morgana81 - gothic transgender

Ich habe da meine LibreOffice-Liste, in der ich schon seit Jahren alle meine Kleider notiere, die ich Pfingsten zu Leipzig anhatte, oder noch nie anhatte, oder schon immer mal tragen wollte, oder schon länger nicht mehr mit eingepackt habe.

[31.05.26 / 02:11] Ich habe da meine LibreOffice-Liste, in der ich schon seit Jahren alle meine Kleider notiere, die ich Pfingsten zu Leipzig anhatte, oder noch nie anhatte, oder schon immer mal tragen wollte, oder schon länger nicht mehr mit eingepackt habe. Mein gesamter Bestand im Kleiderschrank ist darin notiert, alle meine schwarzen und weniger schwarzen Kleider, Tops, Hosen, Röcke, Schuhe und Accessoires. Fein sortiert nach Wetterlage und farblich kodiert nach Rubrik und wo im Schrank ich die finde. Auch dieses Jahr plane ich mein Outfit für das Gotik-Treffen zu Pfingsten in Leipzig weit im Voraus.

Was ziehe ich an? Das Wetter weiß ich erst drei Tage vorher, ich habe eine Vorahnung, es könnte warm und sonnig werden. Regenjacke, Wasserfestes, ein kühler Pullover, brauche ich nicht – das spart Platz, ich nehme die kleine, olivgrüne Sporttasche für den Kofferraum im Auto … gleich neben dem obligatorischen Picknickkörbchen für das Viktorianische Picknick den Freitag. Wieder fünf Outfits für fünf Tage: „Everyday Goth“, „Victorian Goth“, „Trad Goth“, „Gucci Goth“ und „Tiki Goth“. Das Übliche, die schwarze Jeans, ein Top, das Authentische, mein viktorianisches Kleid, das schon ganz grau ist, das Traditionelle, mein Ledermini und diesmal die Netztunika, das Edle, das One-Shoulder-Kleid, das andere Spitzenkleid hatte ich ja schon das Wochenende zuvor und das Unübliche, nach 2019, ich will endlich wieder mein schwarz-grün-buntes „Tiki-Kleid“ anziehen, das mit den Kokosnüssen und den Palmenblättern, der Psychobilly-Montag gibt das her, das wird das Outfit!

Alles den Mittwochabend und den Donnerstagvormittag bereitlegen, das war eine gute Idee, den Donnerstag vor dem Festival gleich mit freizunehmen. Schuhe? Wie jedes Jahr, meine große Tragekiste auf dem Beifahrersitz im Auto mit allen meinen Kurz-Stiefeletten, vier Paar, und oben drauf noch die schwarzen Plateau-Sandaletten mit der groben Military-Sohle, die wollte ich schon immer mal zum Gotik-Treffen tragen.

Noch kurz ein Arzttermin und eine Blutabnahme mit Einstichstelle und Pflaster am Arm, damit ich später heroine-chic ausgehen kann, und ich setze mich den frühen Donnerstagnachmittag in mein Auto, die Autobahn Richtung Leipzig, dasselbe Hotel wie eh und je, irgendwo im Norden von Leipzig, neben der mehrspurigen Bundesstraße nahe der Autobahn, mitten im kahlen Industriegebiet im Nirgendwo, zwischen einer Tankstelle und vielen, abgestellten LKWs … genau da.

Mein Freund, schreibe ich ihm eine Nachricht? Wie viele Männer auf meiner Kontaktliste könnte ich das Pfingstwochenende noch daten? Ich schreibe ihm zuerst eine Nachricht, dass ich das Wochenende in Leipzig sein werde und bin schon so hin und weg, dass ich die anderen alle Männer vergesse und keinem von denen weiter schreibe.

Gegen halb fünf den Nachmittag komme ich in dem Hotel an. Mein Auto schiebe ich in die engste Lücke auf dem belegten Parkplatz in dem schäbigen Hinterhof neben den Autowerkstätten. Das Hotel scheint voll zu sein. Den Preis, den ich hier gebucht habe, nahe der Schmerzgrenze, noch teurer und ich kann und will mir das so nicht mehr leisten, da könnte ich auch gleich von zu Hause aus hundertfünfzig Kilometer mit dem Zug pendeln. Einige schwarze Goths begegnen mir schon, als ich unten an der Rezeption einchecke.

Oben in dem Zimmer, im Gang war ich noch froh, wieder vierte Etage, das Penthouse. Ich stehe vor der Tür, Straßenseite, ich mache sie auf – das ist ja nur ein Einzelbett! Wie soll denn mein Freund darin schlafen? Das Bett ist schmaler, oder wirkt vielleicht so, als mein japanisches Ein-Meter-Zwanzig-Bett damals in meiner alten Dachbodenwohnung nicht unweit von hier, im Norden von Leipzig. Es gibt auch nur ein Kopfkissen und ein Handtuch. Zutiefst traurig schreibe ich ihm eine Nachricht, dass das dieses Wochenende wohl nichts werden wird … ich will mein Bett für mich allein.

Alles unten aus dem Auto holen, die Tasche, Korb und Tragekiste mit dem Fahrstuhl nach oben. Keine Zeit für ihn. Eine Dusche nehmen, mich ausgehfertig machen, ich werde nach dem Bändchenholen am Hauptbahnhof nicht wieder hierher zurück kommen und von dort aus gleich die Nacht ausgehen. Outfit für den Donnerstagabend: „Everyday Goth“, die schwarze Jeans, mein schwarzes „Gothic Pogo“ T-Shirt, die schwarze Lederjacke, der Nietengürtel und die Pikes. Als Schmuck habe ich nicht viel mitgenommen, ich trage jeden Tag und jede Nacht dasselbe: der silberne Armreif links, der marokkanische rechts, mein Ring, meine silberne Halskette mit dem Ganesha und … ein Ohrring, der aus Titan. Das Wochenende zuvor, ich habe bestimmt eine Dreiviertelstunde gebraucht, um den da wieder reinzudrücken, aber ich bin überglücklich, dass ich dieses eine Ohrloch noch habe und dass es nach sechs Jahren Unbenutzung immer noch vorhanden und nicht zugewachsen ist. Vielleicht finde ich noch einen schönen Ohrring oder Ohrhänger hier auf den vielen Märkten, den ich als Einzelstück nur auf einer Seite tragen kann … das andere Ohrloch ist ja … verloren.

Weiter mit der Straßenbahn zum Hauptbahnhof, zu den zwei Containern für die Abendkasse und die Bändchenausgabe für das große Gothic-Festival in Leipzig. Das Ticket schon vorab online gekauft – für das andere, kleine Gothic-Festival hier in Connewitz in Leipzig, habe ich dieses Jahr kein Ticket, ich werde dort jeden Abend an der Abendkasse stehen müssen. Hier bei dem großen Festival ist die Schlange für den Abend gar nicht so lang, ich komme schnell durch und habe bald mein blaues Bändchen. Es ist noch früh, alle Geschäfte in Leipzig sind noch offen. Ich könnte noch Einkaufen gehen, eine Shopping-Tour.

Nur ein paar Meter weiter, der erste Laden: „Habt ihr so einen Sonnenschirm, vielleicht mit Teleskop, so zum Ausziehen?“

„Nein“, die Verkäuferin in dem Laden mit dem Pin-up-Girl-Kleidchen schüttelt den Kopf.

„Ach, schade“, und ich weiß, ich komme morgen wieder, ich brauche unbedingt noch einen Sonnenschirm für das Viktorianische Picknick morgen. Ich will so einen Schirm, wie ich ihn jeden Tag auf dem Gemälde vor mir über den Fernseher im Wohnzimmer sehen kann, ein Gemälde aus dem Impressionismus, eine landschaftliche Idylle mit zwei Damen im Gewand Ende des neunzehnten Jahrhunderts, das mir, seitdem es da hängt, als Inspiration gilt.

Weiter hinein in die Leipziger Innenstadt, ein Unterwäscheladen, den BH, den ich hier gekauft habe, habe ich in diesem Moment auch an, ich will wieder so einen, der ist bequem und fässt sich weich an, ich brauche noch einen halterlosen BH für mein schulterfreies Kleid, das Tiki-Kleid ist ein Neckholder und unter dem schwarzen One-Shoulder passt auch kein regulärer BH. Die Verkäuferin hier zeigt mir drei Modelle, ich kann eines davon auswählen. Es muss ein Push-up sein, schwarz, vielleicht mit einem genügend langen Träger, der auch als Neckholder verwendet werden kann. Eine zweite Verkäuferin wird um Rat gefragt, sie verknüpft die beiden Trägergurte des Balconette-Bras so filigran zusammen, dass ich das auch sicher unter meinem Neckholder-Kleid tragen kann.

Wieder raus aus der Umkleidekabine: „Sollen wir die Träger wieder auseinander machen?“

„Bloß nicht, das kriege ich nie wieder so hin!“

Den nehme ich, der passt. Eine Unterhose, mehr Tanga als Slip, nehme ich auch noch passend mit, ein olivgrünes Top, bauchnabelfrei, wollte ich schon immer mal haben und in dem Moment, wie meine EC-Karte über das Terminal gezogen wird, vergesse ich alle meine Vorsätze, das könnte ein sparsames Wochenende werden.

Nächster Halt, die Bar am Marktplatz, für ein Sandwich, bevor ich den Abend mit der Straßenbahn weiter nach Connewitz fahre.

Einlass für den ersten Abend des „Gothic Pogo Festivals“ ist wie gewohnt erst um zweiundzwanzig Uhr. Es ist noch hell und ich bin eine Stunde zu früh da. Die Wiese vor dem Werk 2 am Connewitzer Kreuz, eine Getränkebude, ein Imbiss, viele Tische und Stühle, eine entspannte Atmosphäre, ich bestelle eine Cola und setze mich auch irgendwo hin. Die Zeit bis zum Einlass bekomme ich herum.

Pünktlich zweiundzwanzig Uhr, die Abendkasse wird geöffnet. Für mich nur die rechte Einlasslinie, ich habe kein Ticket und ich bekomme kein zweites Festivalbändchen. Letztes Jahr, ich habe hier fast kein einziges Konzert geschafft, die Konzerte auf dem großen „Wave-Gotik-Treffen“ sind zu wichtig, oder zu sündhaft teuer bezahlt. Dieses Jahr will ich hier nur die Partys mitmachen, die Konzerte schaffe ich gar nicht erst.

Den Donnerstagabend ist nur die kleine Halle offen. Der Stand mit dem veganen Gyros ist draußen schon auf. Das große Vordach, die vielen Bänke und Stühle, die eintreffenden Gäste, Punks, Goths, Trad Goths, Batcave, ich bin zu Hause.

Tanze ich die Nacht zu den ersten Songs? Ich bewege mich nur durch die Halle und die Gänge und sammle fleißig Flyer ein. Der eine rosa Flyer mit der queeren Party hier im Werk 2 blitzt groß mit der Aufschrift „QUEER“ aus meiner hinteren Gesäßtasche hervor, mein persönlicher „Hanky Code“ … vielleicht möchte ich angesprochen werden, vielleicht lebe ich nur wieder mein altes Leben, wie schon zwanzig oder fünfundzwanzig Jahre zuvor. Das erste Mal zu einem Vorläufer von dieser Party war ich 2003 – und seitdem bin ich jedes Jahr dabei und bewege mich in meiner Blase durch die interessanten Menschen.

Der erste Abend, die erste Nacht, ich will es nicht übertreiben, gegen drei Uhr bin ich wieder draußen vor den Straßenbahnhaltestellen und nehme das erste Taxi wieder zurück in mein Hotel.

Schlafen werde ich dieses Jahr mit Ohropax und meiner neuen Schlafmaske. Dass das Zimmer zur Straßenseite geht, stört hier oben in der vierten Etage gar nicht. Die üblichen, dunklen Vorhänge gibt es auch hier. Ende Teil 1 von 6.

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Kommentar:

[05.12.22 / 17:34] Daniele1992: Hallo Morgana

Mail ist heute rausgegangen

LG Daniele

[13.11.22 / 09:33] Daniele1992: Hallo Morgana

aktuell keine schöne Situation. Ich schreibe Dir noch eine Mail dazu.

LG Daniele

Morgana LaGoth: Einige Kommentare müssen auch nicht allzu öffentlich sein …

[13.05.22 / 09:15] Daniele1992: Hallo Morgana,

Tolle Reisebericht von Deiner neusten Reise nach Paris. Macht grosse Lust auch wieder dort hinzufahren um sich von der Stadt inspirieren zu lassen.

Tolle Neuigkeiten.NeuerJob. Klasse! Freue mich für Dich.

Liebe Grüße

Daniele

Morgana LaGoth: Danke. Endlich wieder verreisen … lange darauf gewartet. Lebendig bleiben, solange es noch geht.

[24.12.21 / 20:55] Daniele1992: Hallo Morgana,

Ich denke an Dich und wünsche Dir frohe Weihnachten und ein schönes neues Jahr 2022.

Liebe Grüße

Daniele

Morgana LaGoth: Vielen Dank, ich wünsche dir ebenfalls ein schönes, neues Jahr.

[25.09.21 / 14:59] Daniele1992: Hallo,

eine Chance etwas Neues zu machen. Neue Perspektiven. Urlaubsträume, die bald real werden können. Nicht so schlecht. Freue mich für Dich. LG Daniele.

Morgana LaGoth: Danke dir.

[11.11.20 / 09:12] Daniele1992: Hallo Morgana

Ich habe Dir eine Mail geschickt.

Lg

Daniele

Morgana LaGoth: Hey ... vom Lenkrad aus mit der Hand winken, von einem MX-5 zum anderen. *freu*

[30.07.20 / 22:03] Daniele1992: Guten Abend

das habe ich sehr gerne gemacht. Zum Einen interessiert mich das Thema und zum Anderen hast Du wirklich sehr lebendig und spannend geschrieben. Da wollte ich Alles lesen und wollte Dir schreiben, das mir Dein Blog besonders gut gefallen hat (Die eigentliche Arbeit hattest Du ja mit dem Verfassen des Blogs). Wenn Du magst können wir den Kontakt gerne per Mail halten. Viele Grüße Daniele

Morgana LaGoth: Mail-Adresse steht oben bei "kontakt" - bei weiteren Fragen, gerne.

[30.07.20 / 12:44] Daniele1992: Guten Morgen,

vielen Dank für Deinen tollen Blog. Ich habe ihn in den letzten Wochen komplett gelesen. Meistens konnte ich gar nicht aufhören zu lesen. Fast wie bei einem sehr spannenden Roman. Ich habe dabei Deine genauen Beobachtungen und Beschreibungen sehr genossen. Deine vielen Ausflüge in die Clubs und zu den Festivals oder Deine Streifzüge d durch die Geschäfte beschreibst Du immer aus Deiner Sicht sehr anschaulich und spannend. Ich kann das sehr gut nachvollziehen, das alleine zu erleben, häufig auch mit einer gewissen Distanz. Ich kenne ich von mir sehr gut. Highlights sind Deine Reiseberichte. Deine Erlebnisse an den unterschiedlichsten Orten auf der Welt. Vielen Dank dafür. Vielen Dank auch das Du Deinen Weg zu Deinem waren Geschlecht mit uns Lesern teilst. Deinen Weg Deine Gefühle Deine zeitweisen Zweifel. Das ist sehr wertvoll auch für uns Andere, denn es ist authentisch und sehr selten. Du bist einem dadurch sehr vertraut geworden. Für mich ist eine gefühlte grosse Nähe dadurch entstanden. Umso mehr schmerzt es mich von Deinen Rückschlägen zu lesen. Von Deinem Kampf zu Deinem wahren Ich. Von Deinem Kampf umd Liebe, Zährlichkeit und Akzepzanz und Anerkenung. Von Deiem mitunter verzweifeltem Kampf nach Liebe und Anerkennung durch Deinen Exfreund. Leider vergeblich. Dein Kampf um wirtschaftliche Unabhängigkeit und Deine aktuell missliche Lage. Ich glaube dass Du nicht gescheitert bist. Du hast viel Mumm und Hardnäckigkeit bewiesen Deinen Gang zu Dir selbst zu gehen. Du hast auch einen guten Beruf der immer noch sehr gefragt ist. Vielleicht kann ja nach dieser Auszeit und etwas Abstand ein Neuanfang in einer anderen Firma, wo Du keine Vergangenheit als Mann hattest gelingen. Ich wünsche das Dir ein Neuanfang gelingt und drücke Dir ganz fest die Daumen. Daniele

Morgana LaGoth: Da liest sich tatsächlich jemand alles durch? Das ist mittlerweile schon ein kompletter Roman mit mehreren hundert Seiten! Danke dir, für deinen Kommentar (und die aufgebrachte Zeit).

[05.10.19 / 17:11] Drea Doria: Meine liebe Morgana,

bin 5 T post all-in-one-FzF-OP. Deine guten Wünsche haben geholfen. Der Koch ist immernoch noch super. Alle hier sind herzlich und nehmen sich Zeit.

Herzlich

Drea

Morgana LaGoth: Dann wünsch ich dir jetzt noch viel mehr Glück bei deiner Genesung!

[14.06.19 / 12:57] Drea Doria: Meine liebe Morgana,

vielen Dank für Deine offenen und kritischen Erlebnisberichte. Ich bin in 3 Monaten in Sanssouci zur FzF-OP. Ich denke auch, was kann schon schief gehen, status quo geht nicht und irgendwas besseres wird wohl resultieren. Wenn es Dich interessiert, halte ich Dich informiert. Drücke mir die Daumen.

Herzlich

Drea

Morgana LaGoth: Ich wünsche dir für deine Operation viel Glück. (Sollte der Koch nicht gewechselt haben, das Essen da in der Klinik ist richtig gut!)

[14.11.17 / 20:13] Morgana LaGoth: Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion: Die Seitenbetreiberin behält sich das Recht vor, jeden Kommentar, dessen Inhalt rassistisch, sexistisch, homophob, transphob, ausländerfeindlich oder sonstwie gegen eine Minderheit beleidigend und diskriminierend ist, zu zensieren, zu kürzen, zu löschen oder gar nicht erst freizuschalten. Werbung und Spam (sofern die Seitenbetreiberin dafür nicht empfänglich ist) wird nicht toleriert. Personenbezogene Daten (Anschrift, Telefonnummer) werden vor der Veröffentlichung unkenntlich gemacht.

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