Der Dienstag, der Tag vor dem einunddreißigsten Dezember, der zweite Abend und die zweite Nacht, die ich in Leipzig verbringen will.
[01.01.26 / 03:30]✎ Der Dienstag, der Tag vor dem einunddreißigsten Dezember, der zweite Abend und die zweite Nacht, die ich in Leipzig verbringen will. Meine neuen Stiefel habe ich den Abend zuvor schon eingecremt, die Augenbrauen im Badezimmerspiegel noch weiter ausgedünnt. Fast sind sie schon weg … nur noch eine dünne Linie ist übrig geblieben. Aufstehen gegen Mittag, Frühstück und Mittagessen fällt zusammen, Beine vorrasieren und fein nachrasieren, aber so viel ist nicht nachgewachsen die letzten drei Tage. Eigentlich hätte ich mich gar nicht so sehr auf die nächste Nacht zum Ausgehen vorbereiten müssen, nur das neue Kleid aus dem Schrank greifen, in meine Stiefel schlüpfen und wieder die Steppjacke und den Mantel überziehen und zum Bahnhof verschwinden. Ich hätte sogar einen Zug später nehmen können, hätte sogar mehr Zeit gehabt, mein aufwendiges Augen-Make-up aufzupinseln – wäre nicht … der scheiß Regionalzug ausgefallen. Das Wort „Scheiße“ wird in diesem Blogartikel bestimmt noch mehrmals vorkommen.
Es fährt kein Zug aus diesem Kaff, nur vielleicht ein Linienbus den frühen Nachmittag, ich habe noch weniger Zeit als die Tage zuvor. In dem Bus gibt es keinen Automaten, an dem ich mir mein Länderticket hätte ziehen können. Ich muss wohl oder übel mein Ticket im Internet auf der Seite der Bahn bestellen. Das Drama beginnt, ich brauche gefühlt über eine Stunde und klicke mindestens fünfmal auf den Kaufen-Button, bis ich endlich eine Bezahlmöglichkeit gefunden habe, die funktioniert. So bleibt mir auch dieses Mal keine Zeit für mein Make-up. Gestresst werfe ich den Mascara und die drei Pinsel, Bürste und Kajal-Stift in meine kleine Rolltasche und das ganze in meine große Handtasche. Eine halbe Stunde vor Abfahrt den Nachmittag bleibt mir nur die Dusche und das orientalische Parfüm und meine Haare trocknen. Wenigstens mein Outfit stimmt: Stiefel, enganliegendes und schulterfreies, grau-schwarzes Kleid und die Lederjacke, die Punkerkutte. Steppjacke und Mantel darüber, es ist eisig kalt. Der Silberschmuck, mein orientalischer Armreif, blitzt unter den vielen Schichten an Winterklamotten am Handgelenk hervor.
Fünfzehn Uhr nochwas soll der scheiß Bus vom Busbahnhof, unweit des Kleinstadtbahnhofs fahren. Eine ganze Menge Menschen stehen da rum und warten auf den Bus … ein Bus, ich muss mich herablassen und mit dem ganzen Pöbel einen Bus benutzen. Zitternd fingere ich in der Kälte mein Smartphone aus meiner italienischen Luxushandtasche und scrolle bis zu dem Online-Ticket, der Busfahrer vorne am Einstieg schaut es nur kurz an, so viele Menschen sind noch nie in diesem Bus mitgefahren, der ist bis auf die letzten Plätze voll, normalerweise, wenn ich so einen Bus sehe, sitzen da höchstens ein, zwei oder drei Menschen drin, die von Dorf zu Dorf fahren. Der Bus kutscht über die Bundesstraße und das Autobahndreieck Richtung Magdeburg.
Endlich am Hauptbahnhof, die obligatorische Flasche Wasser beim Aldi kaufen, mein Gleis suchen, dasselbe Gleis, wie vor drei Tagen, dieselben vierzig Cent für die Flasche Wasser. Am Gleis angekommen, dieses Mal falle ich nicht wieder darauf rein … von wegen, hält bei „A-C“ und ich renne den halben Gleis wieder zurück und schubs mich durch die Menschentraube zur Wagontür. Nein, ich stelle mich genau da hin, wo ich den Zug erwarte und lästere gedanklich über die „Oberschlauen“ da hinten mit ihren Rollkoffern, die die Anzeigetafeln für voll nehmen. „Verdammte Scheiße!“ Der scheiß Zug fährt noch langsamer ein, als vor drei Tagen, und hält noch früher an, als vor drei Tagen, und ich muss schon wieder Meter rennen, um einen Sitzplatz ergattern zu können.
Der Zug wird voll, richtig voll. Was nicht in meine Gedanken will, das ist ein Pendlerzug, es ist Dienstag den dreißigsten Dezember und ich kann mir nicht vorstellen, dass Menschen zwischen Weihnachten und Neujahr arbeiten müssen, ich habe in meinem ganzen Leben noch nie an diesen Tagen gearbeitet. Nicht in der Armee (Urlaub), nicht beim Studium (Semesterferien) und nicht auf all meinen Arbeitsplätzen (Betriebsruhe), weder in Sachsen-Anhalt, noch in Niedersachsen. Hier fahren Leute in dem Zug mit, nicht die mit dem Reisegepäck, die mit dem alltäglichen Rucksack, die Arbeiter mit dem Feierabendbier, die ADHS-Azubis, die keine paar Minuten ein Video ganz gucken können auf ihrem Smartphone … und die, die Korpulenten, einer sitzt mir gegenüber und hustet, gesundheitlich angeschlagen, die ganze Zeit. Jedes Mal halte ich den Atem an und zähle langsam bis zehn, fünfzehn oder dreißig, ich sterbe ganz sicher bald an einer Lungenentzündung.
Bin ich froh, als ich den Zug verlasse, allerhöchstens eine geringfügige Verspätung, ich habe Leipzig kurz vor neunzehn Uhr wieder erreicht. Einlass in dem Club in Plagwitz ist gegen zwanzig Uhr, die Zeit für „Doors Open“ steht auf dem Flyer, den ich bei dem letzten Konzert vor ein paar Nächten mit eingesteckt habe. Eine Stunde Zeit, um auf dem Bahnhofsklo mein Make-up zu machen, eine Stunde Zeit, um ein Brötchen zu organisieren, wieder der Bäcker unten, eine Stunde Zeit, mein Rückfahrticket aus dem Automaten zu ziehen. Auf der Bahnhofstoilette vor dem Schminkspiegel, die Beleuchtung hier ist beschissen, ich versuche die T-Technik, um einen größeren Kajalstrich zu ziehen. Brille ab- und wieder aufsetzen, mehr und mehr mit dem Pinsel verblenden … eine Frau vor einem anderen Spiegel lässt schon einen peinlich berührten Seufzer ab – hat sie damit mich gemeint? Das musst du zu Hause noch einmal üben. Mit der Kante meines Zeigefingers wische ich alles wieder vom Augenlid raus und gehe noch einmal mit dem Pinsel darüber, wenigstens ein passabler „Smokey Eyes“ Effekt bleibt stehen. In dem Club ist es eh dunkel, das wird schon keinem auffallen. Mein Brötchen esse ich Minuten später wieder aus der Papiertüte draußen in der Kälte am Gleis an der Straßenbahnhaltestelle. Wieder dieselbe Linie wie vor drei Tagen, nur eben ein paar Stationen weiter nach Plagwitz hinein. Es wird schon fleißig geböllert, ich merke keinen Unterschied zu Silvester.
Überpünktlich zum Einlass bin ich da, ich sehe die hundert Meter vor mir schon die Eingangstür aufgehen und ein paar erste Gäste eintreten, als ich den dunklen Weg zwischen den alten Fabrikgebäuden entlang laufe. Der Club, in dem ich schon so viele Male war, der mit den ganzen Plakaten an jeder Wand im Inneren und die vielen Aufkleber und Grafiti … von links bis linksextrem, die freundlichen Menschen, die Guten. Ich bin zu Hause.
Einlass mit Solispende, weiter den Club hinein, noch ist es kalt, noch lasse ich meinen Mantel an, noch ist der Holzofen neben der Bühne noch nicht durcherhitzt. Die erste Flasche Matebrause von der Bar, den Aufbau auf der Bühne bewundern, die Synthesizer, den Plan mit der Running Order suchen. Drei Bands sind geplant, von Synth-Punk über Wave und Post-Punk. DJs unten und oben. Die Tanzfläche ganz oben inspiziere ich auch kurz, aber eigentlich bin ich nur auf der zweiten Etage für das Licht aus den Toilettenräumen, um im kleinen, aufgeklappten Handspiegel mein Augen-Make-up zu überprüfen. „Geht.“
Unten an dem großen Ofen bildet sich eine Menschentraube, jeder der neu ankommenden Gäste von draußen entdeckt den Ofen für sich, ein Holzstück nach dem anderen wird verfeuert. Auf der Bühne probt die erste Band, ich lasse meinen schwarz-grauen Kuschelmantel und meine olivgrüne Steppjacke an einem der Haken der Garderobenleisten am Eingang. Ist das sicher? Wird die nicht irgendjemand mal wegfinden, aus Versehen mitnehmen? Ich habe immer noch meine schwarze Lederjacke an und meinen schwarzen Schal. Mit mehr und mehr Menschen werden die Temperaturen in dem Club angenehmer und ich ziehe den Reißverschluss auf. Optisch mit meinen Buttons, Nieten und Patches passe ich wieder rein in die Punk-Szene und füge mich in das Gesamtbild von alternativen Gästen, Goths, Waver, Punks, die üblichen Clubbesucher.
Die erste Band, zwei Menschen, sie (sie nennt ihr Pronomen nicht) singt ihre Texte in Spanisch? Zuerst hatte ich Italienisch vermutet. Er am Synthesizer-Aufbau. Das wird das auf dem Flyer sein, das als Synth-Punk bezeichnet wurde. Die Tonprobe lief vielleicht nicht ganz so perfekt, das hätte besser funktionieren können. Trotzdem, die beiden treffen den Spirit des Punk.
Umbaupause zwischen den Bands … wo bin ich zu finden? Oben, die zweite Etage, die Treppe hoch, neben den Toiletten, die Galerie an Plakaten – und es ist immer noch nicht überklebt! „Mein Plakat“, das von dem einen Konzert, wo ich mal vor vielen, vielen Jahren war. Ich ertaste die Stellen, an denen benachbarte Plakate unter und überklebt wurden, suche die aufgedruckten Jahreszahlen der Konzerttermine, mein Plakat hat keine sichtbare Jahreszahl mehr, nur eine Auflistung an Daten und Clubs, die es schon lange nicht mehr gibt, geschlossen, abgebrannt, verschwunden. Ein Plakat darunter zeigt eine Jahreszahl von 2006, ein anderes Konzertplakat eine Zahl von Anfang 2007 – dann muss das Konzert, auf dem ich gewesen war, auch 2006 gewesen sein. Ich ermittle das Datum und den Wochentag mit dem Kalender auf meinem Smartphone: ein Wochentag irgendwo Ende April 2006! Ich muss von Wernigerode aus dorthin gefahren sein und war am nächsten Morgen schon wieder zurück im Hörsaal. Ich habe damals einige solcher Aktionen gemacht. Diesen Club hier kenne ich schon von 2004, als ich das erste Mal für ein Gothic- und Batcave-Konzert hier war, im Rahmen des alternativen Pfingstfestivals.
Wieder unten beginnt die zweite Band, Gitarre, Bass, Schlagzeug, eine sichtbare Sängerin, der erste Titel, mehr Punk als Post. Ich bin erfreut. Punk-Girl mit ihrer Lederkutte und dem „Fake-Prada-Kleid“ steht inmitten des Publikums, dicht an dicht mit den anderen entzückten Menschen. Sie spielen ihr Set, vielleicht zu kurz, aber sie haben nicht so viele Titel, die Zugabe ist ein Titel, der wiederholt werden muss … oder war die Zugabe doch improvisiert? Der Laden hier ist voll.
Umbaupause, umherschweifen, mal oben die Tanzfläche … aber die Musik da gefällt mir an diesem Abend so nicht. Die bessere Musik läuft unten, da tanzen die oldschool Grufties.
Die dritte Band des Abends, vielleicht sogar schon der Nacht, das ist jetzt endlich die angekündigte Band aus Österreich, zwei Herren aus Wien. Der aufgebaute Synthesizer auf der Bühne erstaunt mich schon, ein Schlachtross, eines von diesen Dingern, die alles können, ein Knopfdruck und die Diskomusik geht los. Kabel werden noch gesteckt, ein zweiter Synthesizer oder zweites Keyboard. Sie kommen wenige Minuten später wieder auf die Bühne zurück, der Typ am Synth mit seinen Oberarm-Tattoos, der Sänger in seinem Glitzer-Cape – er sieht darin irgendwie aus, wie eine ältere Hijara irgendwo in Indien, aber die Songs gehen richtig gut im Publikum. Synth, Synth, noch mehr Synth, von Achtziger bis Eurodance-Anleihen, tanzbar.
Nach den drei Konzerten, die DJs und DJanes, der eine Braunschweiger DJ ist wiedergekommen, der macht das aber auch schon ewig, wo er auflegt, da bin ich richtig. Ich glaube, dass er aus Braunschweig kommt, ich weiß nur, dass ich 2004 auch mal nach Braunschweig zu einer von seinen alten Partys fahren wollte, da aber nie „angekommen“ bin (Unfallgeschichte). So viele Erinnerungen diese Nacht, so viele Flashbacks.
Ich suche irgendwann einen Sitzplatz, irgendwo ein Stuhl, eine Couch, irgendwo in einer Ecke, umringt von den vielen Menschen überall. Ich schaue nicht mehr in die Gesichter.
Retrospektive 2025 – Einiges ist dieses Jahr passiert, vieles was mich innerlich verändert hat und mein Gedankenkreiseln bündelt: Es gibt mehr und mehr Länder in dieser Welt, in die ich als trans Frau nicht mehr reisen kann, USA, Großbritannien, westliche Demokratien, wie konnte das passieren? Was ich über die Medien aufnehme, die ganzen Reden, Sprüche, von Politikern, Journalisten, Leute, die einst für Frauenrechte und das Gute gekämpft haben? Ich bin als trans Frau das pure Böse, etwas Abscheuliches, etwas, das ausgemerzt werden muss? Ich schwanke, ist das noch real? Was passiert hier, da stimmt doch etwas nicht? Wir wissen alle aus der Geschichte, was mit den Juden passierte … und jetzt ich? Vorbereiten, Gedanken, Fluchtpläne, wie schnell kann ich innerhalb von Stunden weg, untertauchen und in ein anderes Land flüchten – und wohin? Noch ist Deutschland eines der Top-Fünf Länder, in denen ich als trans Frau in gefühlter Sicherheit leben kann, auch wenn ich dieses Jahr schon angefangen habe, meine Sichtbarkeit zu reduzieren. Das Gefühl der steigenden Unsicherheit.
Ein anderer Punkt, der mich dieses Jahr immer wieder beschäftigt hat: Ich bin auch wieder in einem Club und niemand spricht mich an, ich laufe zwischen all den Menschen hin und her, zwischen ihnen hindurch. Manchmal bin ich unsichtbar, manchmal sichtbar, werde aber nicht wahrgenommen, meine Allegorie mit der Mülltonne, die zwar sichtbar ist, aber nur wahrgenommen wird, wenn Müll in ihr abgeladen wird. Mein Experiment: ich weiß nicht, ob ich es in diesem Blog schon einmal beschrieben habe, das eine Pornovideo von mir, das ich auf einer Erotikplattform irgendwo im Internet veröffentlicht hatte, es ist schon seit einem Jahr weg, aber die Erkenntnis, dass ohne die Hemmschwelle mich anzusprechen, doch niemand der Männer mein Video angesehen hat, lässt eigentlich nur einen Schluss übrig: Ich bin potthässlich. Die einfachste Erklärung. Jedes Mal am Badezimmerspiegel vorbei, versichere ich mir, warum ich niemals einen Partner finden werde, weder Mann, noch Frau, nicht ich, nicht die anderen.
Die zwei Jahrzehnte an nächtlichem Grübeln, das immer wieder alles Analysieren und Erinnerungen umprogrammieren. Ich weiß jetzt, warum ich Angst habe und niemals körperliche Nähe zu einer Frau zulassen kann: Ich wurde missbraucht. Sie ist diejenige ganz am Anfang. Als wir uns im Internet kennengelernt haben, sie hat ihren Ex-Freund in mir gesehen, den sie vermisst hat, Missbrauch eins. Sie hat mich auf dem einen nächtlichen Platz in dieser einen Stadt geküsst, um einen anderen Ex-Liebhaber loszuwerden, ich stand einfach nur rein zufällig in der Landschaft, Missbrauch zwei, mein erster Kuss. Ich hatte keine Ahnung, ich wusste von nichts, ich war die reinste Unschuld, ich wusste weder, was Ja sagen oder Nein sagen bedeutet, sie hat mich einfach überwältigt, es war aus ihrer Sicht ein Rache-Sex, um einen weiteren Liebhaber gedanklich loszuwerden, mein erstes Mal – und gleichzeitig auch mein letztes Mal mit einer Frau, meine erste Angst- und Panikreaktion, in der ich einfach nur erstarre und nicht begreifen kann, was mit mir passiert, Missbrauch Nummer drei.
Sie lies mich fallen, brach wenige Wochen danach den Kontakt zu mir ab … ein düsteres Silvester 2004, mehr als zwanzig Jahre und der Gedanke in mir, ich muss etwas Grausames getan haben. Nie wieder tue ich Frauen das an. Wenn ich nur wüsste, was? 2012 ein einziger Versuch, etwas aufzuarbeiten, ein weiteres Treffen mit ihr und die schlimmste Angst- und Panikattacke auf körperliche Nähe. Sie beschimpft mich (oder sah sie erneut nur ihren Ex-Freund in mir) und ändert sichtbar ihr Verhalten … ich bin das Böse. Ich erzähle ihr, komplett als trans Frau leben zu wollen, mein Coming-out vor ihr zurück im Jahr 2005 ging schon schief und ich war ein Perverser.
Jetzt habe ich vor gefühlt anderthalb Jahren entdeckt, dass sie einen YouTube-Kanal hat, ich habe ihn abonniert. Ich dachte, sie freut sich? Finde den Fehler … Es wäre so einfach, sie könnte ihre Abonnenten sehen, meine Abos auf meinem Profil sind öffentlich geschaltet, nur ein Klick auf mein Profil und sie sieht den Link zu meiner Blog-Seite und kann mich von hier aus kontaktieren? Meine purpur-schwarze Internetseite mit meinen Fotos von mir – auf die sie mit vollkommener Abscheu 2005 reagiert hat. Sie nimmt keinen Kontakt zu mir auf. Sie wird als TERF mittlerweile gefestigt sein. Alle Frauen sind TERFs. Jedes Mal, wenn ich als trans Frau eine öffentliche Damentoilette benutze, was ich seit zwanzig Jahren mache, fühle ich mich wie eine Bedrohung – aber das war doch mal anders?
Die Musik dröhnt, Songs zum Tanzen, ich reiße mich von diesem Sofa in diesem Club wieder los. Wenigstens diese Nacht will ich bis vier Uhr den Morgen tanzen. Der DJ hier unten spielt die ganzen Goth-Klassiker, ich passe auf diese Tanzfläche, mit meinen Biker-Boots, meinem enganliegenden Kleid, meiner Punker-Lederjacke, meinen langen, blonden Haaren, nichts unterscheidet mich von den anderen Frauen. Noch einmal auf die Sitzecke, noch einmal diesen wunderschönen, gezimmerten Stuhl neben dem Sofa bewundern, der mein autistisches Ich in seinen Bann zieht, bevor ich dann kurz vor vier Uhr den Mittwoch Morgen mich zu den Garderoben bewege und meinen Mantel und meine Unterziehjacke dort vom Haken nehme. Ein Mann hat mich noch gefragt, ob er mir einen Weißwein anbieten könnte, er hätte genauso auch mir eine Dosis Heroin anbieten können, erschrocken wende ich mich schnell ab.
Die paar Schritte draußen zur Haltestelle, es ist saukalt, meine Atemluft puste ich absichtlich stoßweise nach oben, um sie kondensieren zu sehen. Ein Nachtbus fährt von dieser Haltestelle um kurz nach vier Richtung Hauptbahnhof. Der Bus ist voll, kein Sitzplatz für mich, wer sind diese ganzen Menschen?
Mein Zug am Hauptbahnhof fährt gegen fünf Uhr den Morgen, ich stehe in dieser hellerleuchteten Kathedrale zwischen den Gleisen und der Kälte, vereinzelt fliegen Tauben hoch oben zwischen den Stahlträgern. Der einfahrende Regionalexpress Richtung Magdeburg bleibt weitestgehend leer, ich hätte mehr Pendler erwartet, vielleicht muss doch nicht jeder an Silvester arbeiten. Mein Stammsitzplatz im Wagon, dieses Mal lege ich mich nicht hin, ich versuche wach zu bleiben und lehne mit meinem Kopf am Sitzpolster und meinem aufgehängten Plüschmantel … zwischen Bitterfeld und Gommern entsteht eine Lücke in meiner Wahrnehmung.
Magdeburg Hauptbahnhof sieben Uhr morgens, so viele Menschen – und mein Zug in mein Heimatkaff fährt wieder nicht, ich blicke auf die große Tafel hoch oben über mir. Obligatorisches Nuss-Nougat-Croissant beim Bäcker und Umplanen, der Ticketautomat, die besetzte Information, all die Tafeln mit den Verbindungen … fährt doch noch ein Bus und wenn ja, wann? Um kurz vor zehn Uhr? Alle Zugverbindungen Richtung Wolfsburg fallen und fielen heute und gestern aus, ich stelle mich schon darauf ein, den Vormittag hier zu verbringen, dann bleibe ich eben noch den weiteren Tag wach, das macht mir nichts aus, mehr als vierundzwanzig oder sechsunddreißig Stunden wach zu sein … Kommt schon vor.
Die eine Stunde bis acht Uhr auf der Bahnhofstoilette, die nächtliche Prostituierte schminkt sich vor den großen Spiegeln ab, dieses Mal habe ich daran gedacht und die Make-up-Entfernungstücher miteingepackt. Es fährt doch noch ein Zug in Richtung meines Heimatkaffs, anderthalb Stunden bin ich schon auf diesem Bahnhof. Ich warte danach sehnsüchtig in dem Tunnel unter den Gleisen, dass der andere Zug da oben endlich wegfährt und den Bahnsteig für meinen Zug freigibt, oben liegt alles voller Neuschnee. Mein Zug wird nach einer weiteren Gleisänderung endlich bereitgestellt, auch dieser kleine Regionalzug ist fast leer.
Kurz vor neun Uhr den Morgen, der Bahnhof in meinem Heimatkaff und es schneit. Automatisiert fange ich an, durch die Schneeflocken zu stapfen und will eigentlich nur noch in mein Bett. Ich bekomme gar nicht mit, das ich wieder von meinem Familientaxi abgeholt werde, sie haben meine Nachricht gelesen und wissen genauso über die aktualisierten Fahrpläne der Bahn Bescheid. Wenigstens auf der Familienseite funktioniert die Organisation.
Zurück in meiner Wohnung, die nach Zigretten stinkenden Sachen irgendwo im Flur verteilen, die Handtasche, so wie sie ist, wieder auf die Couch ablegen und nur das Smartphone und die Übernachtungszahnbürste daraus entfernen. Fenster aufreißen, ins Bad, Zähne putzen, Fenster wieder zu, ins Bett in mein Schlafzimmer. Noch vier Stunden schlafen diesen scheiß Silvestertag. Vielleicht bin ich dann am Ende dieses halben Tages immer noch so müde und falle noch vor dem großen Mitternachtsfeuerwerk ins Bett. Ich will diesen verfluchten Tag nur so schnell wie möglich wieder rumkriegen.
[31.12.25 / 23:47]✎ Verdammte Scheiße! Ich kann nicht schlafen! Nicht mit den Ohrstöpseln, sie neutralisieren nicht die Detonationen, das ging vielleicht damals im Krieg, beim G3-Schießen, aber nicht bei diesem neumodischen Bomben-Kram. Das sind keine Nachbarn, die wohnen hier nicht, die belagern nur eine leerstehende Wohnung, um hier ihren ganzen Terror-Bomben-Wahnsinn auszuleben – die gehören hier nicht hin, die sind fremd! Das Hundegebell, die heulenden Hunde, die verlassenen Hofhunde von gegenüber, ich glaube, sie werfen gezielt Böller über den Zwei-Meter-Sichtschutzzaun. Ich hasse Silvester so abgrundtief, nur die wenigen Idioten, die das alles kaputtgemacht haben. Hoffentlich brennt ihr Haus ab, hoffentlich verschwinden die bald … ich schweife ab. Zurück am Laptop, vom Bett zurück auf die Couch, schreibe ich eben, stark übermüdet, meinen zweiten Blogartikel. Mitternacht, hoffentlich ist das bald vorbei. Düstere Finsternis umgibt mich.
[29.12.25 / 20:19]✎ Ich habe etwas vor, die freien Tage zwischen Weihnachten und Silvester, gleich zwei Konzerte und Partys die Nächte in Leipzig. Werde ich das schaffen? Traue ich mir das zu? Ich nehme in beiden Fällen den Zug, spätnachmittags hin, frühmorgens wieder zurück. Zwischen den beiden Events liegen zwei Ruhetage … ich mache das!
Der erste Konzertabend den siebenundzwanzigsten Dezember, den kleinen Flyer habe ich bei der Halloweenparty mit eingesteckt, die Szene ist klein, Veranstalter und Bands und Leute, die zum Konzert kommen, kennen sich meist persönlich. Ich habe meine Bedenken, ob die genug Tickets verkaufen konnten, die Band organisiert das Konzert selbst, anlässlich des Release des neusten Albums … die Band mit dem Song, in dem es um „eine Katze und eine Tasse Kaffee“ geht.
Den Tag davor, alles vorbereiten, Beine vorrasieren, Outfit zurecht legen, passt mein schwarz-weißer Blazer zu den neuen Stiefeln? Nein. Passt mein schwarz-grauer Kuschelmantel zu den Stiefeln? Ja. Den warmen Mantel ziehe ich die beiden Nächte an, den Blazer will ich unbedingt zu dem ersten Konzert tragen – also bleiben meine Stiefel nur für die zweite Nacht. Ich nehme die schwarzen Pikes. Mein schwarzer Lieblingspullover, frisch von der Stange der letzten Wäsche und eine schwarze Jeans, nicht die Boot-Cut – Outfit steht. Nur noch schnell die Stiefeletten einfetten.
Aufstehen den Sonnabend Mittag, seit Tagen verschiebe ich meinen Biorhythmus auf „Mittag bis morgens“ – ich habe in meinem Wohnzimmer mein Musikstudio wieder aufgebaut, ich will zwei neue Songs aufnehmen, dazu später mehr … Beine weiter rasieren, die Dusche nach dem Mittagessen. Fünfzehn Uhr gibt es unten bei den Eltern Tee und Kuchen, ich bin im Stress, ich brauche noch exakt zwanzig Minuten für das perfekte Augen-Make-up, im Dress – schwarze Jeans und schwarzer Pullover – verschwinde ich noch einmal nach oben in mein Bad in meiner Wohnung, bevor ich um kurz vor sechzehn Uhr das Familientaxi zum Bahnhof nehmen kann. Jetzt mit Mascara, Kajal und Zwei-Farben-Lidschattenpalette (Dunkel und Silber, Lidfalte und inneres Augenlid).
Der Zug ist voll, der Regionalzug von Magdeburg ist auch nicht besser, aber ich erfrage einen Sitzplatz. Es wird dunkel vor den Fenstern, Nieselregen, aufkommender Nebel und Frost, kein gutes Wetter zum Autofahren.
Leipzig erreiche ich wie geplant kurz vor neunzehn Uhr, um neunzehn Uhr ist Einlass im Felsenkeller, der Veranstaltungsstätte im Westen von Leipzig für diesen Abend, zwanzig Uhr ist Beginn (laut Plan). Noch schnell beim Bäcker unten im Bahnhof ein Brötchen kaufen und am Automaten daneben schon das Ticket zurück den nächsten Tag, das Länderticket, da ist die Straßenbahn mit drin … glaube ich zumindest. Minuten später vor dem Leipziger Hauptbahnhof, warten auf die richtige Linie … so viele Menschen hier, dieses „Stadtbild“.
Überpünktlich steige ich die Haltestelle am Felsenkeller aus und laufe einsam in dem trüben Laternenlicht die paar Meter um die Ecke zum Eingang. Werden viele Menschen da sein? Wird überhaupt jemand da sein? War der Clubraum – es ist für diesen Abend nicht der große Saal – nicht einmal irgendwo dahinten, hinter dem historischen Gebäude? Meine Erinnerung täuscht mich, es ist schon länger her, dass ich hier mal zu einem Konzert war. Ich laufe die Treppe zum Eingang hoch, ich betrete die kleine Gaststätte, die Türen sind beschildert, irgendwo die Tür zu den Toiletten – die sind unten, ich muss die gefährlich steile, knarzige Wendeltreppe aus Holz ganz nach oben. Weitere Türen, ein kleiner Vorraum, endlich zwei Damen an der Kasse, ich habe ein Handy-Ticket. „War der Clubraum nicht irgendwie mal unten?“ Und vor allem größer, eine Tür weiter geht es in den Konzertraum für diesen Abend.
Eine Handvoll Leute sind schon da, Musik wird über die Anlage gespielt, den Abend könnten richtig gute Stücke gespielt werden – vielleicht nicht die zwei Songs von „Fancy“, die auf der Betriebsweihnachtsfeier gespielt wurden und ich die improvisierte Tanzfläche in der Kantine stürmen musste – aber vielleicht ein paar andere Songs, Italo, Wave, Achtziger-Kram, düsteres, elektronisches Zeug.
Es dauert noch eine ganze Weile, bis die erste Band spielt, ich hätte ruhig noch einen, oder gleich zwei Züge später nehmen können. Der kleine Clubraum füllt sich mit genug Menschen, nicht voll, nicht leer, alle weitestgehend in Schwarz, angenehm und ruhig, alle mindestens so alt wie ich – die Szene ist wirklich alt geworden, aber Stunden zuvor, zurück in meinem Provinzkaffbahnhof habe ich sie gesehen, drei Junggrufts, um die zwanzig oder jünger, weiß geschminkt und mit langen, schwarzen Mänteln, tiefschwarze Augen, hochtoupierte Haare, es gibt sie noch … oder es ist ein merkwürdiger „TikTok-Trend“, aber da komme ich nicht mit.
Die erste Band, die aus Frankreich, die ich schon ein-, zwei- oder dreimal gesehen habe (das könnte jetzt das dritte Mal sein), ich habe gleich alle ihre CDs, zwei muss ich noch nachkaufen. Die Sängerin und Bassistin ist so bezaubernd, er ist wie immer im Glitzer-Make-up und an der Gitarre und an den Synths. Während des Auftritts kommt sie von der kleinen Bühne runter und sucht den Kontakt zum Publikum, ich auch, ich stehe irgendwo gefühlt in der dritten Reihe.
Nach dem ersten Auftritt, die Bar ist gleich da drüben, der Merchandise ist im hell beleuchteten Vorraum, da ist auch die Garderobe, ein paar schnell improvisiert hingeschobenen Kleiderständer auf Rollen. Vor dem Tisch: „Ich will die CD und die CD“, ich tippe drauf, das erste und das letzte Album, die zwei dazwischen habe ich schon, die französischsprachige Sängerin überreicht sie mir, die Szene ist klein, sehr viel persönlicher Kontakt zwischen Bands und Publikum.
Das große Comeback
Die Hauptband und die Organisatoren für diesen Abend, haben ihren Merchandise-Tisch gleich daneben, zurück vor der Bühne inspiziere ich den aufgebauten Synthesizer-Tisch … ich habe meinen zu Hause auch aufgebaut, bei mir stehen der Drum-Computer mit den zwei MIDI-Kanälen, der Bass-Synthesizer, der kleine Lead-Synthesizer und das Synthesizer-Keyboard für den Rhythmus-Riff und den sphärischen Klang. Ich will das Ganze ausdünnen, ich habe die letzten Nächte bemerkt, warum mein Titel von 2020, den ich neu aufnehmen will, einfach nicht funktioniert hat – er war zu überfrachtet, zwei Synthesizer-Spuren weniger, weniger Drum-Parts, nur noch Bass-Drum, Snare und Closed Hi-Hat, den Conga-Trommel-Sample ganz weit in den Hintergrund verschoben und mit einem sphärischen Stereo-Effekt versehen – schon funktioniert der Titel und entfaltet seine ganze düstere Wirkung! Er brauchte einfach mehr Luft zum Atmen.
Die Band jetzt, macht es genauso, die knackigen Texte, Deutsch und Englisch, der kühle Synthesizer-Sound, die pulsierenden Beats, das aufwendige Bühnenoutfit, weder die Sängerin, noch der Mann an dem Synthesizer-Tisch werde ich später im Publikum wiedererkennen, sie sind maskiert. Nur was er anmerkte, die Bühnenbeleuchtung war noch nicht am Limit, außer den paar statischen, blauen Strahlern, geht noch mehr, irgendjemand hat den Regler gefunden, um noch ein paar weiße Strahler und etwas Blinken dazuzuschalten, der Party-Raum war gemietet. Auch sie begibt sich später von der Bühne runter in das Publikum und singt ihre Texte … auch wieder vor mir, hätte ich diesen schwarz-weißen Blazer vielleicht nicht anziehen sollen? Er zieht zu viel Aufmerksamkeit, irgendwann werde ich den mal als mein Bühnenoutfit in Betracht ziehen. Auch diesen Auftritt, in mir rotiert es, ich bin kreativ – ich werde Synth-Lead und Synth-Sphere auf einem Synthesizer packen! Dann kann ich mir einen Synthesizer und einen MIDI-Kanal sparen und ich habe weniger Spuren zum Aufnehmen, ich kann das volle Potential meines Vier-Spur-Rekorders nutzen, viermal den linken Kanal und viermal den rechten Kanal. Nett … als sie den Weg zurück zur Bühne bestreitet, bildet sich ein Catwalk wie bei einer Drag-Show.
Nach den beiden Auftritten und noch mehr Ideen, die Disko. Die DJane legt ein paar Stücke auf. Ich habe schon von Anfang an meinen kleinen Sitzplatz für mich entdeckt, die mit Holzleisten überdeckten Heizkörper an den großen Fenstern mit den schweren, zugezogenen Gardinen und dem spaltenweisen Blick auf die Ampelkreuzung draußen. Ein paar Titel tanzen, ein paar Titel sitzen, meine große Handtasche liegt hier auch irgendwo hinter mir auf dem Fensterbrett, die Bar ist in meiner Blickrichtung wenige Meter über die Tanzfläche vor mir, gefühlt Mitternacht, ich bin auf zwei Gläser Wasser umgestiegen, mit Sprudel.
Wie ich so da sitze und die tanzenden Menschen beobachte, mit jedem Titel werden es weniger, ein Mann kommt auf mich zu und quatscht mich an. Ich verstehe nichts, die Musik ist zu laut. Ich erwidere das Gespräch nicht, ich bleibe stumm und lächele verlegen. Ich bin Französin, ich spreche deine Sprache nicht. „Fühlst du dich von dem belästigt? Der quatscht schon seit Wochen hier andere Frauen an.“ Einer Frau aus dem Publikum ist die Szene aufgefallen und kommt zu mir dazwischen, ich verstehe leider nicht, was er sagt. Normalerweise werde ich auf Gothic-Partys nie belästigt. Er trägt Schwarz, schwarze Stiefel, schwarze Jeans, schwarze Lederjacke, optisch gehört er dazu.
Ich muss das noch minutenlang verarbeiten, weitere Titel werden gespielt, aber irgendwie tanze ich nicht mehr. Irgendwann bin ich die Einzige, die noch in dem kleinen Saal auf ihrem Sitzplatz auf der Fensterbank sitzt und ein Security-Mann kommt auf mich zu: „Wir schließen jetzt.“ Meine stumme Handgeste rüber zur beleuchteten Tanzfläche, auf der niemand mehr tanzt, aber wo soll ich denn jetzt noch hin? Blick auf die Uhr, es ist gerade mal kurz vor zwei Uhr. Bis mein Zug fährt, dauert es noch drei Stunden. Der Worst-Case.
Zurück in den Vorraum, die Kleiderständer und die paar aufgestellten Polsterstühle, bei den wenigen Gästen, genug Sitzmöglichkeit. Ich nehme meinen Wollmantel und das Innenfutter, die olivgrüne Steppjacke, vom Haken und ziehe mich mit meinem schwarzen Schal wieder warm an, mein schwarzer Pullover war die ganze Zeit in meiner Handtasche verstaut.
Draußen vor der Gaststätte und dem Aufgang zum Konzertsaal, ein paar Leute auf der gegenüberliegenden Straßenseite warten auf Taxis, ich könnte auch anfragen, eins zu teilen. Die beiden von der französischen Band stehen mit mir auf der Treppe vor dem Eingang, sie sind vielleicht auch genauso überrascht, dass das hier so abrupt abgebrochen wurde. Es entwickelt sich ein kurzes Gespräch.
„Are you waiting for a taxi?“
„No, no, I wait for a bus or a tram“, da drüben ist die Haltestelle für die Nachtlinie, eine Traube an Menschen bildet sich da schon.
„You live here?“
„No, my train back is at five'o'clock in the morning.“
„Oh. You could wait here inside.“
„No, no …“
Sie ist nett, er ist meistens stumm. Ich sage noch Tschüss und springe schon die Treppenstufen runter und die Straße rüber zur Bushaltestelle, um dort mit meinem Smartphone den Fahrplan auszuleuchten, tatsächlich fährt hier sonnabends und Sonn- und Feiertag ein Bus wenige Minuten nach um zwei Uhr nachts Richtung Hauptbahnhof. Nettes Angebot von ihr, aber wo hätte ich da drinnen warten sollen, die Gaststätte war doch schon zu? Backstage? Glaube ich nicht, da wären die doch auch rausgeworfen … ich versuche mein Glück in der Innenstadt, irgendwo eine von den Bars dort, die ich kenne, da kriege ich die Wartezeit rum, bis mein Zug abfährt.
Ausstieg am Hauptbahnhof, immer noch alles voller Menschen, das ganze Party-Volk. Ich laufe die Straße gegenüber in die Innenstadt, die Fußgängerzone von Leipzig. Vielleicht die Gay-Bar, wenn die noch offen hat, vielleicht die andere Bar am Marktplatz, da habe ich immer ein paar nette Männer kennengelernt, mit „Gelegenheiten“. Weit komme ich nicht, ein paar Schritte mit Sichtweite zum großen Gebäude des Hauptbahnhofs, war hier nicht einmal diese eine Kellerbar? Die mit den großen Videoleinwänden und der umfangreichen Cocktail-Karte? Ich drücke die unscheinbar wirkende Glastür auf und finde die kleine Treppe in den Keller vor mir. Die Bar gibt es immer noch und sie hat auf.
Auf den Videoleinwänden werden Neunziger-Jahre Musik-Clips gespielt, es riecht leicht nach Zigarettenqualm, ein paar Gäste sitzen auf den Sofas und Stühlen in den Sitzecken, voll ist es auch hier nicht, ich habe die freie Wahl auf die ganzen Barhocker und Stehtische vor mir. In dieser kleinen Kellerbar war ich auch schon länger nicht mehr. Ich packe meine ganzen ausgezogenen Sachen vor mir auf den zweiten Barhocker, mein Mantel türmt sich mit der Steppjacke, dem Blazer und dem Schal auf meiner Handtasche, ich nehme den Barhocker an der Wand mit freier Sicht auf die Videoleinwand auf der anderen Seite des schmalen Kellers, zwischen mir und der hell ausgeleuchteten Wand liegt nur die große U-förmige Bar und die ganzen Spirituosen für die ganzen Cocktails. Ich studiere die Karte … Ipanema oder Virgin Mojito? Eine ganze Spalte für alkoholfreie Cocktails, es gibt noch viel mehr, aber ich bleibe bei meinen beiden.
Der Strohhalm in dem Glas zwischen den ganzen Eiswürfeln und den Minzblättern, der körnige Rohrzuckersirup ganz unten, die Bandbreite der Musik-Clips erstreckt sich von den frühen Neunzigern bis in die frühen Zweitausender, ein paar Engländer bejohlen jedes Video und kennen die ganze Playlist auswendig. Ein paar andere deutsche Gäste sitzen dahinten auch in der Sitzecke und was mir gar nicht auffällt, ich werde gemustert.
„Hey du, möchtest du dich vielleicht mit zu uns setzen?“
Ich zögere, mach ich's, mach ich's nicht? Kurzentschlossen greife ich meinen Stapel warmer Winterkleidung von dem anderen Barhocker und laufe die drei, vier Meter rüber zu der Sitzecke. Mein leergetrunkenes Cocktail-Glas lasse ich stehen.
Die vier Männer kommen aus München und sind nur hier für ein Pokerturnier.
„Spielt ihr auch um Geld?“
„Nein, so etwas machen wir nicht, nur die Chips.“
Ein Gespräch ergibt sich, wo komme ich her, was mache ich hier. Ich bin nicht aus Leipzig, ich warte hier nur auf meinen Zug zurück, ich war auf einem Konzert, so etwas mit Gothic. Anhand meiner Kleidung haben sie das nicht erkannt, schwarze Jeans, schwarzer Pullover, sonst auch nur mein unscheinbares „Corporate Goth“ Outfit. Und was machst du so beruflich? Ja … Software programmieren. Ein oder zwei der Männer machen das auch, oder haben das mal gemacht.
„Wir wollen jetzt rüber gehen zu dem Currywurst-Stand, etwas essen, du kannst ja mitkommen, wenn du magst, das ist auch da irgendwo beim Hauptbahnhof.“
Eine Currywurst-Bude? Die nachts offen hat? Ist mir nie aufgefallen. „Ich muss nur noch schnell mein Cocktail bezahlen.“
Ich brauche ewig, meine ganzen Schichten an Winterklamotten wieder anzuziehen, die vier Männer stehen schon oben, draußen vor dem Eingang zu der Cocktail-Bar und warten auf mich. Den Weg die paar Schritte zurück zum Hauptbahnhof, hell beleuchtet in dem Nebelschein, nicht zu verfehlen.
Die Currywurst-Bude ist etwas abseits daneben, noch auf der Seite der Fußgängerzone der Leipziger Innenstadt, getrennt vom Bahnhof durch die mehrspurige Magistrale und den zentralen Straßenbahnlinien. Die Currywurst-Bude wird diesen frühen Morgen gemanagt von einem älteren Mann mit Leipziger Akzent. Ich bin überrascht, dass die vier aus München und Umgebung nicht so einen starken bayrischen Akzent haben, als sie versuchen, ihre Currywurst und ihre paar Pommes zu bestellen. Ein paar Bier auch dazu.
„Und willst du auch noch was bestellen? Pommes, eine Cola, ein Bier?“
Nein, danke. „Ich warte noch auf mein Frühstück, dann später gegen sieben Uhr, beim Bäcker im Magdeburger Hauptbahnhof“, ich muss da noch umsteigen.
Innen drinnen in der Currywurst-Bude mit angeschlossenem Bistro, lasse ich mich doch noch überreden, mir wenigstens eine Flasche Wasser ausgeben zu lassen. Die vier Männer sind wirklich sehr nett, die Situation ist vollkommen anders, als ein paar wenige Stunden zurück in dem Club und dem Typen, von dem ich von der einen Frau schützend erfahren habe, dass der eigentlich nichts Gutes mit mir will.
Mein Blick auf mein Smartphone, herausgekramt aus meiner Handtasche, es ist gegen halb fünf Uhr den Sonntag Morgen. Die Männer bleiben auch nicht lange in dem Imbiss und haben ihre Hotels hier gleich gegenüber im Umkreis des Hauptbahnhofs, sie überlegen schon, wie sie die nächsten drei Stunden mit etwas Schlaf auskommen können, um gleich den Vormittag mit dem nächsten Pokerturnier beginnen zu können. Ich erreiche mein Bett erst in drei oder vier Stunden, wenn ich gegen acht Uhr mit dem Regionalzug mein Heimatkaff erreiche.
Unsere Wege trennen sich, als die vier die große Hauptstraße zurück zu ihren Hotels überqueren wollen und ich die Grünanlage neben der Straße zurück Richtung Hauptbahnhof stapfe. „Ich nehme lieber die Ampel.“ Und Tschüss. Niemand von den vier hat mich um meine Telefonnummer gebeten, es war einfach nur ein flüchtiger, nächtlicher Kontakt. Sie sind jedes Jahr zu dem Turnier hier, sie gehen immer in diese Bar, wenn ich in einem Jahr hier wieder vorbeilaufe?
Mein Zug fährt um fünf Uhr zwanzig. Er steht schon auf dem Gleis in der hell beleuchteten Bahnhofshalle bereit. Auf dem Nachbargleis der dunkelblaue „Nightjet“ mit den Liegewagen, so einen will ich auch mal wieder buchen. In den Wagons des Regionalzuges, ich suche meinen Stammsitzplatz, die eine zweisitzige Bank in der dahinter keine weiteren Sitzplätze sind. Ich laufe an einer vorbei, drehe mich wieder um – und schon ist sie von einem anderen Pärchen in diesem ansonsten leeren Wagon besetzt. Ich finde meine Sitzbank am anderen Ende des Wagons, mal nicht in Fahrtrichtung, vielleicht rutsche ich da auch nicht mehr runter, wenn der Zug bei jedem durchfahrenden Bahnhof bremst oder wieder beschleunigt. Meine ganzen Sachen an dem Kleiderhaken über der Scheibe, meine olivgrüne Steppjacke zu einem Kissen geformt, meine schwarze Handtasche im Griff der Finger darunter, die Absätze meiner Stiefeletten abgelegt mit angewinkelten Beinen auf der kleinen Kante unterhalb des Fensters, die Fenster gehen hier in dem erhöhten Teil des Wagons bis weit nach unten. Ich habe meine Schlafposition erreicht. Der Zug fährt los, nächster Halt: „Leipzig Messe …“
„… Dessau“, ich wache auf, neue Zuggäste, irgendwelche jungen Frauen, zum Glück etwas weiter weg, sie hören bald auf, sich zu unterhalten.
„Zugestiegene Fahrgäste?“
Ich ziehe mein Ticket aus der Gesäßtasche und blicke leicht nach oben.
„Weiterschlafen.“
Die Frau vom Zugpersonal geht weiter, ich zähle wieder meine Nummern: „Einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig …“
Ich schrecke auf, vor mir in den Fenstern die Gebäude der Magdeburger Großstadt – habe ich verschlafen? Habe ich den Hauptbahnhof verpasst, fährt der Zug schon wieder zurück nach Leipzig? So dramatisch wäre es nicht, mein Länderticket gilt unbegrenzt den ganzen Tag. Zum Glück habe ich meinen Ausstieg nicht verpasst, mir bleiben sogar noch ein paar Minuten, mich wieder anzuziehen und nichts zu vergessen auf dieser kleinen Sitzbank in dem Regionalexpress.
Magdeburg Hauptbahnhof, sieben Uhr den Sonntag Morgen, so viele Menschen, wo wollen die denn alle um diese Uhrzeit hin? Mein Regionalzug Richtung Wolfsburg ist es nicht. Ich kaufe mir bei dem Bäcker in der Vorhalle noch mein obligatorisches Frühstücks-Croissant mit Nuss-Nougat-Creme-Füllung und esse es wieder, zurück im leeren Zug, aus der Papiertüte. Vor mir vor den Fenstern bricht schon der Morgen an, als der Zug sich in Bewegung setzt und Magdeburg verlässt. Hätte ich jetzt nicht meine Abschminktücher zu Hause liegengelassen, ich hätte die Zeit im Bad einsparen können und wäre ein paar Minuten früher ins Bett gefallen.
Zurück zu Hause, Klamotten auf die Bügel, Handtasche auf die Couch, Fenster öffnen, ins Bad, Fenster wieder schließen, ins Bett. Zwei Ruhetage, dann wiederholt sich das Ganze …
[25.12.25 / 17:54]✎ Neuzugang: Seit den letzten Shopping-Touren schleiche ich in den verschiedensten Schuhläden um ein Paar ähnlich aussehende Stiefel – ich suche ein Paar Engineer Boots für mich (von mir fälschlicherweise als „Worker Boots“ bezeichnet), die passen bestimmt super zu meiner kürzlich gekauften, schwarzen Bootcut-Jeans. Marlon Brando, James Dean … All die Motorradrebellen aus den alten Schwarz-und-Weiß-Filmen – mein chromglänzender Chopper steht in der Garage. Die Stiefel der Achtziger Jahre aus der Punk- und Gothic-Szene, speziell die Gothic-Rock Szene … einen schwarzen Mantel habe ich nicht (mehr), aber mein grau-schwarzer Kuschelmantel passt auch super. Fehlt nur noch den Preis Überdenken … Fast 60% Prozent Rabatt? Die sind in dem Schuhladen in der Magdeburger Innenstadt im Weihnachts-Sale? Gekauft. Bloß etwas über hundert Euro für das paar Stiefel, das deckt die gerade auf dem Konto gutgeschriebene, jährlich ausgezahlte Aktiendividende … mein Shopping-Rausch-Gewissen beruhigen.
[18.12.25 / 20:21]✎ Laserbehandlung #4 (Haarentfernung #35) – Eine neue Kollegin, sie setzt den Laser nicht so nah auf: „Von einer Skala von eins bis zehn …“ Unteres Drittel, lieber eine Einstellung höher als beim letzten Mal, damit es wirkt.
Drei Tage später, die Epilationen im Gesicht seit über zehn Jahren, damit niemals überhaupt ein Hauch von Bartschatten erkennbar ist. Alle Menschen schauen mir ins Gesicht, innerhalb von Sekundenbruchteilen fällt die Einordnung zwischen Mann und Frau, die teure Laserbehandlung ist mit das Wichtigste im (Über-)Leben einer trans Frau … und doch höre ich es wieder den Tag hinter mir tuscheln: „Das ist ein Mann.“ Ich habe eigentlich gar kein Passing.
[03.11.25 / 00:33]✎ Der Sonntag, wieder das Frühstück oben in der siebten, die Aussicht auf ganz Leipzig vor mir. Dieses Mal habe ich mich vor dem Frühstück geduscht, ich war eigentlich nicht auf zwei Nächte eingerichtet, außer meiner zweiten Unterhose hatte ich nichts zum Wechseln dabei. Den Sonntag nach dem Check-out um Mittag auf direktem Weg zum Hauptbahnhof. Ein Stoffmarkt auf dem Platz vor der Oper kreuzt meinen Weg, aber ich finde nichts für meine Ideen, ich hätte gern ein Kleid in Tarnfarben, aber solche Stoffmuster gibt es hier nicht.
Weiter zum Bahnhof, noch einen doppelten Espresso trinken, dann über einen Stopp an der Toilette, zu meinem Gleis. Das Ticket aus dem Automaten, Hinweise zum Streckenverlauf? Scheint alles normal zu sein. Am Gleis, es werden immer mehr wartende Menschen.
Der Regionalzug fährt ein, in einfacher Traktion, ich ahne schlimmes, das könnte eng werden. An der Tür stehe ich noch weit vorne, die ersten Meter … Mist, Erste Klasse, falscher Eingang. Bis ich mich umdrehe und den Zug in dem Gang entlanglaufen will, stehe ich schon zwischen all den wartenden und irritierten Menschen. Der Zug ist richtig voll. „Verdammte Scheiße!“ Ich kann mich nicht mehr beherrschen.
Ein paar Schritte den Gang weiter, der Zug setzt sich in Bewegung. „Das ist jetzt mein Sitzplatz.“ Wo ich stehe, mitten im Gang, setze ich mich auf den Boden, zwischen all den vielen Menschen. Die nächsten Stationen steigt sowieso niemand zu oder aus. Netterweise habe ich wenigstens meine Reisetasche auf eines der Ablegefächer für Gepäck gelegt. Viele, viele Stationen weiter, wo wirklich mal Bewegung in den Gang kommt, stehe ich auch auf und beobachte, ob etwas frei wird, die Hälfte steigt bis Dessau aus, niemand will wirklich bis nach Magdeburg, allerhöchstens, um dort umzusteigen.
Den Anschlusszug in Magdeburg hätte ich fast bis auf die letzte Minute verpasst, aber ich musste ja unbedingt noch beim Asiaten im Bahnhof ein Teller mit Nudeln, Tofu und Gemüse essen. Der Regionalzug nach Wolfsburg ist der schlimmste, hier fährt wirklich nur ein winziger in Einfach-Traktion und ganze ausländische Großfamilien nutzen den, weil er günstig ist. Ausländische Großfamilien und ausländische Studenten und Gruppen halberwachsener Männer, wahrscheinlich „Freunde des runden Balls“. Die paar letzten Kilometer, ich habe einen Sitzplatz gefunden.
Ich mag die beiden Regionalzüge, von Leipzig kommend, über Magdeburg bis zu meinem Heimatkaff … um fünf bis acht Uhr den frühen Sonntagmorgen – aber nachmittags? Am Wochenende? Freitag, Sonnabend, Sonntag, die Pendlerzeiten in der Woche? Furchtbar … Und so billig ist das nun auch nicht, jeden zweiten Monat Party in Leipzig. Als ich da noch meine Dachbodenwohnung hatte … Ich glaube, er hat meine Nachricht noch immer nicht gelesen. (Ende Teil 3/3)
[03.11.25 / 00:32]✎ Sonnabend kurz vor zehn den Morgen, ich hatte zwar den Wecker gestellt und meine Abschminkzeit im Bad auf das Nötigste reduziert, um von vier bis zehn wenigstens sechs Stunden schlafen zu können, aber mein Biorhythmus reißt mich vorher schon raus. Aus dem Bett fallen, Unterwäsche wechseln, vom Nacht- zum Tagesslip, das beschfarbene T-Shirt habe ich anbehalten, das ist jetzt nach dem Disko-Outfit mein Schlafshirt. In meine Standard-Gothic-Klamotten wechseln, schwarze Jeans, schwarzer Pullover, mein gebuchter Slot für das üppige Frühstück oben in der siebten: von zehn bis elf Uhr, duschen kann ich danach.
Ich wollte dieses Frühstück unbedingt wieder, die Aussicht auf die Leipziger Innenstadt ist einfach atemberaubend, alle Tische und Stühle sind in Richtung Fenster. Das Frühstücksbuffet ist üppig. Brötchen, Croissants, Vanilleplunder, Früchte-Joghurt-Knuspermüsli, Café Crema und Orangensaft, sogar ein Frühstücksei. Ich hätte mehr nehmen können, aber ich nehme keine Wurst, Käse oder Salat zum Frühstück. Die paar Euro mehr unten an der Rezeption, ich würde hier immer das Frühstück dazubuchen.
Wieder unten in meinem Zimmer, die Dusche nehmen, die flachen Schuhe anziehen, heute mache ich meine Einkaufstour in der Leipziger Innenstadt gleich gegenüber. Doch vorher unten an der Rezeption die zweite Nacht dazubuchen. Ich tue es, aus Liebe zu ihm … hoffentlich wird er sein Wort halten, hoffentlich wird er mich wieder besuchen kommen, er muss mich bezahlen. Ich bin nicht billig, mein Stundenpreis hat sich gerade auf über hundert Euro erhöht.
Meine Einkaufstour: mindestens vier bis fünf Kaufhäuser, vier bis fünf Schuhläden, irgendwo einen Kaffee trinken, ein Stück Kuchen essen, eine Pizza essen, Pausen einlegen. Von zwölf bis achtzehn Uhr, oder noch später, bis der Tag wieder dunkel ist und der Party-Abend angefangen hat. Ich habe einen Plan, was ich kaufen will, das teure Kaufhaus am Marktplatz, ich soll für die Familie einen Wollpullover auskundschaften, gefällt er mir auch, kaufe ich den auch, als Anschauungsmaterial für die online Bestellenden. Auf den Weg dahin, die ersten Schuhläden, aber eigentlich will ich noch in den einen Unterwäscheladen und die Parfümeriekette – und die eine Drogerie, weil ich habe natürlich irgendetwas zu Hause vergessen, Abschminktücher, der halbe schwarze Mascara der letzten Nacht klebt bestimmt noch zwischen meinen Augenwimpern.
Der Pullover in dem teuren Kaufhaus, die weißen Wollhaare heften an meinem schwarzen Pullover, ich habe die Strickjäckchen-Variante anprobiert, dieser Pullover ist furchtbar, der ist schlimmer, als unseren Hund zu umarmen. Den kaufe ich nicht und rate meiner Familie davon ab, der Pullover und das Jäckchen ist auch in allen Größen noch verfügbar … ich bin nicht die Einzige, die so denkt. Weiter in die nächsten Kaufhäuser.
Die Parfümeriekette, meine Tagescreme ist alle, die mit dem Lichtschutzfaktor, die ist momentan die einzige Creme, die wirklich hilft gegen mein „Rote-Nase-Problem“, jeden Abend, jeden Tag, sehe ich aus, als hätte ich zu viel getrunken … als strenge Nicht-Alkoholikerin. Alles was an Tageslicht darauf fällt, lässt sie den Abend rot glänzen. Ich nehme die große Dose Creme für fünfzig Euro, ich brauche den Sonnenschutz auch im Winter.
Weiter in den Unterwäscheladen … ihr hattet doch da mal so eine schwarze Unterhose, hoch geschnitten bis zum Bauchnabel, wie eine Panty, aber hinten an den Pobacken, fast wie ein String-Tanga? Ja, genau der, die Verkäuferin zieht ihn aus der Schublade, er gehört zu der Kollektion von dem BH, den ich hier vor ein paar Wochen gekauft habe, genau den BH trage ich auch genau in diesem Moment. Freudig komme ich aus der Umkleidekabine wieder heraus, endlich ist das Ensemble komplett. Weiter den Mittag und den frühen Nachmittag, weiter den weiteren Nachmittag, endlich gibt es sie wieder, die schwarze Bootcut-Levi's, die, die ich schon seit Jahren suche, die, die ich immer wieder in den Geschäften nachfrage – jetzt ist er da, der große Stapel, in allen erdenklichen Größen, sogar meine Größe, Bundweite und Beinlänge sind fast identisch (von 29/30 zu 28/30).
So eine schöne, neue Hose, fehlen nur noch Stiefel, die ich darunter tragen kann. Alles, was ich in Leipzig in der Fußgängerzone der Innenstadt kenne, alle Kaufhäuser, alle Geschäfte, alle versteckten Outlets, die ganz große Runde. Aber Schuhe kaufe ich dann doch nicht mehr, das passt nicht ins Budget, und nur für einmal den Winter die gefütterten Worker-Boots zu tragen und dafür zwei- bis dreihundert Euro zu zahlen, da habe ich dann doch Kaufrausch-Bedenken. Zurück in Richtung meines Hotels, es fängt an, zu regnen, es ist dunkel geworden, der Tag ist schon wieder zu Ende. Auch beim Pizza-Essen in einem der drei italienischen Restaurants, hört der leichte Regen draußen nicht auf. Nach meinem Abendessen, sprinte ich von Hausfassadenvorhängen und überdachten Geheimpassagen bis zu meinem Hotel gleich hinter dem Augustusplatz.
Wieder oben in dem Zimmer, es ist neunzehn Uhr, mein Freund hat sich nicht mehr gemeldet, er hat die Textnachricht nie gelesen, er weiß nicht, dass ich das Zimmer für eine zweite Nacht gebucht habe, vielleicht will er es auch gar nicht lesen. Ich weiß nichts über ihn, weiß nicht, wo er hin ist, weiß nicht, was er sonst macht, wenn ich nicht in Leipzig bin. Die Arbeitskollegin spinnt schon eine weitere Geschichte, vielleicht ist er längst verheiratet? Hat eine Familie? Ich bin nur die Geliebte, die in Unkenntnis gelassen wird. Ich glaube nicht, dass irgendetwas davon wahr sein könnte. Sie möchte ein Foto, sie will einen Beweis, dass er existiert. Er wird kein zweites Mal kommen. Er wird mich zurücklassen. Mir war von Anfang an klar, dass ich das Hotelzimmer selbst bezahlen werde. In Leipzig wäre jetzt noch ein interessantes Konzert mit fünf Horror-Punk-Bands irgendwo im Westteil der Stadt – ich habe einen Flyer dafür, schon seit Pfingsten, aber dieses Konzert hat schon längst angefangen und ich habe auch kein Ticket. Wohin noch? Überall sind noch ein paar Punk-Konzerte diesen Abend, aber ich will die Innenstadt nicht verlassen, nur noch zu Fuß laufen, in der Nähe meines Hotelzimmers bleiben, auch für den nächsten Morgen habe ich das Frühstück gebucht.
Ich hab das nicht übertrieben / Halloween 2025 / Alter 43
Mein Make-up habe ich bis kurz vor zweiundzwanzig Uhr fertig, dramatisch schwarz rund um die Augen, die letzten Rester aus dem Mascara-Behälter kratzen, einen neuen habe ich schon den Tag in der Parfümeriekette dazugekauft. Ich will wieder die schwarze Pinselführung, wie ich sie schon die letzten zwanzig Jahre gemacht habe, als ich als junge Studentin meine ersten Nächte von Wernigerode aus nach Leipzig gefahren bin, ich sehe immer wieder diese markante, geschwungene Häuserfassade unweit des Hotels, an denen ich 2004 das erste Mal daran vorbei gelaufen bin, das erste Mal als trans Frau die Nacht in die Disko gehen.
Meine Bar für diesen frühen Abend ist die Sky-Bar oben in der achten Etage, ich muss nur den Hotelfahrstuhl ein paar Etagen höher fahren. Einen Sitzplatz in der vollen Bar suchen, die Aussicht genießen, einen alkoholfreien Virgin Mojito bestellen. Mein Outfit für die Nacht, die reduzierte Variante von gestern: die beschfarbene Thermo-Strumpfhose lasse ich weg, so kalt ist es nicht, nur die schwarze Nylons auf meinen frisch rasierten Beinen unter meinem schwarzen Ledermini. Die schwarze Netz-Tunika hängt im Zimmer am Garderobenbügel, ich trage nur das schwarze Unterhemd unter meinem Kapuzenpullover, meine Lederjacke für die paar Schritte draußen, später den Abend, habe ich mit dabei, ich gehe dann noch in diesen einen Gothic-Club hier in der Nähe. Die schwarzen Stiefel mit Absatz, der Nietengürtel, die intensive Wolke an orientalischen Parfüm und Patchouli. Mein silberner Armreif blinkt an meinem Handgelenk, jetzt nur nicht mit ein paar unachtsamen Bewegungen ein paar Risse in meine neue Nylons ziehen. Auch hier bleibe ich alleine, niemand der anwesenden Hotelgäste spricht mich an, ich will auch nicht angesprochen werden.
Die Fußgängerampel steht auf Rot, sie schaltet einfach nicht um. „Die ist kapuutt“, ein Radfahrer mit Akzent kommt mir entgegen, eine unendlich lange Blechlawine an Autos staut sich an dieser zentralen Kreuzung beim Hauptbahnhof. Wer geht jetzt zuerst rüber, ein paar nervöse Autofahrer, oder ich? Jeder, der neu an diese Ampel heranfährt und stoppt, denkt, die könnte in den nächsten Minuten auf Grün umschalten. Ich muss vorsichtig bei Rot rüber. „Totales Chaos.“ Weiter zum Eingang des Hauptbahnhofes, der Schalter mit dem Geldautomaten in der Halle ist bis Mitternacht noch offen.
Weiter wieder zurück in der Leipziger Innenstadt, zu Fuß zu dem einen, einzigen, ganz bekannten Gothic-Club hier in der Gegend, der eine Keller mit den zwei Tanzflächen, von denen ich denke, dass der mal vor vielen Jahren in einer anderen Seitenstraße war, dann umgezogen ist, „Pandemie-bedingt“ schließen musste und wieder neu aufgemacht wurde. Diese Nacht ist hier auch so eine Art Halloween-Party, Zeugs aus den Achtzigern auf zwei Floors. Ich zahle meine paar Euro Eintritt und gehe die steile Treppe runter in den Keller.
Voll ist es nicht, aber ganz angenehm, Musik aus den Achtzigern sagt mir zu und irgendwie ist das gerade der einzige, offene Gothic-Club in ganz Leipzig (gibt es überhaupt mehr, als diesen) das lange Party-Wochenende … außer vielleicht diese Horror-Punk mit Aftershow dort woanders, aber das ist zu weit.
Mein Getränk an der Bar, Mate-Brause gibt es auch hier, die ersten Titel tanzen, meine Jacke und meine Tasche irgendwo ablegen, mein Hoodie ist schon wieder zusammengerollt darin verschwunden. Eine Garderobe gibt es hier nicht, oder niemand hat sie je gesehen.
Es werden mehrere Titel, der DJ haut einen Kracher nach dem anderen heraus und ich habe das Gefühl, ich komme von dieser Tanzfläche nicht weg. Ich muss, ich brauche Nachschub an der Bar. Ein Typ quatscht mich an, schon wieder so ein Betrunkener, nicht-schwarz-Gekleideter, ich nehme ihn erst gar nicht für voll, was will er von mir? Ein Euro? Er wollte mir mein Getränk ausgeben. Ich wimmele ihn ab, ich muss gehen, ich muss weiter tanzen, ich muss zu meinem Sitzplatz, meinen Stehplatz, auf die Toilette, irgendwo anders hin, nur nicht hier. In der dunkelsten, hintersten Ecke, ich muss aufpassen, Betrunkene wissen nicht, was ich bin, das Drama ist groß, wenn sie herausfinden, dass ich trans bin.
Ich werde noch mehr angesprochen, ein nicht betrunkener, schwarz gekleideter Goth, nett von ihm, dass er mir Bekanntschaft anbietet, aber er erkennt, dass ich nervös auf so etwas reagiere und lässt mich lieber in Ruhe. Weiter in der Toilette, es gibt nur eine Herrentoilette und eine ohne Aufschrift? Wieder ein interessantes Gesprächsthema und Small-Talk-Moment: „Ich zeige dir die richtige Toilette … Nanu?“ Auch nett, der Raucherkeller mit der Abluft-Technik.
Ich bleibe bis kurz vor drei Uhr, so viele Titel zum Tanzen, nahezu textsicher singe ich einige davon mit. Ich glaube der schönste Moment ist der, in dem ich meine Jacke von dem Abstelltisch hole und auf die Tanzfläche zurücksprinte, einen Arm halb im Ärmel, das Band-Patch am Revers zeigen, ich muss doch zu diesem Titel von den „Misfits“ tanzen. Der Abend war eigentlich ganz nett, auch wenn ich angequatscht wurde … niemand spricht mich an, warum sollte mich jemand ansprechen? Warum sollte jemand mit mir flirten wollen? Vollkommen unmöglich …
„Weiterlaufen, weiterlaufen, nicht umdrehen …“
„Hey du, bleib doch mal stehen!“
Meine Absätze knallen wieder einsam auf dieses Pflaster, irgendjemandem scheine ich aufgefallen zu sein.
„Woher kommst du? Woher bist du, bist du von hier?“
„Nein“, ich laufe weiter, er kommt mir näher, versucht ein Gespräch.
„Ich bin auch nicht von hier. Wohin gehst du?“
„Zu meinem Hotel.“
„Wollen wir was zusammen machen, was trinken gehen?“
„Ich trinke nichts“, ich werde nervös.
„Bleib doch mal stehen, ich will mich mit dir unterhalten, wollen wir die Nacht was machen?“
Ich weiß doch schon längst, was du von mir willst: „Nein.“
„Kann ich deine Nummer haben?“
„Ich gebe meine Nummer nicht raus. Ich trinke keinen Alkohol. Ich mache diese ganzen Sachen nicht.“
Er dreht ab, er ist weg. Für die nächsten Minuten, glaube ich noch Schritte zu hören, aber ich drehe mich nicht um. Durch die hell beleuchtesten aber einsamen Passagen zurück in Richtung meines Hotels. Ich weiß, wie ich wirke, die Lederstiefel mit den Absätzen, die dünne Strumpfhose, der kurze Leder-Minirock, die schwarze Lederjacke, meine Handtasche und die langen, blonden Haare, dazu das schwarze Augen-Make-up. Ich will nicht angesprochen werden, nicht um drei Uhr nachts irgendwo im Laternenschein der einsamsten Straße in jeder Großstadt in jedem Land. Ich will einfach nur in mein Hotelzimmer. Da angekommen, der Hotel-Rezeptionist drückt auf einen Knopf und die Glastür öffnet sich automatisch, die wissen, warum sie das hier die Nächte nach Mitternacht verriegeln. Zurück in meinem sicheren Zimmer, noch ein paar Stunden bis zum Frühstück wenig später, ein paar Stunden schlafen, das ganze schwarze Augen-Make-up aus dem Gesicht wischen. (Ende Teil 2/3)
[03.11.25 / 00:31]✎ Das Halloween-Wochenende, ich bin da, wo ich immer bin: die „Gothic Pogo Halloween Party“ in Leipzig. Das Outfit steht auch schon fest, das vom Sommer, das vom August, die abgesagte Kinky-Party: mein kurzer Lederrock und die schwarze Strick-Tunika aus dem sauteuren Unterwäscheladen – aber es ist nicht mehr Sommer, es ist schon Spätherbst … also kombiniere ich mein schlüpfriges Outfit mit der neuen, hautfarbenen Thermo-Strumpfhose und dem hautfarbenen T-Shirt, einen BH trage ich drunter, einen anderen darüber, es sieht aus als wäre ich nackt – aber ich bin es nicht. Schwarzer Kapuzenhoodie, schwarze Lederjacke, die halbhohen, schwarzen Stiefeletten mit dem Faltenwurf, alles in meine kleine Reise-Sporttasche, die mit dem olivgrünen Camouflagemuster.
Das Hotel habe ich auch wieder dasselbe gebucht, das in der alten Post am Augustusplatz in Leipzig, die abgesagte Party den Sommer, ich musste das Zimmer stornieren, jetzt den letzten Tag im Oktober, ich nehme es wieder, das Frühstück oben auf der siebten Etage, das will ich unbedingt auch dazubuchen, wie auch im Februar Anfang dieses Jahres.
Von meiner Arbeitskollegin habe ich einen Auftrag erhalten, ich soll endlich ein Foto von meinem „Geist“ machen, ich muss beweisen, dass es ihn gibt. Immer wieder muss ich mir ihre Geschichten anhören, ihren Beziehungskram, ihren Geliebten, ich komme mit meinem Geliebten, mein On-Off-Ex-Freund aus Leipzig, mit dem ich nur höchstens zweimal im Jahr eine Nacht zusammen in einem Hotelzimmer buche, mehr Beziehungserfahrung habe ich nicht. Sie zeigt mir ihre Bilder mit ihrem Freund, ich habe nichts. Es gibt keine Bilder von mir mit ihm, schon seit zehn Jahren nicht, es ist wie ein Tabu, niemals wird es ein Foto von uns geben … es würde alles zerstören? Die ganze Illusion? Es scheint, als existiert er nur in meiner Phantasie, ich habe ihn nur erfunden, um mitreden zu können.
Der Donnerstag Abend vor dem 31. Oktober, Beine rasieren, Augenbrauen trimmen, der ganze Körper, Scham-, Achsel- und alle anderen Haare. Meine Tasche packen, ich nehme den Zug, Gewicht reduzieren, brauche ich wirklich alles? Die ganz große Waschtasche kommt doch mit rein, das gesamte Make-up-Sortiment. Aber mindestens die Hälfte des Innenvolumens der Sporttasche füllt das Paar schwarze Stiefel, und dieses Paar ist ein ganz klein wenig kleiner, als das Paar Stiefel, das ich den September in Berlin schon mit reingequetscht habe. Alles passt am Ende rein, sogar der Baumwollhoodie.
Freitag nach dem Mittagessen, der Regionalzug Richtung Leipzig, wird er voll sein, bekomme ich einen Sitzplatz, das ist ein langes Wochenende hier in Ostdeutschland – es geht, ich hatte es mir schwieriger vorgestellt. Alle meine Textnachrichten an ihn, wann ich in Leipzig erwartet werde, waren stark übertrieben. „Deutsche Bahn Adventure Tours.“ Die paar Minuten später gelten schon als pünktlich.
Siebzehn Uhr nochwas, er weiß bereits seit ein paar Tagen, das ich kommen werde. Ich laufe zu dem Hotel unweit des Hauptbahnhofes, Check-in unten in der Lobby, nur eine Nacht, aber ich überlege schon seit ein paar Tagen, noch eine zweite Nacht in Leipzig zu verbringen.
Mein Zimmer ist oben auf der fünften Etage, wieder eines mit dem Fensterblick raus zum Innenhof, schön ruhig und alle Fenster rundherum sind mit schweren Gardinen zugezogen. Ich erwarte seine Ankunft, meine Beine habe ich mir den Morgen schon fein nachrasiert. Ich sitze auf dem Sessel und beobachte die Zimmertür … siebzehn Uhr dreißig eine Nachricht, er kommt in dreißig Minuten. Achtzehn Uhr eine weitere Nachricht, er fragt, ob ich eine Dusche genommen habe … sollte ich? Ich habe mich in dem Zimmer schon eingerichtet, meinen ganzen Kram ausgepackt, mein schwarzer Ledermini und mein „Negligee“ für die Nacht, hängen an der Garderobe. Einundzwanzig Uhr ist Einlass für die Party drüben in Connewitz … Punkt zwanzig Uhr will ich mit meinen Vorbereitungen im Badezimmer anfangen, dann wollte ich eigentlich erst duschen, hinterher.
Ich warte weiter, der Abend hat angefangen, durch die schweren Gardinen kommt auch kein Licht von draußen herein. Kurz vor neunzehn Uhr endlich eine weitere Textnachricht von ihm und es klopft an meiner Tür.
Küss mich, umarme mich, ich hänge an ihm, nicht nur meine Arme umschlingen ihn, auch meine Beine. Das Zimmer ist klein, der Innenraum wird nur von dem weißen Queensize-Bett ausgefüllt. Wir schieben uns an der Wand vorbei, Richtung Fenster. Er zieht sich aus, wirft seine Sachen auf den Sessel, ich hänge meine schwarze Jeans und meinen schwarzen Pullover an die Bügel an der Garderobe. Ich komme nackt zu ihm auf das Bett. Meine Finger gleiten auf seiner Schulter, für einen kurzen Moment die Ruhe einfangen, nur ihn sehen. Er trägt einen schwarz-grauen Vollbart, sein Körper, sein Bauch ist voluminöser geworden, tatsächlich sieht er diesen einen arabischen Schauspieler immer ähnlicher.
Mein Kopf gleitet nach unten, ich halte Blickkontakt, spiele mit seinem Stück, lasse meine Zunge daran gleiten, ich brauche diese Feuchtigkeit für die nächsten Momente. Ich gehe wieder tief. Er hat mich trainiert, er weiß, wie weit ich das kann, ich halte … Sekunden, noch länger, den Atem stoppen, ich brauche wieder Luft und gehe nach oben. Alles läuft aus meiner Nase, der ganze Speichel, Schlucken kann ich so tief nicht mehr. „Do you need paper?“ Ja. Keine Taschentücher weit und breit, ich springe in das Badezimmer und komme mit der Klopapierrolle zurück. Wohin mit den benutzten Tüchern? Ich komme ein zweites Mal zurück und stelle den schwarzen Abfalleimer aus dem Badezimmer gleich neben das Bett. Ich mache weiter mit meiner Technik, der Schluckreflex setzt erst ein, wenn ich wieder rausziehe.
„I want to come in you, in your mouth. I can't in your ass. What do you like, mouth, or ass?“ Bitte … ich bin nur hier, dass du mich von hinten nimmst. Er will am liebsten hin und her wechseln, aber es geht nur in eine Richtung, war er erst einmal hinten drin, nehme ich ihn nicht mehr in den Mund. Er zieht ein Kondom über und dreht mich auf die Seite. „Ich habe mein eigenes Zeug …“ Freudig über meine Fähigkeit, gehe ich mit meiner Hand zwischen meine Schamlippen und schmiere das ganze Sekret hinten an meinen Anus. Ob es wirklich so viel ist? Ich habe mal gerade das Eintrittsloch etwas „befeuchtet“. Er legt meine Beine angewinkelt zur Seite und hebt meine Hüfte, in dieser Position dringt er ungewöhnlich tief ein. Er stößt ein paarmal zu, ich stöhne leicht und greife in das weiße Kopfkissen. Fast! Er hätte es schaffen können, das Gefühl kurz vor meinem Orgasmus … Nein, bitte nicht! Mach weiter! Er zieht in wieder raus.
Er kommt nicht in mir, nicht in dieser Position, er zieht das Kondom ab, klettert über mich und spritzt in meinen Mund. Ich ergebe mich ihm. Nur tief lasse ich ihn nicht fallen, ich halte seinen schweren Oberkörper auf Distanz. Ich brauche meine paar Zentimeter, um frei atmen zu können. Mit zusammengepressten Lippen laufe ich wieder in das Bad und spucke sein ganzes Sperma in die Toilettenschüssel.
„I have to go. Why not, book a second night. I pay.“ Was bedeutet, ich werde das Hotelzimmer für eine zweite Nacht bezahlen und er kommt mit ein paar Euroscheinen die nächste Nacht wieder. In Gedanken sehe ich mich schon auf den kleinen Tisch zeigen, da kannst du die hundert Euro für die nächste Nacht ablegen, wenn wir uns für eine weitere Stunde in diesem Hotelzimmer treffen werden. Ich liege weiter nackt auf dem weißen Bett und beobachte, wie er sich wieder anzieht, er beugt sich zu mir herunter und küsst mich noch einmal, bevor er die Tür schließt und verschwindet. Als wäre er nie in diesem leeren Hotelzimmer gewesen. Mein „Geist“.
Zwanzig Uhr fünfzehn den Freitag Abend, jetzt schnell in das Badezimmer verschwinden, eine Dusche nehmen, meinen Dress für die Nacht anziehen und das Augen-Make-up machen, das Bad in diesem Hotelzimmer hat einen schönen Schminkspiegel mit fünffacher Vergrößerung, die richtige Distanz getroffen, ich brauche sogar nicht die Brille aufzusetzen.
Mit meiner Kleiderwahl für die Nacht muss ich nicht frieren, ich trage mehrere Schichten: BH-Top, schwarzes Unterhemd, besch-weißes Top, den schwarzen Push-up, die schwarze Netz-Tunika, der schwarze Kapuzenpullover, die schwarze Lederjacke. Die beschfarbene Thermo-Strumpfhose trage ich über den schwarzen Slip auf der Haut, die zweite schwarze Nylons über all dem Ganzen. Ich schlüpfe in meine Stiefel, rutsche von dem Bett runter und bin bereit für die Nacht. Meine Absätze hauen laut auf das Leipziger Kopfsteinpflaster, die Straßenbahnhaltestelle am Augustusplatz liegt gleich neben dem Hotel.
Die Halloween-Party im Werk 2 in Connewitz erreiche ich kurz vor zweiundzwanzig Uhr. Zwei Bands stehen auf dem Spielplan, keine der beiden hat schon angefangen. Ich habe so viel Pfingsten verpasst, zwei Festivals parallel waren zu viel, wenigstens diese Nacht will ich mich komplett dem Gothic-Pogo widmen, ich habe viel nachzuholen. Erst einmal mein erstes Essen den Tag, die mobile Frittenbude neben dem Eingang runter zu der kleinen Halle.
Die erste Band … Horror-Punk? Irgendetwas ist anders, ich kann mich mitten in dem Publikum stehend nicht auf diese Band einlassen. Es braucht mehrere Titel, bis ich es herausfinde: ihre Stücke sind zu lang! Ich bin es gewohnt, dass Punk-Songs nicht über zwei Minuten Länge hinauskommen, ihre Titel dieser Band wiederholen sich immer wieder. Mein erstes Getränk an der Bar, zwischen den beiden Bands Sitzplätze suchen, Flyer sammeln, mal nach draußen gehen, die Dame von der Security hat mich erkannt … da war doch noch was, letztes Mal Pfingsten hier. Mein Freund ist dieses Mal nicht mit dabei.
Die zweite Band, immer wieder glaube ich, Titel zu erkennen … covern sie manchmal ein paar Songs? Ist das eine B-52-Tribut-Band? Zu viele Fragen dieses Halloween-Wochenende, speziell das „Velma-Kostüm“ der Schlagzeugerin treibt ein Schmunzeln in mein Gesicht.
POV: Du bist auf einer Gothic-Party
Nach den beiden Bands, die Disko. Mein Hoodie ist in der Handtasche eingerollt. „Endlich frei!“, laufe ich die Treppe von der Garderobe herunter zu der Tanzfläche, in den beiden Jackentaschen meiner Punker-Lederkutte das Nötigste, Smartphone und Bargeld, für eine zweite Flasche Mate-Brause. Die Songs, die angespielt werden, Gothic-Punk, manchmal auch etwas Elektronisches. Viel zum Tanzen für mich. Werde ich angesprochen, nein. Ich bleibe für mich, ganz allein, kann mich ganz auf mich selbst konzentrieren. Dabei wäre ich ansprechbar gewesen, dass ich nur für ein paar Stunden vorher den Abend Sex gehabt habe, lässt in mir ein Gefühl von Normalität entstehen, als wäre ich nicht komplett in meiner Bubble zwischen den Menschen.
Zwei Uhr fünfundvierzig, ich muss gehen. Alles läuft nach Plan. Draußen die Straßenbahnhaltestelle, da fährt um drei Uhr nachts eine Nachtlinie der Straßenbahn, zurück Richtung Hauptbahnhof und mein Hotel. Viele der schwarz gekleideten Gothic-Halloween-Party-Besucher stehen hier, ich bin irgendwie doch nicht allein. Eines der einsteigenden Pärchen läuft sogar zwanzig, dreißig Minuten später, aussteigend an der Haltestelle am Augustusplatz, die paar Meter vor zum Eingang des Hotels, in dem auch ich übernachte. Zu dritt in dem Fahrstuhl, sie fährt noch hoch bis zur sechsten Etage, er steigt mit mir in der fünften aus und hat das Zimmer gleich gegenüber von mir, so ein Zufall. Mehr Fragen, werde ich die beiden in ein paar Stunden beim Frühstück wiedersehen? Und wenn er das Zimmer gleich gegenüber von mir hat, konnte er durch die dünnen Hoteltüren hören, was in meinem Zimmer die Abendstunden zuvor passiert ist? Ich bin nicht immer so diskret, wenn ich mich gehen lasse. (Ende Teil 1/3)
[24.10.25 / 20:51]✎ Laserbehandlung #3 (Haarentfernung #34) – Fünf Tage lang nicht rasiert und so auf Arbeit, mit der Hoffnung, das fällt keinem auf – nur damit die Behandlerin den Freitag Nachmittag die paar dunkel herausgewachsenen Haare sieht. Sind da überhaupt noch dunkle Haare? Das eine einzige weiße Haar ganz unten am Kinn konnte ich so nicht mehr stehen lassen, das musste den Donnerstag Abend vor dem Badezimmerspiegel dann doch noch weg.
Zwanzig Minuten ging die Behandlung, zwanzig Minuten ein paar vereinzelte Laser-Impulse, das nächste Mal in etwa acht Wochen brauche ich nicht mehr unrasiert zu kommen, die Behandlerin erkennt auch so die dunklen Punkte. Die Intensität ist höher, ich zucke wieder leicht zusammen (aber nur am Kinn).
[02.10.25 / 19:58]✎ Ein Erdbeben am Morgen reißt mich aus dem Schlaf, ich wackele in dem weichen Bett seitlich hin und her. „Das waren gerade mal Drei auf der Skala!“ Weiterschlafen, ich ziehe das Betttuch über den Kopf und drehe mich auf die andere Seite. Noch anderthalb Stunden bis Frühstück und Aufstehen. Der Abreisetag. Boarding ist erst gegen Abend, aber das Hotel macht schon am frühen Nachmittag zu, wir sind die letzten, verbliebenen Gäste am Ende der Urlaubssaison.
Frühstück, Koffer packen, alles reinwerfen, Eins zu Eins aus dem Schrank nehmen, die bereits gefaltete Schmutzwäsche, die getragenen Kleider. Check-out gegen elf, die Koffer können wir in der Lobby stehen lassen. Zeit rumkriegen den Nachmittag, auf den Sonnenliegen draußen auf das Meer starren, im Internet surfen: Es waren doch die Vier auf der Richterskala, das Erdbeben vor der Westküste von Zakynthos. Jetzt bin ich mir auch ziemlich sicher, dass das 2014 in Tokio in dem Hotel auch ein leichtes Erdbeben war, dasselbe seitliche Schaukeln in dem Bett.
Gegen neunzehn Uhr der Abendflug zurück nach Frankfurt. Den Nachmittag noch ein letztes Mal an der Beach-Bar einen Kaffee trinken. Die Fahrkünste des Busfahrers bestaunen, der das schon über dreißig Jahre macht. Die kleine Reisegruppe durch den Duty-Free-Bereich scheuchen, innerhalb kürzester Zeit am Gate sein, der Flughafen in Zakynthos ist sehr klein.
Vor dem Fenster die dunklen Wolken und Lichter der Städte, ich navigiere mit meinem Smartphone, den eingefangenen GPS-Satelliten und den Offline-Karten auf meinem Fenstersitzplatz. Landung in Frankfurt, vom Touchdown bis zum Baggage-Claim vergehen erfahrungsgemäß anderthalb Stunden bis runter zum Einstieg in die S-Bahn am Regionalbahnhof. Unser Stammhotel am Hauptbahnhof erreichen wir erst um Mitternacht. Ins Bett fallen, das nötigste ist in der kleinen Reisetasche.
Frühstück am Morgen, Zug den Mittag, Ankunft am Heimatkaff den Nachmittag. Wo geht die nächste Reise hin? Planungen und Gedanken laufen bereits schon seit Wochen oder Monaten: Shopping in Mumbai, oder Milano. Vielleicht per Interrail nach Italien … oder mit dem Zug durch Indien.
[30.09.25 / 22:33]✎ Endlich die Bootstour, das mit dem kleinen, privaten Boot wurde zwar abgesagt, aber die kleine Reisegruppe hat eine Tour auf einem größeren Boot gebucht, an einem der vielen kleinen Stände mit den bunten Fotos, die hier überall in dem Touristenort verteilt sind.
Warten auf den Bus, es wird ein größerer Bus, der noch mehr Touristen einsammelt, wir sind in einer polnischen Reisegruppe gelandet. Der Bus fährt noch ein ganzes Stück durch die Olivenhaine zum nächsten Hafen. Ein Zwischenstopp in der kleinen Bucht mit dem Schwefelwasser – hier gehe ich nicht mit meinem teuren Bade-Zweiteiler baden. Zwei Busse, noch mehr Touristen.
Umstieg in dem Hafen auf das schaukelnde Boot, der ganze Bus passt rein. Herumdüsen um die Nordspitze, zum Schiffswrack, das von gestern. Eine Fotoserie machen, mit Touristen und Bootsreling, das hoffe ich später am Computer aus mehreren Einzelbildern zusammenstückeln zu können.
Badestopp an einer Bucht mit einem imposanten Felsvorhang, Bond-Girl steigt aus dem Wasser. Weiterfahrt zu anderen Buchten mit türkisblauen Wasser und Bademöglichkeiten. Das massive Boot schiebt sich rückwärts in die Höhlen, Fotos mache ich keine mehr, die Motive sind weit entfernt von den Prospekten (das glitzernde Blau ist kaum noch zu erkennen). Hätten wir doch nur das kleine, private Boot genommen, Hätte er mich doch nur zurückgerufen, ich kannte mal einen mit einer Motoryacht, hatte ihm nach einem gemeinsamen Abend vor vielen Jahren meine Nummer gegeben.
Zurück zum Hafen, zurück mit dem großen Bus in den Touristenort Tsilivi. Kurz vor Oktober, das wird hier in wenigen Wochen eine Geisterstadt.
Nachmittagskaffee und -Crêpe in einer Bar, den späten Nachmittag noch ein letztes Mal schwimmen gehen, warmes Meerwasser, sanfte Wellen. Den schwarzen Bade-Zweiteiler, ein Strandkleid, trocken laufen, mit den Füßen in der Meeresbrandung. Eine in den Wellen dümpelnde Plasteflasche aufsammeln, die gehört hier nicht hin.
Den Abend noch in eine Cocktail-Bar, die auch ein Restaurant ist. Die paar wenigen Touristen, die Musik-Playlist, alles aus den Achtzigern. Das hätte so eine „Bar“ sein können. Vielleicht hat mich der eine am Tresen schon so angesehen, aber davon bekomme ich nichts mit, geschützt in meiner familiären Obhut (interessant: die bettelnde Katze am Tisch ist immer überall die Katze der Nachbarn).
Den nächsten Tag zurück, der Streik der Fluglotsen, vielleicht sogar der ganze geplante Generalstreik in Griechenland wurde noch einmal abgewendet …
[29.09.25 / 22:08]✎ Gestern schon gedacht: Ich komme aus diesem Touristenort nicht weg – Heute endlich die Bustour: The most iconic photo spots of Zakynthos.
Schildkrötenstrand und Schutzgebiet, Kalamaki nahe Laganas
Wieder den frühen Vormittag, der Minivan schiebt sich rückwärts zum Hotel. Erster Stopp, der Aussichtspunkt hoch oben über Zakynthos Town, den wir zu Fuß niemals erreicht hätten.
Cameo Island, Zakynthos / September 2025 / Alter 43
Weiter zu dem Photo-Spot mit der kleinen Insel mit der kleinen Hängebrücke … sieht auf Instagram viel schöner aus, die Sonne steht um diese Uhrzeit extrem ungünstig. Zu viele Touristen nahe Laganas, ein wenig „Maya Bay Experience“. Vorher noch ein Stopp an dem Schildkrötenstrand.
Ich Cameo Island fotografierend, Zakynthos
Weiter über das Olivenölmuseum, kleinere Einkaufsgelegenheiten: „Dreh schnell die Preisschilder um, ich komme mit drei Touristen vorbei!“ Über die Westseite, hoch in den Norden der Insel, zu dem legendären Schiffswrack. Irgendjemand hat hier mal ein Foto gemacht, irgendjemand fand diese Bucht mal ganz toll, Raves haben hier stattgefunden, die jetzt gesperrte Bucht und der kleine Sandstrand waren mal übervölkert mit Stranddecken. Jetzt quetscht sich alles den kleinen Weg hoch oben die Steilküste entlang, nur für dieses eine, kleine Foto. Ich auch, wie stehe ich sonst da, vor meinen asiatischen Arbeitskollegen.
Myzithres Felsen, Zakynthos / September 2025 / Alter 43
Die Tour geht insgesamt fünf oder sechs Stunden und führt noch an weiteren Aussichtspunkten vorbei (viele verbrannte Bäume). Den Nachmittag wieder zurück im Hotel. Wechsel in den olivgrünen Bikini, Baden im Meer. Umziehen in mein olivgrünes Kleid mit weißen Flechtgürtel und Abendessen. Der Strand ist wieder um einige Meter kleiner geworden, die abgetragenen Spuren der letzten Flutnacht.
[28.09.25 / 21:31]✎ Wieder für umsonst früh aufgestanden, Anruf unten an der Rezeption kurz vor dem Frühstück: Auch die geplante Bustour wurde verschoben. Draußen regnet es, ich taste es schon einmal an mit meiner olivgrünen Regenjacke … Geht doch, so schlimm ist es doch nicht?
Nach dem Frühstück den Sonntag Vormittag, Umplanen, eine spontane Tour zu Fuß, noch weiter raus, als bis zu dem venezianischen Wachturm gleich neben dem kleinen Hafen. Gefühlt ganz Tsilivi, alle Touristen, machen einen spontanen Spaziergang durch den Küstenort.
Nachmittags im Zimmer, der Wind und der Regen werden stärker. Soweit ich alle meine Balkonfotos noch dunkler und dramatischer in Szene setze, alle meine Statusbildchen werden mit einem Herzen geliked. Kein Wetter zum Rausgehen, wir bleiben drinnen. Den Tag vorher noch amüsiert hingenommen, ein kleiner Hamsterkauf im Mini-Markt um die Ecke, Wasservorräte und Zwieback-Trockenbrotscheiben als Snack. Kaffee und Kuchen gibt es unten im Frühstücksraum. Wo sind all die anderen Touristen draußen am menschenleeren Strand, nach drinnen? Engländer? Holländer?
Der Regen und der Wind wird nicht weniger, es scheint, als kreist dieses dunkle Tief über und um die Insel. Wir müssen irgendwann raus zum Abendessen, mein gekauftes Trockenbrot ist kein Ersatz. Es scheint nachzulassen, wir versuchen es in dem Restaurant um die Ecke. Erst drinnen, geschützt unter dem Dach der Restaurant-Terrasse, setzt der heftigste Regenschauer ein. Die Warnmeldungen den Nachmittag gestern, waren nicht übertrieben.
Den Abend auf dem Weg wieder zurück zum Hotel, ganze Wassermassen fließen die asphaltierten Wege und Straßen runterwärts zurück zum Strand, meine extra angezogenen Hi-Top-Plateau-Sneaker reichen dafür nicht. Die letzten hundert Meter zurück zum Hotel muss ich sie ausziehen, ich wate mit der bis zum Knie hochgekrempelten schwarzen Jeans knöcheltief in den „reißenden“ Fluten … fehlt nur noch, dass eine Ratte in dem Laternenschein an mir vorbeischwimmt.
[27.09.25 / 21:56]✎ Wieder einmal nur ein Strandtag – Bond-Girl geht ins Wasser, mein schwarzer Bade-Zweiteiler … und mein Regenbogenhandtuch, Pride zeigen.
Der Morgen beginnt schon mit ein paar Wolken, den Vormittag zieht es sich zu. Diesig, Sonnenschirm, LSF 50, im Schatten auf der Liege auf der begrünten Hotelterrasse liegen. Das Hotel über die Treppe ins Wasser verlassen, nur ein paar Meter weiter sind die Wellen nicht mehr so stark … jetzt nur nicht ins Meer raustreiben lassen, bei den paar Schwimmzügen.
Nachmittags herumliegen, eingehüllt in meinem Regenbogenhandtuch. Später den Nachmittag, Kaffee und Kuchen, ein paar Schritte in dem Touristenort laufen.
Unwetterwarnung über Mobile Cell Broadcast (The Purge?)
Zurück im Hotel … The Purge? Der Cell-Broadcast auf dem Mobiltelefon lärmt: eine Unwetterwarnung für die nächsten vierundzwanzig Stunden, Gewitter. Damit könnte auch die Minibus-Tour für morgen ins Wasser fallen. Ich komme aus diesem Touristenort nicht weg.
Abendessen in einem griechischen Restaurant um die Ecke, mit original griechischer Musik. In der Reisegruppe bin ich die Einzige, die nicht rein vegetarisch oder vegan ist (Zakynthos Rabbit, scharf gewürzt).
Den Abend auf dem Balkon vom Hotelzimmer, es regnet bereits schon … ganz leicht. Ein Blitz? Vielleicht. Seegewitter sind schön – sofern sie fern am Horizont sind.
[26.09.25 / 22:00]✎ Den Tag vorher an der Rezeption eine Bootstour ausgehandelt, heute morgen dann der Anruf: „gecancelt.“ Es ist über Nacht stürmisch geworden, zu viele Wellen dort draußen auf dem Meer. Wieder entspannt frühstücken, den Kaffeebecher vor dem Tor. Dann eben spontan umplanen – Stadtbesichtigung Zakynthos Town.
Mit dem öffentlichen Bus nur ein paar Euro, die paar Kilometer von Tsilivi Richtung Süden (ich lag falsch und war vor meiner Reisegruppe fest überzeugt, die Hauptstadt liegt nördlich).
Nach dem großen, historischen Erdbeben neunzehnhundert-nochwas ist (fast) nichts mehr an historischen Gebäuden stehengeblieben. Eine alte Kirche, ein großer Platz. Die neu gebaute Altstadt ablaufen … sehr, sehr wenige Touristen, fast schon leer.
Ein Orangensaft, ein Toast mit Spinat und Ei, ein Kaffee, wir tingeln durch die (Alt-)Stadt. Ein Hafen … so viel Wind ist doch gar nicht.
Den Nachmittag wieder mit dem Bus zurück. Duschen, Entspannen, zum Sonnenuntergang das Bistro / Beach-Bar neben dem Hotel – Königsgarnelen, Finger-Food. Es ist Freitag und ich habe mein Party-Outfit an – weiße Tunika, Zebra-Leggings mit Nietengürtel. Wo geht hier die Party? Den Abend durch die Main Road … fünf Bars zwischen den ganzen Souvenierläden und Restaurants. Tsilivi ist nicht Patong.
[25.09.25 / 21:40]✎ Der venezianische Wachturm sieht von weitem viel größer aus, als näher dran. Das Wappen mit den Löwen im Mauerwerk ist gerade noch so zu erkennen. Den Tag nur Strandurlaub in Tsilivi.
Ich habe meinen grünen Bikini wieder hervorgekramt, passt super zu der weißen Tunika, die ich letztes Jahr in Thailand gekauft habe. Den Weg vom Hotel am Strand in Südrichtung (der Turm), Baden am Tor mit den Treppen vom Hotel, den Weg am Strand in Nordrichtung, den Bikini den frühen Nachmittag, nach einer kurzen Zeit auf der Liege, wieder trocken laufen.
Umziehen am späten Nachmittag – ich kombiniere die weiße Tunika mit der grünen Zebra-Leggings und dem hellen Unterkleid aus pflegeleichter Seide. Abendessen in einem noblen Bio-Organic-Restaurant – teuer, aber lecker (vegane Moussaka).
Tsilivi ist ein reiner Touristenort … aber eine Parzelle neben dem Hotel ist noch leer, dort steht eine kleine Olivenplantage. Finde die Zikade!
[24.09.25 / 23:11]✎Zakynthos? Wo? Die Insel schräg unterhalb von Italien, gegenüber vom griechischen Festland.
Von Frankfurt mit dem Flugzeug, ein kleines Flugzeug für eine kleine Insel. Noch vor Sonnenuntergang angekommen, mit dem Touristenbus nur zwei Stopps, das „venezianische Hotel“ gleich am Wasser. Erst einmal ankommen, erst einmal den Abend etwas essen, die Beach-Bar in dem Touristenort Tsilivi gleich nebenan. Einen Mini-Markt finden, eine Flasche Wasser kaufen … Sonnencreme LSF 50? Wird reichen. Entspannen auf der Zimmerterrasse mit Meerblick. Alleine bin ich nicht … meine Begleitung(en): Zug verspätet, warten vor dem Terminal (ich nervös), ewig lang herumbummeln im Duty-Free, Boarding startet schon (ich noch nervöser). Kein Stress.
[16.09.25 / 13:23]✎ Beine rasieren, Duschen, Make-up auftragen, die Zwei-Farben-Lidschatten-Palette, schwarzer Mascara und Kajal, das orientalische Parfüm hinten auf den Nacken und die zwei Flecken Patchouli hinter den Ohren. Die Netzstrumpfhose mit dem Blumenrankenmuster, das schwarze One-Shoulder-Kleid, die Perlenkette, der marokkanische Armreif, der andere silberne Armreif und der Ring mit dem grünen Stein. Die absatzlosen 22-Loch-Schnürstiefel und die Punker-Lederkutte. Meine kleine, schwarze Handtasche – auf dem Weg zu den S- und U-Bahn-Stationen den beginnenden Abend in Berlin sehe ich viele junge Frauen, die genau so herum laufen. Wieder meine zwei Stationen auf die Südseite vom Spreekanal, zu dem Club für das schwarze Festival. Der Weg ist schnell zu laufen, ich bin pünktlich um zwanzig Uhr für den Einlass da. Festival-Armbändchen vorzeigen, natürlich ganz in Schwarz. So viele sind noch nicht da, wird es diesen Abend auch so voll, wie den letzten Abend?
Die erste Band spielt wieder draußen auf dem Paradise-Floor, ich habe schon meine erste Flasche Wasser geholt. Die Band, die den Abend beginnt, sie ist uralt, aus der Frühzeit der Achtziger, ich habe sie zuerst vom Namen nicht erkannt … da war doch was? Sie spielen ihre Songs, die beiden Herren, den weiblichen Gesangspart muss eine viel jüngere Gastsängerin übernehmen. Und dann werden die ersten Noten ihrer alten Songs gespielt, jetzt kommt alles zurück, klar, kenne ich die. Ich bin immer noch (fast) textsicher, ich habe ihre Songs auf meinem alten Radiosender hoch und runter gespielt! Ob das jemals funktioniert hat, ob die jemals Tantiemen dafür bekommen haben? Meine vorproduzierte Radiosendung lief auf einem US-amerikanischen Streamingsender, für den ich monatlich ein paar Dollar für das Ausstrahlungsrechte-Management abdrücken musste, der Streamingsender ist dann insolvent gegangen oder wurde verkauft. Ich glaube nicht, dass die beiden deutschen Herren dafür jemals Geld bekommen haben, oder auch nur von der Existenz meines Übersee-Piratensenders erfahren haben. Ich hatte in der Spitze bis zu dreihundert Stunden Musikhörer … im Monat.
Die nächste Band, ich wechsele auf den Main-Floor … satanisch angehauchter EBM? Ritual-Black-EBM? Weihrauchschwaden in der Luft? Ich stehe bequem hinten in der Menge und betrachte die Szenerie. Gefällt mir. Und dass ich gleich neben mir an der Wand einen Haken für meine Lederjacke finde und einen schmalen Bar-Tresen für meine Tasche und meine Flasche … ich richte mich perfekt ein in meinem kleinen Wohnzimmer.
Die dritte Band später den Abend, wieder draußen auf dem Paradise-Floor, ich habe zu viel Zeit draußen verbracht, irgendjemand hat mich angesprochen und gefragt, ob ich in einer Band spiele, weil er glaubt, mich zu erkennen. Ich verneine das kurz, er geht wieder weg … er wird nicht wirklich mich meinen, ich habe zwar ein paar Songs von mir ins Internet hochgeladen, wo ich auf den Synthesizern und Drum-Computer mein „Pow-Wow“ trommele – aber das ist weit davon entfernt, irgendwie bekannt zu sein. Realistisch gesehen, mich kennt keine Sau … er muss mich verwechselt haben. Noch in Gedanken betrete ich den aus Holzwänden gezimmerten zweiten Floor draußen im Garten, weit komme ich nicht, schon am Eingang staut sich alles, die Hütte ist voll.
Bevor ich im Eingangsbereich zerquetscht werde, nur mit einem bescheidenen Blick aus den hintersten Reihen auf die Sängerin vorne auf der Bühne, versuche ich es, wieder draußen, über die Kunststoffglasfenster, aber das ist doof, hier höre ich ja nichts. Eine Flasche Wasser an der Bar … wenig später versuche ich es erneut im Eingangsbereich des Floors, jetzt mit einem halben Meter weiter und nicht mehr ganz so eng voller Menschen.
Die vierte und letzte Band, auch nur wieder eine Solokünstlerin an ihren Synthesizern. Dieses Mal stehe ich weit vorne auf einer der seitlichen Holzpodeste des Main-Floor und habe den besten Blick des gesamten Festivals auf die Bühne. Ihre Songs … ist das ihr Pronomen? Ihre Musik ist richtig gut, es gibt nur wenige, die so gut mit Synthesizern umgehen können – und ihre Stimme, operettenhaft? Auf jeden Fall trainiert. Ich spiele schon mit dem Gedanken, später am Merchandise-Stand nach einem Album von ihr zu suchen, aber so kleine Underground-Künstler haben nie das Geld, etwas in hoher Stückzahl pressen zu lassen. Ein Song kommt mir bekannt vor, den habe ich schon im Internet gehört, eines meiner YouTube-Abonnements kuratiert Playlisten der kleinen Künstler dieser noch viel kleineren Szene.
Mitternacht, alle wechseln wieder rüber von dem Main-Floor auf den Paradise-Floor draußen im Garten, der letzte Programmpunkt, keine Bands, Drag Shows! Darauf freu ich mich schon, seit ich den Flyer dieses Festivals Pfingsten bei dem anderen Festival eingesteckt habe. Die Drag Queen führt durch das viel zu kurze Programm und animiert die Gäste, auf die Frage, wer denn noch nicht auf einer Drag Show war, melden sich ganz vereinzelt, ganz wenige … vielleicht fünf. Auch dieses Mal, die Hütte ist voll, aber es besteht noch genug Platz für einen schmalen Gang durch das Publikum, durch den die Drag Queens mit viel Kontakt ihre Shows von der Bühne abseits performen können. Drei Drag Queens in aufwendigen, „gruftigen“ Kostümen – und ein Drag King! Wow … Und was für ein Kostüm! Und Make-up … so pechschwarz, so düster, so magisch. Die Posen des Drag Kings … mache ich das manchmal auch? Ich bin verwirrt und zugleich verzaubert.
Die Show ist wirklich viel zu kurz, ich hätte gerne mehr davon gesehen. Bis nach ein Uhr die Nacht sitze ich noch oben auf der Dachterrasse schräg über der Bar. Noch zwei Stunden bis drei Uhr nachts … mein Plan, bis vier Uhr im Hotel, schlafen bis zehn, Frühstück gegen elf, Check-out um zwölf. Diese zwei Stunden will ich tanzen, ich bin nicht müde.
Ich wechsele von der einen Tanzfläche auf die andere und wieder zurück auf die eine. Drinnen der Main-Floor, zu schnelle, harte Beats, draußen der Paradise-Floor, Achtziger-EBM, weniger schnell, gleich hart, das ist nicht der Club mit den Betonwänden von vor über zehn Jahren auf der anderen Seite der Spree. Tanze ich? Ich sitze auf einer Bank, es wird immer voller, ich kann hier nicht mehr sitzen. „Are you O.K., Madame?“ Ich fühle mich etwas beengt. Nach draußen Luft holen, wieder auf den Main-Floor, die dunklen Gemächer, die rot angeleuchteten Mauerwände, der ganze Nebel. Die Musik passt, ich kann mich fallen lassen, mich ganz hingeben. Ich habe den kleinen Haken an der Wand für meine Jacke wiederentdeckt, auch meine Tasche und meine Flasche Wasser stehen wieder auf dem schmalen Holzbrett. Ich tanze wie ich nur kann in meinem schwarzen One-Shoulder-Dress.
Irgendwann, es wird kühler, es ist nicht mehr so voll, Punk-Songs werden angespielt, ich ziehe meine Lederjacke über, das Tempo ist nicht mehr so schnell. Eine Toilette muss ich noch suchen, bevor ich gehe … drinnen wie draußen die Toiletten, es gibt keine Klobrille in den Kabinen. Unmengen an Klopapier, bevor ich mich irgendwo hinsetze.
Drei Uhr nachts, noch einmal der Blick runter von oben auf der Dachterrasse auf den gartenartig angelegten Innenhof mit den interessanten, schwarz gekleideten Gästen, dieser zweite Abend hat mir noch viel mehr gefallen, als der erstere … ich ziehe es in Erwägung, nächstes Jahr wiederzukommen. Alle Festivals, von denen ich Flyer habe, die sind immer irgendwo weiter weg in Deutschland, meine Gegend ist Leipzig und Berlin. Über die zwei Stationen mit U- und S-Bahn zurück zum Hotel … ab drei Uhr nachts hängen die merkwürdigen Gestalten in den U-Bahnhöfen ab.
Ich bin schon wieder vor dem Wecker wach, wenigstens 9:30 Uhr, nicht zehn Uhr. Nach Abschminken im Hotelbadezimmer und ins Bett fallen gegen vier Uhr, wieder nur fünfeinhalb Stunden Schlaf. Opulentes Frühstück. Danach duschen, zusammenpacken, Check-out noch vor um zwölf Uhr. Zweiten Kaffee in der Espresso-Bar im Ostbahnhof, bis mein Zug um kurz vor dreizehn Uhr fährt, vergeht noch eine Stunde. Der Regionalexpress wird voll … einsteigen im Ostbahnhof sichert die letzten freien Plätze oben im Doppelstockwagon.
Solitär, Solitär, Solitär … Im Internet surfen, ein wenig Musiktheorie. Mein neuer Song, er steht noch ganz am Anfang, die ersten Takte habe ich vor einem Wochenende schon angespielt: eine Mischung aus Detroit-Techno und Acid-House, 4/4 straight to the floor, ich will die TR-909-Sounds verwenden, nur Base Drum und Claps, mit Accent, ein einzelnes Open Hi-Hat ganz hinten, den Trick macht der Rimshot: auf der „1“ und mit einen Delay-Effekt im 3/4. Die Textpassagen singe ich bei 130 BPM, der analoge Synthesizer spielt ein Arpeggio die Tonleiter aufwärts … acht Noten? Ich gehe auf Pentatonik und die EBM-spezifische, „ägyptische“ Tonleiter. Eine Idee für die Bass-Sequenz fehlt mir noch, welche Akkorde ich nehme, steht auch noch nicht fest. Der Song lebt von den Texten, die ich singe, die steigern sich hinein … da ist alles drin, von den kühlen, dunklen Hotelzimmern von ihm verlassen zu werden.
Nächster Halt Magdeburg, der Zug endet hier. Weiter geht es, noch dreißig Minuten bis sechzehn Uhr den Sonntag, mit der schaukelnden Regionalbahn. Zurück in mein Heimatkaff. (Ende Teil 3/3)
[16.09.25 / 13:22]✎ Den Wecker auf meinem Smartphone hätte ich nicht gebraucht, draußen auf dem Bahnhofsvorplatz dreht eine Kehrmaschine vor meinem angekippten Hotelfenster ihre Runden. 8:30 Uhr, stehe ich jetzt schon auf? Noch etwas liegen bleiben, fünf Stunden Schlaf. Das Frühstück begehe ich genauso, wie ich es geplant habe: wenn es bis elf Uhr angeboten wird, ich um zehn Uhr da hin gehe – und mich erst danach, zurück im Hotelzimmer meiner Morgenroutine widme, dann kann ich so weit meine knappe Schlafenszeit das Festival-Wochenende optimieren, wenn ich einfach nach dem späten Aufwachen aus dem Bett falle, ein T-Shirt überziehe und die Jeans, und zum Frühstück schlurfe … besser als die andere Idee, um sechs Uhr aus der Disko fallen und das Frühstück noch vor dem Schlafen legen mitnehmen.
Es ist gebucht, es ist im Preis drin: zwei Brötchen, Croissant, Marmelade, Nuss-Nougat-Creme, Obstsalat, Bircher-Müsli, ein Frühstücksei, ein Apfel oder eine Birne, ein Glas Orangensaft, eine Tasse Kaffee … den aus dem Automaten. Genüsslich verspeise ich mein hartgekochtes Frühstücksei und lebe mein deutsches Klischee. Das ist Berlin, ich werde hier immer gefragt: „English or German?“
Den Sonnabend habe ich mir etwas vorgenommen: wenn ich schon in Berlin bin, ich will mal so eine richtige Touristen-Tour machen. Unten an der Rezeption, die haben da so ein Stapel Papierkarten in A3, ein Touristenplan, eine Straßenkarte der inneren Bezirke in Berlin und eine Karte mit den U- und S-Bahnen, mehr brauche ich nicht. Alles ist darauf eingezeichnet. Meine Route für den Tag: das Brandenburger Tor, das Holocaust-Mahnmal, der Reichstag, die Gedenkstätte der Berliner Mauer – alles Touristen-Hot-Spots – und bis auf das Tor, habe ich die alle noch gar nicht gesehen … nur im Fernsehen.
Punker-Girl geht aus, schwarze Jeans und Nietengürtel, schwarzes T-Shirt, schwarze Lederjacke, schwarze Sonnenbrille, meine kleine Handtasche und die Hi-Top-Sneakers – mit schwarzen Schnürsenkeln. Erste Haltestelle: über den Alexanderplatz mit der U- oder S-Bahn zum Brandenburger Tor … fährt hier überhaupt eine Bahn? Unregelmäßig … This is Berlin. Touris wie Einheimische bleiben entspannt. Ausstieg oben am Brandenburger Tor, das letzte Mal vor zig Jahren gab es hier noch Händler mit DDR-Devotionalien.
Touristen knipsen das Brandenburger Tor, ich knipse die Quadriga oben drauf … interessanter Fernsehbeitrag auf arte: das ist die Retourkutsche. Weiter auf die andere Seite des Tors, eine doofe, aufgebaute Bühne versperrt mir den Blick durch das Tor auf den Fernsehturm und den Ostteil der Stadt. Irgend so eine Demo mit Gaza oder so, sie wird gerade aufgebaut, die ersten Menschen finden sich ein, blaue Friedensfahnen, prominente Redner, nicht meine Partei. Ich gehe daran vorbei und versuche den größtmöglichen Abstand. Die Polizei hat alles im Griff, weit angelegte Felder von Absperrgittern trennen die Passagen von Touristenströmen und Demoteilnehmern. Ich finde meinen Weg hin zu dem in der Nähe gelegenen Holocaust-Mahnmal und dem Steinfeld.
Ich wandere durch die stummen Stelen, je tiefer ich in das symmetrisch angelegte Feld eintauche, desto mehr ergibt sich mir die Atmosphäre. Jeder Stein steht für die tausenden, ermordeten Juden. Das Feld an sich ist gar nicht so mahnend … viel bedrückender wird es unten in der Ausstellung.
Der Eingang ist oben, nur ein größerer Kubus, daneben die Treppe nach unten, nur wenige werden hineingelassen, unten soll es nicht zu voll werden, aber so viele sind um die Mittagszeit gar nicht da. Einlasskontrolle, Metalldetektoren, ein lautes Piepsen, ich lifte mein T-Shirt … Nietengürtel. Weiter hinein in die ersten Räume.
Die großen Tafeln mit der Geschichte der Judenverfolgung von 1933 bis 1945 überfliege ich … alles schon einmal irgendwo gehört oder gesehen, in der Schule behandelt, meine Großonkels hatten alle eine fesche Uniform. Interessanter und bedrückender wird es einen Raum weiter: hier sind Textpassagen hell erleuchtet in den Boden eingelassen (und ich habe immer noch die Sonnenbrille auf). Tagebuchaufzeichnungen, Briefe der Menschen, die das alles durchlebt haben … nur nicht überlebt. Emotionale Gedankenfetzen, Echos der Toten, mit den Bildern an der Wand in den anderen Räumen haben ein paar von ihnen ein Gesicht. Ich erinnere mich an die beiden, deren Porträtfotos ich in den Schredder gegeben habe. Sie bleiben in meiner Erinnerung. Ich lese die Texte, sie gehen mir nah, auch ich schreibe Tagebuch und habe meine Ängste mit dem neu aufkommenden Faschismus … ich bin als unsichtbare trans Frau die erste, die es dann erwischt.
Wieder draußen, oben auf der sonnigen Oberfläche … nicht ganz so sonnig, Wolken ziehen auf, gut so, Sonnencreme habe ich zwar dabei, aber nicht aufgetragen. Zu Fuß am Brandenburger Tor vorbei, die paar hundert Meter zum großen Reichstagsgebäude – ich will es fotografieren, ich will mal dagewesen sein, ich kenne es nur aus dem Fernsehen, die Nachrichten auf den Öffentlich-Rechtlichen. Große schwarz-rot-goldene Flaggen wehen im Wind, eine Europa-Flagge ist auch noch da. Nur eine Regenbogenflagge nicht … aber auf dem Weg, die Suche nach der nächsten U-Bahn-Station … die ist in Regenbogenfarben angemalt! Yeah … Irgendwo musste sich ja so etwas verstecken.
Eine Bahn fährt hier nicht, ich gehe wieder zurück zum S-Bahnhof am Brandenburger Tor, ich zähle mindestens drei Demos oder Kundgebungen und werde von den Polizisten durch die Absperrgitter geleitet. Mit der S-Bahn über einen Umstieg zur Haltestelle Nordbahnhof, zur Gedenkstätte der Berliner Mauer.
Tage vorher, ich habe im Internet geguckt, wo ich alles hin will. Es gibt noch Mauerabschnitte, die stehengeblieben sind, das an der Gedenkstätte beim Nordbahnhof ist der am größten erhaltene. Meine Musikszene, die Wave-, Goth- und EBM-Szene, sie ist so anachronistisch tief in den Achtzigern stehengeblieben, solche Punkte wie Kalter Krieg, Berliner Mauer und West-Berlin sind omnipräsent, die ganzen Songs von damals handeln nur davon. Ich will ein Mauer-Selfie. Ich fahre da nur hin, um Fotos zu machen, die ich so in Szene setzen werde, als wäre die Zeit und die Mauer noch stehengeblieben. Ich verfremde sowieso meine ganzen Fotos auf alt, die Film-Farbpalette, die dezente Körnung. Ich lebe das Gefühl der Underground-Szene der Achtziger. Meine Ausrede: ich fand Punks schon damals cool, als Kindergartenkind 1985.
Ausstieg am Nordbahnhof, ich hätte den anderen Ausgang wählen sollen, dann wäre ich gleich dagewesen, so irre ich auf der gegenüberliegenden Seite umher und muss mich noch mit meinem Papierfaltplan und den Straßenschildern orientieren. Dunkle Wolken ziehen auf … wird es regnen? Die ersten Tropfen treffen meine Haut … ich habe keinen Schirm dabei, nichts.
Selfie an der Berliner Mauer / September 2025 / Alter 43
Den Straßenzug mit den letzten Mauerabschnitten finde ich bald. Düsteres Wetter, ideal für düstere Selfies. Die hohe Mauer wirkt gleich noch viel deprimierender. Ich will Fotos von der Westseite machen, ich will so tun, als wäre ich in West-Berlin. Bröckelnder Mauerputz, durchscheinender Stahlbeton. Die Graffiti sind auf der Innenseite, der frei begehbaren Ostseite der Mauer. Auch hier mache ich ein paar Selfies.
Selfie an der Berliner Mauer / September 2025 / Alter 43
Es beginnt doch etwas stärker zu regnen, ich flüchte in das eine Café oder Bistro neben dem Museum. Gefühlt sechzehn Uhr den Sonnabend Nachmittag, Zeit für eine Tasse Kaffee aus dem Pappbecher und ein kleines Stück Pflaumen-Streusel-Kuchen, den größten Teil des kurzen Regenschauers habe geschützt überstanden. Eine kleine Pause.
Wieder zurück an der Mauer, das Gelände der Gedenkstätte erstreckt sich auf mehrere Abschnitte. Ein Teil ist nicht begehbar, es ist angelehnt an den städtischen Friedhof daneben, ein Sarkophag für die vielen, die auf der Flucht über die Grenze hier irgendwo erschossen worden. Auch in meiner Familie kursieren Geschichten von Jugendfreunden, die rübermachen wollten und dann ohne Spur verschwanden. Der eingezäunte Sarkophag mit dem Wachturm und dem Kiesbett wirkt noch viel mehr bedrohlicher und deprimierender. Das Feld daneben mit den dokumentierten Überresten der Grenzanlage, ich laufe es die ganze Strecke von hinten bis zur Mauer ab und stelle mir vor, wie unmöglich das zu überwinden ist. Wie ich es schon den ganzen Tag tue, jedes Mal wenn ich die Pflastersteine in den Wegen und Straßen sehe, die den alten Grenzverlauf der geteilten Stadt abbilden, ich springe in den Westteil, ich laufe nicht, ich gehe nicht, ich mache rüber.
Zurück über die S-Bahn-Station Nordbahnhof – die auch eine kleine interessante Ausstellung enthält – den späten Nachmittag zu meinem Hotel in der Osthälfte der Stadt. Am Alexanderplatz steige ich für einen kurzen Halt aus, irgendwo noch etwas essen, einen Falafelteller. Den kurzen Abstecher in ein Kaufhaus, das mit den Designer-Outlets, hätte ich mir sparen können, das frisst nur Zeit. Zeit, die ich den Abend im Hotelzimmer brauchen werde, um mich wieder ausgehfertig für die Nacht zumachen. (Ende Teil 2/3)
[16.09.25 / 13:21]✎ Endlich wieder ein kleines, gruftiges Festival in Berlin? So etwas gab es da schon seit über zehn Jahren nicht mehr, seitdem das „Drop Dead“ weg ist. Das neue, kleine Festival ist ziemlich nah dran … einige Personen aus dem Umfeld der vergangenen Jahre tauchen hier wieder auf … ich auch.
Den Freitag habe ich schon Urlaub genommen, ganz entspannt, nichts Donnerstag nach der Arbeit machen lassen, alles in den Freitag Vormittag schieben, Tasche packen, Beine rasieren, meine Kleiderauswahl überdenken – ich will das schwarze One-Shoulder-Kleid den Abend und die Nacht anziehen, mit den absatzlosen 22-Loch-Schnürstiefeln. Trage ich etwas darunter, ein Unterhemd, ein BH? Passt alles nicht, nur das Kleid pur … BHs werden überbewertet. Schmuck ganz klar: der marokkanische Armreif, alles an Silber und meine Perlenhalskette, die Idee stand schon seit ein paar Tagen, die Perlenkette würde richtig gut zu meinem kurzen, schwarzen Abendkleid passen. Ich zögere noch … ist das wirklich angemessen für eine Grufti-Party? Ja. Die Perlenkette muss mit. Schwarze Punker-Lederjacke, für alle Fälle noch den schwarzen Kapuzen-Hoodie und die Regenjacke in Tarnfarben. Einen Schirm nehme ich nicht mit, könnte stürmisch das Septemberwochenende in Berlin werden. Die kleine olivgrüne Sporttasche geht gerade noch so zu … sie ist allein zur Hälfte gefüllt nur mit dem Paar Stiefel – und die dicke Waschtasche muss auch noch drauf.
Ich stehe den Freitag später den Vormittag auf, Vorschlafen, Beine rasieren ist Routine. Frühstück wie gewohnt, Ticket für das Festival ist auf dem Smartphone – ich versuche es mal ohne Papier. Mittagessen, den „Bahn-Dress“ anziehen, schwarze Jeans und „Gothic-Pogo-Fan-Merchandise-T-Shirt“, ich werde wieder zum Bahnhof um die Ecke gefahren. Pünktlich vierzehn Uhr stehe ich am Gleis und warte auf meinen Regionalzug. Punkerkutte, Sonnenbrille – für dieses Wochenende die kleine, schwarze Handtasche von Coccinelle (ich habe zwei).
Viele Menschen, aber es ist Freitag. Umsteigen in Magdeburg, hier bekomme ich noch einen Sitzplatz. Weiter nach Berlin, ich bin die Strecke vor zwei Wochen schon in dem Doppelstockwagon oben gefahren, noch mehr Menschen, ich muss meine Tasche vom Nebensitz räumen.
Ausstiegsstation für mich: der Berliner Ostbahnhof, unweit den Hotels und der Festival-Location von vor mehr als zehn Jahren, ich war hier überall schon. Wie praktisch, mein Hotel ist das „Intercity“ gleich am Bahnhof, ich müsste nicht einmal bei Regen nach draußen gehen.
Einchecken, mein Zimmer in der ersten Etage, Straßenseite … schade, ich bin doch Eisenbahnfreund, ich hätte mich doch auf einen Blick auf die Gleise gefreut. Das Fenster ist stark gedämpft und war vielleicht schon länger nicht offen, Temperaturen jenseits von Sommer. Schnell ins Bad, Beine weiter rasieren, Einlass bei dem Festival, zwei Stationen mit der S- und der U-Bahn weiter, rüber auf die andere Spreeseite, ist gegen neunzehn oder zwanzig Uhr. Ich vertrödele die Zeit mit dem Auspacken und alles in den Schrank hängen … bloß nichts auf das Bett legen, alle Kleidungsstücke davon isolieren, meine Sporttasche hoch oben auf dem offenen Kleiderbügel zwischen den beiden Schränken hängen … die Verwandtschaft hat in den letzten Wochen unangenehme Erfahrungen gemacht, mit kleinen, schwarzen Krabbeltieren in Polster von Bussitzen und Hotels, östliches Ausland, so wie heimisches Inland. Nur ein paar einfache Regeln: Um Himmels willen, leg nichts auf’s Bett! Häng oder leg alles hoch!
Ins Bad verschwinden, Make-up vorbereiten, noch liege ich gut in der Zeit. Ich habe endlich die Lidschattenpalette mit eingepackt, die gefühlt schon seit zehn Jahren bei mir zu Hause ungeöffnet im Badschrank lag. Ich entferne die Plastefolie … so viele Farben, so viele Rot- und Rosa-Töne. Ich brauche eigentlich nur zwei Farben: das dunkelste Grau-Schwarz und das hellste Besch-Glitzernde. Ich habe mir den späten Abend noch YouTube-Tutorials angesehen: eigentlich ist es ganz einfach, den dunklen Lidschatten kreisend in die äußere Hälfte des Augenlides und der Falte eintupfen, den hellen Lidschatten auf die innere Hälfte des Augenlides, bis zum „Tränenpunkt“ an der Nase, die andere dunkle Farbe – mit dem freien Zeigefinger eine Linie bilden, zwischen Ende des Lids und dem oberen Ende der Augenbraue, nichts darunter auftragen. Als Finish alles noch mit dem anderen Pinsel mit Schwung nach außen verblenden. Geht doch, ich schaue mich in dem hellen Badezimmerspiegel an. Schwarzen Mascara auf die Wimpern aufbürsten, schwarzen Kajal oben und unten auf das Augenlid nachziehen, Brille aufsetzen … kurze Korrekturen … alles wieder mit dem kleinen Pinsel rauchig verblenden, zu schade, das die Sonne noch nicht ganz untergegangen ist und ich die letzten Meter in der dunkelsten Dämmerung noch meine Sonnenbrille aufsetze. Mein Kleid anziehen, meine Stiefel anziehen, die Schnürsenkel durch die zweiundzwanzig Löcher fädeln, die schwarze Punkerkutte anziehen, meine Handtasche über den langen Schultergurt umschwingen, Hotelkarte greifen, ich bin ausgehbereit.
Nur eine Station bis zur Warschauer Straße, dann mit der U-Bahn weiter über die Brücke, zum Bahnhof Schlesisches Tor … ist das noch Kreuzberg? Viele Menschen, viele „Party-People“, ich bin niemals allein. Ich laufe die Richtung, die ich denke, die richtig ist. Blick auf die Offline-Karte auf meinem Smartphone: ja, ich bin wirklich richtig. Nur noch ein paar hundert Meter … ich ziehe eine riesige Wolke an Patchouli hinter mir her.
Den Club erreiche ich wenig später, ein Seitenkanal zur Spree ist meine Wegmarkierung. Es stehen schon ein paar schwarz gekleidete Leute am Eingang, mit Gittern abgesperrt, falls später noch mehr wartende Festivalgäste dazukommen. Mein Ticket auf dem Smartphone vorzeigen, kurz mit der Taschenlampe in meine kleine Handtasche leuchten lassen, bis auf die Schminkrolle und meinem Brillenetui ist da nichts drin, EC-Karte und Smartphone in den schnellen Reißverschluss-Seitentaschen, die kleine Tasche ist wirklich sehr praktisch. Ich werde hineingeleitet in den Club.
Hier war ich noch nie, der ist neu. Ich betrete die dunklen Gänge, erforsche, wo mich meine Schritte hinführen. Musik von irgendwo, ist das die dunkle Tanzfläche? Weiter durch die verwinkelten Gänge … eine Unisex-Toilette. Wieder zurück, die Wege einprägen, die offene Tür nach draußen zu dem Innenhof finden … bewaldet, begrünt, beleuchtet, atmosphärisch … ach, wie schön! Ein Teich, eine kleine Brücke! Wie im Wunderland, ich bin entzückt. Irgendwo dahinten, alles wirkt, wie improvisiert zusammengezimmert, ein Anbau, die zweite, große Tanzfläche, wo später den Abend, nur noch wenige Minuten, die erste Band auf der Bühne stehen wird. Ich erforsche den Rundgang weiter, über einen Glasanbau, vielleicht war das früher mal ein Gewächshaus, finde ich mich wieder am Eingang des Innenhofes wieder, gleich neben der Draußen-Bar. Eine Flasche Wasser bestellen, wie angekündigt, keine Barzahlung, nur Karte. Die Dachterrasse über mir entdecke ich auch, die werde ich später die Nacht noch besuchen.
Die erste Band, geplant um zwanzig Uhr, auf der Bühne draußen, genannt der „Paradise Floor“. Die Berliner Band habe ich schon zwei oder dreimal gesehen, er nimmt sich mit der Bühnenshow zurück, sie spielt weiter am Synthesizer, die Musik ist eigentlich gar nicht so schlecht. Es ist voller geworden, die Leute begrüßen sich im Publikum und draußen, das Festival beginnt.
Die zweite Band, drinnen auf dem „Main Floor“, ich hatte es nicht gleich erkannt, ob da eine Bühne steht oder nicht, es war nur ein kleiner, unscheinbarer Kasten aufgebaut … die Musik kommt vom Band. Ich stehe hinten auf einer Empore, aus Holz gebastelt. Rauchschwaden füllen den Raum, Räucherstäbchen? Nebel aus der Nebelmaschine strömt überall hervor, die Musik beginnt finster und schleppend. Gefällt mir, könnte etwas werden. Synthesizerklänge, das ganze Festival ist elektronisch, der Sänger, die Sängerin? Keine Ahnung, ist nicht wichtig. Der Raum ist voll, Unmengen Menschen wollen die Performance sehen – und dann brechen die Beats los! Harscher Elektronikklang … zu heftig für mich? Die Leute tanzen und stampfen, von all den Schwingungen falle ich schon runter von dem überfüllten Holzpodest. Es fing gut an, aber ich glaube, ich muss doch einmal kurz nach draußen gehen, meine kleine Flasche Wasser ist alle, zurück zu der ruhigen Bar.
Die dritte Band, darauf habe ich mich gefreut, geplant so gegen zweiundzwanzig Uhr (ich habe die Time-Table fotografiert), draußen auf dem anderen Floor, die vielen Menschen sind noch drinnen, hier draußen habe ich wieder viel Platz für mich, der Floor hier hat sogar große Kunststofffenster mit Blick nach draußen, in den entzückenden Garten.
Die beiden an ihren Synthesizer, sie bauen alles auf, kommen wenig später wieder in ihrem Bühnenoutfit zurück. Sie fangen an zu spielen … viele neue Stücke? Ich hatte sie mehr Punk-lastig in Erinnerung, weniger poppig. Gegen Ende des Auftritts verkündet der Sänger, zum Entsetzen aller im Publikum, das sich die Band wohl auflösen wird. Ohh … Homoerotische Anspielungen, sind sie ernsthaft gemeint, oder doch nur amüsierend? Ich bin mir nicht sicher …
Die dritte Band, wieder drinnen, eigentlich nur einer, er spielt schon, als ich den kleinen Raum, verspätet nach den Abschiedszugaben der anderen beiden, betrete. Ist er es? Auf dem Flyer und den YouTube-Videos sah er noch anders aus. Malaka … Er hat seine Haare gefärbt. Auch diese Musik wird elektronisch sehr schnell und um einiges härter, als ich es erwartet habe, ich hätte mehr als ein YouTube-Video ansehen sollen.
Ich fühle mich etwas entkräftet … werde ich müde? Es ist doch noch gar nicht Mitternacht? Oder doch schon? Ich hatte doch extra Urlaub genommen und bin nicht schon um sieben Uhr früh für die Arbeit aufgewacht, ich muss doch noch ein paar Stunden durchhalten, bis die DJs hier auflegen, die ich alle schon im Publikum entdeckt habe. Draußen wieder auf der Paradies-Tanzfläche, die letzte Band für diesen ersten Festival-Abend, auch wieder ein Solokünstler – und er beginnt seine Songs sperrig langsam … Durchhalten, Honey!
Weit nach Mitternacht, ich wechsele zwischen den beiden Tanzflächen hin und her, die vierte Flasche Wasser in meiner Hand. Hoch oben auf der Dachterrasse war es noch ganz angenehm, hier sitzen nicht so viele. Unten auf den beiden Tanzflächen halte ich es nur bis zwei Uhr nachts aus, viel getanzt habe ich nicht, ich bin zu müde, ich muss gehen. Ich habe es doch nicht geschafft, bis zur erhofften Italo-Disco-Stunde der alten beiden DJs gegen drei Uhr durchzuhalten. Vielleicht morgen. Ich laufe wieder über die Kreuzberger Straßen meinen Weg zurück zu der U-Bahn-Station … gefürchtet vor betrunkenen, anpöbelnden Leuten und kriminelle Jugendgangs, die mich abziehen? So viele Party-People hier, so viele feiernde Menschen, so viele hell erleuchtete Straßenlaternen, dichter Verkehr an laut aufheulenden, aufgemotzten Poser-Autos … dunkle, verlassene, gefährliche Straßen sehen anders aus. Dann die S-Bahn-Station an der Warschauer Straße auf der anderen Spree-Seite, ich weiß, dass da hinten die großen Clubs sind, dichtes Gedränge an jungen Menschen, der ganze Straßenzug ist eine einzige Disko.
Mein Weg durch die Hallen im Ostbahnhof, hier bin ich wieder fast alleine, aber es ist so hell erleuchtet. Der Eingang zum Hotel ist gleich neben der automatischen Schiebetür nach draußen. Zurück zum Fahrstuhl in der Lobby, eine Etage, mein Zimmer – Fenster großflächig aufsperren und kühl durchlüften, währenddessen ins Bad verschwinden und mit den Abschminktüchern mein ganzes Augen-Make-up wieder entfernen. Das Pulver vom Lidschatten hält doch nicht so ganz, da muss ich mir noch Tricks aneignen. Drei Uhr nachts, Fenster wieder angekippt lassen, Vorhänge zu und mit Ohrstöpsel ins Bett fallen … noch sieben Stunden bis zum geplanten Frühstück um zehn Uhr. (Ende Teil 1/3)
das habe ich sehr gerne gemacht. Zum Einen interessiert mich das Thema und zum Anderen hast Du wirklich sehr lebendig und spannend geschrieben. Da wollte ich Alles lesen und wollte Dir schreiben, das mir Dein Blog besonders gut gefallen hat (Die eigentliche Arbeit hattest Du ja mit dem Verfassen des Blogs). Wenn Du magst können wir den Kontakt gerne per Mail halten. Viele Grüße Daniele
Morgana LaGoth: Mail-Adresse steht oben bei "kontakt" - bei weiteren Fragen, gerne.
vielen Dank für Deinen tollen Blog. Ich habe ihn in den letzten Wochen komplett gelesen. Meistens konnte ich gar nicht aufhören zu lesen. Fast wie bei einem sehr spannenden Roman. Ich habe dabei Deine genauen Beobachtungen und Beschreibungen sehr genossen. Deine vielen Ausflüge in die Clubs und zu den Festivals oder Deine Streifzüge d durch die Geschäfte beschreibst Du immer aus Deiner Sicht sehr anschaulich und spannend. Ich kann das sehr gut nachvollziehen, das alleine zu erleben, häufig auch mit einer gewissen Distanz. Ich kenne ich von mir sehr gut. Highlights sind Deine Reiseberichte. Deine Erlebnisse an den unterschiedlichsten Orten auf der Welt. Vielen Dank dafür. Vielen Dank auch das Du Deinen Weg zu Deinem waren Geschlecht mit uns Lesern teilst. Deinen Weg Deine Gefühle Deine zeitweisen Zweifel. Das ist sehr wertvoll auch für uns Andere, denn es ist authentisch und sehr selten. Du bist einem dadurch sehr vertraut geworden. Für mich ist eine gefühlte grosse Nähe dadurch entstanden. Umso mehr schmerzt es mich von Deinen Rückschlägen zu lesen. Von Deinem Kampf zu Deinem wahren Ich. Von Deinem Kampf umd Liebe, Zährlichkeit und Akzepzanz und Anerkenung. Von Deiem mitunter verzweifeltem Kampf nach Liebe und Anerkennung durch Deinen Exfreund. Leider vergeblich. Dein Kampf um wirtschaftliche Unabhängigkeit und Deine aktuell missliche Lage. Ich glaube dass Du nicht gescheitert bist. Du hast viel Mumm und Hardnäckigkeit bewiesen Deinen Gang zu Dir selbst zu gehen. Du hast auch einen guten Beruf der immer noch sehr gefragt ist. Vielleicht kann ja nach dieser Auszeit und etwas Abstand ein Neuanfang in einer anderen Firma, wo Du keine Vergangenheit als Mann hattest gelingen. Ich wünsche das Dir ein Neuanfang gelingt und drücke Dir ganz fest die Daumen. Daniele
Morgana LaGoth: Da liest sich tatsächlich jemand alles durch? Das ist mittlerweile schon ein kompletter Roman mit mehreren hundert Seiten! Danke dir, für deinen Kommentar (und die aufgebrachte Zeit).
vielen Dank für Deine offenen und kritischen Erlebnisberichte. Ich bin in 3 Monaten in Sanssouci zur FzF-OP. Ich denke auch, was kann schon schief gehen, status quo geht nicht und irgendwas besseres wird wohl resultieren. Wenn es Dich interessiert, halte ich Dich informiert. Drücke mir die Daumen.
Herzlich
Drea
Morgana LaGoth: Ich wünsche dir für deine Operation viel Glück. (Sollte der Koch nicht gewechselt haben, das Essen da in der Klinik ist richtig gut!)
[14.11.17 / 20:13]Morgana LaGoth: Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion: Die Seitenbetreiberin behält sich das Recht vor, jeden Kommentar, dessen Inhalt rassistisch, sexistisch, homophob, transphob, ausländerfeindlich oder sonstwie gegen eine Minderheit beleidigend und diskriminierend ist, zu zensieren, zu kürzen, zu löschen oder gar nicht erst freizuschalten. Werbung und Spam (sofern die Seitenbetreiberin dafür nicht empfänglich ist) wird nicht toleriert. Personenbezogene Daten (Anschrift, Telefonnummer) werden vor der Veröffentlichung unkenntlich gemacht.
Kommentar:
[05.12.22 / 17:34] Daniele1992: Hallo Morgana
Mail ist heute rausgegangen
LG Daniele
[13.11.22 / 09:33] Daniele1992: Hallo Morgana
aktuell keine schöne Situation. Ich schreibe Dir noch eine Mail dazu.
LG Daniele
[13.05.22 / 09:15] Daniele1992: Hallo Morgana,
Tolle Reisebericht von Deiner neusten Reise nach Paris. Macht grosse Lust auch wieder dort hinzufahren um sich von der Stadt inspirieren zu lassen.
Tolle Neuigkeiten.NeuerJob. Klasse! Freue mich für Dich.
Liebe Grüße
Daniele
[24.12.21 / 20:55] Daniele1992: Hallo Morgana,
Ich denke an Dich und wünsche Dir frohe Weihnachten und ein schönes neues Jahr 2022.
Liebe Grüße
Daniele
[25.09.21 / 14:59] Daniele1992: Hallo,
eine Chance etwas Neues zu machen. Neue Perspektiven. Urlaubsträume, die bald real werden können. Nicht so schlecht. Freue mich für Dich. LG Daniele.
[11.11.20 / 09:12] Daniele1992: Hallo Morgana
Ich habe Dir eine Mail geschickt.
Lg
Daniele
[30.07.20 / 22:03] Daniele1992: Guten Abend
das habe ich sehr gerne gemacht. Zum Einen interessiert mich das Thema und zum Anderen hast Du wirklich sehr lebendig und spannend geschrieben. Da wollte ich Alles lesen und wollte Dir schreiben, das mir Dein Blog besonders gut gefallen hat (Die eigentliche Arbeit hattest Du ja mit dem Verfassen des Blogs). Wenn Du magst können wir den Kontakt gerne per Mail halten. Viele Grüße Daniele
[30.07.20 / 12:44] Daniele1992: Guten Morgen,
vielen Dank für Deinen tollen Blog. Ich habe ihn in den letzten Wochen komplett gelesen. Meistens konnte ich gar nicht aufhören zu lesen. Fast wie bei einem sehr spannenden Roman. Ich habe dabei Deine genauen Beobachtungen und Beschreibungen sehr genossen. Deine vielen Ausflüge in die Clubs und zu den Festivals oder Deine Streifzüge d durch die Geschäfte beschreibst Du immer aus Deiner Sicht sehr anschaulich und spannend. Ich kann das sehr gut nachvollziehen, das alleine zu erleben, häufig auch mit einer gewissen Distanz. Ich kenne ich von mir sehr gut. Highlights sind Deine Reiseberichte. Deine Erlebnisse an den unterschiedlichsten Orten auf der Welt. Vielen Dank dafür. Vielen Dank auch das Du Deinen Weg zu Deinem waren Geschlecht mit uns Lesern teilst. Deinen Weg Deine Gefühle Deine zeitweisen Zweifel. Das ist sehr wertvoll auch für uns Andere, denn es ist authentisch und sehr selten. Du bist einem dadurch sehr vertraut geworden. Für mich ist eine gefühlte grosse Nähe dadurch entstanden. Umso mehr schmerzt es mich von Deinen Rückschlägen zu lesen. Von Deinem Kampf zu Deinem wahren Ich. Von Deinem Kampf umd Liebe, Zährlichkeit und Akzepzanz und Anerkenung. Von Deiem mitunter verzweifeltem Kampf nach Liebe und Anerkennung durch Deinen Exfreund. Leider vergeblich. Dein Kampf um wirtschaftliche Unabhängigkeit und Deine aktuell missliche Lage. Ich glaube dass Du nicht gescheitert bist. Du hast viel Mumm und Hardnäckigkeit bewiesen Deinen Gang zu Dir selbst zu gehen. Du hast auch einen guten Beruf der immer noch sehr gefragt ist. Vielleicht kann ja nach dieser Auszeit und etwas Abstand ein Neuanfang in einer anderen Firma, wo Du keine Vergangenheit als Mann hattest gelingen. Ich wünsche das Dir ein Neuanfang gelingt und drücke Dir ganz fest die Daumen. Daniele
[05.10.19 / 17:11] Drea Doria: Meine liebe Morgana,
bin 5 T post all-in-one-FzF-OP. Deine guten Wünsche haben geholfen. Der Koch ist immernoch noch super. Alle hier sind herzlich und nehmen sich Zeit.
Herzlich
Drea
[14.06.19 / 12:57] Drea Doria: Meine liebe Morgana,
vielen Dank für Deine offenen und kritischen Erlebnisberichte. Ich bin in 3 Monaten in Sanssouci zur FzF-OP. Ich denke auch, was kann schon schief gehen, status quo geht nicht und irgendwas besseres wird wohl resultieren. Wenn es Dich interessiert, halte ich Dich informiert. Drücke mir die Daumen.
Herzlich
Drea
[14.11.17 / 20:13] Morgana LaGoth: Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion: Die Seitenbetreiberin behält sich das Recht vor, jeden Kommentar, dessen Inhalt rassistisch, sexistisch, homophob, transphob, ausländerfeindlich oder sonstwie gegen eine Minderheit beleidigend und diskriminierend ist, zu zensieren, zu kürzen, zu löschen oder gar nicht erst freizuschalten. Werbung und Spam (sofern die Seitenbetreiberin dafür nicht empfänglich ist) wird nicht toleriert. Personenbezogene Daten (Anschrift, Telefonnummer) werden vor der Veröffentlichung unkenntlich gemacht.
1