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Ich entdecke gerade das Online-Dating für mich – ein Blind Date mit Abendessen in einer Pizzeria den letzten heißen Junitag, endet bei ihm zu Hause, in seiner hübsch orientalisch eingerichteten 5-Zimmer-Wohnung irgendwo nördlich der Innenstadt von Braunschweig.

[03.07.22 / 12:17] Ich entdecke gerade das Online-Dating für mich – ein Blind Date mit Abendessen in einer Pizzeria den letzten heißen Junitag, endet bei ihm zu Hause, in seiner hübsch orientalisch eingerichteten 5-Zimmer-Wohnung irgendwo nördlich der Innenstadt von Braunschweig. Ob es mehr wird? Mal sehen …

(Und ich bin zum ersten Mal nicht mehr die Trans-Prostituierte, die vom parkenden Auto aus, heimlich das Treppenhaus hoch geschleust wird!)

[19.06.22 / 00:54] Kurzes Zwischenspeichern meines Berufsstatus auf meiner Profilseite (zur späteren Verwendung): aus „serienlangzeitarbeitslose Ex-Psychiatriepatientin / Webmistress“ wird „Testingenieurin / Wochenend-Webmistress“ – and in english: from „serial long-term unemployed ex-psychiatric patient / webmistress“ to „test engineering / weekend webmistress“

[12.06.22 / 16:06] Dienstag Morgen, der Rückreise-Tag, nach dem Check-out kurz nach elf Uhr meine Tragekisten, Taschen und den Rollkoffer zum Auto schleppen, das Hotel hat einen Fahrstuhl und ich parke mein Auto um, vom Hinterhofparkplatz auf die Straße vor dem Eingang. In dem kleinen Veranstaltungssaal neben der Rezeption liegt sehr viel Konfetti und Glitzer … eine ausländische Hochzeit muss hier stattgefunden haben. Die Stimmen und die Sprachen der Hotelgäste der letzten Tage konnte ich nicht einordnen, zu viele verschiedene Sprachen, Russisch, Ukrainisch, Arabisch, Türkisch, Persisch?
Mit dem Auto nach dem Verstauen des gesamten Gepäcks nur wenige Meter weiter auf das Gelände der Tankstelle gegenüber. Die zurückgezahlte Kaution für den Schlüssel vom kleinen Safe im Hotelzimmer, reicht gerade noch so für ein Frühstück. Das Auto vom Reifenluftdruckstand umgeparkt auf die Parkflächen auf der anderen Seite des Geländes zur Ausfahrt auf die mehrspurige Bundesstraße Richtung Autobahn. Das Schoko-Croissant verdrücken und den Pappbecher mit dem doppelten Espresso austrinken. Die Sonnenbrille auf der Nase und den Ellenbogen auf dem geschlossenen Verdeck meines Roadsters, die vorbeirauschenden Autos wahrnehmen, bevor ich mich dann wieder hineinsetze und losfahre. Tankstellen haben schon etwas Besonderes.
150 Kilometer weiter zu meinem Erstwohnsitz, alles wieder auspacken, umziehen, ausruhen. Viele Stunden später, 100 Kilometer weiter zu meinem Zweitwohnsitz. Spät abends ankommen, ins Bett fallen. Verdammter Wochenend-Jetlag (oder besser Festival-Jetlag), schon wieder nicht viel schlafen können. Das Meeting um zehn Uhr den nächsten Tag muss ich wohl leider ausfallen lassen (und das in meiner Probezeit die ersten Wochen). Schade, dass die Mitarbeiter noch gar nicht soviel wissen, über ihre neue Kollegin und warum sie jetzt die nächsten drei Tage vollkommen übermüdet sich an ihren Schreibtisch schleppt. It's Deathrock, babe!

Hätte ich mit meinem neuen 9-Euro-Ticket nicht vielleicht viel lieber auch nach Sylt reisen sollen? Punk Girl ist sehr interessiert …

(Ende Teil 6/6)

[12.06.22 / 16:05] Montag, der letzte Tag des kleinen Gothic-Festivals. Fashionista Girl geht aus. Mein Outfit für den Tag und die Nacht? Die schwarz-grüne Zebra-Leggings, der äußerst bequeme und sommerlich geschnittene, kurze, schwarze Kaftan vom letzten Ibiza-Urlaub – und mein schwarzer Schlapphut! Und die dunkle Sonnenbrille. Und die Pikes, als Schuhwerk. Laut Wetterbericht und dem Blick aus dem Fenster des Hotelzimmers (deren dunkle Vorhänge die ganzen Tage höchstens nur einen winzigen Spalt geöffnet waren), es bleibt sommerlich warm, heiß, Sonne und blauer Himmel, vorüberziehende Wolkenfelder – aber trocken. Schal, Pullover, Regenschirm? Brauche ich nicht, bleibt im Hotel … böser Fehler.
Zu Fuß – die tägliche Route – das beschissene Kopfsteinpflaster vor dem Hotel und die ganzen anderen Gehwege in Richtung der Straßenbahnhaltestelle in der Nähe des großen Baumarkts am nördlichsten Ende von Leipzig. Wieder ein paar Stationen weiter zum Innenstadtzentrum, zum Hauptbahnhof, und dort ein Frühstück organisieren … wahrscheinlich schon weit nach Mittag.
Die Straße mit den Restaurants und den Bistros zwischen dem Hauptbahnhof und der Fußgängerzone, eine andere Kaffeehauskette. Ich setze mich an einen freien, kleinen Tisch an der Hausfassade und drehe die zwei Stühle so, wie ich es aus Paris gewohnt bin … mit Blickrichtung nach vorne, zum Fußweg hin. Ich schlürfe meinen Kaffee (drücke mir vorher die zwei Croissants rein) und beobachte die Menschen. Die schwarzgekleideten WGT-Besucher sind echt alt geworden! Sie laufen die paar Meter an mir vorbei, gefühlt Enddreißig, Mitte Vierzig oder schon Fünfzig … sehe ich auch schon so alt aus? An meinen Knochen spüre ich die vierzig Jahre, so unbeschwert und leicht überstehe ich die mehrtägigen (bzw. mehrnächtigen) Musikfestivals nicht mehr. Weiter danach in eine der anderen beiden Pizzerien.
Der Kellner … als ich meine Pizza bestelle – ja, ich sehe schon etwas nach Glam Rock aus, aber nennt er mich die ganze Zeit gerade: „Signore?“
„Eh! Signore! Una pizza per IL signore!“
Ich kann meine Stimmungslage nicht ganz einordnen, irgendwo zwischen Resignation und ist mir jetzt auch egal. In der Disko schlendere ich auch manchmal mit meiner Flasche Getränk in der Hand herum, nicht ganz breitbeinig (in allen meinen Röckchen sowieso nicht), aber trotzdem ab und zu … „Eh, signore.“
Weiter … ein Eis kaufen, dasselbe Lokal, ich kann den Italienern nicht böse sein (ich mag sie zu sehr). Es wird windig und kühl. Auf der Außenterrasse (die aufgestellten Stühle, Tische und Sonnenschirme auf der Straße) wurde ich schon darauf hingewiesen – dunkle Wolken. Es könnte jeden Moment anfangen, zu regen. Verdammte Wettervorhersage! Stimmt ja überhaupt nicht? (Und ich verlasse mich auf euch!)
Mein Eis verschwindet in Rekordzeit, ich schaffe es noch rechtzeitig den frühen Nachmittag in den einen Bäcker um die Ecke am Eingang der Leipziger Fußgängerzone in der Nähe der Oper. Zum Glück kenne ich mich hier aus und weiß, wo ich Unterschlupf finden kann. Dieser Leipziger Bäcker hat einen überdachten Innenhof, moderne Architektur, aber die Sitzmöbel in dem Separee sind ganz gemütlich. Vorher an der Theke ein Stück (schweren) Kuchen und eine Tasse Kaffee bestellen und mitnehmen (Selbstbedienung).
Die Moritzbastei ist in der Nähe, ich bleibe noch etwas in dem Bäcker/Kaffee, beobachte das Wetter über das Glasdach, lese auf meinem Telefon ein paar Nachrichten und krame in meinem Stoffbeutel … das Buch und mein Hut ist zwar drin, aber nicht der Poncho. Nach dem kurzen Regenschauer die paar Schritte zur alten Festungsanlage.
Schon wieder blauer Himmel, Pfingstwetter. Die Moritzbastei ist für mich der Kreuzungspunkt zwischen den schwarzen WGT-Besuchern und mir. Auf dem Mittelaltermarkt ganz oben komme ich nicht, nur mit dem anderen Bändchen, und fünf Euro nur um ein paar Minuten zu sehen, ob ein Stand mit Räucherwerk da drauf ist? Vor zehn Jahren vielleicht war ich mal da … wo meine neu gekauften indischen Räucherstäbchen in meiner Umhängetasche dann in dem Konzertsaal der nicht weit entfernten Oper ein ganz angenehmes Klima geschaffen hat. Für mich bleibt an diesem Tag nur die Bar und das Kaffee unten in den alten Festungsmauern.
Ein Glas Cola bestellen, mich an einen Tisch im Innenhof setzen (die, die schon wieder trocken geworden sind) und danach mit der Straßenbahn unweit die nächste Haltestelle wieder zurück in mein Hotel.
Packe ich jetzt schon alles zusammen? Blick auf die Hotelregeln im Internet: Check-out zwölf Uhr. Alles so lassen. Etwas Ausruhen und mich dann bereit für die letzte Nacht machen. Ohne Bands ist der Einlass wieder erst um 22 Uhr. Dusche, Chanel, Make-up (diese Reihenfolge), meine Zebra-Leggings, der schwarze Ibiza-Kaftan, die Pikes – und der metallisch blitzende Nietengürtel! Den Hut brauche ich dann nicht mehr (die Sonnenbrille auch nicht). Meine schwarze Punkerkutte überwerfen, die Kommode abräumen … den Mittag doch tatsächlich die Maske für die Straßenbahn vergessen. Wieder zurück für die fünfte und letzte Nacht zur Location am Connewitzer Kreuz.
Traditionell keine Bands und nur die kleine Halle. Auch diesen Abend beteilige ich mich an der Aktion mit dem Testzelt … wie immer ein negatives Ergebnis. Mache ich das für mich oder um niemanden anderen anzustecken? Vor ein paar Wochen hatte ich einen Arzttermin … meine Blutwerte sehen nicht gut aus. Wenn die Lymphozyten noch weiter fallen, wird es grenzwertig. Nicht nachgrübeln … weitertanzen (würde ich wissen, dass ich bald sterbe, würde ich bestimmt nicht jeden Tag noch zur Arbeit fahren und noch die nächsten zwanzig Jahre auf die Rente sparen).
Die Pikes, die ich anhabe, tragen sich gewohnt. Mit dem Getränk von der Bar geholt (nicht unbeobachtet lassen), betrachte auf einen der flachen Tische sitzend die Schuhe der anderen Festivalgäste: ab der zweiten oder der dritten Nacht sind es (fast) nur noch flache Schuhe. Ich hätte auch das ganze Wochenende mit meinen Docs oder den Pikes auskommen können – aber das wäre nicht so schön extravagant gewesen, mit einer riesigen Kiste voller Schuhe passend zu jedem Kleid anzureisen! Die DJs legen diese Nacht elektronisches Zeug auf … das DJ-Kollektiv aus Bielefeld, deren Internet-Streams ich so mag. (Ob sie wieder bis in den nächsten Vormittag durchmachen?)
Noch ein Getränk an der Bar holen, tanzen, die Damentoilette aufsuchen. Den Gedanken, den ich seit den letzten Nächten in mir trage – jetzt noch intensiver von meinem Erlebnis den frühen Nachmittag in der Innenstadt – der BH muss weg! So schön er auch ist … aber er engt mich ein beim Tanzen. Vor dem großen und hell beleuchteten Spiegel und den Waschbecken auf der Damentoilette greife ich nach hinten unter meinen Kaftan und das Spaghettiträgertop, löse die Haken, schiebe erst rechts, dann links die Träger runter – der breit geschnittene Kaftan ist da sehr praktisch – und ziehe den BH mit einem Griff hervor. Ohne mich auszuziehen! Das Beutestück kurz hochhalten und breit schmunzelnd vor dem Spiegel schnell in der Handtasche verschwinden lassen. Zurück auf die Tanzfläche.
Zwei Uhr nochwas … ich muss innerhalb der nächsten 24 Stunden noch schlafen, Autobahn fahren, die erste Wohnung, die zweite Wohnung und dann wieder einschlafen für den nächsten Arbeitstag? Lange bleibe ich nicht die letzte Festivalnacht … auch traditionell. Meine Punkerkutte/Lederjacke an der Garderobe abholen, die Handtasche schultern, die kleine Halle rausgehen nach draußen in die dunkle Nacht. Ein Blick in die Runde der Festivalbesucher vor der Tür, ein zweiter Blick zurück die paar Schritte bis zum Tor des Festivalgeländes an der Straße … ob ich nächstes Jahr hier wieder bin? (Sollte ich es überleben?) Dieses Jahr waren nicht ganz so viele Menschen anwesend. Mit der Straßenbahn und dem Taxi wieder zurück zum Hotel … mein Geld ist alle, ich kann dem Taxifahrer nicht mal ein Trinkgeld geben, meine paar 50 Cent lehnt er dankenderweise ab. (Ende Teil 5/6)

[12.06.22 / 16:04] Sonntag … der vierte Tag, die vierte Nacht … der vierte Morgen? Soviel Bettdecke und zweites Kopfkissen kann ich gar nicht auftürmen, um mich vor dem ekligen Sonnenlicht abzuschirmen. Aufstehen, duschen, das Outfit für den Tag wählen: ich ziehe mein geliebtes, schwarzes Polokleid an, das uralte, das mit der Knopfleiste, das so eng am Busen sitzt, als ob mir gleich der Knopf abspringt – und ich trage meine teure Unterwäsche, die grün-weiß-schwarze mit dem Blumenmotiv (und der BH ist kein Push-up). Es wird heiß den Tag, die Netzstrumpfhose lasse ich weg. Nach dem Bereitmachen den … sehr, sehr späten Mittag, ein Blick in den Ankleidespiegel, die große, schwarze Sonnenbrille und der markante, weiße Flechtgürtel um mein enges, schwarzes Kleid: Heroin Girl geht aus.
Ich bin schon irgendwie (körperlich) fertig, als Schuhe habe ich die hohen Schnürstiefel mit den Absatz und der Militärsohle gewählt, in meiner Handtasche und in meinem Tragebeutel ist alles dabei, was ich den Tag und die Nacht noch brauche – dieses Mal kehre ich nicht vorher den Abend für eine Dusche in das Hotel zurück. Diesen Nachmittag ist ein kleines Filmfestival auf dem Gelände geplant, zwei sehr interessante Filme über die Undergroundszene. Frühstück am Hauptbahnhof (eine bekannte Kaffeehauskette in dem architektonisch bedeutsamen Wartesaal des großen Jugendstilgebäudes) und weiter, wie jeden Tag, in die Südvorstadt.
Ich tingele den frühen Nachmittag von einem Bistro in das andere Kaffee und weiter in das nächste die Straße runter nach Connewitz. Ein syrisches Mittagessen (Manakish und Falafel), ein Latte Macchiato oder Cappuccino und ein Glas Fassbrause. In jedem der drei Lokale sitze ich eine Weile, beobachte das Treiben, lese mein Buch, das ich mit in meinem Stoffbeutel dabei habe. „Vater Goriot“, Balzac. (Ich habe in Paris damit angefangen.)
Die Filmvorführung auf dem kleinen Festival beginnt um 17 Uhr, ich bin weit mehr als überpünktlich. Interessanterweise ist der Teststand für den Virusabstrich am Toreingang noch gar nicht aufgebaut und ich erkenne erst jetzt, wie viel Aufwand das jedes Mal gekostet haben muss. Der kleine Kinosaal, den ich kurz darauf betrete, ist leer. Über einen Beamer und die aufgestellten Stuhlreihen sollen dann die beiden Filme gezeigt werden … mit mir kommt dann nur noch ein Gast. Schade, denn die beiden Filme sind wirklich gut … zwar etwas lang (und unbequem auf den harten Plastestühlen), aber äußerst interessant.
Der erste Film über die griechische Synthesizer-Undergroundszene aus der Frühzeit der Achtziger (und ihrer Entwicklung weiter in den Folgejahrzehnten) – ich fiebere bei jeder Filmszene und Einstellung an den Drehreglern der analogen Synthesizer mit. In meinem Kopf läuft parallel das imaginäre Oszilloskop und ich analysiere geradezu zwanghaft die verschiedensten Klangfarben und Schwingungen. Ich fühle mich ein klein wenig geehrt, als dann von den alten Musikern die junge Szene aus den 2000ern erwähnt wird, die im Internet die ganze Musik wieder ausgegraben hat – ich habe damals vor zehn Jahren wahre Schätze aus den Filehostern gezogen! Ultrarare Vinyl- und Kassettenmitschnitte, digitalisiert als MP3, mit allen Knack- und Störgeräuschen und Brummen und Magnetbandrauschen!
Der zweite Film … über das „Schwester-Festival“, welches in New York stattfand, wo ich immer hin wollte – und welches dann für zwei Jahre (2011 und 2012) nach Berlin umgezogen ist … interessanterweise habe ich dort auch eine von den griechischen Bands gesehen. Aber in dem Film geht es nur um die Festivalausgabe in New York. Bei der kleinen Anekdote, wie eng das allererste Festival im CBGB war, muss ich schmunzeln, der Laden war aber auch klein (das ist jetzt ein Klamottenladen, siehe meinen Trip nach New York 2013 … Jahre später bevor dieser Film, den ich gerade sehe, gedreht wurde).
Ich hoffe, nachdem die Vorstellung vorbei ist, dass die Filme die Nacht noch in Endlosschleife gezeigt werden, es kommen doch noch ein paar interessierte Gäste. Weiter – aus der Tür fallend – zur vierten Festivalnacht.
Mein Make-up trage ich vor dem Spiegel auf der Damentoilette auf, meinen täglichen Test hole ich mir bei dem wiederaufgebauten Zelt am Eingang. Als Abendessen muss wieder eine vegan- oder vegetarische Nudelbox vom Grillstand herhalten (obwohl ich den Tag die Straße runter schon soviel gegessen und getrunken habe). Diesen Abend sind großartige Bands und Künstler angekündigt.
Bereit für die Nacht vor der Konzertbühne in der kleinen Halle. Die beiden ersten Musiker kenne ich schon von den vergangenen zwei Online-Festival-Ausgaben, sie endlich in echt zu sehen, macht mich glücklich. Der erste der beiden singt seine Texte auf deutsch, ich kann jedes Wort verstehen und fühle mit, wenn es um die Ehre der queeren Community geht!
Der zweite Künstler an seinen aufgebauten Synthesizer-Tischen … wie schon in dem Film von vorhin erwähnt: Synthesizer sind nicht alles – sie richtig bedienen zu können und alles mögliche aus ihnen herauszuholen, ist eine „Killer-Kombination!“ Ich stehe in der ersten Reihe, ganz vorne, kann alles sehen, bewege mich zu der Musik – und muss danach gleich den Merchandise-Stand in der Nachbarhalle aufsuchen! Ein Album von ihm habe ich schon, ein zweites dieses schottischen Ausnahmekünstlers kommt jetzt dazu (das mit dem Titel, welcher mir in dem Online-Stream letztes Jahr schon gefallen hat).
Und jetzt die dritte Band … WTF? Die Halle ist voll, gerade zurück von meinem kleinen Einkauf, kann ich nur ganz hinten stehen – aber wenigstens etwas erhöht auf der Treppe vom Eingang runter in die kleine Halle. Die Band kommt aus Italien … denke ich. Viel weiß ich nicht – aber ist das da nicht der alte Sänger oder Performer oder Tänzer von dieser uralten italienischen Punk-Legende? Entweder ist er betrunken, auf Drogen, hatte mal einen Schlaganfall oder es ist einfach nur pure Absicht und legendär. In etwa so muss ich mir die Konzerte von ihm in den Achtzigern irgendwo in den schäbigsten Clubs und Kaschemmen norditalienischer Industriestädte vorstellen? „Wow!“
Weiter die Nacht, so abgefuckt wie er, kann ich nicht mehr werden, das war noch eine Spur härter als der Drummer von der einen Band den ersten Abend. Wieder zurück in die Verkaufshalle, an dem Stand von dem einen Plattenlabel vom Abend zuvor, weiter obskures Zeug kaufen. Die eine Platte von der einen Band, die ich gestern schon herausgezogen habe, deren Cover mich nur irritiert hatte: „Ach so … die zweite LP ist mit einer ‚I‘ gekennzeichnet?“ (Sehr verwirrend.) Und weiter zurück zu der ersten Halle, meine Einkäufe in meinem wieder leergeräumten Stoffbeutel an der Garderobe auslagern … mitsamt der Hälfte des Inhalts meiner Handtasche: „Muss mal etwas Gewicht auslagern.“ Befreit von dem Ballast, zurück auf die Tanzfläche.
Die Stiefeletten die ich trage, die mit dem hohen Blockabsatz – ich spüre schon gar nicht mehr, dass ich überhaupt Absätze trage – ich kann damit sogar bequem tanzen. Meine Flasche Koffein-Getränk stelle ich hier und da mal ab und bewege mich zwischen den bunten Lichtern zu der Musik. Habe ich die Nächte davor noch meinen Schatten im Strobo-Gewitter vermisst, so komme ich jetzt wieder mehr zurück aus meiner innerlichen Migration der letzten zwei Jahre. Ich bin sogar so zutraulich und entspannt … ich lasse ja wirklich sehr weit mein Getränk unbeobachtet zurück. (Tatsächlich habe ich es sogar mal in der anderen Halle stehen gelassen!)
Hintergrund: Es wurde nachträglich bekannt, dass genau in dieser Nacht auf dieser Party K.-o.-Tropfen verteilt wurden. Schlimm, und diese Szene ist für mich immer wie eine kleine Familie, wo niemand jemand irgendetwas dieser Art antun könnte. Das hat mich doch Tage später, als ich diese Nachricht gelesen habe, zutiefst erschüttert.
Zurück in diese Nacht, mir ist nichts passiert, aber mein Getränk von irgendwo wieder hervorzuholen: „Wird schon meins sein“, das sollte ich so nicht mehr machen. Wieder drei oder vier Uhr nochwas, meinen schwarzen Wollponcho überwerfen und die Straßenbahn-Taxi-Kombination zurück zu meinem Hotel ansteuern.
Jede Nacht blicke ich auf mein Smartphone, jede Nacht in der Menge zwischen den tanzenden Menschen schaue ich nach, ob er mir wieder eine Nachricht geschrieben hat. Das Display des Telefons bleibt stumm … nichts von ihm. (Ende Teil 4/6)

[12.06.22 / 16:03] Sonnabend … Hippie Girl geht aus. Ich trage ein komplett neues Outfit: mein grünes Tunika-Kleid aus Paris, der geflochtene, weiße Ledergürtel um die Taille und meine neuen schwarzen Plateau-Pumps – nur das Festivalbändchen am Handgelenk und die schwarze Netzstrumpfhose lässt noch erahnen, dass ich zu einem Gothic-Festival gehöre. Die Tage vorher alles akribisch geplant, die Sachen ausgewählt, anprobiert, dem vorhergesagten Wetter entsprechend eingepackt (nass, kalt, trocken, heiß, Gewitter, Sturm und Sonne – irgendwie wird es schon passen). Die Sonne scheint … noch. Trocken genug für die Wildleder-Pumps und die Tunika (mit Unterkleid).
Zu Fuß, wie jeden Mittag, zur Straßenbahnhaltestelle, irgendwo ein Frühstück organisieren. Das Fenster im Erdgeschoss bei meinem Ex-Freund ist jetzt geschlossen, es war die letzten zwei Tage angekippt (es muss jemand in der Wohnung sein). Weiter zu dem Bäcker/Frühstückskaffee in der Nähe meiner alten Wohnung, gab es dort den Mittag zuvor nur belegte Brötchen, sind jetzt wenigstens noch Croissants übrig. Leute schauen, Kaffee trinken, Mädchen in hübschen Sommerkleidern.
Diesen Tag habe ich nicht wirklich einen Plan, was könnte ich in Leipzig machen? Wie könnte ich die Zeit bis zum Abend rumkriegen? Ich fahre in die Südvorstadt, die Gegend die ich kenne, die Stelle und die Straße mit den ganzen Kneipen, Restaurants und Szeneläden. Mit dabei neben meiner Handtasche: der schwarze Beutel mit nützlichem Zeug, eine Flasche Wasser, ein Halstuch, ein Buch. Eins zum Lesen.
Am Südplatz, wo ich aussteigen möchte, erkenne ich schon von der Tram aus einen kleinen Flohmarkt mit Ständen mit gebrauchten Kleidern – den sehe ich mir an. Wenig später streife ich durch die Menge und suche in den Kleiderbügeln und Tischen nach einer gebrauchten Lederleggings oder -hose. Der Gedanke, mir wieder so etwas zuzulegen, lässt mich weiterhin nicht los. Zwei Exemplare sehe ich in dem Innenhof mit den Ständen, aber anprobieren muss ich sie nicht, ich kann schon erkennen, dass sie mir nicht passen werden, zu groß und zu viel Hüfte (ich bleibe bei meiner alten Lederhose zu Hause, auch wenn ich sie als Mann getragen habe, ich muss sie nur wieder aufbereiten).
In dem Innenhof – der Charme der Leipziger Südvorstadt – entdecke ich einen Plattenladen. Eigentlich wollte ich in den anderen Laden mit den gebrauchten Kleidungsstücken (was ich danach auch noch tue, aber nichts finde) – aber diesen Plattenladen muss ich betreten.
Kisten mit Vinyl abgrasen, alphabetisch und nach Genre sortiert. Zwei Scheiben fallen mir auf … „Wow!“ Das ich die hier finde? Und habe ich nicht die eine Platte schon? Sehr von Vorteil, dass ich meine Plattensammlung online gestellt habe und jederzeit und immer überall einen Zugriff darauf habe. Tatsächlich habe ich diese Platte dieser belgischen Post-Punk-Band aus den frühen Achtzigern schon – eine rare und sehr begehrte EP (diese hier in dem Laden ist sogar noch in einem besseren Zustand, als meine vom Flohmarkt) – aber in meinen schwarzen Stoffbeutel (den ich dazu wieder frei räume) wandert die andere Schallplatte. Post Punk und Wave von den britischen Inseln, die erste LP dieser Band von 1980 – die habe ich noch nicht und suche die schon seit ewig. Der Verkäufer versichert mir den exzellenten Zustand (ich hoffe, dass sie abspielbar ist, als Raubkopie der sehr seltenen CD-Variante liegt diese Musik schon seit bestimmt 15 Jahren auf meiner Festplatte). Weiter in die Kneipengegend daneben.
„Oh …“, jetzt wird es kritisch! (Der Kuchen von gestern?) Weit komme ich nicht, der nächste Pub ist meiner. „Habt ihr eine Toilette? Ich bestelle danach auch was.“ Zum Glück ist die rettende Porzellanschüssel nicht weit, als Gegenleistung setze ich mich danach an einen Außentisch und bestelle eine große Portion Fish 'n' Chips mit Essig … und Apfel-Mayo-Quark? (Das Zeug, das sonst zu Hering serviert wird).
Zeit vertrödeln, mein Buch lesen, einen Kaffee bestellen. Die Rechnung bezahlen, in die nächste Straßenbahn steigen und wieder zurück zum Hotel … theoretisch. Die zwei Nächte davor habe ich am Connewitzer Kreuz schon die aufgeklebten Plakate gesehen – eine Demo. Die Straßenbahn fährt nicht. Auf dem Laufband erscheint die Meldung warum: „Wegen einer Veranstaltung ist diese Station vorübergehend nicht anfahrbar, bitte woanders einsteigen.“ Ich muss das ganze Stück in Richtung Leipziger Innenstadt wieder zu Fuß latschen – in meinen neuen und ultrahohen Plateau-Pumps! Ich bin schon ganz angepisst, als ich die Rufe höre. Polizei überall, auf einmal keine Autos, keine Fußgänger, keine anderen irgendwas … gespenstisch – der schwarze Block demonstriert. Eine kleine, kompakte und Respekt einflößende Truppe schwarzvermummter Menschen in Kapuzenpullovern. (Im Nachhinein betrachtet, hätte ich hier nicht langgehen sollen, das ist keine Demo in der man/frau sich einreihen kann, die seitlichen Transparente dienen dem Eigenschutz vor der als feindlich betrachteten Polizeieskorte). Ich bin falsch gekleidet, heute in den Farben für das Team „Grün-Weiß“. Weiter zur nächstmöglichen Straßenbahnhaltestelle – die jetzt wieder angefahren wird – und zurück zum Hotel.
Diesen Abend spielen vielleicht ein paar ganz interessante Synth-Wave-Bands? Was zum Tanzen? Ich wechsele von meinen Plateau-Pumps mit den Absätzen auf meine flachen Schnürstiefel. Dusche, Make-up, Chanel, Covid-19-Schnelltest (den dritten, den ich dabei habe). Es scheint draußen trocken zu bleiben, die Lederjacke lasse ich wie letzte Nacht in der Schrankgarderobe hängen und wähle stattdessen meinen kuschelweichen, schwarzen Cashmere-Poncho – passt super zu der Tunika. Alles in die Handtasche werfen, die Kommode abräumen … ich werde den dritten Abend routiniert. Zu Fuß mit der untergehenden Sonne und der anbrechenden Nacht zu dem kleinen Festival. Ich gehe zwar weiterhin an dem gewissen Hauseingang vorbei, aber ich werfe keinen Blick mehr auf das Fenster.
Sonnabend Abend, der dritte Festivaltag, die drei Bands auf dem Flyer versprechen viel, kennen tue ich sie noch nicht, aber die Veranstalterin dieses Abends hat einen ganz interessanten Musikgeschmack. Die gebuchten Bands enttäuschen mich nicht: französischer Synth-Punk, ein niederländisches Synth-Ensemble (sehr abwechslungsreich und tanzbar) und eine Band mit äußerst aufwendigen Latex-Masken … bizarr. Das ist so Underground!
Auch diese Nacht nutze ich die Möglichkeit des zweiten Tests, bin aber nicht so konsequent und schon vor dem Ergebnis in der Konzerthalle, mein Getränk an der Bar holen. Die zweite große Halle, der Markt – ein Plattenlabel, das ich kenne und schon davon ein paar Sachen habe, hat dort einen kleinen Stand aufgebaut. Noch eine Schallplatte kaufen? Ich komme mit dem Plattenhändler/Labelbesitzer (?) ins Gespräch. Von den vielen neuen Bands kenne ich gar keine, ich fixiere mich sonst nur auf meine alten Helden aus den frühen Achtzigern. Er gibt mir einen Sampler mit, um die neuen Bands kennenzulernen – und die CD, die ich entdeckt habe, von der einen Band (ihr neues Album), die seit geraumer Zeit in meinem Autoradio hoch und runter läuft (die, die sich nach einer U-Bahn-Station in Paris benannt hat). Ich hätte ihn vielleicht fragen sollen, wie viel das kostet, einen von meinen Tracks mal professionell mastern zu lassen (kann ja nicht alles Schrott von mir sein bzw. meine Träume, ganz groß rauszukommen). Weiter die Nacht zu der anderen, großen Tanzfläche, beim Pendeln hin und her, werde ich wieder einen Blick in die Plattenkisten werfen.
Auf der großen Tanzfläche legt das DJ-Team von Paris auf, bekannt aus den Online-Streams der letzten beiden Jahre. Ich habe meinen Plan: Tanzen, ein oder zwei Koffeinhaltige Getränke – und danach nur noch Wasser. Da die Bands gefühlt bis nach Mitternacht spielen, verschiebt sich meine Regel, kein Koffein nach null Uhr zu trinken, weit nach hinten. Ich schlafe kaum noch eine Nacht bzw. einen sonnigen Morgen mehr als fünf Stunden … so sehr ich mich auch kaputt tanze. Flyer sammeln, die Damenklos aufsuchen, mit viel Glück die Flüssigkeit (verdammtes Harn-treibendes Mate-Getränk) noch vor dem Aufbruch wieder rauslassen (es wird schon wieder kritisch mit der Rückkehr ins Hotel).
Es wird kühl, mein Poncho schmiegt sich angenehm an meinen Oberkörper. Ich stehe gegen drei oder vier Uhr den Morgen an der Straßenbahnhaltestelle am Connewitzer Kreuz. Die Linie 11 fährt das ganze Gothic-Wochenende die ganze Nacht. Nur am Hauptbahnhof muss ich wieder in ein Taxi Richtung Norden umsteigen. Die Taxifahrer wissen nicht, dass ich hier vor nicht allzu langer Zeit mal gewohnt habe und mit meinem Auto die Wochenendnächte immer zwischen den Clubs im Süden und meiner Wohnung im Norden hin und her gefahren bin. Ich kenne die Strecke ganz genau … und keiner der Taxifahrer bescheißt mich oder dreht eine extra Runde, sie sind alle ehrliche Menschen und geben sich die größte Mühe, die kürzeste Strecke in noch viel kürzerer Zeit mich in mein Hotel zu kutschieren. Einige sind auch sehr interessiert an der schwarzen Szene und stellen Fragen.
Im Hotel angekommen, umziehen, ausziehen, Make-up entfernen (nur schwarzer Kajal und Mascara) und mein sonnenlichtempfindliches Gesicht dick eincremen … mit einer Tube Aloe-Vera-Gel aus der Apotheke. (Ende Teil 3/6)

[12.06.22 / 16:02] Freitag, der erste eigentlich richtige Tag des Gothic-Wochenendfestivals zu Pfingsten in Leipzig. „Sind die Gotik-Menschen böse Menschen?“ Machen wir den Kindern Angst? Nicht alle Hotelgäste und Leipzig-fremde Besucher können mit uns was anfangen. Outfit für den Tag, als ich das Hotel verlasse: mein langes, schwarzes, traditionelles Kleid und die viktorianischen Stiefeletten – ich will den frühen Nachmittag zu dem viktorianischen Picknick im Stadtpark! Da war ich noch nie (mal abgesehen von dem allerersten Picknick von vor zig Jahren, damals noch am Parkschlösschen in der Nähe der Agra, als ich noch zum Strom des „WGT“ gehörte). Mein schwarzes Kleid kombiniere ich mit einer Perlenkette aus dem Erbnachlass eines geliebten Menschen, und mit meinem schwarzen Schlapphut mit breiter Krempe. Letzter Blick in den Spiegel, den Moment darauf den Hotelflur runter – Gotik Girl geht aus.
Mit der Straßenbahn unterwegs, halte ich den Mittag für ein Frühstück und zum Kuchen kaufen (sehr wichtig) bei dem Bäcker an der Straßenecke in der Nähe meiner alten Dachgeschosswohnung in dem Viertel von Leipzig. Den Besuch dieses Bäckers (eigentlich ein Kaffee) habe ich mir ganz besonders vorgenommen, in meinen schwarzen Stoffbeutel für das Picknick wandert ein Stück saisonaler Rhabarberkuchen und ein Stück „Eierschecke“ (was ich immer in Leipzig kaufe). Mit der Straßenbahn weiter zum Clara-Zetkin-Park (ich mag dieses Land).
Unterwegs begegnen mir schon viele Gestalten in besonderen Gewändern, einfach dem Tross folgen, eine Wiese in dem Park tut sich auf. „Oh, wie hübsch!“ Ein schönes Wetter, mein empfindliches Gesicht durch den Schattenwurf meines breiten Hutes geschützt, bewundere ich die grüne Parkanlage mit den Gewässern und Teichen, sowie die illustren Gäste. Es dauert eine Weile – „Hallo Baum, wie geht es dir?“ – bis auch ich einen Sitzplatz in der Nähe und im Schatten des Ufers finde und meinen Kuchen vorbereite.
„Oje, der Kuchen ist hin!“ Die zwei Stück haben die Tortur in meiner Tragetasche doch nicht so gut überstanden, wie erhofft. (Und eine Dose Fertigkaffee für das Picknick habe ich beim Umstieg in der Kaufhalle am Hauptbahnhof auch nicht finden können.) Ich nehme meine extra mit eingesteckte Kuchengabel und will das erste Stück probieren, als mir alles wieder vom Schoss rutscht und auf den gepflasterten Boden fällt.
„Verdammte Scheiße!“
Laut fluchend und in meiner tiefsten, männlichen Stimmlage zurückfallend, wechsele ich schnell wieder meine Rolle und benehme mich meinem damenhaften Outfit entsprechend.
„Ach das geht noch, das kann man noch essen!“
Um nichts in der Welt gebe ich meinen extra gekauften Kuchen auf. Sie sind auf die richtige Seite gefallen, beide Stücke kann ich etwas abbürsten und abpusten, bevor ich sie genüsslich verspeise. Ich muss einen äußerst robusten Magen haben. (So schmutzig waren die jetzt nun wirklich nicht.)

Viktorianisches Picknick, Leipzig / Pfingsten 2022
Die Sonne wird wärmer, die Menschenmengen und die bunten Leipziger Besucher (ja, auch die Kameradichte) nehmen zu, nach 15 oder 16 Uhr und einem „Premium Eis“ wird es mir zu unangenehm und ich verschwinde wieder. Mit der Straßenbahn zurück in die Innenstadt.
Meine Kunstlederleggings von letzter Nacht ist hin, sie löst sich in ihre Bestandteile auf, das passiert mit Kunstleder. In meinem Stammkaufhaus am Markt finde ich keine sauteure Echtlederleggings, ich hätte für dieses Stück Fetzen von einem echten, toten Tier auch ein Vermögen bezahlt (mein ganzes Netto-Monatseinkommen?), ich sollte mich wieder besinnen, ich habe immer noch meine alte Lederhose im Schrank, die ich nicht wegwerfe, genauso wie meine Lederhandtasche – die wird getragen, bis sie auseinanderfällt. Kurz Abendessen in einer der beiden Pizzerien in der Innenstadt (hier waren mal mehr?) und wieder zurück zum Hotel (Schuhe wechseln).
Die Wohnung von meinem Ex-Freund, sein Familienname steht immer noch auf dem Klingelschild, das Fenster ist angekippt. Hatte er die Wohnung nicht mal weitervermietet? Ich fange an, ihn gefährlich zu stalken. Ohne weiteren Verdacht, schnell weitergehen.
Dusche im Hotel, Make-up auftragen, Parfüm auffrischen, absatzlose Doc Martens zum Kleid tragen. Die wertvolle Perlenkette wird gegen die Silberkette mit dem grünen Anhänger umgetauscht. Und nach etwas Ausruhen (ich habe die Nacht davor nicht viel geschlafen, ungewohntes Kopfkissen), wieder mit der Straßenbahn Richtung Connewitz, zu dem kleinen Festival.
Ich bin spät … zu lange auf dem Bett geschlafen. Kein Stress, ich bin nur bei dem kleinen Festival, nur eine Location, nur drei Bands die Nacht, ich muss sie nicht alle sehen.
Mein Test am Eingang ist wieder negativ, die erste Band spielt schon, diese Nacht Deathrock, Punk, Batcave, gitarrenlastiges Zeug … Schrammelgitarren. Und obszöne Outfits. Passe ich in meinem viktorianischen Kleid hier noch rein? Die ersten Titel der nach den Konzerten auflegenden DJs katapultieren mich sofort zwanzig Jahre zurück! Meine Punkphase. Deep Eynde und 45 Grave – „Yeah!“ Unter meinem Kleid blitzt die Netzstrumpfhose.
Die andere, große Halle der Location ist auch offen, hier wieder mit einem kleinen Markt (wirklich sehr klein) und der zweiten Tanzfläche. Ich bleibe bei der von der ersten Halle, bestelle ein Getränk, esse draußen mal was (leider nicht so vegetarisch/vegan, da war das Shakshuka aus dem kleinen Restaurant von letzter Nacht besser). Ich bin ziemlich müde … und gehe doch erst gegen drei Uhr nach dem ausgiebigen Tanzen.
Straßenbahn Richtung Hauptbahnhof, Taxi Richtung Norden zum Hotel, ehe ich in dem Zimmer im Bad alles Make-up und die Klamotten entfernt habe, geht auch schon wieder die Sonne auf. Ungünstigerweise hat das Zimmer Ostseite, die dunklen Vorhänge könnten noch etwas dunkler sein. (Ende Teil 2/6)

[12.06.22 / 16:01] Pfingsten, Leipzig, endlich wieder unterwegs – ich reise mit meinem Auto schon donnerstags an (extra zwei Tage Urlaub genommen, Freitag und Dienstag). Den Kofferraum und den Beifahrersitz voller Klamotten, Koffer und Tragetaschen. Welche Schuhe ziehe ich denn zu den Kleidern an? Jeden der fünf Tage ein anderes Outfit – egal, ich nehme einfach alle Schuhe mit! Dieses Mal habe ich es übertrieben und packe die vier Paar Stiefeletten und die neuen Plateau-Pumps in einen aufklappbaren, großen Einkaufskorb neben mir auf den Beifahrersitz … Kofferraum war schon voll. Auf der Autobahn die Harzroute Richtung Leipzig … ich fahre von meiner Zweitwohnung aus und musste ja unbedingt noch einen halben Tag arbeiten (nachträglich gesehen, doch zu viel Stress).
Nach einem Zwischenstopp mit einer Tasse Kaffee an der Raststätte kurz vor Halle, Ankunft in Leipzig den Donnerstag Nachmittag, das Hotel im Norden, genau das in der Nähe der alten Wohnung von meinem Ex-Freund. „Ich hatte hier vor ein paar Jahren schon mal ein Zimmer, wegen einer Affäre mit einem Mann aus einem anderen Kulturkreis.“ Das Hotel hat sich nicht sehr verändert, alles wie gewohnt, zum Schlafen reicht es. Es dauert eine Weile, bis ich nach dem Check-in alles aus dem Auto vom Hotelparkplatz in mein Zimmer bringe. Die Schränke einräumen, eine Dusche nehmen, Make-up und Chanel auftragen. Das Outfit für die Nacht? Die schwarze Designer-Leggings und das Top mit den langen Ärmeln in Spitze – und die Pikes in Kombination mit der schwarzen Lederjacke und dem Nietengürtel. Punk Girl geht aus.
Der Fußmarsch zur Straßenbahnhaltestelle geht an dem Hauseingang, den Fenstern und der Wohnung im Erdgeschoss von ihm vorbei, ich habe ihm tatsächlich wieder eine Nachricht geschrieben, ob wir uns nicht mal auf einen Kaffee treffen können … ob er hier noch wohnt? Weiter zur Haltestelle, hier gibt es keinen Automaten, das von der Regierung zur Energiekrise aufgelegte 9-Euro-Ticket – mit dem ich das ganze erste Juniwochenende Straßenbahn fahren will, finde ich erst am Hauptbahnhof, mit der Tram weiter Richtung Connewitzer Kreuz.
Da bin ich wieder, wie sehr habe ich es vermisst! Zwei Jahre aussetzen und nur Online-Streams, das „Gothic Pogo Festival“ zu Pfingsten – die Veranstalter dieses kleinen Festivals haben sogar ein Testzelt organisiert, ich selbst habe genug Selbsttests für alle Tage eingepackt (= auf Arbeit geschnorrt), dieses nette Extra nach den langen zwei Jahren Viruspandemie nutze ich gerne, kann nicht schaden, noch einen zweiten professionellen Test vor Ort zu machen. Die Registrierung, der Abstrich, kurz warten … alles negativ und weiter in die kleine Halle mit der Disconacht. Einlass 22 Uhr, ich bin überpünktlich (und esse vorher noch etwas Israelisches).
Diesen Abend nur eine angekündigte Band – aber die muss ich unbedingt sehen! Die letzten zwei Jahre nur am Bildschirm bewundert, geht mir der Song mit „der Tasse Kaffee“ nicht mehr aus dem Kopf und ich muss ihn jeden Morgen die paar Schritte zur Küche und meinem Kaffeeautomaten vor mich hinsingen: „Eine Tasse Kaffee, das wär' aber fein …“ (Danke, dass ihr mein zuletzt tristes Leben so bereichert habt.)
Die Band lockert meine Stimmung auf, so ganz euphorisch bin ich dann aber doch nicht, die letzten zwei Jahre Isolation und die geliebten Menschen, die von uns gegangen sind, haben doch mehr seelische Narben hinterlassen, als wir noch gar nicht ahnen können. Tanzen, Getränk an der Bar holen, wieder das Leben von vorher einholen (eigentlich unmöglich). Ich bleibe bis zwei Uhr, bevor ich ein Taxi zurück zum Hotel nehme. (Ende Teil 1/6)

[14.05.22 / 20:10] Zurück die Nacht aus Leipzig. Ein kleines Konzert mit drei Bands, als Probelauf für das kommende Gothic-Wochenende in drei Wochen an Pfingsten. Ich stehe zwischen den Auftritten den dunkel werdenden Abend draußen vor dem kleinen Club, mein Blick schweift auf die andere Straßenseite quer über die Kreuzung mit den alten Fabrikgebäuden im Westen von Leipzig … ich war hier schon einmal? Hier hat alles angefangen, da drüben habe ich mal mein altes Auto geparkt, Pfingsten 2003 – vor 19 Jahren. Ich war noch richtig jung, neu in der schwarzen Szene, unverbraucht … und wurde beim Aussteigen aus meinem Auto von einer vermeintlichen Transfrau angequatscht (die Stimme), ob ich: „Mal 'ne Zigrette habe.“
Ach so? Das geht? Ich kann einfach mit einem schwarzen Röckchen nachts auf die Straße gehen, Ausgehen, in Clubs Tanzen gehen – als Frau? Danke für den Mut, den du mir damit gegeben hast (und leider nein, ich bin Nichtraucher).
Viele, viele Jahre später, in der Jetzt-Zeit – ich stehe den frühen Freitag Abend noch vor dem Spiegel und will mal wieder so richtig dick Kajal auftragen, so dunkel und tiefschwarz, wie schon lange nicht mehr. Outfit für die Nacht: das neue schwarze Oberteil für ein paar Euro mit dem tiefen Ausschnitt, kurz geschnitten und fast bauchfrei, passend zum dem ultrakurzen Leder-Mini, der ebenso oben herum auf Bauchnabelhöhe abschließt. Die Leggings, die Stiefel, die ich auch in Paris anhatte (frisch abgebürstet und vom Kiesstaub des Jardin befreit) … und die dichte Chanel-Wolke um mich herum.

Nicht wenige Stunden später um 3 Uhr nachts stehe ich schon wieder zurück vor dem Spiegel in meinem Badezimmer, das Make-up entfernen. Die Nacht auf der Autobahn verbracht, Impressionen aus dem kleinen Konzert in Leipzig gesammelt. Eine junge Frau hat mich angesprochen, ob ich auch alleine da bin. Antwort: „Ich bin eigentlich immer alleine.“ Für einen kurzen Moment dringt jemand in meine autistische Blase ein. Schweigen. Weggucken. Den klaren Himmel anstarren … ich habe hier mal vor ein paar Jahren (noch so ein anderes Fabrikgebäude mit Underground-Konzerten) in der Abenddämmerung ein Schwarm Fledermäuse beobachtet. Die einzigen Lebewesen, mit denen ich mich sonst unterhalte, sind Spinnen, die sich unerwartet kurz vor meinem Gesicht abseilen oder irgendwo anders an meinem Körper herumkrabbeln, welche ich dann behutsam auf einen anderen Weg lenke. Mit Menschen kann ich nichts anfangen.

Vielleicht sollte ich mich irgendwie zu erkennen geben? Ein Sticker oder eine Plakette mit dem Hinweis: „Autist Bubble“ an mir anbringen? Um solche Situationen und Missverständnisse zu vermeiden. Bitte nicht ansprechen – und wenn doch, bitte nicht irritiert sein, wenn ich außer ein paar wenige Wörter keine weitere Reaktion zeige und meine Augen überall anders wohin zeigen, nur nicht in die Richtung dieser Konversation. Ich bin so … war schon immer so.

Kurz vor 3 Uhr nachts, schnell noch eine Fotoserie vor dem Abschminken machen … nur authentisch mit den Zahnpastaflecken am Badezimmerspiegel – als künstlerisch wertvoller Bokeh-Effekt!

[12.05.22 / 21:37] Diese Situation hatte ich noch nie, mich (theoretisch) zwischen mehreren Stellenangeboten zu entscheiden. Ich dachte, ich bin wieder jahrelang arbeitslos – und jetzt, gerade mal sechs Wochen später, schon die nächste Unterschrift auf einen Arbeitsvertrag? Die, die ich hingehalten habe, haben sich wieder zurückgezogen (den Bogen überspannt), die eine Firma, bei der ich demnächst anheuere (die, die mich mit Schokolade geködert haben), konnte ich noch zu etwas mehr Gehalt überreden (und es ist immer noch weit unter dem, was als „statistischer Durchschnitt“ gilt). Und die andere Firma, bei der ich zuletzt noch ein ziemlich gutes Bewerbungsgespräch hatte – nachdem ich bei der einen Firma schon unterschrieben habe? Ghosting … (Aber das wäre nicht nett.)

Es bleibt, wie es ist. Die neue Firma sitzt in Braunschweig, ich fahre von meiner Zweitwohnung in SZ-XXX nur zehn Minuten und die Branche ist auch dieselbe (in unmittelbarer Entfernung zu dem anderen, großen, namenlosen, deutschen Konzern, der nicht mehr an mich geglaubt hatte).

Das kommende Monatsgehalt ist schon für die nächsten elf Monate verplant … und geht wieder zur Hälfte in mein aggressives Aktieninvestment! Nächster Meilenstein: „Die oberen 30-Prozent.“

[11.05.22 / 20:14] Shoe Unboxing (und Eintragen) – Kurz vor meiner Paris-Reise angekommen, trage ich jetzt jeden Abend auf der Couch meine neuen italienischen Velourleder-Plateaupumps … um sie auf meine breiten Füße zu weiten. Größe „40,5“ – endlich mal eine Zwischengröße. In meinen anderen schwarzen Pumps in der Größe „41“ (die nie offene Straße gesehen haben) rutsche ich hinten immer raus und in die bisher ungetragenen Leo-Pumps in der Größe „40“ traue ich mich nicht rein, in schmerzhafter Sorge um meine „Problemfüße“.
Diese neuen Pumps sind dazu da, sie jeden möglichen Tag zu tragen, daher das Weiten und das noch kommende Einlaufen. Ob ich damit für Pfingsten schon bereit bin? Ich muss noch die passenden schwarzen Kleider aus meinem großen Schrank dafür heraussuchen … für das „aristokratische“ Outfit zum „Flanieren“ im Park.

[07.05.22 / 18:26] Endlich wieder 'ne Runde „schüsseln“ – 22 Kilometer durch den Wald geradeaus, bis zur nächsten Tanke, und wieder zurück. Ich bin noch ganz tüddelig unterwegs, die ersten Kilometer nach der Tankstelle mit offenen Helm im „GI-Modus“ – Huch, ich habe vergessen, meinen Helm am Kinn zu verschließen. (Nicht das einzige, die Kombi flattert auch mit offenen Reißverschluss rings um die Taille.)
Das Benzin im halbleeren Tank gammelte schon anderthalb Jahre vor sich hin, das Motorrad stand auch anderthalb Jahre in der Garage, die alte Batterie war schon letztes Jahr tot (die neue lag bereits ein halbes Jahr bei mir rum). Eine ganze Saison ausgesetzt … kann ich es noch? Das Selbstvertrauen steigt mit schnurrendem Motor mit dem frischen Benzin und zurückkommender Routine, mit einer guten Figur auf dem Sattel gepflegt geradeauszufahren. Nächste Tour dann mit leichten Kurven (es darf nur nicht regnen, die einseitig abgefahrenen Reifen sollten dringend bei der nächsten Untersuchung gewechselt werden).

In zwei Wochen muss ich wieder topfit sein, da ist das nächste Bikertreffen (das erste nach zwei Jahren).

[28.04.22 / 23:03] Zurück in Deutschland, dem Land des schlechten Geschmacks (zur Verteidigung: nur die eine Hälfte ist so, die andere Hälfte, wie ich, lebt eine modisch schlichte und unauffällige Tristesse). Mit dem Schnellzug den Tag die vielen hundert Kilometer und Stunden zurück über die Landesgrenze. Der Algorithmus für die Sitzplatzreservierung arbeitet gegen mich und hat für die (fast*) gesamte Reise, hin und zurück, die Plätze in den Baby- und Kinderwagons gebucht. Egal wo du sitzt oder fährst, egal welcher Wagon – es ist immer vor, neben oder hinter dir ein Plärrkind an Bord. Notiz an mich: bessere Kopfhörer kaufen, mit Geräuschunterdrückungsfunktion.
Den Abend zu Hause, alles auspacken, die neu gekauften Sachen auf Kleiderbügeln in meinem Zimmer verteilen. Ein Mantel, ein Kleid, ein T-Shirt und eine Flasche sauteure Lavendelhaarwäsche von meiner französischen Naturkosmetik-Hausmarke (ich konnte nicht widerstehen). Und die beiden Kühlschrankmagneten mit impressionistischen Kunstmotiven als Souvenir.
Ich habe immer noch nicht alles von Paris gesehen, ich war immer noch nicht auf dem Champs-Élysées und ich muss da wieder zurück … nicht unbedingt wegen der Sehenswürdigkeiten oder der Einkaufstempel – vielleicht eher wegen dem Flair, sich einfach dort in ein Café zu setzen, ein Buch zu lesen, ein Glas Wein zu trinken, sich einfach treiben zu lassen, die Atmosphäre aufzufangen. Bohème als Lebenskultur. So wie der Entstehungsprozess dieser Texte, gekritzelt auf Papier, spät abends auf dem Bett sitzend in einem winzigen Hotelzimmer irgendwo im 10. Pariser Arrondissement, nur beleuchtet durch den Schein einer direkt vor dem schmalen Fenster draußen angebrachten Straßenlaterne, deren Licht auf das einen halben Meter entfernte Bett zum Schlafen nur durch die schweren Vorhänge konstruktiv abgemildert werden kann.

(*) Fast die gesamte Zugreise, das letzte Teilstück ein Sitzplatz im Ruhebereich mit konzentriert an ihren Laptops sitzenden Fahrgästen. Ich zücke auch mein Smartphone, tippe E-Mails, beantworte Nachrichten. Die Telefonanrufe der Recruiter der letzten Tage habe ich weggedrückt oder stummgeschaltet oder war komplett offline – ich muss es denen ja nicht gleich unter die Nase binden, bzw. damit angeben: „Ich bin gerade Einkaufen in Paris!“ Im Gegensatz zu meinen anderen langzeitarbeitslosen Zwischenjahren hätte ich schon wieder ein paar Angebote, ich müsste nur noch den Stift für die Vertragsunterzeichnung hervorholen, zögere aber noch und pokere auf Risiko (die Hinhaltetaktik und mehr Gehalt aushandeln). Ich muss und sollte noch ein paar Jahre arbeiten (bevor ich komplett aussteige). Der Luxus will finanziert werden.

[27.04.22 / 23:54] Louvre – Teil Zwei. Nach dem Frühstück im Hotel, mit der Metro zu einer der beiden Haltestellen in der Nähe des Museumskomplexes und der markanten Glaspyramide in der Mitte. Ich versuche die Stelle und die Perspektive zu finden, an der ich bei meiner ersten Tour schon stand, um später die Fotos zu vergleichen. „Vorher-Nachher.“

Pyramide du Louvre, 2022 vs 2011
Die Touristenströme sind nicht weniger geworden, eher mehr, und die Absperrlinien für die Warteschlangen draußen auf dem Innenhof vor dem Eingang, gefühlt noch länger. Wir haben Tickets mit dem Einlass um 11:00 Uhr reserviert und stellen uns in die entsprechende Schlange. „Fast Lane.“ (Tatsächlich geht es recht zügig.)
Unten im Eingangsbereich unterhalb der Glaspyramide angekommen. Erstes Orientieren, Garderobe mit Schließfächern suchen, den Übersichtsplan (ein Faltblatt) organisieren, den Rundgang für die nächsten Stunden planen: „Mehr als drei Teilbereiche schaffst du nicht entspannt an einem Tag!“ Aus mir spricht die erfahrene Louvre-Veteranin. Der Bereich mit den alten Gemächern und Interieur der Könige und hier residierten Herrscher deckt sich mit dem Besichtigungswunsch meiner Begleitung, den Teil musste ich bei meinem letzten (und ersten) Besuch auslassen. Doch zuerst der Rundgang durch den historischen Kern und der Ausstellung mit der Historie des Louvre – ich wusste gar nicht, dass das mal eine alte Festung aus dem Mittelalter war.
Weiter zu dem Trakt mit den Gemächern der herrschenden Klasse, dass genau an dem Wochentag einige Säle wegen Umbauten geschlossen sind, fällt gar nicht auf, allein dieser Flügel ist genauso gigantisch und eine Aneinanderreihung unzähliger Zimmer und Räume, wie die anderen Teilbereiche dieses riesigen Bauwerks. Vollgestopft mit haufenweise prunkvollen Luxus-Mobiliar. Der Salon Napoléon des III wirkt besonders beeindruckend. „Ja, der hat Stil.“
Weitere Stunden später, den frühen Nachmittag, der dritte Besichtigungswunsch – die Ausstellung mit der islamischen Kunst aus dem Mittelalter und der weiteren Jahrhunderte. Um in diesen Museumsteil zu kommen, müssen wir die Touristenmassen kreuzen, die nur hier sind, um die „Highlights“ zu sehen (mindestens die „Mona Lisa“). Den Teil hatte ich schon, alle Gemäldegalerien, alle antiken Statuen und der ägyptische Teil mit den Sarkophagen – der komplette Overkill. (Schön, dass meine Begleitung nicht darauf aus ist, das auch erleben zu wollen.)
Genau in dem Moment, in den wir unsere Drei-Stationen-Besichtigungstour abschließen, geht der Feueralarm los und wir werden durch das Sicherheitspersonal in aller Ruhe durch die grün leuchtenden Notausgänge geschleust, bis zu den groß aufgesperrten Klappen auf dem Innenhof in der Nähe der Glaspyramide. Ein einsames Feuerwehrauto steht verloren am Rande der Szenerie, während der Besucherandrang weiter in das Museum strömt, als wäre überhaupt nichts passiert. Wieder Anstehen an der Linie mit dem „Priority Access“, alle unsere Sachen sind noch unten in den Schließfächern der Garderobe.
Der Nachmittag – die verrückte Idee, den Museumsbesuch einfach noch einmal zu wiederholen, wird schnell verworfen. Wir lassen uns in dem alten Stadtteil nördlich des Louvre treiben. Zielloses, scheinbares Umherirren, jede zweite Hausnummer ein Bistro, ein Café oder eine Bar (ein Croque und ein Kakao für mich). Rein „zufällig“ entdecken wir eine alte, große Kirche (… nicht ganz so edel wie Sacré-Cœur und nicht ganz so berühmt, wie Notre-Dame am Seine-Ufer) und wenig später den fotogenen Innenhof des Palais-Royal. (Der Regierungssitz Frankreichs?)
Zum Fortführen der Shopping-Tour vom letzten Tag, hätten wir noch ein Stück weiter zu den anderen großen Kaufhäusern gemusst. Ich blocke ab, ich trage zwar den Tag wieder meine flachen Schuhe, kombiniert mit der Jeans und dem schwarz-grünen Ringelpullover einer Designermarke – aber für noch mehr Einkäufe fehlt mir das Volumen in meinem kleinen Koffer (den neu gekauften Wollmantel muss ich schon für die Rückfahrt in den Einkaufsbeutel als weiteres Gepäckstück auslagern). Mit der U-Bahn den späten Nachmittag zurück ins Hotel.
Abendessen in dem traditionellen französischen Restaurant, an dem wir die letzten Tage immer wieder vorbei gegangen sind. „Ente exquisit“ von der Menükarte, langes Warten auf das Bezahlen danach (wir als Deutsche sind da hilflos und vollkommen verloren in Frankreich) und wieder zurück die paar Schritte zum Hotel, alles für die Abreise den nächsten Tag vorbereiten.

[26.04.22 / 23:08] Mir fehlt noch der Montmartre und Sacré-Cœur. Nur wenige Gehminuten vom Hotel entfernt – und ganz viele Gehminuten die Treppe hoch, ein traumhafter Ausblick auf ganz Paris … wäre das Wetter nicht so trüb-beschissen. Ein zäher Morgendunst verdunkelt alle Fotos jede einzelne Treppenstufe nach oben. Ich halte an meinem Vorsatz fest: Keine Selfies mehr mit ausgestreckten Arm! Ganz oben angekommen, die erwarteten Touristenströme in und an der Kathedrale und sowieso rings um den Berg und das ganze Viertel. Nach um 11 Uhr ist es einfach unmöglich, noch für einen kurzen Moment, scheinbar menschenleere Urlaubsfotos zu zaubern.
Der Plan für heute: Kathedrale ansehen, irgendwo ein zweites Frühstück und Einkaufen in den vielen, kleinen Läden in diesem (ehemaligen) Künstlerviertel. Für das Frühstück ist es schon zu spät (es wird ein Crêpe mit Schoko-Bananenfüllung am Tisch mit Blick auf den Hügel), das empfohlene Renoir-Museum ganz oben ist Dienstags zu (aber eine malerische Gasse davor) und der Gottesdienst in der Kirche pflegt eine mehr oder weniger friedliche Koexistenz mit den drumherum kreisenden, niemals endenden Touristenstrom, aber die Atmosphäre des Ganzen bleibt gewahrt. Weiter in die obligatorische Shopping-Tour in das angesagte Viertel den frühen Nachmittag – ich trage extra meine flachen Schuhe.
Viele Boutiquen hier und da, nicht alle in einer Straße, mehr versteckt in den Gassen rings um die eine Metrostation – wir gehen in eine nach der anderen. Eine wortgewandte Verkäuferin genügt und die Kreditkarte wird um einige Beträge mehr belastet. Nacheinander wandern den Nachmittag in die Einkaufsbeutel: ein schwarz-grauer Wollmantel (als Ersatz für meinen zerschlissenen Kaban), ein olivgrünes Viskose-Kleid (das in dem Kaufhaus den Tag zuvor hätte das Fünffache gekostet) und ein wirklich schönes, grünes T-Shirt mit unverbrauchtem Motiv und sogar eine kleine Menge an Pailletten als Glitzerelement – als Ersatz / viel bessere Wahl für das nicht erstandene schwarze Paillettenkleid zwei Tage zuvor.
Durch meine Begleitung werde ich in weitere Streifzüge in diverse kleinere Vintage-Läden gezogen, hier und da gibt es wirklich noch etwas zu entdecken, aber nicht für mich (mit meinem Fokus auf alle Lederwaren). Ein Laden hätte sogar noch interessantes Schuhwerk für mich gehabt, die mir als „Eye-Catcher“ zwischen den vielen Kleidern aufgefallen sind (u.a. ultrahohe Glitzerstiefel), hätte ich nicht gerade erst sauteure Schuhe im Internet bestellt (meine schwarzen Plateau-Pumps sind kurz vor der Abreise doch noch per Paketpost gekommen). Von dem eigentlichen Plan, französische Parfüms und Cremes in Frankreich zu kaufen, habe ich ganz schnell wieder Abstand genommen – aus mir unbekannten Gründen sind die in Deutschland als französischer Export um einige Euros günstiger zu haben …?
Weit unten an der Moulin Rouge den späten Nachmittag angekommen, beenden wir unsere Einkaufstour (und ich habe keine Ahnung, wie ich die ganzen prall gefüllten Einkaufsbeutel noch in den kleinen Handgepäckkoffer für die Bahnfahrt zurück nach Deutschland verstauen soll). Zu Fuß den Boulevard im Rotlichtviertel entlang, zurück zum Ausgangspunkt vom Vormittag und weiter in das Hotel. Einkaufsbeutel auf dem Bett ablegen, sortieren … schon wieder ein paar Fehlkäufe bereuen (ich halte mich dagegen unter Kontrolle) und bereit machen, für das Ausgehen zum Abendessen.
Der Stimmung mitfühlend, falle ich den Abend wenig später auf der Straße in dem Pariser Viertel in eine Entscheidungskrise und weiß nicht mehr, in welches Restaurant oder Bistro ich oder wir noch gehen wollen oder möchten. Die Richtung, das Bistro, der Kreis – den wir laufen. Ich bin dran mit Bezahlen – und ich will etwas mit Trüffeln. Es wird ein Bistro um die Ecke mit Gnocchi in Trüffelsauce (zutiefst französisch), aber ohne Dessert – ich hatte den Mittag schon am Montmartre ein leckeres, libanesisches Sahneeis, überzogen mit einer unendlichen Schicht aus Pistazien.

[25.04.22 / 23:18] Tagesprogramm für heute: Die Orangerie mit Monets Seerosenteich irgendwo am westlichen Ende des Louvre und dem großen Park. Wir haben zwei Tickets für den Einlass um 11 Uhr reserviert. Frühstück im Hotel (meine gefüllten Croissants) und mit der Metro zur Haltestelle am Place de la Concorde – wir sind viel zu früh da, Zeit für ein paar Fotos dieses berühmten Pariser Platzes mit dem „verrückten“ Kreisverkehr und dem Obelisken mittendrin. Wirkt recht unspektakulär und sieht in den alten französischen Filmen viel lebhafter aus (ist eigentlich richtig verlassen).
Weiter zum Eingang des großen Parks – so weit westlich des Zentrums war ich noch nie (ich sehe sogar in der Entfernung den Triumphbogen). Etwas entspannen, ein paar Fotos von den Blumenrabatten machen – der Buchsbaum ist auch hier hin, ein eingeschleppter Schädling hat alles zerfressen, nur mit viel Gift kann noch der Rest Bewuchs gerettet werden. Weiter zum Einlass des Musée de l'Orangerie kurz vor 11 Uhr.
Monets großflächiges Werk ist in zwei Ausstellungshallen untergebracht – der Künstler hat sich was dabei gedacht, dieses in Form einer meditativen, unendlichen Acht zu arrangieren, leider kommt die Atmosphäre durch die vielen Besucher nicht richtig zur Geltung. Ein oder zwei Stunden später und es werden noch viel mehr Besucher hineindrängen. Noch kann ich seine Bilder in kompletter Breite bewundern (nur aus einer größeren Entfernung betrachtet, ergibt sich für mich ein Motiv). „Maybe in our world … lives a tree!“
In der unteren Etage und in den Wechselausstellungen finden sich noch weitere Werke bekannter Impressionisten aus dieser Zeit mit Aufbruch in die Moderne, ein Name war mir sogar noch unbekannt und hat mich überrascht. „Ganz große Kunst, dieses trübe Licht eines neblig grauen Tages einzufangen.“ (Verglichen mit den sonnig trockenen Landschaftsbildern, in die ich mich sonst, nach einiger Zeit der Betrachtung, verlieren könnte.) Hoch zum Souvenirshop, noch ein paar Kühlschrankmagneten mit Seerosenmotiv kaufen, damit ich in der eigenen Familie mit der „Kühlschrankkunst“ mithalten kann. 13 Uhr nochwas, weiter in die Gegend nördlich des Louvre und des Place de la Concorde.
Wo sind wir hier? Ich will in Richtung des großen Lafayette Kaufhauses, eigentlich hatte ich die Shopping-Tour erst für den nächsten Tag geplant und über meine anthrazitgraue Stretchjeans wieder die hohen Stiefel angezogen, aber da wir gerade in der Gegend sind. Reiner Zufall, wir laufen in der Straße mit den teuersten Designerboutiquen Paris entlang. Der Chanel-Flagship-Store. Ein Besuch dieser Läden ergibt sich für uns nicht, das ist eine andere Welt. Kurzer Stopp in einem Bistro (vegetarische Quiche) und weiter in das Luxus-Kaufhaus Galeries Lafayette.
Ich wollte da hinein, meine Begleitung ist skeptisch. Alle Luxus-Kaufhäuser rund um die Welt, die ich schon besucht habe (New York, Tokio, Rom, Berlin) sind immer gleich aufgebaut: unten Parfüm, darüber die großen Designermarken jenseits der vierstelligen Preise, und darüber meine Preisklasse mit den sauteuren Labels, die ich auch überall sonst finden könnte. Leider fehlen hier die großen Kleiderständer mit den „Sale“ Etiketten – kein günstiges Schnäppchen für mich.
Meine Begleitung verirrt sich auch hier in dem günstigen Vintage-Bereich gebrauchter (Marken-)Kleidung, aber ich kann mit getragenen Textilien nichts anfangen. Erst als ich ein paar Lederbekleidungsstücke entdecke, verliere ich etwas meine Scheu. Dafür ist ein Tier gestorben, das kann man (frau) nicht einfach so auf den Müll werfen (nur habe ich so eine Lederhose schon).
Wieder draußen merken wir, wie die Zeit vergangen ist, waren wir wirklich drei Stunden da drin? Und keiner hat etwas gekauft – nicht mal den schwarzen Fetzen / Fummel für zwei- oder dreihundert Euro (gab es nur in der „36“ und der „40“ – nicht aber in meiner Größe „38“). Kaffee und Eclaire ein paar Schritte weiter in einer Bäckerei. Meine Füße sind von dem vielen Laufen in den hohen Absätzen kaputt – nicht aber mein Gesicht von der langsam gefährlich werdenden Sonnenstrahlung. Punkt für das Kaufhaus.
Mit der Metro den späten Nachmittag zurück zum Hotel. Die U-Bahn bleibt kurz mit Umschaltung auf volle Notbeleuchtung im Tunnel stehen – tief durchatmen, langsames Aufwärtszählen. Die Fahrgäste bleiben ruhig, es ist wahrscheinlich nicht das erste Mal, dass so etwas passiert. (Viele, viele Kilometer weiter in London, ein auf der Strecke liegengebliebener Zug durch einen fehlerbedingten Neustart der bordeigenen Software … ja, das war ich.)
Ausruhen im Hotel, die Schuhe auf das flachere Schuhwerk wechseln (läuft sich ganz ungewohnt, ohne hohe Absätze) und Abendessen in einem Restaurant oder Bistro um die Ecke an der lebhaften Hauptstraße zwischen den beiden großen Bahnhöfen Nord und Ost. Pizza gibt es hier auch, aber ich entscheide mich für Pasta – und ein zutiefst französisches Dessert: Fondant au chocolat! (Zum Dahinschmelzen.)

[24.04.22 / 23:15] Ein Tag mit Auf und Abs. Es fängt noch ganz entspannt an, Frühstück im Hotel, Kaffee, Baguette und Croissants – die ich wieder chirurgisch präzise mit dem Skalpell / Messer auf der Seite öffne und mit Nuss-Nougat-Creme fülle. Nach dem Frühstück zum Gare du Nord und in Richtung historisches Zentrum fahren. Ich trage diesen Tag mein schwarzes Kleid, das ich auch schon in Wien und in Hamburg anhatte, mit Silberkette, den halbhohen Stiefeln mit Absatz und meiner Lederjacke – und dezentes Chanel-Parfüm.

Notre-Dame de Paris, 2022 vs 2011
Den Einstieg zu der passenden Metrolinie finde ich nicht, ich plane den Umstieg über eine zweite Linie. Ratloses Stehen vor den Netzplänen mit den U-Bahnlinien. Viele Momente später, der Ausstieg irgendwo in der Nähe der Seine und der Kathedrale Notre-Dame. Ein Foto machen, Vorher-Nachher, mit abgebrannten Dach und ohne (ich habe meine Fotos von vor 10 Jahren wieder hervorgesucht). Zu viele Touristen.
Etwas abseits südlich des Notre-Dame und der Insel in der Seine findet sich ein kleiner Park neben einer alten griechisch-orthodoxen (oder römisch-katholischen?) Kirche. Chorgesänge aus den alten Mauern intensivieren das kurze Gefühl, einen grünen Ruhepol unweit der Touristenströme gefunden zu haben. Reiner Glücksfall, aber das, was ich in Paris wollte: nicht das große „Sight-Seeing“. Lass uns in einem Café die Wartezeit überbrücken, bis unten die Treppe runter zum Seine-Ufer der nächste „Hop-on-Hop-off“ Schiffsbus abfährt. Gemütlich die Seine entlangschippern und mit der Kamera jede einzelne Brücke stylish in Szene setzen.
Zwischenausstieg am frühen Nachmittag am Eiffelturm – wollte ich hier sein? Ich will nur ganz schnell wieder weg. Ein reizvolles Foto des Turmes mit den blühenden Bäumen an der Uferstraße – mehr nicht. Hier will ich nie wieder hin. Massen an Touristen, das Gelände weiträumig abgesperrt mit hohen Zäunen und großen Eintrittsschleusen – so schön und frei, wie vor über 10 Jahren 2011, ist das hier nicht mehr. Dieser Ort hat durch den Massentourismus viel vom Flair verloren. Mit dem Schiffsbus die Tour zurück zum Ausgangspunkt von vor ein paar Stunden den späten Vormittag.
Ein dritter Kaffee in einem Bistro in einer Nebenstraße zum Notre-Dame. Den historischen, alten Stadtkern finde ich nicht mehr. Er muss auf der kleinen Nachbarinsel liegen. Zu Fuß über die Brücke nördlich der Seine.
Pont Saint-Michel, 2011
Hier war ich doch schon mal? Ich erkenne sofort die Ecke mit dem markanten, roten Bistro oder Café, hier bin ich zum ersten Mal von der unterirdischen Metro an die Oberfläche gestoßen und habe das erste Mal das Lebensgefühl von Paris eingeatmet. Ein kurzer Glücksrausch, gefolgt von der Entscheidung: Zurück zum Hotel oder da die Einkaufsstraße entlang? Ein böser Fehler mit meinen hochhackigen Schuhen.
Es sind nur ein paar hundert Meter zu den Vintage-Klamottenläden, aber das gefühlt kilometerlange Abgrasen der Kleiderstangen auf der Suche nach einem schwarzen Glitzerdress für die Disco, strapaziert meine Füße enorm. Ein bodenlanges (an sich hübsches) One-Shoulder-Pailettenkleid probiere ich an, aber ich weiß, wann ich die Grenze ziehe und meine Kreditkarte in der Handtasche behalte – wenn ich das enge Kleid und den Reißverschluss nur noch mit Hilfe der Verkäuferin anziehen kann. Wenn ich das später nicht alleine schaffe, kaufe ich es erst gar nicht. Ich muss mich nicht in jede Größe „S“ zwängen (auch wenn die Verkäuferin sagt, es „wäre“ meine Größe). Zurück den frühen Abend mit der U-Bahn zum Hotel.
Eine etwas bedrückende Stimmung, jeder der Fahrgäste schaut auf sein Smartphone – diesen Sonntag ist in Frankreich die Präsidentschaftsstichwahl, europafreundlich gegen ultrarechts, mit unklaren Ausgang.
Zurück im Hotel, eine kurze Pause, Umstieg auf die flacheren Schuhe und wieder als Abendessen, eine Pizzeria in der Nähe.

[23.04.22 / 23:11] Paris, Teil 2 – Mir fehlen noch ein paar Sehenswürdigkeiten. Mit dem Zug in acht Stunden (mit Aufenthalt auf dem „Ackerbahnhof WB“ zwei mehr) zum Gare de l'Est im Zentrum / 10. Arrondissement der französischen Hauptstadt. Gefühlt jeder Schnellzug ein Kindergeburtstag – dafür aber ab Straßburg richtig schnell (der Doppelstockzug von Alstom sieht in den Firmennachrichten für die Mitarbeiter viel neuwertiger und unverbrauchter aus).
Kurz nach 18 Uhr Ankunft, ich kenne die Richtung, die ich laufen muss, das Bistro mit der Mikrowellenlasagne im Food Court des Bahnhofs gibt es nicht mehr. Irgendwo da hinten war mal das andere Hotel von vor zehn Jahren. Die Straße mit den Hotels nahe dem großen Ostbahnhof war im Internet ausgebucht, ich laufe noch ein Stück weiter zum Nordbahnhof Gare du Nord zu dem kleinen 2-Sterne-Hotel in der Nebenstraße für diesen Städtetrip. Hauptsache ein kleines Stadthotel, niedliche Zimmer, eine Kirche mit Glockengeläut in der Nähe – Paris Flair. Ich werde nicht enttäuscht, meine Reisebegleitung ist dagegen viel weniger erfreut, es ist nicht das „Taj Mahal“.
„Sieh nur, diese bunte Decke auf den zwei Betten“, die zwei Einzelbetten füllen fast das gesamte Zimmer aus. „Abgesteppte Nähte, bunte, rechteckige Muster“, ich musste auch so eine französische Überdecke für mein Bett zu Hause haben. „Das Fenster mit diesem Metallgitter davor, wie ein Balkon“, das Fenster ist leider zur Straßenseite hin, lässt sich nur ganz öffnen und nicht ankippen. Und die schweren Gardinen schleifen auch nicht bis ganz auf den Boden – genau das musste ich in meinem Schlafzimmer, als Inspiration von meiner letzten Paris-Reise, auch haben. „Das winzige Bad, alles so funktional – und sieh nur, da bröckelt sogar etwas Tapete von der Decke des Zimmers. Das ist so Paris!“ Ich bin begeistert.
Abendessen in einer Pizzeria um die Ecke – wir benehmen uns wie zwei ältere deutsche Damen, die nicht wirklich wissen, wie sie sich verhalten sollen (elefantenmäßig). Schnell noch Wasser kaufen in dem Minimarkt daneben – und wieder zurück ins Hotel (kein Ausgehen für mich den Sonnabend Abend).

[18.04.22 / 03:48] Die ersten zwei Bilder meiner Liveshow aus der Nacht zwei Wochen zuvor, die ersten Minuten, bevor ich ihm alles gegeben habe, was er sehen wollte …

Ungünstiges Licht, ich sollte was mit meinen Augenbrauen machen? Oder das ist jetzt so der Trend. Nach fast zwei Jahren Pandemie, endlich wieder neue Fotos von mir. Die Situation mit ihm war zu spontan, als dass ich mich darauf vorbereiten konnte. (Der Rest bleibt der Phantasie der Leserschaft überlassen.)

Ich lebe nur noch für die Nacht.

[17.04.22 / 15:09] Die längst überfälligen Fotos vom Shoe Unboxing letztes Jahr – meine französischen Gummistiefeletten (mit Absatz) für dunkle Regentage, matschige Wiesen und Exkursionen am Fischteich (mit vorbeischwimmenden Kois).

Ärgerlich … meine vor 10 Tagen bestellten, „ultrahohen“ schwarzen Plateaupumps für das Gothic-Wochenende zu Pfingsten dieses Jahr, sind nie angekommen (bis jetzt). Die waren teuer und auf Vorkasse bezahlt. Der Online-Shop (von dem ich schon ein anderes Paar Stiefel habe) wird demnächst, auf meine Beschwerde hin, ein Nachforschungsauftrag für das verlorengegangene Paket anlegen. Die Fotos, die ich mit den ausgepackten Schuhen gemacht hätte – unter der japanischen Kirschblüte im Garten – muss ich leider verschieben, oder mit anderen Schuhen machen (da ist noch das eine, ungetragene Paar Leo-Pumps vom vorletzten Jahr im Regal in der Ankleidekammer).
[Anm. der Verfasserin: Gar nicht so einfach, wenigstens „eine“ hängende Blüte vom japanischen Kirschbaum mit auf das Bild zu bekommen.]

Welche Schuhe ziehe ich wohl an, wenn ich alsbald den „Champs Élysées“ entlangstiefele …?

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Kommentar:

[05.12.22 / 17:34] Daniele1992: Hallo Morgana

Mail ist heute rausgegangen

LG Daniele

[13.11.22 / 09:33] Daniele1992: Hallo Morgana

aktuell keine schöne Situation. Ich schreibe Dir noch eine Mail dazu.

LG Daniele

Morgana LaGoth: Einige Kommentare müssen auch nicht allzu öffentlich sein …

[13.05.22 / 09:15] Daniele1992: Hallo Morgana,

Tolle Reisebericht von Deiner neusten Reise nach Paris. Macht grosse Lust auch wieder dort hinzufahren um sich von der Stadt inspirieren zu lassen.

Tolle Neuigkeiten.NeuerJob. Klasse! Freue mich für Dich.

Liebe Grüße
Daniele

Morgana LaGoth: Danke. Endlich wieder verreisen … lange darauf gewartet. Lebendig bleiben, solange es noch geht.

[24.12.21 / 20:55] Daniele1992: Hallo Morgana,

Ich denke an Dich und wünsche Dir frohe Weihnachten und ein schönes neues Jahr 2022.

Liebe Grüße
Daniele

Morgana LaGoth: Vielen Dank, ich wünsche dir ebenfalls ein schönes, neues Jahr.

[25.09.21 / 14:59] Daniele1992: Hallo,

eine Chance etwas Neues zu machen. Neue Perspektiven. Urlaubsträume, die bald real werden können. Nicht so schlecht. Freue mich für Dich. LG Daniele.

Morgana LaGoth: Danke dir.

[11.11.20 / 09:12] Daniele1992: Hallo Morgana

Ich habe Dir eine Mail geschickt.

Lg
Daniele

Morgana LaGoth: Hey ... vom Lenkrad aus mit der Hand winken, von einem MX-5 zum anderen. *freu*

[30.07.20 / 22:03] Daniele1992: Guten Abend

das habe ich sehr gerne gemacht. Zum Einen interessiert mich das Thema und zum Anderen hast Du wirklich sehr lebendig und spannend geschrieben. Da wollte ich Alles lesen und wollte Dir schreiben, das mir Dein Blog besonders gut gefallen hat (Die eigentliche Arbeit hattest Du ja mit dem Verfassen des Blogs). Wenn Du magst können wir den Kontakt gerne per Mail halten. Viele Grüße Daniele

Morgana LaGoth: Mail-Adresse steht oben bei "kontakt" - bei weiteren Fragen, gerne.

[30.07.20 / 12:44] Daniele1992: Guten Morgen,
vielen Dank für Deinen tollen Blog. Ich habe ihn in den letzten Wochen komplett gelesen. Meistens konnte ich gar nicht aufhören zu lesen. Fast wie bei einem sehr spannenden Roman. Ich habe dabei Deine genauen Beobachtungen und Beschreibungen sehr genossen. Deine vielen Ausflüge in die Clubs und zu den Festivals oder Deine Streifzüge d durch die Geschäfte beschreibst Du immer aus Deiner Sicht sehr anschaulich und spannend. Ich kann das sehr gut nachvollziehen, das alleine zu erleben, häufig auch mit einer gewissen Distanz. Ich kenne ich von mir sehr gut. Highlights sind Deine Reiseberichte. Deine Erlebnisse an den unterschiedlichsten Orten auf der Welt. Vielen Dank dafür. Vielen Dank auch das Du Deinen Weg zu Deinem waren Geschlecht mit uns Lesern teilst. Deinen Weg Deine Gefühle Deine zeitweisen Zweifel. Das ist sehr wertvoll auch für uns Andere, denn es ist authentisch und sehr selten. Du bist einem dadurch sehr vertraut geworden. Für mich ist eine gefühlte grosse Nähe dadurch entstanden. Umso mehr schmerzt es mich von Deinen Rückschlägen zu lesen. Von Deinem Kampf zu Deinem wahren Ich. Von Deinem Kampf umd Liebe, Zährlichkeit und Akzepzanz und Anerkenung. Von Deiem mitunter verzweifeltem Kampf nach Liebe und Anerkennung durch Deinen Exfreund. Leider vergeblich. Dein Kampf um wirtschaftliche Unabhängigkeit und Deine aktuell missliche Lage. Ich glaube dass Du nicht gescheitert bist. Du hast viel Mumm und Hardnäckigkeit bewiesen Deinen Gang zu Dir selbst zu gehen. Du hast auch einen guten Beruf der immer noch sehr gefragt ist. Vielleicht kann ja nach dieser Auszeit und etwas Abstand ein Neuanfang in einer anderen Firma, wo Du keine Vergangenheit als Mann hattest gelingen. Ich wünsche das Dir ein Neuanfang gelingt und drücke Dir ganz fest die Daumen. Daniele

Morgana LaGoth: Da liest sich tatsächlich jemand alles durch? Das ist mittlerweile schon ein kompletter Roman mit mehreren hundert Seiten! Danke dir, für deinen Kommentar (und die aufgebrachte Zeit).

[05.10.19 / 17:11] Drea Doria: Meine liebe Morgana,
bin 5 T post all-in-one-FzF-OP. Deine guten Wünsche haben geholfen. Der Koch ist immernoch noch super. Alle hier sind herzlich und nehmen sich Zeit.
Herzlich
Drea

Morgana LaGoth: Dann wünsch ich dir jetzt noch viel mehr Glück bei deiner Genesung!

[14.06.19 / 12:57] Drea Doria: Meine liebe Morgana,

vielen Dank für Deine offenen und kritischen Erlebnisberichte. Ich bin in 3 Monaten in Sanssouci zur FzF-OP. Ich denke auch, was kann schon schief gehen, status quo geht nicht und irgendwas besseres wird wohl resultieren. Wenn es Dich interessiert, halte ich Dich informiert. Drücke mir die Daumen.
Herzlich
Drea

Morgana LaGoth: Ich wünsche dir für deine Operation viel Glück. (Sollte der Koch nicht gewechselt haben, das Essen da in der Klinik ist richtig gut!)

[14.11.17 / 20:13] Morgana LaGoth: Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion: Die Seitenbetreiberin behält sich das Recht vor, jeden Kommentar, dessen Inhalt rassistisch, sexistisch, homophob, transphob, ausländerfeindlich oder sonstwie gegen eine Minderheit beleidigend und diskriminierend ist, zu zensieren, zu kürzen, zu löschen oder gar nicht erst freizuschalten. Werbung und Spam (sofern die Seitenbetreiberin dafür nicht empfänglich ist) wird nicht toleriert. Personenbezogene Daten (Anschrift, Telefonnummer) werden vor der Veröffentlichung unkenntlich gemacht.

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