches Begrüßungsfoto, ich bin wieder da. Dieses Jahr wird es schwierig, einen schattigen Sitzplatz zu finden. Ich gehe auf die andere Seite des großen Sees, hinein auf die Wiese, zu Hunderten, zu Tausenden, die Besucher mit ihren Fotokameras, die Schwarzen und die Skurrilen. Auch hier ist mir zu viel Trubel, ich will an das eine Ufer, wo ich letztes Jahr die Enten fotografiert habe. Die Enten sind immer noch da – und sogar ein freier Platz unter einem Baum. Hier lasse ich mich nieder und breite mein Picknick aus.
Das kleine, blau-karierte Handtuch dient mir als Picknickdecke, meinen Kaffee habe ich griffbereit. Die Menschen beobachten, die Enten beobachten. Irgendwann ist es kurz vor fünfzehn Uhr und ich will nicht mehr mit dem Kuchen warten. Ein Stück nach dem anderen spieße ich mit meiner kleinen Kuchengabel auf. Die Minuten danach sitze ich noch mit aufgeklappten Sonnenschirm auf der Schulter unter meinem Baum, bevor ich mich wieder aufrappele, um zu gehen. Der Platz unter dem Baum am Ufer des Sees wird gleich von den Nächsten entdeckt.
Mit der Straßenbahn wieder zurück ins Hotel. Es ist warm geworden, die Sonnencreme im Gesicht – und der ganze, schwarze Kajal sind mir schon längst zerlaufen. Eine Dusche, neues Make-up, orientalisches Parfüm und Patchouli und ich bin bereit, gewechselt auf die flachen Doc Martens, wieder in Richtung Festival zu fahren. Das Kleid mit Perlenkette behalte ich an, die schwarze Netzstrumpfhose mit dem Rosenmuster auch, die Schürze nicht, drüber die Lederjacke. Ich will in Richtung agra in Markleeberg, dem Hauptort des WGT, dort spielen diesen Abend ein paar Bands – wenn ich diese gesehen habe, wenn ich es da durch den Einlass geschafft habe, dann hat sich das Ticket für 180 Euro schon gelohnt.
Von der Straßenbahnhaltestelle irgendwo im Norden von Leipzig an einem Baumarkt, Richtung Innenstadt und weiter in den Süden. An der Haltestelle Südplatz steige ich aus. Ich habe die Idee, mich dieses Wochenende nur von vegetarischen Döner- und Falafelteller zu ernähren. Der erste Imbiss ist meiner, an den Sitzbänken im Innenraum erkenne ich, ich war hier schon einige Male.
Wenig später, vielleicht eine Stunde, es ist so gegen neunzehn Uhr, ich steige an der Haltestelle an der agra aus. Die agra – keine Ahnung, wann war ich das letzte Mal hier, 2013? Irgendwie hat sich überhaupt nichts verändert, vielleicht sind die Einlasskontrollen jetzt etwas strenger, vielleicht gibt es mehr Imbissbuden, vielleicht haben sich die Zelt- und Wohnmobilstellplätze in Bereiche ausgedehnt, in denen sie vorher noch nicht waren. Die beiden großen Messehallen stehen noch genauso da, wie eh und je. Als wäre ich nie weg gewesen, ich laufe an der ersten Halle vorbei, ich laufe an der zweiten Halle vorbei, der Einlass zu der Halle mit der Konzertbühne ist immer noch ganz hinten. Aber eine Schlange ist hier nicht, ich hätte eine erwartet.
Es gibt eine neue Schlange, eigentlich gleich vier. Nach der zweiten Einlasskontrolle, durch die Halle mit der Bühne, die da steht, wo sie immer schon stand, die nächste Tür wieder raus auf dem abgesperrten Bereich mit den zwei Toilettencontainer … für ein paar tausend Konzertbesucher. Die eine Stunde, die ich vielleicht gefühlt draußen erwartet hätte, stehe ich jetzt in einer der beiden Reihen für die Damenklos.
„Verdammt, es gibt kein Klopapier und keine Seife mehr“, nach meinem Toilettengang versuche ich es bei den Männern.
„Nicht vordrängeln.“
„Ich brauche nur etwas Seife, habt ihr hier noch Seife?“, bis zum Spender im Inneren des Containers komme ich, „Verdammt, hier gibt es ja auch keine Seife!“
„Netter Versuch. Aber war eine gute Idee, es einmal bei den Männer zu probieren – der wahrscheinlichsten Stelle, an der noch etwas Seife zu finden gewesen wäre.“
Nein, auch hier nicht. Was für die Männer spricht.
Wieder drinnen, in der Gluthitze sind die agra-Messehallen ein Aquarium, Schweiß fließt in Strömen. Entweder habe ich das vergessen, oder es ist diese Jahr besonders stickig. Ich positioniere mich in der Nähe der Ausgänge. Ich habe einen kleinen Fächer dabei, der ist neu.
Erstes Konzert, auf das ich warte: „Kim Wilde“, genau die aus den Achtzigern und sie spielt ihre Hits und die Menge geht mit. Vollkommen falsch auf einem Gothic-Festival? Wir lieben sie.
Die nächste Band, der nächste Becher Wasser für vielleicht vier Euro, es dauert einige Zeit, die Umbaupause auf der großen Bühne, der Ansager, gleich kommt etwas ganz Besonderes … ich wollte die schon immer mal live sehen, die Tickets für ihre Konzerte kosten sonst auch schon eine ganze Menge Geld: „Einstürzende Neubauten“ … Wow. Da steht er, da oben, da ist er, der Blixa. Die anderen beiden kenne ich schon, N. U. Unruh und das legendäre Trommelkonzert 2012 in Berlin, es gibt Videos davon und ich bin auch da irgendwo zu sehen … und jetzt stehe ich hier und kann die komplette Band einmal live sehen. Wäre da nur nicht diese Stadion-Atmosphäre. Es rauscht, bei tausenden Menschen in dieser Halle, wenn nur hunderte davon sich unterhalten … und er singt auch noch diese stillen Songs. Aber die aufgebauten Percussion-Installationen sind richtig gut, ich habe mich näher an die große Bühne herangetraut.
Die nächste Umbaupause, vielleicht bin ich draußen, vielleicht drinnen an einer Getränkebude. Die nächste Band sind „XMal Deutschland“, Standardrepertoire eines jeden Trad Goth und ehemaligen Batcave-Revival-Anhängers. Sie singt auch ihre Songs aus den Achtzigern. Bei Kim Wilde haben das alle erwartet, dass ihre Songs immer gleich klingen und sich niemals verändern dürfen, bei Anja Huwe hätten ihre Songs ruhig etwas mehr modernen Pepp vertragen, aber das darf ich als Trad Goth nicht sagen.
Gegen Mitternacht, in der zweiten Halle ist noch eine Verkaufsmesse, die besuche ich den nächsten Tag. Ich verlasse die Konzerthalle über den Ausgang zu dem Verbinder und den „echten“ Klos. Weiter nach draußen, dem Ausgang des agra-Messegeländes und der Straßenbahnhaltestelle. Mit einer der vollbesetzten Linien zurück zum Connewitzer Kreuz.
Die Einlassschlange vor dem Werk 2 zu dem kleinen Gothic-Festival ist noch kurz, den verbilligten Eintritt nach ihren Konzerten gibt es erst ab ein Uhr nachts. Wieder setze ich mich auf die Wiese draußen an einem Bistro-Tisch und bestelle mir noch eine Limo bei dem netten Verkäufer mit dem, wahrscheinlich, syrischen Akzent. Den erkenne ich sofort.
Ich hole mein Smartphone aus der Tasche … irgendwelche Nachrichten? Ich prüfe meine Mails, der Newsletter mit den Sicherheitsupdates für Debian-Linux … ich sollte ein Update und ein Upgrade fahren. Jetzt.
Ich öffne die Terminal-App auf meinem Smartphone und schalte mich remote auf meinen Server. Die Befehle hole ich mir mit grep aus der history – das sudo Passwort habe ich noch in der Passwort-Manager-App, der Schlüssel davon liegt in der Cloud, das SSH-Terminal selbst geht über den Pubkey und das Passwort, dass nur in meinem Kopf existiert. Der Server muss nach dem Kernel-Upgrade neu gestartet werden. Ich zähle nach dem shutdown und Restart bis hundertzwanzig … hoffentlich kommt er wieder hoch. Und Login. Glück gehabt, alles läuft, der Webserver, der Mailserver, die Fediverse-Instanz. Mal so eben um ein Uhr nachts auf einer Wiese irgendwo in Connewitz an einem Bistro-Tisch neben einer Bar in einem Anhänger im Laternen- und Mondschein ein paar Befehle in die Shell gehackt und den Server neugestartet. Gleich gehe ich rüber, dann wird die Einlassschlange vor dem Club länger, sobald der verbilligte Preis auf einem halben A4-Blatt an der Abendkassenbretterbude angezeigt wird.
Diese Nacht wird es voller und es sind beide Hallen geöffnet, die kleine in der Nähe des Einganges mit der Bühne und die große Halle mit der zweiten Tanzfläche und einem kleinen DIY-Markt mit einer Handvoll Ständen. Ich tanze noch zwei Stunden, lasse meine Handtasche an der Garderobe, sammle Flyer ein, bin um drei Uhr nochwas wieder draußen und merke, es fährt keine Straßenbahn, dieses Jahr ist anders, die 11 fährt nicht mehr alle paar Minuten, sie macht jetzt Nachtruhe bis um vier.
Ein Taxi und ich bin wenige Minuten vor um vier Uhr wieder vor meinem Hotel. Laufen werde ich dieses Jahr nicht, ich nehme auch nicht den Nachtbus. Ich will noch bevor die Sonne aufgeht ins Bett fallen. Im Bad Make-up entfernen, die große Balkontür aufreißen, kühle Luft in das Zimmer bekommen, die Glastür wieder ankippen, dunkle Vorhänge davor, Nachtcreme Aloe Vera ins Gesicht, Ohropax und meine Schlafmaske. Vielleicht schaffe ich es dieses Mal, etwas länger zu schlafen. Ende Teil 2 von 6.
[31.05.26 / 02:11]✎ Ich habe da meine LibreOffice-Liste, in der ich schon seit Jahren alle meine Kleider notiere, die ich Pfingsten zu Leipzig anhatte, oder noch nie anhatte, oder schon immer mal tragen wollte, oder schon länger nicht mehr mit eingepackt habe. Mein gesamter Bestand im Kleiderschrank ist darin notiert, alle meine schwarzen und weniger schwarzen Kleider, Tops, Hosen, Röcke, Schuhe und Accessoires. Fein sortiert nach Wetterlage und farblich kodiert nach Rubrik und wo im Schrank ich die finde. Auch dieses Jahr plane ich mein Outfit für das Gotik-Treffen zu Pfingsten in Leipzig weit im Voraus.
Was ziehe ich an? Das Wetter weiß ich erst drei Tage vorher, ich habe eine Vorahnung, es könnte warm und sonnig werden. Regenjacke, Wasserfestes, ein kühler Pullover, brauche ich nicht – das spart Platz, ich nehme die kleine, olivgrüne Sporttasche für den Kofferraum im Auto … gleich neben dem obligatorischen Picknickkörbchen für das Viktorianische Picknick den Freitag. Wieder fünf Outfits für fünf Tage: „Everyday Goth“, „Victorian Goth“, „Trad Goth“, „Gucci Goth“ und „Tiki Goth“. Das Übliche, die schwarze Jeans, ein Top, das Authentische, mein viktorianisches Kleid, das schon ganz grau ist, das Traditionelle, mein Ledermini und diesmal die Netztunika, das Edle, das One-Shoulder-Kleid, das andere Spitzenkleid hatte ich ja schon das Wochenende zuvor und das Unübliche, nach 2019, ich will endlich wieder mein schwarz-grün-buntes „Tiki-Kleid“ anziehen, das mit den Kokosnüssen und den Palmenblättern, der Psychobilly-Montag gibt das her, das wird das Outfit!
Alles den Mittwochabend und den Donnerstagvormittag bereitlegen, das war eine gute Idee, den Donnerstag vor dem Festival gleich mit freizunehmen. Schuhe? Wie jedes Jahr, meine große Tragekiste auf dem Beifahrersitz im Auto mit allen meinen Kurz-Stiefeletten, vier Paar, und oben drauf noch die schwarzen Plateau-Sandaletten mit der groben Military-Sohle, die wollte ich schon immer mal zum Gotik-Treffen tragen.
Noch kurz ein Arzttermin und eine Blutabnahme mit Einstichstelle und Pflaster am Arm, damit ich später heroine-chic ausgehen kann, und ich setze mich den frühen Donnerstagnachmittag in mein Auto, die Autobahn Richtung Leipzig, dasselbe Hotel wie eh und je, irgendwo im Norden von Leipzig, neben der mehrspurigen Bundesstraße nahe der Autobahn, mitten im kahlen Industriegebiet im Nirgendwo, zwischen einer Tankstelle und vielen, abgestellten LKWs … genau da.
Mein Freund, schreibe ich ihm eine Nachricht? Wie viele Männer auf meiner Kontaktliste könnte ich das Pfingstwochenende noch daten? Ich schreibe ihm zuerst eine Nachricht, dass ich das Wochenende in Leipzig sein werde und bin schon so hin und weg, dass ich die anderen alle Männer vergesse und keinem von denen weiter schreibe.
Gegen halb fünf den Nachmittag komme ich in dem Hotel an. Mein Auto schiebe ich in die engste Lücke auf dem belegten Parkplatz in dem schäbigen Hinterhof neben den Autowerkstätten. Das Hotel scheint voll zu sein. Den Preis, den ich hier gebucht habe, nahe der Schmerzgrenze, noch teurer und ich kann und will mir das so nicht mehr leisten, da könnte ich auch gleich von zu Hause aus hundertfünfzig Kilometer mit dem Zug pendeln. Einige schwarze Goths begegnen mir schon, als ich unten an der Rezeption einchecke.
Oben in dem Zimmer, im Gang war ich noch froh, wieder vierte Etage, das Penthouse. Ich stehe vor der Tür, Straßenseite, ich mache sie auf – das ist ja nur ein Einzelbett! Wie soll denn mein Freund darin schlafen? Das Bett ist schmaler, oder wirkt vielleicht so, als mein japanisches Ein-Meter-Zwanzig-Bett damals in meiner alten Dachbodenwohnung nicht unweit von hier, im Norden von Leipzig. Es gibt auch nur ein Kopfkissen und ein Handtuch. Zutiefst traurig schreibe ich ihm eine Nachricht, dass das dieses Wochenende wohl nichts werden wird … ich will mein Bett für mich allein.
Alles unten aus dem Auto holen, die Tasche, Korb und Tragekiste mit dem Fahrstuhl nach oben. Keine Zeit für ihn. Eine Dusche nehmen, mich ausgehfertig machen, ich werde nach dem Bändchenholen am Hauptbahnhof nicht wieder hierher zurück kommen und von dort aus gleich die Nacht ausgehen. Outfit für den Donnerstagabend: „Everyday Goth“, die schwarze Jeans, mein schwarzes „Gothic Pogo“ T-Shirt, die schwarze Lederjacke, der Nietengürtel und die Pikes. Als Schmuck habe ich nicht viel mitgenommen, ich trage jeden Tag und jede Nacht dasselbe: der silberne Armreif links, der marokkanische rechts, mein Ring, meine silberne Halskette mit dem Ganesha und … ein Ohrring, der aus Titan. Das Wochenende zuvor, ich habe bestimmt eine Dreiviertelstunde gebraucht, um den da wieder reinzudrücken, aber ich bin überglücklich, dass ich dieses eine Ohrloch noch habe und dass es nach sechs Jahren Unbenutzung immer noch vorhanden und nicht zugewachsen ist. Vielleicht finde ich noch einen schönen Ohrring oder Ohrhänger hier auf den vielen Märkten, den ich als Einzelstück nur auf einer Seite tragen kann … das andere Ohrloch ist ja … verloren.
Weiter mit der Straßenbahn zum Hauptbahnhof, zu den zwei Containern für die Abendkasse und die Bändchenausgabe für das große Gothic-Festival in Leipzig. Das Ticket schon vorab online gekauft – für das andere, kleine Gothic-Festival hier in Connewitz in Leipzig, habe ich dieses Jahr kein Ticket, ich werde dort jeden Abend an der Abendkasse stehen müssen. Hier bei dem großen Festival ist die Schlange für den Abend gar nicht so lang, ich komme schnell durch und habe bald mein blaues Bändchen. Es ist noch früh, alle Geschäfte in Leipzig sind noch offen. Ich könnte noch Einkaufen gehen, eine Shopping-Tour.
Nur ein paar Meter weiter, der erste Laden: „Habt ihr so einen Sonnenschirm, vielleicht mit Teleskop, so zum Ausziehen?“
„Nein“, die Verkäuferin in dem Laden mit dem Pin-up-Girl-Kleidchen schüttelt den Kopf.
„Ach, schade“, und ich weiß, ich komme morgen wieder, ich brauche unbedingt noch einen Sonnenschirm für das Viktorianische Picknick morgen. Ich will so einen Schirm, wie ich ihn jeden Tag auf dem Gemälde vor mir über den Fernseher im Wohnzimmer sehen kann, ein Gemälde aus dem Impressionismus, eine landschaftliche Idylle mit zwei Damen im Gewand Ende des neunzehnten Jahrhunderts, das mir, seitdem es da hängt, als Inspiration gilt.
Weiter hinein in die Leipziger Innenstadt, ein Unterwäscheladen, den BH, den ich hier gekauft habe, habe ich in diesem Moment auch an, ich will wieder so einen, der ist bequem und fässt sich weich an, ich brauche noch einen halterlosen BH für mein schulterfreies Kleid, das Tiki-Kleid ist ein Neckholder und unter dem schwarzen One-Shoulder passt auch kein regulärer BH. Die Verkäuferin hier zeigt mir drei Modelle, ich kann eines davon auswählen. Es muss ein Push-up sein, schwarz, vielleicht mit einem genügend langen Träger, der auch als Neckholder verwendet werden kann. Eine zweite Verkäuferin wird um Rat gefragt, sie verknüpft die beiden Trägergurte des Balconette-Bras so filigran zusammen, dass ich das auch sicher unter meinem Neckholder-Kleid tragen kann.
Wieder raus aus der Umkleidekabine: „Sollen wir die Träger wieder auseinander machen?“
„Bloß nicht, das kriege ich nie wieder so hin!“
Den nehme ich, der passt. Eine Unterhose, mehr Tanga als Slip, nehme ich auch noch passend mit, ein olivgrünes Top, bauchnabelfrei, wollte ich schon immer mal haben und in dem Moment, wie meine EC-Karte über das Terminal gezogen wird, vergesse ich alle meine Vorsätze, das könnte ein sparsames Wochenende werden.
Nächster Halt, die Bar am Marktplatz, für ein Sandwich, bevor ich den Abend mit der Straßenbahn weiter nach Connewitz fahre.
Einlass für den ersten Abend des „Gothic Pogo Festivals“ ist wie gewohnt erst um zweiundzwanzig Uhr. Es ist noch hell und ich bin eine Stunde zu früh da. Die Wiese vor dem Werk 2 am Connewitzer Kreuz, eine Getränkebude, ein Imbiss, viele Tische und Stühle, eine entspannte Atmosphäre, ich bestelle eine Cola und setze mich auch irgendwo hin. Die Zeit bis zum Einlass bekomme ich herum.
Pünktlich zweiundzwanzig Uhr, die Abendkasse wird geöffnet. Für mich nur die rechte Einlasslinie, ich habe kein Ticket und ich bekomme kein zweites Festivalbändchen. Letztes Jahr, ich habe hier fast kein einziges Konzert geschafft, die Konzerte auf dem großen „Wave-Gotik-Treffen“ sind zu wichtig, oder zu sündhaft teuer bezahlt. Dieses Jahr will ich hier nur die Partys mitmachen, die Konzerte schaffe ich gar nicht erst.
Den Donnerstagabend ist nur die kleine Halle offen. Der Stand mit dem veganen Gyros ist draußen schon auf. Das große Vordach, die vielen Bänke und Stühle, die eintreffenden Gäste, Punks, Goths, Trad Goths, Batcave, ich bin zu Hause.
Tanze ich die Nacht zu den ersten Songs? Ich bewege mich nur durch die Halle und die Gänge und sammle fleißig Flyer ein. Der eine rosa Flyer mit der queeren Party hier im Werk 2 blitzt groß mit der Aufschrift „QUEER“ aus meiner hinteren Gesäßtasche hervor, mein persönlicher „Hanky Code“ … vielleicht möchte ich angesprochen werden, vielleicht lebe ich nur wieder mein altes Leben, wie schon zwanzig oder fünfundzwanzig Jahre zuvor. Das erste Mal zu einem Vorläufer von dieser Party war ich 2003 – und seitdem bin ich jedes Jahr dabei und bewege mich in meiner Blase durch die interessanten Menschen.
Der erste Abend, die erste Nacht, ich will es nicht übertreiben, gegen drei Uhr bin ich wieder draußen vor den Straßenbahnhaltestellen und nehme das erste Taxi wieder zurück in mein Hotel.
Schlafen werde ich dieses Jahr mit Ohropax und meiner neuen Schlafmaske. Dass das Zimmer zur Straßenseite geht, stört hier oben in der vierten Etage gar nicht. Die üblichen, dunklen Vorhänge gibt es auch hier. Ende Teil 1 von 6.
[19.05.26 / 23:27]✎ Nadelbehandlung #1 (Haarentfernung #38) – Meine erste Nadelepilation, ich werde bei dem Termin in einen anderen Raum geführt, optisch ist das Gerät nicht mit den mit Licht und Laser zu unterscheiden, nur dass ich auf der Liege keine Schutzbrille mehr tragen muss und von den Lichtblitzen zusammenzucke, ich schließe trotzdem die Augen. Die Behandlerin – die „Epilateuse“ – schiebt die kleine Nadel vorsichtig in die Poren rund um das Kinn in meinem Gesicht, ein gefühlter Wirbelstrom, ein kleiner Schmerz, sie zupft danach die Härchen mit einer Pinzette wieder raus. Ich zähle nicht mit, es sind einige weiße Haare, die da hoffentlich für immer verschwinden.
Die ersten Haare gehen ganz gut, der Kinnbereich wird ausgedehnt über die Wangen, den Hals, die Zone am Mundwinkel. Die Haare tief unten am Kinn, sind hartnäckig, hier muss sie mit der Nadel bis zu dreimal nachstechen und den Stromimpuls setzen, bevor sie das weiße Haar, die letzten fünf Tage einen bis zwei Millimeter wachsen gelassen, mit einem Ruck mit der Pinzette herauszupfen kann. Der Schmerz ist auszuhalten … da bin ich mit meiner „Elektroschock-Therapie“ bei meiner Neurologin, Achse Fußknöchel-Gehirn, stärkeres gewohnt.
Nächster Termin ist in zwei oder drei Wochen, dann wieder der Laser und die vereinzelt noch dunklen Haare, hier kann ich mich wieder rasieren. Die 70 Euro, die wieder von meinem Konto verschwinden, endlich habe ich wieder das Gefühl von damals und den Gedanken, dass sich das Geld und der Schmerz gelohnt hat. Bald kann ich überlegen, mich nicht mehr täglich zu rasieren, das Gesicht und das Kinn bleibt noch bis zum Abend und in den nächsten Morgen hinein, glatt.
Das Wochenende zuvor, eine Familienfeier, mein festliches Outfit, der neue, schwarze Blazer und eines von den schwarzen Kleidern, das optisch am besten zu dem Kurzblazer passt und ich somit nicht das nächste Wochenende zu dem Gotik-Treffen mit nach Leipzig nehmen werde. Warum ist diese Familienfeier so bemerkenswert? Abgesehen davon, dass so eine Feier eines der seltenen Momente ist, meinen gesamten Diamantschmuck zu tragen, das komplette Ensemble von Ring, Halskette und Ohrring – ja, ich habe immer noch ein vorhandenes Ohrloch, sechs Jahre ungenutzt – es sind die alten Damchens, Omas und Tanten, ich kann mir ihre fröhlichen Gesichter ansehen … und sie sind voller Haare, ein Flaum an weißen, feinen Haaren. Das ist vollkommen normal für eine ältere Frau. Ich falle da mit meinen, vielleicht fünf bis zehn weißen Härchen überhaupt nicht auf.
Wiederum zu etwas vollkommen, vollkommen anderem, der Sonntag nach der Feier, wieder zurück zu Hause, es ist IDAHOBIT und ich schiebe mein Motorrad aus der Garage und fahre zu der Kundgebung auf dem einen Rathausplatz in der Kleinstadt in dem benachbarten Landkreis, Kaffee trinken und Eis essen, mir die Leute ansehen. Ich träume davon, dass es in meiner Kleinstadt, tief in der sachsen-anhaltinischen Provinz, auch einmal ein CSD geben wird. Realistisch gesehen, werde ich mich aber weiterhin immer mehr verstecken müssen und mein offizielles Leben, so weit es geht, „deep stealth“ fortführen. Kein verräterischer Bartschatten, nicht mal eine Spur davon!
[23.04.26 / 22:42]✎ Laserbehandlung #6 (Haarentfernung #37) – Doch keine Nadelepilation … jetzt habe ich das fünf Tage im Gesicht wachsen lassen und bin so zur Arbeit gegangen, mit der Hoffnung, mein offenes Geheimnis wird niemandem auffallen, und dann hat die Behandlerin sich das unter der Lampe angeschaut und schon gleich mit dem kleinen Messer alles wieder abgeschabt. Mitsamt den, vielleicht drei, weißen, höchstens nur anderthalb Millimeter langen Härchen unten am Kinn. Die andere Behandlerin zuvor, hat nicht aufgeschrieben, dass ich extra für die Nadelepilation unrasiert zu dem Termin erscheine. Vielleicht stand das sagenumwobene Epiliergerät auch in einem anderen Raum und für diesen Termin weist sie mir das einzig freie Behandlungszimmer zu, in dem nur ein Kosmetiklaser steht.
Das Gerät dort kenne ich noch nicht, die Art und Weise mit dem Gel ist mir vertraut von den alten IPL-Geräten, der Blitz ist anders, er ist nicht blau, er ist rot. Ich zucke kaum zusammen, wenn dann nur wegen dem Licht, das durch die abgedeckten Augen durchscheint. Keine Schmerzen, winzige Piekser, die Problemstellen am linken Mundwinkel und die Kinnlinie ganz unten. Je näher dran das an den Hals geht, je weniger spüre ich. Es sind noch Haare da, die einen Farbstoff haben.
Nicht allzu lange später an der Kasse, wir suchen den nächsten Termin – gehe ich eigentlich noch zur Arbeit, ich habe so viel frei im Mai – in zwei oder drei Wochen könnte es werden, ich soll wieder ein paar Tage vorher alles wachsen lassen, zum Glück liegt ein langes Wochenende dazwischen, dann aber die erhoffte Nadelbehandlung!
Ich scherze noch etwas, die zweite Behandlerin ist noch mit dazu gekommen, den Menschen hinter mir, der die andere Haarentfernung in dem anderen Raum in Anspruch genommen hat, vielleicht auch das Gesicht, registriere ich nicht. Gefühlt zwei Wochen, über Weihnachten, konnte ich alles mal länger wachsen lassen – ich bestätige die Aussage meiner Behandlerin: Länger als drei Millimeter werden die feinen und fast farblosen Haare nicht mehr, egal, wie viele Wochen ich da warte. Ein Bart wird das nicht mehr.
Zu etwas vollkommen, vollkommen anderem – 11 Jahre HRT! Meine Frauenärztin ist in den Ruhestand gegangen, ich musste mir eine neue Ärztin suchen, die die Hormontherapie übernimmt. Die neue Frauenärztin übernimmt zwar die Praxis, nicht aber die „transsexuellen“ Patientinnen. Nicht unweit davon entfernt, ich kann immer noch im Parkhaus des teuren Shoppingcenters parken, finde ich eine zweite Ärztin, die sich der dramatischen Versorgungslage von transsexuellen Patienten annimmt.
Mein erster Termin, das volle Programm, Urinprobe, Gewicht, Blutdruck, Blutabnahme und Ultraschall, gebannt schaue ich rechts neben mir auf den Monitor neben der Liege, auf das Ultraschallbild, die beiden Nieren und davor noch die Blase, als sie mit dem Gerät über meinen Unterleib fährt. Andere Organe oder interessante Dinge habe ich da unten nicht. Möglicherweise die nächsten Termine schaut sie sich das operierte Areal an. Einen großen Stuhl habe ich in dieser Praxis noch nicht gesehen. Ich bin glücklich, meine Versorgung mit Rezepten für das Estradiol-Gel, drei Hub täglich, ist gesichert.
Eine Woche später, die Ergebnisse der Blutabnahme: Estradiol 890.0 pmol/l (243.0 ng/l) und Testosteron 0.67 nmol/l – alles im Referenzbereich für erwachsene Frauen. Ich suche die für den Wert passende Phase im Monatszyklus die Zeilen darüber, aber eigentlich weiß ich genau, wo ich bin, wo ich immer bin: kurz vor dem Eisprung. Passt! Die Blutabnahme war eine Woche nach Vollmond, das weiß ich, weil ich die Nächte zuvor bis in die frühen Morgenstunden fasziniert vor meinem Fernseher saß und mir die Mondumrundung live über den NASA-YouTube-Channel angesehen habe. Ich bezeichne mich jetzt auf Arbeit auch als „Mission Specialist“.
So viele weibliche Hormone in meinem Blut, was macht das mit mir? Wenige Tage zurück auf der Familien-und-Freunde-von-Freunden-Geburtstagsfeier in dem Kirchengemeindehaus, jedes Mal, wenn eines von diesen kaum laufenden Krabbel- und Kleinkindern platschend auf den gefliesten Boden fällt … mir entgeht auch gar nichts. Das ist so, ich bin bis oben dicht mit den weiblichen Hormonen.
Der ganze Monat in einem Blogartikel … Nebenbei im Garten fotografiert: „Sakura / April 2026“, die alljährliche, japanische Kirschblüte.
[06.04.26 / 22:35]✎ Meinen neuen Helm Probe fahren … Mist, jetzt hatte ich so einen schönen, ungespeicherten Text geschrieben und dann ist mir der GNOME-Display-Manager eingefroren (es gibt Momente, da ist Linux kacke). Also noch einmal das Ganze, in Kurzfassung:
Fahrgeräusche und das Gewicht – Zuerst, der HJC F100 Carbon ist federleicht, die paar Gramm mehr zu meinem alten Jethelm, spüre ich gar nicht. Von den Windgeräuschen her, ist es fast wie bei meinem alten, offenen Helm, es kann aber auch sein, dass ich über die Winterpause vergessen habe, wie laut der wirklich war. Durch die Extra-Dämpfung unten, höre ich mein Motorrad kaum noch, das ist ungewohnt. Wie der neue Helm im Wind liegt und mein Kopf während der Fahrt bewegt, kann ich noch nicht beurteilen, ich bin an einem böigen Ostermontag losgefahren … mein Hals war jedenfalls nicht verkrampft.
Das Blickfeld und das Visier – Die Panoramascheibe ist schön, nicht ganz so ungewohnt, wie von meinem alten Jethelm, nur sehe ich meinen Tacho auf dem Tank nicht mehr. Entweder während der Fahrt den Kopf nach unten nicken oder mit dem Verkehr und dem Tempo mitschwimmen. Die neue Sonnenblende ist praktisch – weil ich erst spät den Nachmittag losfahren konnte, der Einbau meiner neuen Lithium-Batterie in der Garage hat alles verzögert – konnte ich die Sonnenblende gegen die schon tiefstehende Sonne testen, der schmale, helle Spalt unten für die Straße stört nicht, die Blende ist einfach zu bedienen mit dem Handschuh. Das große Visier selbst, an der Ampel ein Spalt offen, während der Fahrt nach unten, es pfeift, ich muss mit einem zweiten Handgriff noch einmal auf beiden Seiten nachgreifen, damit es wirklich schließt, vielleicht nur etwas Eingewöhnung für den Anfang … und sollte durch den winzigen Spalt wirklich einmal Regen reinkommen, bin ich den falschen Tag losgefahren.
Der Kinnbügel des neuen Flip-Back-Klapphelms – Ich wollte so einen Helm mit extra Sicherheit und damit mir der Umstieg von meinem, schon fast neunzehn Jahre alten Jethelm nicht so schwer fällt. Einfach zu bedienen, einfach nach hinten schwingen, das mit dem Arretieren brauche ich gar nicht. Bequem im zurückgeklappten Zustand beim Aufsetzen (mit Brille), zugeklappt beim Fahren nur ein schmaler, dunkler Streifen ganz unten im Blickfeld, ungewohnt für mich, da ich nie einen Integralhelm gefahren bin. Rechts und links sehe ich gefühlt etwas weniger, für meinen schon seit vielen Jahren wieder antrainierten Schulterblick muss ich meinen Kopf bewusst weiter zur Seite drehen.
Kurven üben, meine erste Runde auf meiner „Erste-Saisonfahrt-Heimstrecke“, rechts für die Linkskurve, links für die Rechtskurve. Die schöne Strecke, von der Hauseinfahrt einfach geradeaus und dann links auf die alte Straße nach Gardelegen …
[05.04.26 / 19:17]✎ Sonntag, Hotel-Check-out noch vor elf Uhr. Wieder das Frühstück unten, der undefinierbare Fruchtsalat – es könnte Kiwi gewesen sein, vielleicht aromatisieren sie ihren Fruchtsalat auch mit Petersilie. Es schmeckt ungewohnt, aber ich esse ihn schon den dritten Tag. Ein Frühstücksei, heute ist Sonntag, ich muss vor den ausländischen Hotelgästen mein Klischee erfüllen.
Im Zimmer oben, alles in meine kleine Sporttasche. Ich lasse keine meiner Pfandflaschen zurück, die kommen in meine neue, große Jute-Tasche. Interessant, wie ich später dann, fast als Flaschensammler im Abteil der Ersten Klasse im Zug sitze, von irgendwas muss das Geld ja hergekommen sein. Sparen, jeder Cent ist wichtig, weiter sparen, Luxusklamotten runtergesetzt in Ramsch-Läden kaufen.
Die Schlüsselkarte vom Hotelzimmer landet unten am Ausgang in der Box. Den Weg wieder zurück zum Dresdner Hauptbahnhof.
Der Intercity fährt verspätet los und kommt verspätet an, das betrifft uns nicht, wir steigen nicht um.
Die Landschaft rauscht an mir vorbei … eigentlich hätten wir jetzt in Malaysia sein sollen, oder in Singapur, das wäre die Idee von vor ein paar Monaten gewesen. Für Ende des Jahres steht Thailand als nächste Idee auf der Liste, und wenn es das nicht wird, dann Italien, sehr gerne auch mit dem Zug … ich kann stundenlang die Landschaft an mir vorbeirauschen sehen.
[05.04.26 / 19:12]✎ Der Sonnabend dieses März-Wochenendes in Dresden, wieder unten im Frühstücksraum des Hotels, wieder das Croissant, zwei Brötchen mit Marmelade, der schrecklich schmeckende Kaffee und dieser unerklärbar schmeckende Fruchtsalat … es müssen diese grünen Dinger sein, das sind keine Weintrauben, das ist Melone? Melone und Gurke sind Beeren und miteinander verwandt.
Diesen Tag gehen wir in die Altstadt, bis runter zur Elbe und schauen uns Dresden an! Wie Touristen! Wir stehen früh auf, wir haben ein Zeitticket für das Grüne Gewölbe und das neu aufgebaute Dresdner Residenzschloss gebucht. Die anderthalb Stunden bis zum Einlass um elf Uhr, wollen wir uns, bei schönstem Sonnenschein, die Altstadt angucken, bevor die Touristenströme anrauschen.
Wir überqueren die große Hauptstraße, die die Einkaufsstraße und den Altmarkt von der historischen Altstadt trennen. Die Sonne scheint, aber es ist kalt. Meine Fleece-Jacke trage ich noch unter meinem Mantel und über der Tunika, den langen, schwarzen Kaschmirschal schon das ganze Wochenende. Meine kleine Luxushandtasche und meine Sonnenbrille, eine Wolke an orientalischen Parfüm hinter mir herziehend. Sie kennt den Weg, ich habe einen kleinen Papierfaltplan von der Hotelrezeption mit in einer meiner Manteltaschen. Ein Hof nahe des Schlosses, wir suchen den Eingang zu dem Gewölbe und den Museen. Das Grüne Gewölbe selbst, war früher mal woanders, überall in Dresden wird gebaut, hier an dem Schloss immer noch. Der kleine Innenhof ist neu, ein paar Schautafeln zeigen, wie hier alles mal zerbombt wurde, sie kennt nur die Ruinen, an denen sie Jahrzehnte danach noch vorbeigegangen ist, für mich ist die Ecke hier neu, ich war hier noch nie.
Ein paar Arkaden, ein paar Tierplastiken hoch oben an den Wänden, das ist hier irgendwie so eine Art Jagd- oder Stallhof, das Schloss muss hier in der Nähe sein, noch etwas mehr als eine Stunde bis zum Einlass.
Weiter um die Ecke, ich kann die alte Brücke über die Elbe sehen, wir sind an der Semperoper. Ein Foto machen, wie Touristen das so tun … die Menschen darauf werde ich wegretuschieren, das Baugerüst an der Oper verdecke ich elegant mit dieser großen Reiterstatue davor. Nur von dem Italienischen Dörfchen mache ich kein Foto … nachdem die eine Brücke ein paar hundert Meter oder Kilometer weiter, eingestürzt ist, verlegen die von der Stadt die Fernheizungsrohre (oder was auch immer das ist) über die angrenzende, historische Brücke neben der Semperoper. Schwarze Rohre, ein Bauzaun und ein riesiges Plakat, das andeutet, dass alles nur ein „Provisorium“ ist, verdecken den schönen Blick auf das Gebäude mit dem klangvollen Titel. Ich muss mit der Italienerin hier mal Essen gegangen sein, weder die Italienerin, noch das Café da, gibt es noch … aber vielleicht war das alles auch vollkommen woanders und sie hat nie existiert, nur in meiner Phantasie.
Weiter zu dem Zwinger, meine Begleitung kennt da eine Stelle, bei der sie zu ihren Studentenzeiten Ende der 1970er immer war: ein geheimnisvoller und versteckter Brunnen oder Fontäne gleich neben dem Zwinger! Ich bin neugierig, auf Klassenfahrt 1998 habe ich es nur bis zum Zwingereingang geschafft.
Der Brunnen ist wirklich nur direkt daneben, versteckt, eine Treppe hinauf, eine Treppe nach unten, ich hoffe schon auf ein paar „Instagram“ Fotos, um dieses Kleinod der Welt zugänglich zu machen … Minuten später schon die erste russische Touristin. Wir waren kurz allein. Es sieht ein bisschen aus, wie der eine Brunnen in Rom, nur fließt hier kein Wasser, das Becken ist leer, in ihrer Vorstellung war das alles mal viel verwilderter und grüner. Weiter über zwei Glastüren zum angrenzenden Innenhof des Dresdner Zwinger.
Wir sind schockiert! Ich kann mich kaum noch halten. Immer wieder zeige ich auf dieses schreckliche Etwas und schimpfe laut … der eine Tourist vor mir geht schon ein paar Schritte aus meinem Blickfeld. Direkt neben dem Zwinger ist der hässlichste Betonklotz hingestellt worden, den ich auf dieser Reise je gesehen habe! Wie konntet ihr nur! Diese Bausünde! Das ist ja so, als würde man ein Hochhaus direkt neben dem Eiffelturm stellen! So haben wir das nicht in Erinnerung. Wir sind erschüttert. Das sah hier mal so schön aus, das historische Ensemble, das Elbflorenz, nicht mal die Bomben aus dem Krieg konnten das zerstören. Und jetzt steht da drüben gleich hinter dem Zwinger ein weiteres, grau-modernes Hotel … oder was auch immer das ist.
Weiter weg, von dem Fleck der Schande, zurück zum Residenzschloss, wir finden endlich den Eingang, wir waren vor gut einer Stunde schon daran vorbeigelaufen, nur ist jetzt das große Tor zum Kleinen Schlosshof geöffnet.
Ein großes Glasdach überdeckt den Innenhof, am Eingang zu den Museen und der Kasse stehen schon einige Besucher. Ich dränge, ich will eines der Schließfächer in Beschlag nehmen, bevor die Touristenmassen kommen, meine Begleitung strahlt eher die Ruhe aus. Fotos vom Großen Schlosshof machen, den mit dem Hausmannsturm, auch hier wird überall gebaut, auf den Bauzäunen draußen die großen schwarz-weiß Fotos und wie das hier alles mal nach dem Krieg ausgesehen hat – und vierzig weitere Jahre unverändert.
Unser Zeitfenster für das Historische Grüne Gewölbe beginnt um elf Uhr und ein paar Minuten. Sie holt das Online-Ticket auf dem Smartphone aus der Tasche, ich sichere für mich eines der bedenklich weniger werdenden Schließfächer am Eingang neben der Garderobe, für meinen Mantel und meine Handtasche. In das Grüne Gewölbe mit den vielen Juwelen, darf nichts hinein genommen werden, die sind hier etwas nervös nach dem großen Einbruch. Eine Sicherheitsschleuse mit zwei dicken Glastüren ebnet uns den Weg hinein in die Schatzkammer.
Am Stand für die Tour-Guides entscheide ich mich für das Sprachmodul in „Sächsisch“, welches mir von der Museumsmitarbeiterin empfohlen wird.
„Sächsisch für Anfänger oder Deutsch?“
Ich zögere: „Sächsisch“, in meinem breitesten Drei-Länder-Eck-Dialekt, Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt. Je mehr ich in dieser Region bin, desto mehr kommt mein Geburtsdialekt wieder durch.
Sie nimmt die deutsche Sprachbegleitung und kommt viel schneller durch die Ausstellung, ich halte mein Sprachmodul ans Ohr und der Erzähler im breitesten Sächsisch erklärt mir die opulent ausgestatteten und liebevoll wiederhergestellten Schlossräume und die vielen funkelnden, nein, funzelnden Juwelen darin. Räume voller Porzellan, Elfenbein, Gold und Silber und Diamanten … nicht ganz so viele Diamanten und Brillanten, ein paar Dinge bleiben nach dem großen Einbruch wahrscheinlich für immer verschwunden, vielleicht existieren sie schon gar nicht mehr.
Ich brauche für das Historische Grüne Gewölbe viel länger, als ich gedacht habe, ich dachte, das wäre nur so eine kleine Sammlung. All dieser Prunk, der sächsische König muss unfassbar reich gewesen sein, ich dagegen stehe neben den Vitrinen und blicke auf meinen Armreif an meinem Handgelenk, Silber beschichtet, mit magnetischen Stahlkern und paar glitzernden Zirkonen drauf.
Es ist Mittag, fast schon dreizehn Uhr, eine Pause, eine Flasche Wasser im Museums-Café – und wir haben mal gerade erst das Erdgeschoss geschafft. Vor uns liegen noch drei weitere Etagen, mit noch mehr Prunk und Vitrinen und Ausstellungsstücken. Ich habe diesen Museumsbesuch unterschätzt, meine Begleitung vergleicht das Residenzschloss schon mit dem Louvre in Paris – aber der ist wirklich noch viel, viel größer.
Weiter in die erste Etage des Schlosses, jetzt ohne die Sprachführung – das Modul habe ich unten am Ausgang des Historischen Grünen Gewölbes schon abgegeben, mit der kleinen Anmerkung, es fehlt der Knopf um das Sächsische in anderthalbfacher oder doppelter Geschwindigkeit abzuspielen.
In der ersten Etage befindet sich das Neue Grüne Gewölbe, die Ausstellung mit den Miniaturen. Ich will den „Großmogul“ sehen! Bis vor zwei Tagen habe ich noch gar nichts von seiner Existenz gewusst, meine Begleitung kennt das alles schon, im Hotelfernseher lief eine Sendung über Dresden, in der auch dieses kleine Miniaturpanorama zu sehen war. Ich sehe die Vitrine und laufe direkt darauf zu. Es ist witzig, wie sich die Leute das damals alles so gedacht haben, einige der kleinen Figuren sehen chinesisch aus, einige indisch, der ganze Kasten asiatisch, die Szene irgendwie … phantastisch. Noch mehr merkwürdige Dinge und Kuriositäten sind in diesem Teil des Museums ausgestellt, die sagenumwobenen „Kirschkerne“, es galt damals als schick, so ein Kuriositätenkabinett zu besitzen.
Weiter zu der Rüstkammer in dem ersten Geschoss des Schlosses.
„Das kenne ich alles schon.“
Was ich jetzt noch nicht weiß, das geht noch eine Etage weiter, bis hoch in die zweite, den Teil, den ich achtundzwanzig Jahre zuvor auf Klassenfahrt im Zwinger gesehen habe, war nur ein kleiner Teil davon, nur die paar Rüstungen und Gewehre.
Es hört gar nicht mehr auf, ein Zimmer nach dem anderen mit Rüstungen, Säbel, Messer, Gewehren, noch mehr Rüstungen, ganze Pferde in Montur – wir wechseln die Etage – noch viel mehr Säbel und Zelte, alles zusammengeraubt, nachdem die Türken vor Wien abgehauen sind – wie ist das alles nach Dresden gekommen, wer hat das alles gesammelt? Wurde das wirklich hier alles im Schloss gelagert? Meine Begleitung vermutet, das Zeug stammt vom Armeemuseum hier irgendwo am anderen Ende von Dresden und ich denke mir, die sind froh, wenn die den alten Kram hierhin, in das neu wiederhergestellte Stadtschloss, abschieben konnten.
An den Fenstern im Schloss erkenne ich, es muss schon tiefster Nachmittag sein. Draußen scheint die Sonne, Touristenströme ziehen sich durch die Straßen, ich wollte eigentlich auch Dresden draußen fotografieren und wir stecken hier drinnen. Ein langer Gang an Gewehren, auch genannt die Gewehrgalerie in der Zwischenetage.
Die zweite Etage haben wir über den Kleinen Ballsaal betreten, ich scherze, das ist ja nur der „kleine“ Ballsaal. Nachdem wir die Münzkammer, den Riesensaal und die zweite Hälfte der Rüstkammer und der „Türckischen Cammer“ hinter uns gelassen haben, betreten wir die Paraderäume des Schlosses, luxuriös gestaltete Zimmer, die nie benutzt wurden. Nur zum Angeben. Ich bewundere die Arbeit der Restauratoren, die das alles wiederhergestellt haben, das Schloss wurde komplett ausgebombt, erhaltene Möbel gab es dann nicht mehr.
Weitere Ausstellungsstücke, große Portraits der ehemaligen Besitzer, die Garderobe des Dicken – und irgendwo in einer Ecke, ein kleines Eckzimmer, eine Vitrine mit Napoléons Stiefeln. Ich kann nicht anders, ich stelle mich daneben und blicke auf meine eigenen, hohen Lederstiefel, die ich gerade anhabe:
„Passt!“
Könnte von der Schuhgröße hinkommen … 40/41.
Wieder draußen, wir sind da jetzt so viel umhergelaufen, ich kann schon gar nicht mehr sehen, so viele Miniaturdinge, die ich mir betrachtet habe, die dritte Etage schaffen wir nicht mehr, die mit dem Kupferstich-Kabinett und irgendwo soll noch so ein asiatisches Bild von siebzehnhundertnochwas ausgestellt sein. Vielleicht das nächste Mal. Dann müssen wir auch die Gemäldegalerie ansehen, und Pillnitz, und eine Schifffahrt auf der Elbe, alles wie 1998.
Vor dem Ausgang vom Schloss, wir kommen nicht weit, das eine Café gegenüber empfängt alle Museumsbesucher. Es ist ein Schokoladencafé, mit angeschlossenem Schokoladenmuseum. Ich suche den Schokoladenkuchen, aber bestelle wieder nur eine Eierschecke – die dritte. Sie wird mir wenig später mit den beiden Tassen Cappuccino an unseren kleinen Tisch gebracht. Dieses mal ist sie authentisch, original, ohne Vanille-Aroma, der Eischnee und die gelbe Schecke in sehr weicher und cremiger Konsistenz, ganz oben die Decke leicht bestreut mit Zucker. Ich bin zufrieden. Im angrenzenden Schokoladenverkauf finden wir noch etwas zu Ostern. Ich finde die Idee mit der kleinen Eierverpackung ganz nett, in der die kleinen Schokoladeneier liegen – aber wenn für jedes, bestimmt exquisite, Osterei so ein Euro verlangt wird und in diese Schachtel achtzehn passen … das können wir uns nicht mehr leisten, das muss dann der kleine Beutel sein mit halb so viel Schokolade. Die ausländischen Touristen sind entzückt und packen die Pappschachtel voll.
Wieder raus zu dem Platz mit der Semperoper, zwischen Schloss und Oper liegt noch die Schlosskirche, hier war ich noch nie, ich kann mich nicht daran erinnern, die zwischen der Oper und diesem bekannten Wandgemälde an der Schlossmauer, gesehen zu haben. Meine Begleitung muss hier auch schon mal drin gewesen sein, wir gehen hinein, es ist kurz nach siebzehn Uhr und im Gegensatz zu heute Morgen, wo ich schon für ein mögliches Stadt-Foto auf der Eingangstreppe stand, ist sie jetzt offen.
Schlosskirche, Dresden
Innen drinnen mache ich Fotos, die Szene ist einfach zu hübsch, Nebelschwaden an Weihrauch umhüllen einen Seitenaltar, die Lichtstrahlen der beginnend untergehenden Sonne zeichnen sich darin.
„Gruftige Bilder machen …“, wiederholt murmele ich mein Mantra.
Die Kirche selbst, auch hier wurde vieles nach dem Krieg wiederhergestellt, wer weiß, wie das davor ausgesehen hat, schwarz-weiß Bilder sind eben nicht bunt. Irgendwo soll noch die Gruft sein, in der der sächsische Regent begraben liegt, zwischen Kirche und Schloss verläuft ihr Privatweg. Wir bleiben nur eine Viertelstunde, ich dränge wieder nach draußen, wenigstens die Brühlschen Terrassen und die Augustusbrücke will ich in den letzten Strahlen der bereits verschwindenden Sonne fotografieren.
Wir laufen die breite Treppe zu dem Terrassenufer hoch … war es hier, wo ich vor über zwanzig Jahren mit ihr ein Kaffee trank? Ein Café gibt es auch hier nicht mehr. Viele Menschen sehen sich von hier aus den Sonnenuntergang an. Die Elbe schimmert in dem Licht, Dampfer liegen an der Leine, die Brücke verschwimmt in einem dunklen Grau-Braun-Ton.
Wir wollen weiter, die kleine Parkanlage, den Studentenkeller suchen, jedenfalls den Eingang dazu. Sie kennt den Klub, ich kenne nur den Blick von oben hinein, der „Bärenzwinger“ ist jetzt überdacht. Ihr Orientierungssinn schwindet, sie meint, sie ist hier damals mal über eine Brücke Richtung Dresdner Neustadt gelaufen. Hier ist keine Brücke. Ich suche schon die ganze Zeit die eingestürzte Brücke, um davon Fotos zu machen … wir standen fast davor.
Weiter Richtung Frauenkirche, als wir die wieder neu aufgebaute Kirche erreichen, ist es fast schon zu dunkel, um davon Fotos zu machen. Ich erhasche nur ein Foto von der Elbseite aus. Sie kennt diese Kirche nicht, für sie war es nur ein Ruinenhaufen, an dem sie immer vorbeigelaufen ist. Ich kenne die Frauenkirche als eine Bauplane rund um einen Bauzaun, weit abgeschirmt auf einer großen Wiese – und sieben Jahre später, 2005 – als so wie sie jetzt da steht – nur mitten im Nirgendwo.
Auch mir fehlt die Orientierung, die Frauenkirche steht jetzt umringt von Gebäuden in der Dresdner „Altstadt“.
„Das war hier alles mal grünes Gras und Erde!“
Wir sind an der Frauenkirche vorbei und betreten den gepflasterten Platz davor, voller Touristen und Besucher, umrundet von Gebäuden, Restaurants, Geschäften, vielleicht noch ein weiteres Hotel, manches Gebäude auf alt getrimmt, andere wieder so hässlich unpassend modern, aber weiter weg. Wo ist der Bauzaun von damals? Die unendlich weite Baugrube und die lose Erde und das Gras, die bizarr in der Ödnis stehende, im hellen Sandstein leuchtende, Frauenkirche? So vieles hat sich verändert, wir kommen hier nicht klar.
Im Inneren der Dresdner Frauenkirche
Es ist kurz vor achtzehn Uhr, ich weiß nicht, wer von uns beiden die Idee hatte, aber wir betreten die Kirche auch von innen. Sie ist gut gefüllt, viele Menschen sitzen auf den Bänken. Sie sieht im inneren gar nicht mal so schlecht aus. Die Menschen werden hineingeschleust, dort ist der Ausgang, hier die Bänke, bitte nur hier hinten Fotos machen, keinen Blitz. Ich dränge wieder, zu gehen. Meine Fotos habe ich schon gemacht, ich will auf keinen Fall hier noch sein, wenn der Gottesdienst anfängt. So schön Kirchen auch sind, ich liebe nur die morbide Ästhetik der Jahrhunderte, von dem religiösen Zweck will ich nichts mitbekommen.
Wieder draußen, lautes Glockengeläut.
„Wo willst du jetzt essen gehen?“
Ich bin überfordert, ich will hier nur weg, viele Menschen, viel Lärm: „Entscheide du.“
Eigentlich wollte ich Pizza essen gehen. Wir hatten da die letzten beiden Abende schon einige Pizzerien gesehen. Dafür müssen wir wieder zurück Richtung Hotel und Prager Straße. Das eine ungarische Restaurant, das sie noch von damals kennt, gehört jetzt einer italienischen Kette. Zu viele Menschen und ich mag die riesengroß ausgewalzten Pizzas da jetzt im Moment nicht. Es ist Sonnabend Abend und es wird schwer, noch ein freies Restaurant zu finden.
Zurück am Altmarkt fällt uns eine weitere italienische Pizzerien-Kette auf, die kenne ich noch nicht. Wir probieren es da. Die Warteschlange ist kurz, draußen stehen nur ein paar wartende Gäste, wartend auf einen freien Tisch. Wir wollen nur eine Pizza essen, wenn wir das in einer dreiviertel Stunde schaffen, hat er einen Tisch für uns zwei.
Die Leute in dem Restaurant weisen uns den Weg zu einem Tisch in der oberen Etage, netterweise der letzte Tisch ganz hinten. Das Restaurant ist voll, es ist laut und es sind sehr viele Menschen da. Ich bestelle eine vegetarische Pizza – mit Büffelmozarella. Sie hätten hier auch eine kleine Weinkarte und einen sündhaft teuren sizilianischen Wein, nur die große Flasche und ich trinke allerhöchstens alle paar Jahre nur „zweifingerbreit“. Keinen Nachtisch, wir sind nach der Pizza wieder draußen.
Wieder zurück in das Hotel, es gibt keine Bar in der Prager Straße, außer vielleicht die Hotelbar. Alle angesagten Bars sind in der Neustadt, da war ich noch nie. Ich hätte gedacht, ich könnte hier in Dresden ausgehen – ich weiß, dass da jetzt den Abend, weit draußen, noch ferner als die Neustadt, da irgendwo ein Konzert ist, eine Band aus dem Gothic- und Wave-Umfeld, ich habe sogar ein Album von denen. Der Club oder Konzertsaal, ich war da schon einmal vor ein paar Jahren, mit dem Auto bin ich von draußen nach Dresden reingefahren, jetzt vom Hotelzimmer aus, müsste ich die Straßenbahn nehmen, zurück auch. Meine Begleitung möchte nicht, dass ich da jetzt um Mitternacht herumlaufe, das war schon damals die schlimmste Gegend. Wer weiß, wie das jetzt ist. Die jungen Skinheads, die uns hier die letzten Tage in der Innenstadt begegnet sind – ich hätte sie ja freundlich begrüßt: Ach, komm schon! Ich hab' meine Stahlkappenstiefel auch zu Hause rumliegen. Aber die wären vielleicht nicht so nett mir gegenüber … so als „Transe“. Da bleibe ich doch lieber im Hotelzimmer. Wenig später, ich schlafe kurz vor Mitternacht vor dem Fernseher ein.
[05.04.26 / 19:09]✎ Der Freitag, meine Begleitung hat diesen einen Tag und dieses letzte Wochenende im März speziell herausgesucht – dieses Wochenende ist die „Welt-Orchideen-Konferenz 2026“ in Dresden. Irgendwo da draußen, an der Messe.
Frühstück im Hotel, mit dem Fahrstuhl nach ganz unten … einige Hotelbesucher kommen uns schon entgegen, einige tragen Beutel mit dem Ausstellungslogo, einige tragen Messeausweise um ihren Hals. Wir sind keine Konferenzteilnehmer, wir sind hier nur wegen der Ausstellung, sie hauptsächlich wegen dem Verkauf.
Im Frühstücksraum viele ausländische Sprachen, amerikanisches Englisch, vielleicht etwas Italienisch, viel Russisch, die Hotelmitarbeiterin am Frühstücksbuffet setzt uns an einen Tisch mit einem älteren, englischen Pärchen. Ich hoffe, sie erkennen an meinem etwas verzerrten Gesicht, dass das Frühstück hier nicht so schmeckt, wie das in Deutschland vielleicht üblich ist. Die Croissants sind winzig, die Brötchen gehen gerade noch so, der Fruchtsalat mit dem Joghurt schmeckt nach Gurke? Und der dunkel geröstete Espresso aus dem Automaten … na ja. Aber dieser Fruchtsalat – ich muss ihn essen.
Weiter den Vormittag, vom Hotel aus mit der Straßenbahn Richtung Dresdner Messe. Outfit für diesen und dem nächsten Tag: die anthrazitgraue Stretchjeans, die hohen, schwarzen Lederstiefel mit gemäßigten Absatz, der schwarz-graue Kuschelmantel – und darunter meine besch-braun-grün gemusterte, langärmlige Tunika, mit Nietengürtel, in der Jeans, über die Tunika, der schwarze Lederriemen, mit dem ich mir sonst meinen Mantel zubinde.
Die Straßenbahn ist voll, wollt ihr wirklich alle an der Endhaltestelle der Messe aussteigen? Es ist eine große Messe für Heim und Garten, das mit den Orchideen ist nur ein kleiner Teil davon. Wir steigen mit all den anderen aus.
Weiter zum Eingang und den beiden Hallen, die uns interessieren. Die große Orchideen-Schau, die dekorierten Stände, wir hatten schon die Befürchtung, dass die Aussteller aus Übersee nicht kommen könnten – wegen den hohen Kerosin- und Flugticket-Preisen (dämlicher amerikanischer Präsident und sein dämlicher, vollkommen unnötiger Krieg), und einige sind tatsächlich nicht gekommen, aber die Japaner sind da, die aus Taiwan auch, die aus Thailand und ein paar aus Ecuador oder Kolumbien, aus Südamerika.
Viele Orchideen, sie macht von allen Fotos, sie hat ein eigenes, kleines Gewächshaus und eine Excel-Tabelle mit um die hundertfünfzig verschiedenen Exemplaren aus aller Welt – ich habe von Orchideen keine Ahnung, mein Blick geht nach oben, ich will die Orchideen sehen, die in der Dekorationsausstellung hoch oben auf den Ästen drapiert worden sind, so wie ich das in Thailand auf dem „Dschungelpfad“ vom Hotel gesehen habe.
Weiter ab Mittag in der angrenzenden Verkaufshalle mit all den, von mir schon aufgezählten, Händlern von Übersee. In der Ausstellung hatten wir noch Glück, wir waren mit elf Uhr noch früh genug da, jetzt ab Mittag strömen die ganzen grauhaarigen Rentner von der großen Messeausstellung in die angrenzenden Orchideen-Bereiche – schlimmer als Freitag Mittag im Kaufland! Mir fällt auf, die meisten wollen hier eigentlich nur gucken, nur die wenigsten haben kleine Plaste- und Stoffbeutel mit dabei und handeln mit den Händlern.
Zeitweise staut sich alles, es geht vor lauter Rentner weder vor, noch zurück. Ich habe beim Betreten der Verkaufshalle schon ausgekundschaftet, wo die ausländischen Händler sind, ein paar am Eingangsbereich, es wird immer voller, einige weiter weg, dort ist es leerer. Eine große Tafel zeigt den Plan mit den Ständen und wer wo vertreten ist. Viele europäische Händler, ein oder zwei der Namen kenne sogar ich. Mich zieht es zu den Exoten … kaufe ich mir auch eine Orchidee? Fange ich damit an? Bei mir überleben nur Kakteen, alle anderen, grünen Baumarkt-Zimmerpflanzen haben schon längst das Zeitliche gesegnet. Sie hat mehr Erfahrung, sie will hier unbedingt einkaufen, dafür ist sie hier. Sie kennt die verschiedenen Orchideenarten, bestellt sonst auch – von deutschen Händlern – im Internet, sie weiß, dass die Preise hier ziemlich hoch sind. Ich habe, wie gesagt, keine Ahnung, ich will die da, die ist bunt, da steht vierzig oder achtzig Euro auf dem Etikett, Hauptsache sie kommt aus Thailand. Sie verlässt diese Messe mit drei Orchideen im Beutel, mindestens eine aus Südamerika.
Es ist Nachmittag geworden, Mittagsimbiss gab es auf der Messe, jetzt suchen wir wieder ein Café, vielleicht eines gleich am Hauptbahnhof gegenüber, in einem der modernen, neu gebauten Klötze. Eierschecke Nummer zwei … etwas näher dran, an meiner Idealvorstellung, weniger Vanille-Aroma, weniger feste Quark- und Eiermischung.
Weiter zum Einkaufen die Prager Straße entlang, noch ein Outlet, nicht so schön, wie das letzte. Wir müssen in eine der Einkaufspassagen hinein, um endlich ein paar Schuhläden zu finden. Ich finde auch ein Paar, die Lederballerinas sehen schick aus – und könnten auch breit gelatscht werden (meine Hausballerinas aus Stoff sind schon quadratisch), aber über zweihundert Euro? Nicht meine Preisklasse, so viel zahle ich nur für Stiefel.
Weiter in den nächsten Schuhladen, die eine, mehr günstigere Marke, von der auch meine superbequemen Flip-Flop-Pantoletten sind, mit denen ich ganz Thailand abgelatscht bin. Hier wird meine Begleitung endlich fündig und kann ihre Stiefeletten gegen ein paar Sneaker tauschen. Die hätten hier in dem Laden auch ein Paar Ballerinas in „Komfortweite“ für mich, aber die gefallen mir nicht so …
Kirschblüte nahe des Ratskellers, Dresden
Wieder draußen, es wird dunkel, die Abenddämmerung setzt ein. Auch diesen Tag sind wir nicht weiter gekommen, als bis zu dem Altmarkt und die Dresdner Altstadt hinter der Straße, die wir den nächsten Tag überqueren wollen. Meine Begleitung findet den Weg zurück zum Hotel, abseits der neu gebauten Betonklötze, die Wege, die sie früher gegangen ist, DDR-Bauten, eine Kirche, das alte Dresdner Rathaus, den Ratskeller gibt es nicht mehr, die Kirschblüte hat eingesetzt, in einer Seitengasse stehen vier Kirschbäume, ein paar zufällig vorbeikommende, asiatische Touristen, die diese Stelle auch entdeckt haben, sind ganz entzückt.
Wieder zurück im Hotelzimmer, ich sitze auf meinem Einzelbett und surfe auf meinem Smartphone im Internet. Eine Nachricht schockiert mich: nach USA, Großbritannien, fällt jetzt auch Indien – die paar Rechte, die die Transgender-Community da seit 2019 bekommen hat, wurden ihr wieder genommen. Selbst ich würde da nicht mehr als „Transgender“ gelten, vor Diskriminierung sind nur noch „echte“ Hijaras geschützt – und die müssen mindestens als intersexuell geboren werden, dann als Baby entführt und in einer Hijra-Gemeinschaft versklavt werden. Normale trans Frauen und trans Männer nach westlicher Art sind nicht mehr trans, nur noch so Männer oder Frauen, die sich auf eigenen Wunsch untenherum operiert haben.
Die Stunden zurück, die Fahrt mit der Straßenbahn durch Dresden Richtung Messe, vorbei an den alten Klinikgebäuden, hier muss es gewesen sein (oder hier muss es als Filmkulisse verwendet worden sein), hier hat sich vor fast hundert Jahren Lili Elbe operieren lassen. Eine Straße wurde nach ihr benannt, ein Grabstein wurde ihr wieder aufgestellt … umgestürzt und verschandelt von einigen Menschen, die einen mir unerklärbaren Hass auf Menschen, wie mich, haben.
[05.04.26 / 19:04]✎ Ein langes Wochenende in Dresden, das letzte Wochenende im März. Die Idee dazu hatten wir schon letztes Jahr, als wir auf dem Weg nach Prag in Dresden umsteigen mussten. Wir könnten auch mal hier eine Tour hin machen. Ich war hier zuletzt 2005, ein Tagestrip, und 1998 auf Klassenfahrt, sie war hier zuletzt Ende der 1980er, Anfang 1990er und die Zeit Ende der 1970er? Wir fahren mit den Eindrücken von damals in die große Metropole von Sachsen. Abfahrt von unserem Heimatkaff ist kurz nach neun Uhr den Donnerstag Morgen.
Stunden später, die Ankunft mit dem Intercity, Erste Klasse, am Hauptbahnhof Dresden gegen Mittag. Check-in in dem großen Hotelkomplex gleich gegenüber. Gegenüber … es gibt kein Gegenüber mehr! Wir sind schockiert, wir kennen den Dresdner Hauptbahnhof und den Eingang zur Prager Straße noch ganz anders! Überall diese modernen Bauklötze, furchtbar hässlich (und es wird im Laufe dieser Reise noch schlimmer kommen).
Das Hotel ist noch in den alten DDR-Bauten, das war hier mal das „Interhotel“, oder so ähnlich. Unser Zimmer ist ganz oben, im zehnten Geschoss, leider mit der Aussicht zum Bahnhof hin, nicht den Blick zur alten Innenstadt.
Ich habe zu Hause schon herausgesucht, wo wir in Dresden mittags essen können: gleich am Eingang zur Rezeption daneben, befindet sich eine Ramen-Bar, so eine wie auch in Leipzig, es ist eine Kette? Ich war in beiden noch nicht. Ein paar Meter wieder zurück zum ersten Gebäude dieses DDR-Hotelkomplex.
Ramen-Bar, Dresden
Die Bar ist wunderschön dekoriert, mit allerlei japanisches Zeug an den Wänden, auf den Tischen und Möbeln. Am Eingang ist mir schon dieses eine kleine, schmale Brett an der Wand aufgefallen. So authentisch! Ich erzähle meiner Begleitung, wie ich damals in Tokio nur solche Nudel-Bars besucht habe und wie alle Einheimischen Großstadt-Japaner, mich auf einen Hocker an so einem schmalen Brett an die Wand gesetzt habe und meine Ramen-Nudeln aus der Schüssel geschlürft habe. Nur die Bestellkarte mit den großen, bunten Fotos fehlt hier. Wir werden an einen Platz in der oberen Etage geführt. Ich muss mein erstes Foto machen:
„Wo wurde die Aufnahme gedreht, in Deutschland oder in Japan? Finden Sie das Indiz, es gibt nämlich eins!“
Nach der übergroßen Schale mit Nudeln und Algensalat, als Besteck zwei Löffel und eine Gabel, weiter den frühen Donnerstag Nachmittag zum Einkaufen in Dresden. Uns fällt es schwer, uns zu orientieren, überall diese neu gebauten Gebäude. Ich suche die Stelle mit der Bank, an der ich mich 2005 von der einen Italienerin verabschiedet habe, sie war auch auf einen Trip in Dresden, und ich dann zurück zum Hauptbahnhof gelaufen bin. Ich finde die Stelle nicht mehr, die Prager Straße ist jetzt viel enger und die große, freie Fläche zum Hauptbahnhof fehlt komplett.
Wir laufen weiter Richtung Elbe, in die Altstadt wollen wir heute noch nicht. Meine Begleitung erzählt von diesem einen „Schwulen-Café“, das hier irgendwo mal gewesen sein soll. Die Arkaden gibt es noch, aber der Blick auf den Dresdner Altmarkt ist weg, dort gegenüber dem „Café Prag“ steht jetzt auch einer dieser modernen Bausünden mit Geschäften und ähnliches. Daneben unter den Arkaden ist ein modernes Café, das hätte es gewesen sein können. Die trendigen, jungen Leute in dem gut besuchten Café wissen vielleicht nicht, was für ein Etablissement das hier vor vierzig Jahren war, selbst meine Begleitung hat sich hier nie reingetraut. Ich bestelle einen Cappuccino und meine erste „Eierschecke“ … nicht authentisch, viel zu viel Vanille-Aroma, das da gar nicht reingehört, und zu feste Quarkmasse. Es gibt einen Unterschied zwischen Leipziger Eierschecke und Dresdner Eierschecke. Erstere muss mir immer als Referenz herhalten.
Weiter durch die Geschäfte, große Kaufhäuser, Outlets, billige Ramsch-Läden – aber nirgendwo ein vernünftiger Schuhladen! Meine Begleitung verzweifelt schon, ein Paar Schuhe steht auf ihrer Einkaufsliste. Meine Einkaufsliste ist nicht so voll, ich war die Woche zuvor, bei einem Rezepttausch (meine Frauenärztin ist in den Ruhestand gegangen), schon in Magdeburg Einkaufen, das teurere Geschäft, mein Stammladen. Ein schwarzer, kurzer Blazer, von der Marke Miss Lagotte – die haben ein Mode-Label nach mir benannt!
Hier in Dresden, vielleicht, wenn ich etwas sehe, vielleicht ein dünner, olivgrüner Zip-Hoodie, wie der in dem ersten Outdoor-Laden, vielleicht ein schwarzer Hoodie, wie der in dem nächsten Outlet-Geschäft … weder meine Größe, noch gefällt mir das Print-Motiv, ich werde Pfingsten in Leipzig weiter suchen. Meine Begleitung sucht auch die Kleiderständer in den Geschäften ab.
Im Internet habe ich es schon gesehen, vom Bahnhof aus, sind wir schon daran vorbei gelaufen, in Magdeburg gibt es auch so einen, meine Designer-Tunika, die ich mit dabei habe und die nächsten beiden Tage tragen will, ist auch von dieser Outlet-Kette. Meine Begleitung hält das für einen, wie diese alle anderen auch, Ramsch-Läden, ich weiß, wenn ich da nur ein oder zwei Stunden lang suche, ziehe ich irgendein verstecktes, exquisites Stück heraus. Die rumänische Kollegin kauft ihre Designer-Marken hier auch ein. Wir gehen in dieses eine Geschäft, die Damenabteilung ist im Erdgeschoss.
Eng anliegende Kleider und Klamotten, an Garderoben überall, alle Farben, alle Größen. Mein suchender Blick schweift vorbei an Sweater, Strick, Kleider, Unterwäsche, Tops, Jacken und Mäntel, mein Filter ist auf Schwarz und Olivgrün, sonst komme ich hier die nächsten Stunden nicht raus. Ihr Filter ist auf bunt gemusterte Hippie-Kleidung und es würde mir stehen, wenn ich von meinem schwarzen Auswahlfilter wegkomme. Ich ziehe einen schwarzen Wollpullover von der Stange – der ist es! Von der amerikanischen Marke habe ich schon einige Sachen, zuletzt gekauft in New York, oder so. Von zweihundertnochwas runtergesetzt auf sechzig Euro! Ich verschwinde in der Umkleide …
Der Pullover ist gut, er kratzt nicht – und er muss wirklich Wolle sein, er lädt sich elektrostatisch nicht auf. Im Gegensatz zu dem grauen Fleece-Pullover, den ich gerade zu der Stretch-Jeans mit meinen neuen, schwarzen Engineer-Boots trage. Meine Begleitung hat für sich auch schon ein paar bunte Tunikas in die Umkleide getragen. Weiter kurz nach neunzehn Uhr zur Kasse – und mir fällt noch eine große Jute-Tragetasche auf, mit einem japanischen Motiv darauf, eine Winkekatze und ein paar Kanji-Schriftzeichen, die ich nicht entziffern kann. Ich arbeite zwar in einer japanischen Firma, aber alles was an japanischen E-Mails hereinkommt, läuft über einen Übersetzer. Die Tragetasche muss ich haben! Sie rundet meinen Preis an der Kasse auf zu „69,99 Euro“, bezahlt mit der Karte.
Wieder draußen, es ist dunkel geworden. Uns fehlt noch ein Abendessen. Ein Schnellimbiss gegenüber dem Hotelkomplex, zwei halbe Sandwiches … wohin mit den zwei Wasserflaschen? Ach, ich habe ja gerade eine neue Tragetasche über der Schulter von meinem schwarz-grauen Kuschelmantel, wie praktisch!
Zurück ins Hotelzimmer mit dem nächtlichen Ausblick auf andere Hotelhochhäuser, ich versuche noch die japanischen Schriftzeichen auf meiner Tasche zu entziffern … wenigstens nichts „Schmutziges“, laut dem Übersetzungsprogramm auf meinem Smartphone, damit kann ich mich auch vor den japanischen Kollegen blicken lassen.
[30.03.26 / 23:39]✎ Vor etwa fünf Wochen, nicht allzu lange her, Anfang Februar, ist in den Tiefen des Kellers das eine portable 3,5-Zoll-Diskettenlaufwerk wieder aufgetaucht, das das über USB mit meinem alten ThinkPad verbunden werden kann. Endlich, nach unendlich vielen Jahren – ich habe sie nicht weggeworfen – ich kann wieder auf meine alten Disketten zugreifen! Fein ordentlich sortiert in zwei Boxen aus hartem Kunststoff mit durchsichtigen, aufklappbaren und verschließbaren Deckel. Die Disketten aus Mitte bis Ende der neunziger Jahre (noch zu 90% lesbar), die Schulhof-Disketten mit den gecrackten DOS-Spielen, die Backup-Disketten mit bunten PCX-Bildchen und Schulvorträgen, die Disketten mit dem „Kampfvirus“, mit denen ich als junges Script-Girlie das alte Computerkabinett der Schule verseucht habe, die Diskette mit meinem einzigen „Hack“ – ich habe 1998 oder 1999 in WinZip32 die Passwortabfrage gecrackt – mit einem Disassembler und allerlei Anleitungen aus dem Internet, gesammelt auf meiner Diskette, beschriftet mit dem klangvollen Titel: „Hacker-Tutorials“. Ich habe um die Jahrtausendwende ganze Nächte im IRC verbracht …
Ich war doch mal cool! Was ist aus mir geworden, wie konnte es nur so weit kommen? Geknechtet zwischen den großen Konzernen, Meta, Amazon, Google und Microsoft. OK … bei dem letztgenannten bin ich raus und schon vor fast zwanzig Jahren nach und nach auf Linux umgestiegen, aber die anderen, verruchten Datensammel-Konzerne? Aus den USA, was jetzt als besonders böse, wenn nicht sogar als feindlich betrachtet wird? Ich will wieder an meine Ideale und Träume anknüpfen, ich will nicht aus dem Internet verschwinden, ich will mich darin nur auf andere Art und Weise bewegen!
Seit einiger Zeit überlege ich, mit meinem Server dem Fediverse beizutreten, bekanntester Vertreter darin ist Mastodon … Funktioniert das auf meinem Server? Ist der dafür ausgelegt? Der kleine virtuelle Server, den ich für einen Euro im Monat miete, auf dem alles läuft, mein Mail-Server, der Apache, seit kurzem auch mein Git-Repository. Ich bin drin in der Welt von Open Source, Linux und Co, ich habe den ganzen Kram studiert, ich bin Ingenieurin für Kommunikationstechnik, den ganzen Kram, von Hardware bis zum IP-Protokoll und sowieso alle OSI-Schichten. Ich bin sehr zuversichtlich, ich kriege das hin, ich kriege das auf meinem Debian-Linux-Server zum Laufen.
Die eine freie Woche kurz vor meinem Wochenendtrip nach Dresden (in einem weiteren Blog-Eintrag mehr), ich setze mich die Nächte vor meinem blassgrün schimmernden SSH-Terminal, eingeloggt auf meinem Server, bevor ich irgendetwas installiere, muss ich erst mal die Oldoldstable-LTS-Debian-Version auf eine höhere Nummer aktualisieren. Das geht schnell, mit Vorbereitung, Backup, Package-Listen – nur dass es mir, wie erwartet, danach einige meiner Konfigurationsdateien zerschießt, war ja irgendwie klar … Nicht die Konfigurationsdateien, die das Betriebssystem-Update anmerkt, die anderen Konfigurationsdateien der unterschiedlichsten, laufenden Anwendungen, die nirgendwo in irgendwelchen Release- und Update-Notes dokumentiert wurden, vielleicht höchstens als Randnotiz in irgendwelchen Open-Source-Foren in den Weiten des Internets. Kurz: einige Stellen meiner Mail-Server-Konfiguration waren mit dem Update veraltet und nicht mehr gültig und der Exim-MTA hat dann innerhalb von fünfzig Stunden, bis ich die Stelle herausgefunden habe, über hunderttausend Frozen-Mails zwischen zwei Alias-Adressen sekündlich hin und her getauscht und die Prozessor- und Arbeitsspeicher-Auslastung auf bis zu hundert Prozent getrieben. Mittlerweile läuft alles wieder.
Ich kann mich meiner eigentlichen Aufgabe für meine Urlaubszeit widmen: meinen Server irgendwie in das Fediverse bringen! Recherche im Internet, mit 512 MB RAM und noch 10 GB freien (virtuellen) Festplattenspeicher, traue ich mich an Mastodon nicht heran. GoToSocial springt mir ins Auge, das könnte es sein, schmal, leichtgewichtig, ressourcenschonend, den ganzen Kram mit wie man/frau das als Anwenderin benutzt, ausgelagert auf Apps wie Tusky oder Fedilab – ich will das sowieso nur von meinem Smartphone aus ansteuern – und – GoToSocial ist ziemlich gut und einfach dokumentiert, jeder und jede kann mit ihren Anleitungen auf ihrer Internetseite eine Instanz aufsetzen.
Das Binär-Paket ist schnell installiert, die erklärende Anleitung lässt Raum für eigene Optimierungen, ich installiere den Kram auf anderen Orten im Linux-Dateibaum. Ich habe meine eigenen Server-Zertifikate, ein paar Klicks auf ihren Dokumentationsseiten und ich weiß schon in etwa, wie ich vorgehen muss. Der Apache-Webserver bekommt noch einen weiteren Virtual Host auf der speziell dafür eingerichteten Subdomain, nicht anders, als wie bei dem Git-Repository. Die Konfiguration für den Reverse Proxy läuft auf den beiden Ports 80 und 443 für HTTP und HTTPS, letztere mit Verweisen auf die Zertifikate für die Client-Server-Authentifizierung … Ganze fünf bis sechs Nächte sitze ich daran – aber die extra auf meinem Smartphone installierten Fediverse-Apps wollen sich einfach nicht mit meiner GoToSocial-Instanz verbinden. Sie melden ein „Zertifikatsproblem“, wenigstens tappe ich hier nicht im Dunkeln, wie bei meiner verhauenen Exim-Konfiguration ein paar Nächte zuvor, bei der ich jetzt auch nicht mehr weiß, wie ich das mit „Try and Error“ hinbekommen habe. Die Zeit läuft mir ab, alle Sachen sind schon gepackt, in wenigen Stunden den frühen Vormittag geht mein Zug. Ich muss darauf verzichten, schon in Dresden mit bunten Fotos von meinem Smartphone aus hochgeladen auf mein Fediverse-Social-Media-Profil meinen, noch gar nicht existenten, Followern zu imponieren. Weiter die Nacht, wenn ich wieder zurück bin …
Es war der noch fehlende Eintrag in der Virtual-Host-Konfiguration des Apache für die Zertifikatskette auf dem HTTPS-Port. Das eigentliche Zertifikat besteht nur aus diesem einen Zertifikat und hat keine weiteren öffentlichen Schlüssel für die CA und den Root. Beides als ca.bundle.cer kombiniert und in das SSL-Verzeichnis für den Apache hochgeschoben, den Virtual Host um die Zeile SSLCACertificateFile ergänzt und schon funktioniert das auch mit den beiden Apps Tusky und Fedilab – welche der beiden Apps mir dann besser gefallen, werde ich später noch herausfinden. Ich war auf der richtigen Spur, den Mail-Server kann ich von meinem Smartphone aus erreichen, weil ich das CA-Bundle dort auch als Benutzerzertifikat installiert habe, und weil ich mit dem Firefox-Browser schon die ganze Zeit auf die Eingangsseiten von meiner neuen GoToSocial-Instanz zugreifen kann. Hätte ich die eine Nacht nur noch ein paar Stunden weitergearbeitet – so musste ich meine Status-Bildchen von Dresden noch über WhatsApp an die Familie verteilen.
Jetzt muss ich meine neue Online-Präsenz bekanntmachen, noch folgt mir keiner und ich folge niemanden. Meine Andeutungen, ich werde WhatsApp demnächst verlassen, führt noch zu schockierten Gesichtern. Ich zieh das durch! Es ist nur jetzt da noch sehr einsam. Alle meine Kontakte bleiben, schickt mir eine SMS, schreibt mir eine eMail, Anrufen geht nicht, mein Telefon ist grundsätzlich immer im Flugzeugmodus … ich gehe nur sporadisch den Tag mal online. Ich wünschte, ich könnte es ihnen erklären: dass jeder auf einen Anbieter oder einen Server ein Benutzerkonto hat und dass diese Server in einem weltweiten Netz miteinander verbunden sind und somit jeder mit jedem in Kontakt treten kann, ist eigentlich der Normalfall und nennt sich „Internet“ – dass alle bei einem Monopol-Anbieter gefesselt sind und sich aus Bequemlichkeit und geistigem Verdrängen des Datenmissbrauchs nicht befreien können, ist nichts anderes als „pervers“. Ich drifte ab, ich bin zu tief in der Ideologie – ihr findet mich jetzt hier:
Interessanterweise habe ich den Namen „Andrea“ gewählt, weil ich dachte, dass dieser Teil von mir auch mal eine Online-Präsenz verdient hat. Wie war der Spruch: Ich wollte immer so sein, wie meine Idealvorstellung, aber irgendwann ist meine Idealvorstellung von mir zu mir geworden?
[25.02.26 / 18:53]✎Räum dein Leben auf! Ich entferne gigabyteweise Rohmaterial von meiner Festplatte und den Backups, die Filmchen mit dem pornographischen Inhalt, die ich die letzten Jahre von mir gedreht habe – ich will das Zeug nicht mehr auf meiner Festplatte haben.
Die vier Männer, die je ein Teil meines in vier Teile gesplitteten Erotikfilms auf dieser einen Internetseite für Cam-Girls heruntergeladen haben, müssen sich auf kultischer Weise in der Welt zusammenfinden um das zwanzigminütige Original wiederherzustellen. Ich weiß, das Zeug, das ich irgendwann mal ins Internet gestellt habe, kriege ich da nicht mehr raus.
Das eine „explizite“ Foto und das Fummelfilmchen, das ich selbst auf meinem Internetblog hier irgendwo vergraben habe, existiert auch nicht mehr, weder auf meiner Festplatte, noch in den Backups, noch auf den beiden Servern. Die Besucher auf meiner Internetseite müssen jetzt nicht mehr zwingend achtzehn Jahre oder älter sein.
Warum mache ich das? Abgesehen von dem obskuren Gedanken, hier könnte jederzeit die Polizei hereinplatzen und eine Hausdurchsuchung durchführen (der Flyer, was dann zu tun ist, liegt auf der Kommode), was, wenn ich mal mein digitales Erbe hinterlassen muss? Ich will, dass so etwas nicht mehr zu finden ist … Vielleicht will ich mich auch selbst nicht mehr so sehen.
[17.02.26 / 21:19]✎ Laserbehandlung #5 (Haarentfernung #36) – Drei, vier, vielleicht fünf Stöße … War es das schon? Kommt da noch was? Hat nicht einmal weh getan. „70 Euro“ steht auf dem Kartenterminal danach im Kassenbereich des Haarentfernungsstudios, so viel kostet die Behandlung jedes Mal. Waren da wirklich keine weiteren, dunklen Haare mehr zu finden an meinem Kinn? Der Behandlerin tut das auch irgendwie Leid.
Für den nächsten Termin soll ich mal wieder etwas wachsen lassen – die beiden letzten Wochen, ich war zu Hause krankgeschrieben und brauchte mich eine Woche lang nicht zu rasieren, abgesehen von dem Flaum an farblosen Härchen, wachsen unten am Kinn tatsächlich noch ein, zwei oder drei weiße Haare – sind sie nach einer Woche Wachstum immer noch zu kurz für die in Aussicht gestellte, „sagenumwobene“ Nadelepilation? Wir werden es sehen. Vielleicht der nächste Termin …
[17.02.26 / 21:15]✎ Da das US-Amerikanische Ausland mehr und mehr bedenklich in den Faschismus abdriftet und zunehmend als „feindlich“ betrachtet wird – ich lasse mich von der Bewegung mitreißen, alles wieder auf deutsche und europäische Server zurückzuholen: Ich kündige mein GitHub Konto (und das von Microsoft gleich mit dazu) und ziehe mit meinen Repositories auf meinen eigenen, in Deutschland für einen Euro monatlich, gehosteten Server. Meine beiden Software-Projekte sind jetzt auf git.oscmail.net zu finden. Diese wunderschöne, mit viel Liebe programmierte Blog-Software und mein experimenteller Webmail-Client mit der Retro-Oberfläche, die damals noch nicht „retro“ war, sondern nur ein bisschen altmodisch, so Mitte der Zweitausender.
[03.02.26 / 00:48]✎ Nummer drei der schlaflosen Konzertnächte, die ich ohne Hotelübernachtung in Leipzig verbringen will, nach den beiden im Westen der Stadt und in Plagwitz Ende Dezember, jetzt die eine in Connewitz, ein Monat später, das letzte Wochenende im Januar. Das „besetzte“ Haus, ich weiß nicht, ob es wirklich irgendwann einmal besetzt war, es sieht auf jeden Fall so aus, der Gebäudekomplex im Süden von Leipzig, das mit den vielen Graffiti und Plakaten, über mindestens drei, vier oder fünf Etagen. Es ist wieder das kleine Festival für eine Nacht mit der Bandbreite der Musik und den Bands von Post-Punk, über Wave, Minimal und tiefste Underground-Elektronik, einen kleinen Flyer habe ich nur im Internet entdecken können, für die Papierflyer fehlt mir die örtliche Nähe. Wieder mit der Bahn hin, je drei Stunden Zugfahrt, den Nachmittag und den frühen Sonntagmorgen. Die Bands die spielen? Ich habe keine Ahnung, ich lasse mich überraschen, ich bin jedes Jahr da, Tickets auf Bestellung gibt es nicht, nur Abendkasse, ich muss früh genug da sein und als Erste am Eingang stehen. Wird schon klappen.
Donnerstag und Freitag die Vorbereitungen, was ziehe ich die Nacht an? Bitterkalte Minusgrade, dasselbe Outfit wie vor vier Wochen, meine neuen Stiefel, der ausgelüftete, schwarz-graue Kuschelmantel, die wärmende, olivgrüne Steppjacke als Innenfutter – und darunter wieder die schwarze Lederjacke. Das Kleid ist anders, ich will endlich wieder das schwarz-weiß gemusterte und ärmellose Kleid anziehen, das das ich schon länger nicht mehr getragen habe, schon ewig im Schrank hängt, das aus dem Armani Exchange Laden in New York, Manhattan, 2013, das schwarz-weiße Muster sieht genauso aus wie auf den Flyern dieses kleinen Underground Festivals, es wirkt fast so, als hätte ich extra ein Fan-T-Shirt angezogen. Das muss es sein, ich lasse es auch noch einmal draußen im Garten auslüften. Das Outfit steht, nur ein kleines Detail ändere ich: nach den kalten Nächten im Dezember ziehe ich auf jeden Fall die Thermostrumpfhose unter meine schwarze Yoga-Baumwoll-Hose.
Beine rasieren, Beine vorrasieren, Beine nachrasieren, Freitagabend, etwas bringt meine Planung durcheinander, draußen im Treppenhaus steht ein riesiger Karton, mein neuer Computertisch ist mit der Post gekommen, jetzt bestelle ich schon Möbel auf Amazon – irgendjemand muss das Zwanzig-Kilogramm-Paket dann bei mir abladen. Paket öffnen, ich kann die Einzelteile einzeln entnehmen und in meine Wohnung tragen. Alles auspacken, alles auf einer Wollmatte platzieren, die Bestandteile auf Vollständigkeit prüfen, die chinesisch anmutende Bedienungs- und Aufbauanleitung studieren, es ist ein höhenverstellbarer Computertisch. Den über Nacht aufgeladenen Akkuschrauber zücken – und innerhalb eines Abends steht der Tisch! Akkurat … das kleine Spaltmaß zwischen der zweigeteilten Tischplatte und dem Stahlträgergestell stört mich schon, aber das werde ich den Sonnabendmittag noch nachjustieren. Leider war für meine Vorbereitungen für die kommende Partynacht den Freitagabend keine Zeit mehr, das mit dem Einrichten und wo der Tisch in meinem Wohnzimmer hin soll, verschiebe ich auf den Sonntag, wenn ich aus der Partynacht wieder zurückkomme. Kurz nach Mitternacht geschafft ins Bett fallen, vorschlafen, wenigstens habe ich meine Stiefel noch neu einfetten können, die stehen bereit in der Küche.
Sonnabend den späten Vormittag, in ungefähr sechs Stunden fährt der Zug, die Zeit reicht für zwei Stunden Beine und alle anderen Körperteile zu rasieren, die Augenbrauen trimme ich dieses Mal nicht so extrem, danach Frühstück, Mittagessen, Bahnticket im Internet bestellen – es sieht gut aus, der Zug könnte fahren, jedenfalls den, den ich nehme, nicht der danach, der fährt nicht. Alles bereitlegen, die große Handtasche, das Übernachtungskit, jemand bekommt eine Nachricht, wird aber nicht darauf reagieren (jemand anders), mein ganzer Silberschmuck, mein ganzes Make-up – mit der Schraubknarre und den Aufsteckdingern unter meinem neuen Tisch verschwinden und noch einmal die Tischplatte richtig fest anflanschen, dann ins Bad, meine Klamotten anziehen und das Augen-Make-up vor dem Spiegel mit der hellen, übergehängten LED-Leiste am Augenlid aufpinseln. Wieder zwei Farben, innen das helle Glitzer-Besch, nach außen das dunkelste, fast schwarze Braun, das die Lidschattenpalette hergibt, schwarzer Mascara, schwarzer Kajal, fein angespitzt und die Wimperntusche trage ich nur oben auf. Mit dem dunklen Lidschatten ganz oben in der Lidfalte, sieht das gar nicht mal so schlecht aus. Ich bin bereit für die Nacht, sechzehn Uhr fährt mein Zug, zwanzig Uhr ist Einlass vor dem Club, einundzwanzig Uhr Beginn.
Umsteigen in Magdeburg, gefühlt hält der Zug noch früher an, irgendwann finde ich die Stelle und kann mich ohne hinzulaufen vor die Tür stellen. So voll ist der Zug nicht, ich finde schnell einen Platz … vielleicht auch die, die wieder der Anzeige vertrauten und mit ihren großen Rollkoffern am ganz hintersten Ende des Gleises standen. This is Germany.
Wenig später der Zugticket-Kontrolleur, ich habe mich schon auf die Nacht eingestimmt und die Ohrstöpsel in den Ohren, laute Gothic-Musik aus den Neunzigern durchdringt mein Bewusstsein, weiblicher Jaulgesang, düstere, graue Häuser, grauer Himmel, grau-brauner Schnee vor den Zugfenstern und an den tristen Bahnhöfen. Der Kontrolleur will das „Original-Ticket“ sehen, mein Screenshot auf dem Smartphone gilt nicht. Ich bin nicht vorbereitet, ich kann mit dieser Situation nicht umgehen, ich will nicht angesprochen werden, der Kontrolleur bleibt ernst … hoffentlich schaffe ich es in diese „Bahn-App“, hoffentlich fragt die nicht wieder nach einem Passwort – das steht im Passwort-Manager, in der Cloud, fern im Internet, das Smartphone hat nur den Verschlüsselungsschlüssel, das Passwort selbst ist eine hochkomplizierte Wortfolge und funktioniert sowieso nur mit einem zweiten Faktor, einer zufälligen PIN, das geht mal eben nicht so schnell. Ich werde aus dieser Situation erlöst, schaffe es aber nicht mehr in meine Stimmung rein, ich glaube, ich werde diese Nacht wieder mich von Menschen fernhalten.
Kurz vor neunzehn Uhr, Ankunft am Leipziger Hauptbahnhof, noch im Zug alle meine Schichten an Sachen anziehen, ich habe mein schwarzes Wollbarett mit eingepackt – und meine schwarzen Wollhandschuhe. Der obligatorische Toilettenbesuch, nur das Make-up vor den Schminkspiegeln prüfen und das Barett justieren, ein Brötchen im Zug, einen Cappuccino schon Stunden zurück auf dem anderen Bahnhof. Eine der drei Linien nach Connewitz fährt draußen schon an der großen Straßenbahnhaltestelle vor dem noch größeren Hauptbahnhof. Bis zum Einlass am Club ist noch eine Stunde Zeit. Ich muss noch nicht einmal die Haltestelle vor dem Club nehmen, ich könnte auch am Connewitzer Kreuz aussteigen und in der Kaufhalle da noch ein Brötchen kaufen, mein Abendbrot für diese Nacht. Mit der Brötchentüte in meiner Handtasche laufe ich im Schein der Straßenlaternen die paar hundert Meter weiter bis zu dem Club, der Hinterhofeingang, der mir so vertraut ist. Es ist eisig kalt, überall der Schnee der letzten Wochen, der sich nur noch in Eis verwandelt hat.
Es ist niemand da, ich laufe den Hinterhof zu dem großen, ehemaligen Fabrikgebäude – ich bin wirklich die Erste? Nicht eine Minute und es kommen schon die ersten weiteren Gäste, ich esse mein Brötchen aus meiner Papiertüte. Es kommen weitere, interessiert wird die Treppe zum Kellereingang heruntergeschaut, ist der Einlass schon offen? Die Tür steht auf, einige dürfen rein, sie arbeiten hier oder gehören zu dem Haus, andere müssen sich noch gedulden. Laute Musik dringt durch die Mauern und die dunklen Türen und Fenster, die Bandprobe.
Präzise 19:57 Uhr, jetzt kann ich nicht mehr warten, jetzt gehe ich auch die Kellertreppe runter, vielleicht war ich oben vor gefühlt einer halben oder einer dreiviertel Stunde noch die Erste, jetzt bin ich es nicht mehr, aber die langen Schlangen, wie ich sie hier noch vor ein paar Jahren erlebt habe, sind es nicht. Wird es voll werden? Kommen noch mehr? Wieder gegen Mitternacht ein Einlassstopp? Es wird angenehm bleiben, nicht zu voll, nicht zu eng, aber doch belebt.
Unten der kleine Floor, die kleine Tanzfläche, ich suche die aufgeklebten A4-Blätter an den Kellerwänden mit dem Zeitplan für diese Nacht, wann welche Band wo spielt, welche DJs danach auflegen. Eine Etage höher der große Clubraum, die Tür scheint noch verschlossen, ich verliere mich minutenlang in der Betrachtung all der aufgeklebten Konzertplakate in dem Treppenhaus … so viele Bands, hier und da die Info- und Demoplakate für die ganzen linksalternativen Veranstaltungen. Es sammeln sich genug neu ankommende Gäste, irgendwann macht jemand auch die Tür zu dem großen Saal auf.
Ich laufe zu der Bar, meine obligatorische, erste Flasche Mate-Brause. Garderoben gibt es hier nicht, kurz überlege ich, die Bedienung zu fragen, ich hätte es nur umschrieben und angedeutet, ich könnte mich an so etwas erinnern, ich lasse es sein. Die zwei Bänke rechts und links vor der Bar waren schon immer meine – und der allen anderen – Ablagefläche für meine Wintersachen. Ich schnüre meinen Wollmantel und meine Steppjacke mit dem schmalen Lederriemen zu einem Bündel und packe es unter die eine Bank, in der Hoffnung, die wird erstens niemand wegfinden, zweitens kein Brandfleck von einer herunterfallenden Zigarettenkippe bekommen und drittens – von all den Bierflaschen, die dann später hier herumrollen, mein Wollmantel wird trocken bleiben und ich muss mich nicht in einer Geruchswolke später wieder in den Zug setzen. Die ersten Minuten sitze ich selbst noch auf meiner Bank.
Es kommen mehr und mehr Gäste, draußen das Treppenhaus füllt sich auch so langsam. Die erste Band betritt die Bühne, die Bühnendeko der Veranstalter ist mir gleich am Anfang aufgefallen, zwölf alte Computermonitore sind zu einem Panel an der Wand montiert und spielen die Visuals mit ein paar Sekunden Zeitversatz ab, was einen hübschen Blinkeffekt bringt. Der ersten Band und die drei Bands danach, fällt das auch auf, da hat sich jemand Mühe gegeben.
Die erste Band, Düster-Punk, deutsche Texte, ich wünschte, ich könnte sie besser verstehen, mit meiner Punkerkutte passe ich rein, mit meinem sozialen Status vielleicht nicht. Sie singen über Arbeitslosigkeit und den scheiß Staat und wie sie behandelt wurden, ich erinnere mich, ich war auch zweimal zweieinhalb Jahre langzeitarbeitslos auf Hartz-4. Sie singen von Polizeigewalt, noch mehr Willkür und noch mehr scheiß Staat, ich erinnere mich, ich war auch einmal auf einer Demo gegen die Faschos in einem Polizeikessel, wir sind ausgebrochen, von Bullen verfolgt, in der Stadt umhergeirrt, wir haben das Polizei-Leitfahrzeug gefunden, es hat Bierflaschen abbekommen, ein Six-Pack, eine Wanne, hat dann wieder ein paar von uns Punks gejagt und aufgegriffen. Sie singen über A-C-A-B. Die Band gefällt mir.
In der Umbaupause schaue ich mal kurz nach unten, noch ist es da ruhig, DJs spielen noch nicht und die eine Band, die ich in dem anderen Club in Plagwitz vor vier Wochen gesehen habe, soll hier später auch noch auftreten, ich hoffe, dass sie das wiederholen können, dass der Soundcheck besser funktioniert und sie bei mir eine zweite Chance bekommen.
Oben die nächste Band, es ist ihr erster Auftritt? Sie sehen älter aus, sie sind aus Berlin, sie müssten Erfahrung mitbringen, dass so viele Leute bei ihrem ersten Auftritt sind, haben sie vielleicht nicht erwartet, der Saal ist voll, nicht zu voll, angenehm voll. Ihr Set besteht nur aus ein paar Titeln, sie haben das Pech, nach der ersten Band zu spielen, die das Publikum in einer Erwartung an noch stärkeren Punk-Bands zurück gelassen haben. Wirklich nur ein paar Titel, sie haben länger geprobt, als sie gespielt haben?
Die nächste Umbaupause, Blick nach unten, mich das Treppenhaus hinabschlängeln, es wirkt wie eine große Hausparty. Vielleicht legt unten schon ein DJ auf, vielleicht spielt schon der erste Solo-Künstler, ich bin wieder oben und warte auf die dritte Band. Groß angekündigt, Synth-Wave-Minimal, ein Mann und eine Frau betreten die kleine Bühne, sie wirken älter, sie sind älter als ich.
Die ersten Songs, das Publikum geht mit. Ihre aufgebauten Synthesizer, analog, zweimal der MS-20, ein Nachbau? Ein kleinerer Nachbau? Vielleicht ein Original? Dieser warme, analoge Synthesizer-Sound, die Beats lassen meinen Körper schwingen, ich stehe nahe der Lautsprecherboxen inmitten des Publikums vor der Bühne und beginne, wie alle anderen um mich herum, zu tanzen. Meine Lederjacke streife ich ab, nur mein schwarz-weißes Kleid und mich.
Die letzten Titel vor der Zugabe und ich erinnere mich, die muss ich doch schon einmal gesehen haben, vielleicht das kleine Pfingst-Festival hier in Leipzig vor ein paar Jahren? Damals hat er auch seinen alten Song gespielt, der in meinem Radiosender mehrmals in der Top-15-Liste gelandet ist. Textsicher singe ich die paar Zeilen mit. Noch mehr Zugaben, noch mehr Titel von den beiden, wie die zwei Bands davor und die nächste, kommen sie alle aus Deutschland.
Umbaupause, wieder nach unten zu der kleinen Tanzfläche und der kleinen Bühne. Die Band oben hat so lange gespielt, von der Band unten, die ich eigentlich auch sehen wollte, bekomme ich nur die letzten zehn Sekunden ihres letzten Titels mit. Schade, dann wird es eben anderswo eine zweite Chance geben, sie kommen aus Leipzig, ich bin da sehr zuversichtlich.
Wieder oben, die vierte Band – sperriges Zeug – ein Mann und eine Frau, sie variiert zwischen Screamo, oder Deathcore, dazwischen wieder Gesangseinlagen, er spielt einen Bass, wie ich ihn sonst nur von den Beatles kenne, aber er hält ihn falsch, das ist nicht so Sixties oberkörperbetont. Es muss zwei Bass-Spuren gegeben haben, eines vom Band, eines von ihm. Das Publikum tanzt – das ist kein Rave! Ein paar Titel bis es mich einfängt und ich verfalle der düsteren Stimmung und schwanke zombiehaft zu dem melancholischen Grundton.
Danach die Disko, eine zweite Flasche Mate-Brause habe ich mir in einer der Umbaupausen davor schon geholt, Techno wird gespielt. Die Bands transportieren ihre Instrumente durch die Doppeltür ins Treppenhaus. Unten wird die bessere Musik aufgelegt, aber es ist weniger voll. Oben kann ich auf einer der beiden Bänke vor der Bar sitzen und beobachte, wie gegenüber jemand seine Zigarettenglut auf den dunklen Boden tropfen lässt. Langsam schwebt sie orange glimmend nach unten und trifft auf eine schwarze Jacke, oder schwarzen Mantel, oder ein Stück von einem Rucksack und brennt ein Loch darin, bevor es von allein erlischt. Prima, ein Brandloch! Auch mein Wollmantel steckt irgendwo da unten auch unter der Bank, ist aber mittlerweile von vielen Jacken und Mänteln geschützt, weil ich die Erste war, die ihren Mantel nach ganz hinten an die Wand klemmen konnte. Ein herumkullernder Becher und eine etwas feucht aussehende Fläche ist da auch irgendwo.
Unten, die andere Tanzfläche, meine Punkerkutte habe ich schon länger wieder angezogen. Entgegen der Musik oben mit ihren Straight-forward-140-BPM, läuft hier unten abwechselnd etwas Electro, vielleicht Detroit- oder Chicago-House, vielleicht auch viele Stücke, von jetzt, die nur in dem Stil sind, oder zumindest einige Stilelemente davon aufgreifen. Ich tanze. In Gedanken wünsche ich mich an diesen einen Ort, in dem zu dieser Musik nur ein paar schwitzende, halbnackte, oberkörperfreie Männer in einem Beton-Keller-Club tanzen, ein Strobo, rotes Licht, richtig dunkel, zumindest die Beleuchtung trifft diese kleine Tanzfläche auch ganz gut, nur das gemischte Publikum ist von meiner Phantasie weit entfernt. Zwischendurch schaue ich noch einmal oben auf den 140-BPM-Dark-Techno-Floor, lande aber immer wieder unten, ich wähle das kleine Podest gegenüber der kleinen Bühne und tanze da an der Wand. Es wirkt fast, als wäre ich ein Gogo-Girl, oder eines von diese Animiermädchen in den Bars von Patong auf Phuket, nur dass mich hier keiner sieht, weil es so dunkel ist.
Irgendwann kurz vor drei Uhr, die Toilette suchen, meine letzte Flasche habe ich oben auf einen Tisch gestellt, die Toilette eine Etage höher ist kaputt, ein Zettel hängt an der Tür, nur der Bereich mit den Pissoirs ist offen.
„Du musst noch eine halbe Etage weiter nach oben, da sind zwei Etagenklos im Treppenhaus“, er deutet kurz mit dem Finger in die Richtung.
„Ach, geht schon. Prima, eine Unisex-Toilette“, ich schlängel mich an der Pissrinne vorbei und öffne die Tür der angrenzenden Kabine, „Oh, nee …“
„Das da ist ein Stehklo, aber hier die geht“, ich beobachte, wie sie mir die beiden Türen an der Treppe zeigt.
Weiter oben, nur eine halbe Treppe, sieht es tatsächlich viel besser aus, nur das ständig laufende Spülwasser und die notorische Dunkelheit, wie soll ich denn da wissen, wann ich fertig bin?
Kurz nach drei Uhr den Sonntagmorgen, ich bereite mich darauf vor, zu gehen. Oben die Musik, die konstanten 140 BPM … ich bin irgendwie nicht in der Stimmung, mich in Trance fallen zu lassen. Ich habe das so auch nicht erwartet, wo ist denn die Gruftie-Tanzfläche für die Oldschool-Trad-Goths? Einige habe ich im Publikum gesehen, dieselben, die ich auch in ein paar Monaten, Pfingsten, auf dem kleinen Festival hier irgendwo in Connewitz wieder sehen werde. Ob ich mittlerweile auch schon erkannt werde? Ich bin da in der Szene seit … 2002/2003? Ich ziehe mein Bündel unter der Bank neben der Bar hervor und freue mich über meinen unversehrten, trockenen und gar nicht so sehr nach Zigarettenqualm müffelnden Wollmantel, mitsamt Innenfuttersteppjacke. Wieder unten ziehe ich mir alle meine Schichten an und nutze den verwaisten Tisch vom Merchandise neben der Ausgangstür um meine Dinge zu sortieren, mein Barett und meine Handschuhe aus der Handtasche, der Rest wieder hinein.
Draußen der kalte Sonntagmorgen, ich stapfe durch das Eis in Richtung der Straßenbahnhaltestelle Connewitzer Kreuz. In meiner Erinnerung fährt hier um vier Uhr eine Straßenbahn zurück Richtung Hauptbahnhof. Ich bin viel zu früh da, 3:30 Uhr und die nächste und erste Bahn den Morgen fährt erst gegen 4:15 Uhr. Minutenlang starre ich die Anzeigetafel an. Es ist kalt, ich traue mich gar nicht, mich in dem halben Glaskasten an der Haltestelle hinzusetzen, ich könnte da sitzend erfrieren. Mein Mantel und all die Schichten darunter halten warm, die Thermostrumpfhose mitsamt den extra noch darüber angezogenen, dicken, schwarzen Socken, waren eine richtig gute Entscheidung. Meine hohen Stiefel sind leicht gefüttert. Das Wollbarett habe ich das erste Mal für diesen Winter wieder auf, die Handschuhe auch. Eigentlich friere ich nicht, die ganze dreiviertel Stunde, die ich da einsam in dieser Straßenbahnhaltestelle auf meine Straßenbahn warte. Je kürzer der Zeitabstand wird, desto mehr andere Party-Gäste kommen hinzu. Die Straßenbahn kommt pünktlich.
Gegen fünf Uhr der Hauptbahnhof, die Lichtkathedrale, es ist gefühlt noch mehr eisig kälter auf meinem Gleis 16, hoch oben zwitschern Vögel. Die paar Warteminuten bis 5:20 Uhr bekomme ich auch noch rum. Eine Flasche Wasser bei einem Rund-um-die-Uhr öffnenden Dönerimbiss. Die Toiletten hier am Bahnhof machen erst um sechs auf, ich hoffe auf die Toilette im Zug.
Der Zug fährt ein, er ist pünktlich und er ist … voll? Für diese Uhrzeit. Sonst bin ich hier immer allein, manchmal ist nur eine zweite Person mit in dem Wagon, aber diesen einen Morgen, in jedem Sitzgruppenabschnitt des in Doppeltraktion fahrenden Regionalexpress sitzen schon zwei, drei, vier oder fünf Personen und es steigen die nächsten Halte bis nach Magdeburg immer noch mehr dazu? Und das sind keine Party-People, sondern junge, Sonntag reisende Frühaufsteher? Was sind das für Menschen? Ich kann nicht schlafen, die unterhalten sich viele Sitzreihen von mir entfernt. Ein paar der Zuggäste sind wenigstens noch so wie ich, Metaler-Kutten, schwarze Kapuzenpullover, zurück vom Konzert, irgendwo versuchend in den hell erleuchteten Wagons zu schlafen. Sieben Uhr morgens Endstation Magdeburg, bevor der Zug wieder umkehrt.
Mein Blick auf die große Anzeigentafel in der Bahnhofshalle von Magdeburg … Glück gehabt, mein Zug fährt regulär zurück. Noch die letzten Euros für das Nuss-Nougat-Croissant, mein Sonntags-zurück-Ritual und ich sitze in dem Regionalzug zurück in mein Heimatkaff. Das schwarze Augen-Make-up wische ich mir wieder auf meinem Sitzplatz sitzend ab. Auch dieser Zug ist nicht wirklich leer, vielleicht wegen den eisigen Temperaturen, ich habe auch nicht das Auto genommen.
Zu Fuß vom Bahnhof rum, die zwei Ecken zu meinem Haus, unser Hund kläfft schon die ganze Nachbarschaft voll, sie rennt immer frühmorgens raus um Präsenz zu kläffen. Das ist unser Hund! Mach sie fertig.
Wieder oben in meiner Wohnung – und es ist noch eisig kälter geworden – ich reiße das Schlafzimmerfenster auf und verschwinde ins Bad. Den Party-Stempel auf meinem Handrücken möchte ich behalten, den will ich Montagmorgen in der Frühstückspause auf Arbeit präsentieren. Meine Sachen liegen wieder auf der Couch, sofern ich da hinkomme, der große, neue Computertisch steht mitten im Wohnzimmer, den werde ich den späten Sonntagnachmittag erst zentimetergenau auf die Stelle des alten Computertisches manövrieren und dann millimetergenau die zwei Bildschirme darauf positionieren, mit exakten je fünfzehn Grad Winkel zu der Mittellinie, dem Spaltmaß zwischen den beiden Tischplatten. Kurz nach acht, ich lege mich für vier Stunden schlafen … und die nächsten Nächte schaffe ich es auch nur weit nach Mitternacht ins Bett. So ist mein Leben.
Und? Hast du dich die zwölf Stunden mal mit jemandem unterhalten? Nein.
[01.01.26 / 03:30]✎ Der Dienstag, der Tag vor dem einunddreißigsten Dezember, der zweite Abend und die zweite Nacht, die ich in Leipzig verbringen will. Meine neuen Stiefel habe ich den Abend zuvor schon eingecremt, die Augenbrauen im Badezimmerspiegel noch weiter ausgedünnt. Fast sind sie schon weg … nur noch eine dünne Linie ist übrig geblieben. Aufstehen gegen Mittag, Frühstück und Mittagessen fällt zusammen, Beine vorrasieren und fein nachrasieren, aber so viel ist nicht nachgewachsen die letzten drei Tage. Eigentlich hätte ich mich gar nicht so sehr auf die nächste Nacht zum Ausgehen vorbereiten müssen, nur das neue Kleid aus dem Schrank greifen, in meine Stiefel schlüpfen und wieder die Steppjacke und den Mantel überziehen und zum Bahnhof verschwinden. Ich hätte sogar einen Zug später nehmen können, hätte sogar mehr Zeit gehabt, mein aufwendiges Augen-Make-up aufzupinseln – wäre nicht … der scheiß Regionalzug ausgefallen. Das Wort „Scheiße“ wird in diesem Blogartikel bestimmt noch mehrmals vorkommen.
Es fährt kein Zug aus diesem Kaff, nur vielleicht ein Linienbus den frühen Nachmittag, ich habe noch weniger Zeit als die Tage zuvor. In dem Bus gibt es keinen Automaten, an dem ich mir mein Länderticket hätte ziehen können. Ich muss wohl oder übel mein Ticket im Internet auf der Seite der Bahn bestellen. Das Drama beginnt, ich brauche gefühlt über eine Stunde und klicke mindestens fünfmal auf den Kaufen-Button, bis ich endlich eine Bezahlmöglichkeit gefunden habe, die funktioniert. So bleibt mir auch dieses Mal keine Zeit für mein Make-up. Gestresst werfe ich den Mascara und die drei Pinsel, Bürste und Kajal-Stift in meine kleine Rolltasche und das ganze in meine große Handtasche. Eine halbe Stunde vor Abfahrt den Nachmittag bleibt mir nur die Dusche und das orientalische Parfüm und meine Haare trocknen. Wenigstens mein Outfit stimmt: Stiefel, enganliegendes und schulterfreies, grau-schwarzes Kleid und die Lederjacke, die Punkerkutte. Steppjacke und Mantel darüber, es ist eisig kalt. Der Silberschmuck, mein orientalischer Armreif, blitzt unter den vielen Schichten an Winterklamotten am Handgelenk hervor.
Fünfzehn Uhr nochwas soll der scheiß Bus vom Busbahnhof, unweit des Kleinstadtbahnhofs fahren. Eine ganze Menge Menschen stehen da rum und warten auf den Bus … ein Bus, ich muss mich herablassen und mit dem ganzen Pöbel einen Bus benutzen. Zitternd fingere ich in der Kälte mein Smartphone aus meiner italienischen Luxushandtasche und scrolle bis zu dem Online-Ticket, der Busfahrer vorne am Einstieg schaut es nur kurz an, so viele Menschen sind noch nie in diesem Bus mitgefahren, der ist bis auf die letzten Plätze voll, normalerweise, wenn ich so einen Bus sehe, sitzen da höchstens ein, zwei oder drei Menschen drin, die von Dorf zu Dorf fahren. Der Bus kutscht über die Bundesstraße und das Autobahndreieck Richtung Magdeburg.
Endlich am Hauptbahnhof, die obligatorische Flasche Wasser beim Aldi kaufen, mein Gleis suchen, dasselbe Gleis, wie vor drei Tagen, dieselben vierzig Cent für die Flasche Wasser. Am Gleis angekommen, dieses Mal falle ich nicht wieder darauf rein … von wegen, hält bei „A-C“ und ich renne den halben Gleis wieder zurück und schubs mich durch die Menschentraube zur Wagontür. Nein, ich stelle mich genau da hin, wo ich den Zug erwarte und lästere gedanklich über die „Oberschlauen“ da hinten mit ihren Rollkoffern, die die Anzeigetafeln für voll nehmen. „Verdammte Scheiße!“ Der scheiß Zug fährt noch langsamer ein, als vor drei Tagen, und hält noch früher an, als vor drei Tagen, und ich muss schon wieder Meter rennen, um einen Sitzplatz ergattern zu können.
Der Zug wird voll, richtig voll. Was nicht in meine Gedanken will, das ist ein Pendlerzug, es ist Dienstag den dreißigsten Dezember und ich kann mir nicht vorstellen, dass Menschen zwischen Weihnachten und Neujahr arbeiten müssen, ich habe in meinem ganzen Leben noch nie an diesen Tagen gearbeitet. Nicht in der Armee (Urlaub), nicht beim Studium (Semesterferien) und nicht auf all meinen Arbeitsplätzen (Betriebsruhe), weder in Sachsen-Anhalt, noch in Niedersachsen. Hier fahren Leute in dem Zug mit, nicht die mit dem Reisegepäck, die mit dem alltäglichen Rucksack, die Arbeiter mit dem Feierabendbier, die ADHS-Azubis, die keine paar Minuten ein Video ganz gucken können auf ihrem Smartphone … und die, die Korpulenten, einer sitzt mir gegenüber und hustet, gesundheitlich angeschlagen, die ganze Zeit. Jedes Mal halte ich den Atem an und zähle langsam bis zehn, fünfzehn oder dreißig, ich sterbe ganz sicher bald an einer Lungenentzündung.
Bin ich froh, als ich den Zug verlasse, allerhöchstens eine geringfügige Verspätung, ich habe Leipzig kurz vor neunzehn Uhr wieder erreicht. Einlass in dem Club in Plagwitz ist gegen zwanzig Uhr, die Zeit für „Doors Open“ steht auf dem Flyer, den ich bei dem letzten Konzert vor ein paar Nächten mit eingesteckt habe. Eine Stunde Zeit, um auf dem Bahnhofsklo mein Make-up zu machen, eine Stunde Zeit, um ein Brötchen zu organisieren, wieder der Bäcker unten, eine Stunde Zeit, mein Rückfahrticket aus dem Automaten zu ziehen. Auf der Bahnhofstoilette vor dem Schminkspiegel, die Beleuchtung hier ist beschissen, ich versuche die T-Technik, um einen größeren Kajalstrich zu ziehen. Brille ab- und wieder aufsetzen, mehr und mehr mit dem Pinsel verblenden … eine Frau vor einem anderen Spiegel lässt schon einen peinlich berührten Seufzer ab – hat sie damit mich gemeint? Das musst du zu Hause noch einmal üben. Mit der Kante meines Zeigefingers wische ich alles wieder vom Augenlid raus und gehe noch einmal mit dem Pinsel darüber, wenigstens ein passabler „Smokey Eyes“ Effekt bleibt stehen. In dem Club ist es eh dunkel, das wird schon keinem auffallen. Mein Brötchen esse ich Minuten später wieder aus der Papiertüte draußen in der Kälte am Gleis an der Straßenbahnhaltestelle. Wieder dieselbe Linie wie vor drei Tagen, nur eben ein paar Stationen weiter nach Plagwitz hinein. Es wird schon fleißig geböllert, ich merke keinen Unterschied zu Silvester.
Überpünktlich zum Einlass bin ich da, ich sehe die hundert Meter vor mir schon die Eingangstür aufgehen und ein paar erste Gäste eintreten, als ich den dunklen Weg zwischen den alten Fabrikgebäuden entlang laufe. Der Club, in dem ich schon so viele Male war, der mit den ganzen Plakaten an jeder Wand im Inneren und die vielen Aufkleber und Grafiti … von links bis linksextrem, die freundlichen Menschen, die Guten. Ich bin zu Hause.
Einlass mit Solispende, weiter den Club hinein, noch ist es kalt, noch lasse ich meinen Mantel an, noch ist der Holzofen neben der Bühne noch nicht durcherhitzt. Die erste Flasche Matebrause von der Bar, den Aufbau auf der Bühne bewundern, die Synthesizer, den Plan mit der Running Order suchen. Drei Bands sind geplant, von Synth-Punk über Wave und Post-Punk. DJs unten und oben. Die Tanzfläche ganz oben inspiziere ich auch kurz, aber eigentlich bin ich nur auf der zweiten Etage für das Licht aus den Toilettenräumen, um im kleinen, aufgeklappten Handspiegel mein Augen-Make-up zu überprüfen. „Geht.“
Unten an dem großen Ofen bildet sich eine Menschentraube, jeder der neu ankommenden Gäste von draußen entdeckt den Ofen für sich, ein Holzstück nach dem anderen wird verfeuert. Auf der Bühne probt die erste Band, ich lasse meinen schwarz-grauen Kuschelmantel und meine olivgrüne Steppjacke an einem der Haken der Garderobenleisten am Eingang. Ist das sicher? Wird die nicht irgendjemand mal wegfinden, aus Versehen mitnehmen? Ich habe immer noch meine schwarze Lederjacke an und meinen schwarzen Schal. Mit mehr und mehr Menschen werden die Temperaturen in dem Club angenehmer und ich ziehe den Reißverschluss auf. Optisch mit meinen Buttons, Nieten und Patches passe ich wieder rein in die Punk-Szene und füge mich in das Gesamtbild von alternativen Gästen, Goths, Waver, Punks, die üblichen Clubbesucher.
Die erste Band, zwei Menschen, sie (sie nennt ihr Pronomen nicht) singt ihre Texte in Spanisch? Zuerst hatte ich Italienisch vermutet. Er am Synthesizer-Aufbau. Das wird das auf dem Flyer sein, das als Synth-Punk bezeichnet wurde. Die Tonprobe lief vielleicht nicht ganz so perfekt, das hätte besser funktionieren können. Trotzdem, die beiden treffen den Spirit des Punk.
Umbaupause zwischen den Bands … wo bin ich zu finden? Oben, die zweite Etage, die Treppe hoch, neben den Toiletten, die Galerie an Plakaten – und es ist immer noch nicht überklebt! „Mein Plakat“, das von dem einen Konzert, wo ich mal vor vielen, vielen Jahren war. Ich ertaste die Stellen, an denen benachbarte Plakate unter und überklebt wurden, suche die aufgedruckten Jahreszahlen der Konzerttermine, mein Plakat hat keine sichtbare Jahreszahl mehr, nur eine Auflistung an Daten und Clubs, die es schon lange nicht mehr gibt, geschlossen, abgebrannt, verschwunden. Ein Plakat darunter zeigt eine Jahreszahl von 2006, ein anderes Konzertplakat eine Zahl von Anfang 2007 – dann muss das Konzert, auf dem ich gewesen war, auch 2006 gewesen sein. Ich ermittle das Datum und den Wochentag mit dem Kalender auf meinem Smartphone: ein Wochentag irgendwo Ende April 2006! Ich muss von Wernigerode aus dorthin gefahren sein und war am nächsten Morgen schon wieder zurück im Hörsaal. Ich habe damals einige solcher Aktionen gemacht. Diesen Club hier kenne ich schon von 2004, als ich das erste Mal für ein Gothic- und Batcave-Konzert hier war, im Rahmen des alternativen Pfingstfestivals.
Wieder unten beginnt die zweite Band, Gitarre, Bass, Schlagzeug, eine sichtbare Sängerin, der erste Titel, mehr Punk als Post. Ich bin erfreut. Punk-Girl mit ihrer Lederkutte und dem „Fake-Prada-Kleid“ steht inmitten des Publikums, dicht an dicht mit den anderen entzückten Menschen. Sie spielen ihr Set, vielleicht zu kurz, aber sie haben nicht so viele Titel, die Zugabe ist ein Titel, der wiederholt werden muss … oder war die Zugabe doch improvisiert? Der Laden hier ist voll.
Umbaupause, umherschweifen, mal oben die Tanzfläche … aber die Musik da gefällt mir an diesem Abend so nicht. Die bessere Musik läuft unten, da tanzen die oldschool Grufties.
Die dritte Band des Abends, vielleicht sogar schon der Nacht, das ist jetzt endlich die angekündigte Band aus Österreich, zwei Herren aus Wien. Der aufgebaute Synthesizer auf der Bühne erstaunt mich schon, ein Schlachtross, eines von diesen Dingern, die alles können, ein Knopfdruck und die Diskomusik geht los. Kabel werden noch gesteckt, ein zweiter Synthesizer oder zweites Keyboard. Sie kommen wenige Minuten später wieder auf die Bühne zurück, der Typ am Synth mit seinen Oberarm-Tattoos, der Sänger in seinem Glitzer-Cape – er sieht darin irgendwie aus, wie eine ältere Hijara irgendwo in Indien, aber die Songs gehen richtig gut im Publikum. Synth, Synth, noch mehr Synth, von Achtziger bis Eurodance-Anleihen, tanzbar.
Nach den drei Konzerten, die DJs und DJanes, der eine Braunschweiger DJ ist wiedergekommen, der macht das aber auch schon ewig, wo er auflegt, da bin ich richtig. Ich glaube, dass er aus Braunschweig kommt, ich weiß nur, dass ich 2004 auch mal nach Braunschweig zu einer von seinen alten Partys fahren wollte, da aber nie „angekommen“ bin (Unfallgeschichte). So viele Erinnerungen diese Nacht, so viele Flashbacks.
Ich suche irgendwann einen Sitzplatz, irgendwo ein Stuhl, eine Couch, irgendwo in einer Ecke, umringt von den vielen Menschen überall. Ich schaue nicht mehr in die Gesichter.
Retrospektive 2025 – Einiges ist dieses Jahr passiert, vieles was mich innerlich verändert hat und mein Gedankenkreiseln bündelt: Es gibt mehr und mehr Länder in dieser Welt, in die ich als trans Frau nicht mehr reisen kann, USA, Großbritannien, westliche Demokratien, wie konnte das passieren? Was ich über die Medien aufnehme, die ganzen Reden, Sprüche, von Politikern, Journalisten, Leute, die einst für Frauenrechte und das Gute gekämpft haben? Ich bin als trans Frau das pure Böse, etwas Abscheuliches, etwas, das ausgemerzt werden muss? Ich schwanke, ist das noch real? Was passiert hier, da stimmt doch etwas nicht? Wir wissen alle aus der Geschichte, was mit den Juden passierte … und jetzt ich? Vorbereiten, Gedanken, Fluchtpläne, wie schnell kann ich innerhalb von Stunden weg, untertauchen und in ein anderes Land flüchten – und wohin? Noch ist Deutschland eines der Top-Fünf Länder, in denen ich als trans Frau in gefühlter Sicherheit leben kann, auch wenn ich dieses Jahr schon angefangen habe, meine Sichtbarkeit zu reduzieren. Das Gefühl der steigenden Unsicherheit.
Ein anderer Punkt, der mich dieses Jahr immer wieder beschäftigt hat: Ich bin auch wieder in einem Club und niemand spricht mich an, ich laufe zwischen all den Menschen hin und her, zwischen ihnen hindurch. Manchmal bin ich unsichtbar, manchmal sichtbar, werde aber nicht wahrgenommen, meine Allegorie mit der Mülltonne, die zwar sichtbar ist, aber nur wahrgenommen wird, wenn Müll in ihr abgeladen wird. Mein Experiment: ich weiß nicht, ob ich es in diesem Blog schon einmal beschrieben habe, das eine Pornovideo von mir, das ich auf einer Erotikplattform irgendwo im Internet veröffentlicht hatte, es ist schon seit einem Jahr weg, aber die Erkenntnis, dass ohne die Hemmschwelle mich anzusprechen, doch niemand der Männer mein Video angesehen hat, lässt eigentlich nur einen Schluss übrig: Ich bin potthässlich. Die einfachste Erklärung. Jedes Mal am Badezimmerspiegel vorbei, versichere ich mir, warum ich niemals einen Partner finden werde, weder Mann, noch Frau, nicht ich, nicht die anderen.
Die zwei Jahrzehnte an nächtlichem Grübeln, das immer wieder alles Analysieren und Erinnerungen umprogrammieren. Ich weiß jetzt, warum ich Angst habe und niemals körperliche Nähe zu einer Frau zulassen kann: Ich wurde missbraucht. Sie ist diejenige ganz am Anfang. Als wir uns im Internet kennengelernt haben, sie hat ihren Ex-Freund in mir gesehen, den sie vermisst hat, Missbrauch eins. Sie hat mich auf dem einen nächtlichen Platz in dieser einen Stadt geküsst, um einen anderen Ex-Liebhaber loszuwerden, ich stand einfach nur rein zufällig in der Landschaft, Missbrauch zwei, mein erster Kuss. Ich hatte keine Ahnung, ich wusste von nichts, ich war die reinste Unschuld, ich wusste weder, was Ja sagen oder Nein sagen bedeutet, sie hat mich einfach überwältigt, es war aus ihrer Sicht ein Rache-Sex, um einen weiteren Liebhaber gedanklich loszuwerden, mein erstes Mal – und gleichzeitig auch mein letztes Mal mit einer Frau, meine erste Angst- und Panikreaktion, in der ich einfach nur erstarre und nicht begreifen kann, was mit mir passiert, Missbrauch Nummer drei.
Sie lies mich fallen, brach wenige Wochen danach den Kontakt zu mir ab … ein düsteres Silvester 2004, mehr als zwanzig Jahre und der Gedanke in mir, ich muss etwas Grausames getan haben. Nie wieder tue ich Frauen das an. Wenn ich nur wüsste, was? 2012 ein einziger Versuch, etwas aufzuarbeiten, ein weiteres Treffen mit ihr und die schlimmste Angst- und Panikattacke auf körperliche Nähe. Sie beschimpft mich (oder sah sie erneut nur ihren Ex-Freund in mir) und ändert sichtbar ihr Verhalten … ich bin das Böse. Ich erzähle ihr, komplett als trans Frau leben zu wollen, mein Coming-out vor ihr zurück im Jahr 2005 ging schon schief und ich war ein Perverser.
Jetzt habe ich vor gefühlt anderthalb Jahren entdeckt, dass sie einen YouTube-Kanal hat, ich habe ihn abonniert. Ich dachte, sie freut sich? Finde den Fehler … Es wäre so einfach, sie könnte ihre Abonnenten sehen, meine Abos auf meinem Profil sind öffentlich geschaltet, nur ein Klick auf mein Profil und sie sieht den Link zu meiner Blog-Seite und kann mich von hier aus kontaktieren? Meine purpur-schwarze Internetseite mit meinen Fotos von mir – auf die sie mit vollkommener Abscheu 2005 reagiert hat. Sie nimmt keinen Kontakt zu mir auf. Sie wird als TERF mittlerweile gefestigt sein. Alle Frauen sind TERFs. Jedes Mal, wenn ich als trans Frau eine öffentliche Damentoilette benutze, was ich seit zwanzig Jahren mache, fühle ich mich wie eine Bedrohung – aber das war doch mal anders?
Die Musik dröhnt, Songs zum Tanzen, ich reiße mich von diesem Sofa in diesem Club wieder los. Wenigstens diese Nacht will ich bis vier Uhr den Morgen tanzen. Der DJ hier unten spielt die ganzen Goth-Klassiker, ich passe auf diese Tanzfläche, mit meinen Biker-Boots, meinem enganliegenden Kleid, meiner Punker-Lederjacke, meinen langen, blonden Haaren, nichts unterscheidet mich von den anderen Frauen. Noch einmal auf die Sitzecke, noch einmal diesen wunderschönen, gezimmerten Stuhl neben dem Sofa bewundern, der mein autistisches Ich in seinen Bann zieht, bevor ich dann kurz vor vier Uhr den Mittwoch Morgen mich zu den Garderoben bewege und meinen Mantel und meine Unterziehjacke dort vom Haken nehme. Ein Mann hat mich noch gefragt, ob er mir einen Weißwein anbieten könnte, er hätte genauso auch mir eine Dosis Heroin anbieten können, erschrocken wende ich mich schnell ab.
Die paar Schritte draußen zur Haltestelle, es ist saukalt, meine Atemluft puste ich absichtlich stoßweise nach oben, um sie kondensieren zu sehen. Ein Nachtbus fährt von dieser Haltestelle um kurz nach vier Richtung Hauptbahnhof. Der Bus ist voll, kein Sitzplatz für mich, wer sind diese ganzen Menschen?
Mein Zug am Hauptbahnhof fährt gegen fünf Uhr den Morgen, ich stehe in dieser hellerleuchteten Kathedrale zwischen den Gleisen und der Kälte, vereinzelt fliegen Tauben hoch oben zwischen den Stahlträgern. Der einfahrende Regionalexpress Richtung Magdeburg bleibt weitestgehend leer, ich hätte mehr Pendler erwartet, vielleicht muss doch nicht jeder an Silvester arbeiten. Mein Stammsitzplatz im Wagon, dieses Mal lege ich mich nicht hin, ich versuche wach zu bleiben und lehne mit meinem Kopf am Sitzpolster und meinem aufgehängten Plüschmantel … zwischen Bitterfeld und Gommern entsteht eine Lücke in meiner Wahrnehmung.
Magdeburg Hauptbahnhof sieben Uhr morgens, so viele Menschen – und mein Zug in mein Heimatkaff fährt wieder nicht, ich blicke auf die große Tafel hoch oben über mir. Obligatorisches Nuss-Nougat-Croissant beim Bäcker und Umplanen, der Ticketautomat, die besetzte Information, all die Tafeln mit den Verbindungen … fährt doch noch ein Bus und wenn ja, wann? Um kurz vor zehn Uhr? Alle Zugverbindungen Richtung Wolfsburg fallen und fielen heute und gestern aus, ich stelle mich schon darauf ein, den Vormittag hier zu verbringen, dann bleibe ich eben noch den weiteren Tag wach, das macht mir nichts aus, mehr als vierundzwanzig oder sechsunddreißig Stunden wach zu sein … Kommt schon vor.
Die eine Stunde bis acht Uhr auf der Bahnhofstoilette, die nächtliche Prostituierte schminkt sich vor den großen Spiegeln ab, dieses Mal habe ich daran gedacht und die Make-up-Entfernungstücher miteingepackt. Es fährt doch noch ein Zug in Richtung meines Heimatkaffs, anderthalb Stunden bin ich schon auf diesem Bahnhof. Ich warte danach sehnsüchtig in dem Tunnel unter den Gleisen, dass der andere Zug da oben endlich wegfährt und den Bahnsteig für meinen Zug freigibt, oben liegt alles voller Neuschnee. Mein Zug wird nach einer weiteren Gleisänderung endlich bereitgestellt, auch dieser kleine Regionalzug ist fast leer.
Kurz vor neun Uhr den Morgen, der Bahnhof in meinem Heimatkaff und es schneit. Automatisiert fange ich an, durch die Schneeflocken zu stapfen und will eigentlich nur noch in mein Bett. Ich bekomme gar nicht mit, das ich wieder von meinem Familientaxi abgeholt werde, sie haben meine Nachricht gelesen und wissen genauso über die aktualisierten Fahrpläne der Bahn Bescheid. Wenigstens auf der Familienseite funktioniert die Organisation.
Zurück in meiner Wohnung, die nach Zigretten stinkenden Sachen irgendwo im Flur verteilen, die Handtasche, so wie sie ist, wieder auf die Couch ablegen und nur das Smartphone und die Übernachtungszahnbürste daraus entfernen. Fenster aufreißen, ins Bad, Zähne putzen, Fenster wieder zu, ins Bett in mein Schlafzimmer. Noch vier Stunden schlafen diesen scheiß Silvestertag. Vielleicht bin ich dann am Ende dieses halben Tages immer noch so müde und falle noch vor dem großen Mitternachtsfeuerwerk ins Bett. Ich will diesen verfluchten Tag nur so schnell wie möglich wieder rumkriegen.
das habe ich sehr gerne gemacht. Zum Einen interessiert mich das Thema und zum Anderen hast Du wirklich sehr lebendig und spannend geschrieben. Da wollte ich Alles lesen und wollte Dir schreiben, das mir Dein Blog besonders gut gefallen hat (Die eigentliche Arbeit hattest Du ja mit dem Verfassen des Blogs). Wenn Du magst können wir den Kontakt gerne per Mail halten. Viele Grüße Daniele
Morgana LaGoth: Mail-Adresse steht oben bei "kontakt" - bei weiteren Fragen, gerne.
vielen Dank für Deinen tollen Blog. Ich habe ihn in den letzten Wochen komplett gelesen. Meistens konnte ich gar nicht aufhören zu lesen. Fast wie bei einem sehr spannenden Roman. Ich habe dabei Deine genauen Beobachtungen und Beschreibungen sehr genossen. Deine vielen Ausflüge in die Clubs und zu den Festivals oder Deine Streifzüge d durch die Geschäfte beschreibst Du immer aus Deiner Sicht sehr anschaulich und spannend. Ich kann das sehr gut nachvollziehen, das alleine zu erleben, häufig auch mit einer gewissen Distanz. Ich kenne ich von mir sehr gut. Highlights sind Deine Reiseberichte. Deine Erlebnisse an den unterschiedlichsten Orten auf der Welt. Vielen Dank dafür. Vielen Dank auch das Du Deinen Weg zu Deinem waren Geschlecht mit uns Lesern teilst. Deinen Weg Deine Gefühle Deine zeitweisen Zweifel. Das ist sehr wertvoll auch für uns Andere, denn es ist authentisch und sehr selten. Du bist einem dadurch sehr vertraut geworden. Für mich ist eine gefühlte grosse Nähe dadurch entstanden. Umso mehr schmerzt es mich von Deinen Rückschlägen zu lesen. Von Deinem Kampf zu Deinem wahren Ich. Von Deinem Kampf umd Liebe, Zährlichkeit und Akzepzanz und Anerkenung. Von Deiem mitunter verzweifeltem Kampf nach Liebe und Anerkennung durch Deinen Exfreund. Leider vergeblich. Dein Kampf um wirtschaftliche Unabhängigkeit und Deine aktuell missliche Lage. Ich glaube dass Du nicht gescheitert bist. Du hast viel Mumm und Hardnäckigkeit bewiesen Deinen Gang zu Dir selbst zu gehen. Du hast auch einen guten Beruf der immer noch sehr gefragt ist. Vielleicht kann ja nach dieser Auszeit und etwas Abstand ein Neuanfang in einer anderen Firma, wo Du keine Vergangenheit als Mann hattest gelingen. Ich wünsche das Dir ein Neuanfang gelingt und drücke Dir ganz fest die Daumen. Daniele
Morgana LaGoth: Da liest sich tatsächlich jemand alles durch? Das ist mittlerweile schon ein kompletter Roman mit mehreren hundert Seiten! Danke dir, für deinen Kommentar (und die aufgebrachte Zeit).
vielen Dank für Deine offenen und kritischen Erlebnisberichte. Ich bin in 3 Monaten in Sanssouci zur FzF-OP. Ich denke auch, was kann schon schief gehen, status quo geht nicht und irgendwas besseres wird wohl resultieren. Wenn es Dich interessiert, halte ich Dich informiert. Drücke mir die Daumen.
Herzlich
Drea
Morgana LaGoth: Ich wünsche dir für deine Operation viel Glück. (Sollte der Koch nicht gewechselt haben, das Essen da in der Klinik ist richtig gut!)
[14.11.17 / 20:13]Morgana LaGoth: Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion: Die Seitenbetreiberin behält sich das Recht vor, jeden Kommentar, dessen Inhalt rassistisch, sexistisch, homophob, transphob, ausländerfeindlich oder sonstwie gegen eine Minderheit beleidigend und diskriminierend ist, zu zensieren, zu kürzen, zu löschen oder gar nicht erst freizuschalten. Werbung und Spam (sofern die Seitenbetreiberin dafür nicht empfänglich ist) wird nicht toleriert. Personenbezogene Daten (Anschrift, Telefonnummer) werden vor der Veröffentlichung unkenntlich gemacht.
Kommentar:
[05.12.22 / 17:34] Daniele1992: Hallo Morgana
Mail ist heute rausgegangen
LG Daniele
[13.11.22 / 09:33] Daniele1992: Hallo Morgana
aktuell keine schöne Situation. Ich schreibe Dir noch eine Mail dazu.
LG Daniele
[13.05.22 / 09:15] Daniele1992: Hallo Morgana,
Tolle Reisebericht von Deiner neusten Reise nach Paris. Macht grosse Lust auch wieder dort hinzufahren um sich von der Stadt inspirieren zu lassen.
Tolle Neuigkeiten.NeuerJob. Klasse! Freue mich für Dich.
Liebe Grüße
Daniele
[24.12.21 / 20:55] Daniele1992: Hallo Morgana,
Ich denke an Dich und wünsche Dir frohe Weihnachten und ein schönes neues Jahr 2022.
Liebe Grüße
Daniele
[25.09.21 / 14:59] Daniele1992: Hallo,
eine Chance etwas Neues zu machen. Neue Perspektiven. Urlaubsträume, die bald real werden können. Nicht so schlecht. Freue mich für Dich. LG Daniele.
[11.11.20 / 09:12] Daniele1992: Hallo Morgana
Ich habe Dir eine Mail geschickt.
Lg
Daniele
[30.07.20 / 22:03] Daniele1992: Guten Abend
das habe ich sehr gerne gemacht. Zum Einen interessiert mich das Thema und zum Anderen hast Du wirklich sehr lebendig und spannend geschrieben. Da wollte ich Alles lesen und wollte Dir schreiben, das mir Dein Blog besonders gut gefallen hat (Die eigentliche Arbeit hattest Du ja mit dem Verfassen des Blogs). Wenn Du magst können wir den Kontakt gerne per Mail halten. Viele Grüße Daniele
[30.07.20 / 12:44] Daniele1992: Guten Morgen,
vielen Dank für Deinen tollen Blog. Ich habe ihn in den letzten Wochen komplett gelesen. Meistens konnte ich gar nicht aufhören zu lesen. Fast wie bei einem sehr spannenden Roman. Ich habe dabei Deine genauen Beobachtungen und Beschreibungen sehr genossen. Deine vielen Ausflüge in die Clubs und zu den Festivals oder Deine Streifzüge d durch die Geschäfte beschreibst Du immer aus Deiner Sicht sehr anschaulich und spannend. Ich kann das sehr gut nachvollziehen, das alleine zu erleben, häufig auch mit einer gewissen Distanz. Ich kenne ich von mir sehr gut. Highlights sind Deine Reiseberichte. Deine Erlebnisse an den unterschiedlichsten Orten auf der Welt. Vielen Dank dafür. Vielen Dank auch das Du Deinen Weg zu Deinem waren Geschlecht mit uns Lesern teilst. Deinen Weg Deine Gefühle Deine zeitweisen Zweifel. Das ist sehr wertvoll auch für uns Andere, denn es ist authentisch und sehr selten. Du bist einem dadurch sehr vertraut geworden. Für mich ist eine gefühlte grosse Nähe dadurch entstanden. Umso mehr schmerzt es mich von Deinen Rückschlägen zu lesen. Von Deinem Kampf zu Deinem wahren Ich. Von Deinem Kampf umd Liebe, Zährlichkeit und Akzepzanz und Anerkenung. Von Deiem mitunter verzweifeltem Kampf nach Liebe und Anerkennung durch Deinen Exfreund. Leider vergeblich. Dein Kampf um wirtschaftliche Unabhängigkeit und Deine aktuell missliche Lage. Ich glaube dass Du nicht gescheitert bist. Du hast viel Mumm und Hardnäckigkeit bewiesen Deinen Gang zu Dir selbst zu gehen. Du hast auch einen guten Beruf der immer noch sehr gefragt ist. Vielleicht kann ja nach dieser Auszeit und etwas Abstand ein Neuanfang in einer anderen Firma, wo Du keine Vergangenheit als Mann hattest gelingen. Ich wünsche das Dir ein Neuanfang gelingt und drücke Dir ganz fest die Daumen. Daniele
[05.10.19 / 17:11] Drea Doria: Meine liebe Morgana,
bin 5 T post all-in-one-FzF-OP. Deine guten Wünsche haben geholfen. Der Koch ist immernoch noch super. Alle hier sind herzlich und nehmen sich Zeit.
Herzlich
Drea
[14.06.19 / 12:57] Drea Doria: Meine liebe Morgana,
vielen Dank für Deine offenen und kritischen Erlebnisberichte. Ich bin in 3 Monaten in Sanssouci zur FzF-OP. Ich denke auch, was kann schon schief gehen, status quo geht nicht und irgendwas besseres wird wohl resultieren. Wenn es Dich interessiert, halte ich Dich informiert. Drücke mir die Daumen.
Herzlich
Drea
[14.11.17 / 20:13] Morgana LaGoth: Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion: Die Seitenbetreiberin behält sich das Recht vor, jeden Kommentar, dessen Inhalt rassistisch, sexistisch, homophob, transphob, ausländerfeindlich oder sonstwie gegen eine Minderheit beleidigend und diskriminierend ist, zu zensieren, zu kürzen, zu löschen oder gar nicht erst freizuschalten. Werbung und Spam (sofern die Seitenbetreiberin dafür nicht empfänglich ist) wird nicht toleriert. Personenbezogene Daten (Anschrift, Telefonnummer) werden vor der Veröffentlichung unkenntlich gemacht.
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