morgana81 - gothic transgender

Sternzeit irgendwas, Logbucheintragung des Captains:

[01.01.70 / 00:00] Sternzeit irgendwas, Logbucheintragung des Captains:

[12.06.22 / 16:04] Sonntag … der vierte Tag, die vierte Nacht … der vierte Morgen? Soviel Bettdecke und zweites Kopfkissen kann ich gar nicht auftürmen, um mich vor dem ekligen Sonnenlicht abzuschirmen. Aufstehen, duschen, das Outfit für den Tag wählen: ich ziehe mein geliebtes, schwarzes Polokleid an, das uralte, das mit der Knopfleiste, das so eng am Busen sitzt, als ob mir gleich der Knopf abspringt – und ich trage meine teure Unterwäsche, die grün-weiß-schwarze mit dem Blumenmotiv (und der BH ist kein Push-up). Es wird heiß den Tag, die Netzstrumpfhose lasse ich weg. Nach dem Bereitmachen den … sehr, sehr späten Mittag, ein Blick in den Ankleidespiegel, die große, schwarze Sonnenbrille und der markante, weiße Flechtgürtel um mein enges, schwarzes Kleid: Heroin Girl geht aus.
Ich bin schon irgendwie (körperlich) fertig, als Schuhe habe ich die hohen Schnürstiefel mit den Absatz und der Militärsohle gewählt, in meiner Handtasche und in meinem Tragebeutel ist alles dabei, was ich den Tag und die Nacht noch brauche – dieses Mal kehre ich nicht vorher den Abend für eine Dusche in das Hotel zurück. Diesen Nachmittag ist ein kleines Filmfestival auf dem Gelände geplant, zwei sehr interessante Filme über die Undergroundszene. Frühstück am Hauptbahnhof (eine bekannte Kaffeehauskette in dem architektonisch bedeutsamen Wartesaal des großen Jugendstilgebäudes) und weiter, wie jeden Tag, in die Südvorstadt.
Ich tingele den frühen Nachmittag von einem Bistro in das andere Kaffee und weiter in das nächste die Straße runter nach Connewitz. Ein syrisches Mittagessen (Manakish und Falafel), ein Latte Macchiato oder Cappuccino und ein Glas Fassbrause. In jedem der drei Lokale sitze ich eine Weile, beobachte das Treiben, lese mein Buch, das ich mit in meinem Stoffbeutel dabei habe. „Vater Goriot“, Balzac. (Ich habe in Paris damit angefangen.)
Die Filmvorführung auf dem kleinen Festival beginnt um 17 Uhr, ich bin weit mehr als überpünktlich. Interessanterweise ist der Teststand für den Virusabstrich am Toreingang noch gar nicht aufgebaut und ich erkenne erst jetzt, wie viel Aufwand das jedes Mal gekostet haben muss. Der kleine Kinosaal, den ich kurz darauf betrete, ist leer. Über einen Beamer und die aufgestellten Stuhlreihen sollen dann die beiden Filme gezeigt werden … mit mir kommt dann nur noch ein Gast. Schade, denn die beiden Filme sind wirklich gut … zwar etwas lang (und unbequem auf den harten Plastestühlen), aber äußerst interessant.
Der erste Film über die griechische Synthesizer-Undergroundszene aus der Frühzeit der Achtziger (und ihrer Entwicklung weiter in den Folgejahrzehnten) – ich fiebere bei jeder Filmszene und Einstellung an den Drehreglern der analogen Synthesizer mit. In meinem Kopf läuft parallel das imaginäre Oszilloskop und ich analysiere geradezu zwanghaft die verschiedensten Klangfarben und Schwingungen. Ich fühle mich ein klein wenig geehrt, als dann von den alten Musikern die junge Szene aus den 2000ern erwähnt wird, die im Internet die ganze Musik wieder ausgegraben hat – ich habe damals vor zehn Jahren wahre Schätze aus den Filehostern gezogen! Ultrarare Vinyl- und Kassettenmitschnitte, digitalisiert als MP3, mit allen Knack- und Störgeräuschen und Brummen und Magnetbandrauschen!
Der zweite Film … über das „Schwester-Festival“, welches in New York stattfand, wo ich immer hin wollte – und welches dann für zwei Jahre (2011 und 2012) nach Berlin umgezogen ist … interessanterweise habe ich dort auch eine von den griechischen Bands gesehen. Aber in dem Film geht es nur um die Festivalausgabe in New York. Bei der kleinen Anekdote, wie eng das allererste Festival im CBGB war, muss ich schmunzeln, der Laden war aber auch klein (das ist jetzt ein Klamottenladen, siehe meinen Trip nach New York 2013 … Jahre später bevor dieser Film, den ich gerade sehe, gedreht wurde).
Ich hoffe, nachdem die Vorstellung vorbei ist, dass die Filme die Nacht noch in Endlosschleife gezeigt werden, es kommen doch noch ein paar interessierte Gäste. Weiter – aus der Tür fallend – zur vierten Festivalnacht.
Mein Make-up trage ich vor dem Spiegel auf der Damentoilette auf, meinen täglichen Test hole ich mir bei dem wiederaufgebauten Zelt am Eingang. Als Abendessen muss wieder eine vegan- oder vegetarische Nudelbox vom Grillstand herhalten (obwohl ich den Tag die Straße runter schon soviel gegessen und getrunken habe). Diesen Abend sind großartige Bands und Künstler angekündigt.
Bereit für die Nacht vor der Konzertbühne in der kleinen Halle. Die beiden ersten Musiker kenne ich schon von den vergangenen zwei Online-Festival-Ausgaben, sie endlich in echt zu sehen, macht mich glücklich. Der erste der beiden singt seine Texte auf deutsch, ich kann jedes Wort verstehen und fühle mit, wenn es um die Ehre der queeren Community geht!
Der zweite Künstler an seinen aufgebauten Synthesizer-Tischen … wie schon in dem Film von vorhin erwähnt: Synthesizer sind nicht alles – sie richtig bedienen zu können und alles mögliche aus ihnen herauszuholen, ist eine „Killer-Kombination!“ Ich stehe in der ersten Reihe, ganz vorne, kann alles sehen, bewege mich zu der Musik – und muss danach gleich den Merchandise-Stand in der Nachbarhalle aufsuchen! Ein Album von ihm habe ich schon, ein zweites dieses schottischen Ausnahmekünstlers kommt jetzt dazu (das mit dem Titel, welcher mir in dem Online-Stream letztes Jahr schon gefallen hat).
Und jetzt die dritte Band … WTF? Die Halle ist voll, gerade zurück von meinem kleinen Einkauf, kann ich nur ganz hinten stehen – aber wenigstens etwas erhöht auf der Treppe vom Eingang runter in die kleine Halle. Die Band kommt aus Italien … denke ich. Viel weiß ich nicht – aber ist das da nicht der alte Sänger oder Performer oder Tänzer von dieser uralten italienischen Punk-Legende? Entweder ist er betrunken, auf Drogen, hatte mal einen Schlaganfall oder es ist einfach nur pure Absicht und legendär. In etwa so muss ich mir die Konzerte von ihm in den Achtzigern irgendwo in den schäbigsten Clubs und Kaschemmen norditalienischer Industriestädte vorstellen? „Wow!“
Weiter die Nacht, so abgefuckt wie er, kann ich nicht mehr werden, das war noch eine Spur härter als der Drummer von der einen Band den ersten Abend. Wieder zurück in die Verkaufshalle, an dem Stand von dem einen Plattenlabel vom Abend zuvor, weiter obskures Zeug kaufen. Die eine Platte von der einen Band, die ich gestern schon herausgezogen habe, deren Cover mich nur irritiert hatte: „Ach so … die zweite LP ist mit einer ‚I‘ gekennzeichnet?“ (Sehr verwirrend.) Und weiter zurück zu der ersten Halle, meine Einkäufe in meinem wieder leergeräumten Stoffbeutel an der Garderobe auslagern … mitsamt der Hälfte des Inhalts meiner Handtasche: „Muss mal etwas Gewicht auslagern.“ Befreit von dem Ballast, zurück auf die Tanzfläche.
Die Stiefeletten die ich trage, die mit dem hohen Blockabsatz – ich spüre schon gar nicht mehr, dass ich überhaupt Absätze trage – ich kann damit sogar bequem tanzen. Meine Flasche Koffein-Getränk stelle ich hier und da mal ab und bewege mich zwischen den bunten Lichtern zu der Musik. Habe ich die Nächte davor noch meinen Schatten im Strobo-Gewitter vermisst, so komme ich jetzt wieder mehr zurück aus meiner innerlichen Migration der letzten zwei Jahre. Ich bin sogar so zutraulich und entspannt … ich lasse ja wirklich sehr weit mein Getränk unbeobachtet zurück. (Tatsächlich habe ich es sogar mal in der anderen Halle stehen gelassen!)
Hintergrund: Es wurde nachträglich bekannt, dass genau in dieser Nacht auf dieser Party K.-o.-Tropfen verteilt wurden. Schlimm, und diese Szene ist für mich immer wie eine kleine Familie, wo niemand jemand irgendetwas dieser Art antun könnte. Das hat mich doch Tage später, als ich diese Nachricht gelesen habe, zutiefst erschüttert.
Zurück in diese Nacht, mir ist nichts passiert, aber mein Getränk von irgendwo wieder hervorzuholen: „Wird schon meins sein“, das sollte ich so nicht mehr machen. Wieder drei oder vier Uhr nochwas, meinen schwarzen Wollponcho überwerfen und die Straßenbahn-Taxi-Kombination zurück zu meinem Hotel ansteuern.
Jede Nacht blicke ich auf mein Smartphone, jede Nacht in der Menge zwischen den tanzenden Menschen schaue ich nach, ob er mir wieder eine Nachricht geschrieben hat. Das Display des Telefons bleibt stumm … nichts von ihm. (Ende Teil 4/6)

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Kommentar:

[05.12.22 / 17:34] Daniele1992: Hallo Morgana

Mail ist heute rausgegangen

LG Daniele

[13.11.22 / 09:33] Daniele1992: Hallo Morgana

aktuell keine schöne Situation. Ich schreibe Dir noch eine Mail dazu.

LG Daniele

Morgana LaGoth: Einige Kommentare müssen auch nicht allzu öffentlich sein …

[13.05.22 / 09:15] Daniele1992: Hallo Morgana,

Tolle Reisebericht von Deiner neusten Reise nach Paris. Macht grosse Lust auch wieder dort hinzufahren um sich von der Stadt inspirieren zu lassen.

Tolle Neuigkeiten.NeuerJob. Klasse! Freue mich für Dich.

Liebe Grüße
Daniele

Morgana LaGoth: Danke. Endlich wieder verreisen … lange darauf gewartet. Lebendig bleiben, solange es noch geht.

[24.12.21 / 20:55] Daniele1992: Hallo Morgana,

Ich denke an Dich und wünsche Dir frohe Weihnachten und ein schönes neues Jahr 2022.

Liebe Grüße
Daniele

Morgana LaGoth: Vielen Dank, ich wünsche dir ebenfalls ein schönes, neues Jahr.

[25.09.21 / 14:59] Daniele1992: Hallo,

eine Chance etwas Neues zu machen. Neue Perspektiven. Urlaubsträume, die bald real werden können. Nicht so schlecht. Freue mich für Dich. LG Daniele.

Morgana LaGoth: Danke dir.

[11.11.20 / 09:12] Daniele1992: Hallo Morgana

Ich habe Dir eine Mail geschickt.

Lg
Daniele

Morgana LaGoth: Hey ... vom Lenkrad aus mit der Hand winken, von einem MX-5 zum anderen. *freu*

[30.07.20 / 22:03] Daniele1992: Guten Abend

das habe ich sehr gerne gemacht. Zum Einen interessiert mich das Thema und zum Anderen hast Du wirklich sehr lebendig und spannend geschrieben. Da wollte ich Alles lesen und wollte Dir schreiben, das mir Dein Blog besonders gut gefallen hat (Die eigentliche Arbeit hattest Du ja mit dem Verfassen des Blogs). Wenn Du magst können wir den Kontakt gerne per Mail halten. Viele Grüße Daniele

Morgana LaGoth: Mail-Adresse steht oben bei "kontakt" - bei weiteren Fragen, gerne.

[30.07.20 / 12:44] Daniele1992: Guten Morgen,
vielen Dank für Deinen tollen Blog. Ich habe ihn in den letzten Wochen komplett gelesen. Meistens konnte ich gar nicht aufhören zu lesen. Fast wie bei einem sehr spannenden Roman. Ich habe dabei Deine genauen Beobachtungen und Beschreibungen sehr genossen. Deine vielen Ausflüge in die Clubs und zu den Festivals oder Deine Streifzüge d durch die Geschäfte beschreibst Du immer aus Deiner Sicht sehr anschaulich und spannend. Ich kann das sehr gut nachvollziehen, das alleine zu erleben, häufig auch mit einer gewissen Distanz. Ich kenne ich von mir sehr gut. Highlights sind Deine Reiseberichte. Deine Erlebnisse an den unterschiedlichsten Orten auf der Welt. Vielen Dank dafür. Vielen Dank auch das Du Deinen Weg zu Deinem waren Geschlecht mit uns Lesern teilst. Deinen Weg Deine Gefühle Deine zeitweisen Zweifel. Das ist sehr wertvoll auch für uns Andere, denn es ist authentisch und sehr selten. Du bist einem dadurch sehr vertraut geworden. Für mich ist eine gefühlte grosse Nähe dadurch entstanden. Umso mehr schmerzt es mich von Deinen Rückschlägen zu lesen. Von Deinem Kampf zu Deinem wahren Ich. Von Deinem Kampf umd Liebe, Zährlichkeit und Akzepzanz und Anerkenung. Von Deiem mitunter verzweifeltem Kampf nach Liebe und Anerkennung durch Deinen Exfreund. Leider vergeblich. Dein Kampf um wirtschaftliche Unabhängigkeit und Deine aktuell missliche Lage. Ich glaube dass Du nicht gescheitert bist. Du hast viel Mumm und Hardnäckigkeit bewiesen Deinen Gang zu Dir selbst zu gehen. Du hast auch einen guten Beruf der immer noch sehr gefragt ist. Vielleicht kann ja nach dieser Auszeit und etwas Abstand ein Neuanfang in einer anderen Firma, wo Du keine Vergangenheit als Mann hattest gelingen. Ich wünsche das Dir ein Neuanfang gelingt und drücke Dir ganz fest die Daumen. Daniele

Morgana LaGoth: Da liest sich tatsächlich jemand alles durch? Das ist mittlerweile schon ein kompletter Roman mit mehreren hundert Seiten! Danke dir, für deinen Kommentar (und die aufgebrachte Zeit).

[05.10.19 / 17:11] Drea Doria: Meine liebe Morgana,
bin 5 T post all-in-one-FzF-OP. Deine guten Wünsche haben geholfen. Der Koch ist immernoch noch super. Alle hier sind herzlich und nehmen sich Zeit.
Herzlich
Drea

Morgana LaGoth: Dann wünsch ich dir jetzt noch viel mehr Glück bei deiner Genesung!

[14.06.19 / 12:57] Drea Doria: Meine liebe Morgana,

vielen Dank für Deine offenen und kritischen Erlebnisberichte. Ich bin in 3 Monaten in Sanssouci zur FzF-OP. Ich denke auch, was kann schon schief gehen, status quo geht nicht und irgendwas besseres wird wohl resultieren. Wenn es Dich interessiert, halte ich Dich informiert. Drücke mir die Daumen.
Herzlich
Drea

Morgana LaGoth: Ich wünsche dir für deine Operation viel Glück. (Sollte der Koch nicht gewechselt haben, das Essen da in der Klinik ist richtig gut!)

[14.11.17 / 20:13] Morgana LaGoth: Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion: Die Seitenbetreiberin behält sich das Recht vor, jeden Kommentar, dessen Inhalt rassistisch, sexistisch, homophob, transphob, ausländerfeindlich oder sonstwie gegen eine Minderheit beleidigend und diskriminierend ist, zu zensieren, zu kürzen, zu löschen oder gar nicht erst freizuschalten. Werbung und Spam (sofern die Seitenbetreiberin dafür nicht empfänglich ist) wird nicht toleriert. Personenbezogene Daten (Anschrift, Telefonnummer) werden vor der Veröffentlichung unkenntlich gemacht.

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